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von 2139 Forward End
Wie sich Zukunft entfaltet
von Markus Frenzl | 30. Oktober 2009
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Vor ein, zwei Jahrzehnten schien das Ende der papiernen Zeit bereits beschlossene Sache: Papierloses Büro, E-Mail statt Briefpost, das Aus des gedruckten Buches, Skizzen und Modellbau nur noch in virtuellen Computerwelten - alles lief darauf hinaus, dass Papier im 21. Jahrhundert keine große Rolle mehr spielen würde. Doch im Zuge der Wiederentdeckung des Echten, Ehrlichen und Authentischen als Reaktion auf das Digitale hat auch das Papier in jüngster Zeit eine Neubewertung erfahren: Papier- und Pappmodelle, die im Produktdesign lange als rasch entsorgte Vorstudien galten, werden zunehmend als eigenständige Ausdrucksformen verstanden. Dass Designer wie Konstantin Grcic noch immer erste Ansätze und Vorstudien in Pappe fertigen, gilt nun als Ausdruck einer besonders glaubwürdigen und ungekünstelten Arbeit am Entwurf. Die Nähe der ersten Papiermodelle zur ursprünglichen gestalterischen Idee und die sichtbar an ihnen vollbrachte Arbeit verleiht ihnen eine expressive Kraft, die sie nun sogar zu Museumsexponaten werden lässt.

Doch nicht nur das Papiermodell hat neue Wertschätzung erfahren, das Material selbst ist wieder von einem Billigmaterial für Einwegprodukte zu einem viel beachteten, häufig veredelten Werkstoff fürs Endprodukt geworden: Etwa mit der Taschenserie „Papier" aus Tyvek von Saskia und Stefan Diez, die zeigt, dass das einstige Wegwerfmaterial nun auch für langlebige Produkte taugt. „Von der Fläche zum Volumen" ist auch im Zeitalter der virtuellen Welten eines der faszinierendsten Designthemen, das nicht nur für gelungene Lösungen in Sachen Materialökonomie und Transportvolumen steht, sondern auch zum Ausdruck gestalterischer Intelligenz wird. Im Kontrast zur groben Industrieästhetik wird die fragile, handwerkliche und vergänglich anmutende Ästhetik des Papiers in zahlreichen Entwürfen, wie etwa der Porzellanserie „Lightscape" von Ruth Gurvich für Nymphenburg, aufgegriffen. Mit dem „paper lab", einem Projekt, das Nicola Stattmann gemeinsam mit Stylepark 2007 für die Frankfurter „The Design Annual" realisierte, wurde die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten und Potenziale von Papier erstmals anschaulich und greifbar gemacht. Und spätestens seit den Pavillons aus Papier und Pappe von Shigeru Ban für die Expo 2000 in Hannover oder seinen Artek-Pavillon zur Mailänder Möbelmesse 2007 wissen wir, dass auch wetterfeste Architektur mit Papier möglich ist.

Unter einem „Papierbuch" hätte man im Design lange sicher eine Papiermustersammlung für Grafikdesigner oder allein Themen aus der Welt des Zweidimensionalen verstanden. Mit dem kürzlich erschienen Titel „unfolded" widmet sich nun zum ersten Mal ein Buch ganz dem Thema Papier als plastischem Werkstoff in den dreidimensionalen Bereichen von Design, Kunst und Architektur. Die Autorinnen Petra Schmidt und Nicola Stattmann haben ein wunderbares Buch erstellt, in dessen Hauptteil sie eine Fülle aktueller Projekte zeigen - von Künstlern wie Thomas Demand, Olafur Eliasson oder Tobias Rehberger, von Modemachern wie Hussein Chalayan, Martin Margiela oder Kostas Murkudis und von Architekten und Designern wie Naoto Fukasawa, Frank Gehry, Konstantin Grcic oder Inga Sempé. Im zweiten Teil des Buches stellen sie neue Technologien, Verfahren, Konstruktionen und Materialentwicklungen vor, die dem Papier beispielsweise Hightechfunktionen verleihen und so dafür sorgen werden, dass auch „künftig leichte, innovative und gestalterisch anspruchsvolle Produkte und Gebäude aus Papier entstehen". Es ist, so die Autorinnen, „die Mischung aus Experiment und Alltagstauglichkeit, die am Papier fasziniert." Und so lassen sich in „unfolded" nicht nur faszinierende Projekte aus Pappe und Papier und innovative Materialentwicklungen entdecken - das Buch selbst lässt sich als Ausdruck der neuen Materialbegeisterung betrachten, bei der selbst Traditionelles in die Zukunft transportiert wird und neue Qualitäten entfaltet. Mit seiner gelungenen Projektauswahl macht es deutlich - und mit seinem origamiartigen Umschlag sogar haptisch erfahrbar -, wie zeitgemäß Pappe und Papier gerade im Zeitalter des Virtuellen und Digitalen wieder sind. Und macht so klar, dass dem Papier auch im 21. Jahrhundert noch immer eine große Zukunft bevorsteht.

Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
von Petra Schmidt und Nicola Stattmann
Text deutsch, 254 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3034600316
Birkhäuser Verlag, 2009
49,90 EUR

News & Stories › 2009 › Oktober
Wie sich Zukunft entfaltet
von Markus Frenzl | 30. Oktober 2009
Manchmal ist die Zukunft tatsächlich von Pappe. Doch nicht nur das Papiermodell hat im Entwurfsprozess eine neue Wertschätzung erfahren, das Material Papier selbst ist zu einem viel beachteten Werkstoff geworden. Und so widmet sich nun zum ersten Mal ein Buch ganz dem Thema Papier als plastischer Werkstoff.
Vor ein, zwei Jahrzehnten schien das Ende der papiernen Zeit bereits beschlossene Sache: Papierloses Büro, E-Mail statt Briefpost, das Aus des gedruckten Buches, Skizzen und Modellbau nur noch in virtuellen Computerwelten - alles lief darauf hinaus, dass Papier im 21. Jahrhundert keine große Rolle mehr spielen würde. Doch im Zuge der Wiederentdeckung des Echten, Ehrlichen und Authentischen als Reaktion auf das Digitale hat auch das Papier in jüngster Zeit eine Neubewertung erfahren: Papier- und Pappmodelle, die im Produktdesign lange als rasch entsorgte Vorstudien galten, werden zunehmend als eigenständige Ausdrucksformen verstanden. Dass Designer wie Konstantin Grcic noch immer erste Ansätze und Vorstudien in Pappe fertigen, gilt nun als Ausdruck einer besonders glaubwürdigen und ungekünstelten Arbeit am Entwurf. Die Nähe der ersten Papiermodelle zur ursprünglichen gestalterischen Idee und die sichtbar an ihnen vollbrachte Arbeit verleiht ihnen eine expressive Kraft, die sie nun sogar zu Museumsexponaten werden lässt.

Doch nicht nur das Papiermodell hat neue Wertschätzung erfahren, das Material selbst ist wieder von einem Billigmaterial für Einwegprodukte zu einem viel beachteten, häufig veredelten Werkstoff fürs Endprodukt geworden: Etwa mit der Taschenserie „Papier" aus Tyvek von Saskia und Stefan Diez, die zeigt, dass das einstige Wegwerfmaterial nun auch für langlebige Produkte taugt. „Von der Fläche zum Volumen" ist auch im Zeitalter der virtuellen Welten eines der faszinierendsten Designthemen, das nicht nur für gelungene Lösungen in Sachen Materialökonomie und Transportvolumen steht, sondern auch zum Ausdruck gestalterischer Intelligenz wird. Im Kontrast zur groben Industrieästhetik wird die fragile, handwerkliche und vergänglich anmutende Ästhetik des Papiers in zahlreichen Entwürfen, wie etwa der Porzellanserie „Lightscape" von Ruth Gurvich für Nymphenburg, aufgegriffen. Mit dem „paper lab", einem Projekt, das Nicola Stattmann gemeinsam mit Stylepark 2007 für die Frankfurter „The Design Annual" realisierte, wurde die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten und Potenziale von Papier erstmals anschaulich und greifbar gemacht. Und spätestens seit den Pavillons aus Papier und Pappe von Shigeru Ban für die Expo 2000 in Hannover oder seinen Artek-Pavillon zur Mailänder Möbelmesse 2007 wissen wir, dass auch wetterfeste Architektur mit Papier möglich ist.

Unter einem „Papierbuch" hätte man im Design lange sicher eine Papiermustersammlung für Grafikdesigner oder allein Themen aus der Welt des Zweidimensionalen verstanden. Mit dem kürzlich erschienen Titel „unfolded" widmet sich nun zum ersten Mal ein Buch ganz dem Thema Papier als plastischem Werkstoff in den dreidimensionalen Bereichen von Design, Kunst und Architektur. Die Autorinnen Petra Schmidt und Nicola Stattmann haben ein wunderbares Buch erstellt, in dessen Hauptteil sie eine Fülle aktueller Projekte zeigen - von Künstlern wie Thomas Demand, Olafur Eliasson oder Tobias Rehberger, von Modemachern wie Hussein Chalayan, Martin Margiela oder Kostas Murkudis und von Architekten und Designern wie Naoto Fukasawa, Frank Gehry, Konstantin Grcic oder Inga Sempé. Im zweiten Teil des Buches stellen sie neue Technologien, Verfahren, Konstruktionen und Materialentwicklungen vor, die dem Papier beispielsweise Hightechfunktionen verleihen und so dafür sorgen werden, dass auch „künftig leichte, innovative und gestalterisch anspruchsvolle Produkte und Gebäude aus Papier entstehen". Es ist, so die Autorinnen, „die Mischung aus Experiment und Alltagstauglichkeit, die am Papier fasziniert." Und so lassen sich in „unfolded" nicht nur faszinierende Projekte aus Pappe und Papier und innovative Materialentwicklungen entdecken - das Buch selbst lässt sich als Ausdruck der neuen Materialbegeisterung betrachten, bei der selbst Traditionelles in die Zukunft transportiert wird und neue Qualitäten entfaltet. Mit seiner gelungenen Projektauswahl macht es deutlich - und mit seinem origamiartigen Umschlag sogar haptisch erfahrbar -, wie zeitgemäß Pappe und Papier gerade im Zeitalter des Virtuellen und Digitalen wieder sind. Und macht so klar, dass dem Papier auch im 21. Jahrhundert noch immer eine große Zukunft bevorsteht.

Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
von Petra Schmidt und Nicola Stattmann
Text deutsch, 254 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3034600316
Birkhäuser Verlag, 2009
49,90 EUR