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Zu viel Design? Oder doch nur das falsche?
von Thomas Edelmann | 11. Dezember 2010
Total Design – Die Inflation moderner Gestaltung von Mateo Kries, Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Auch das noch. Nach Klimawandel und Killerviren, neben der Wirtschafts- und Finanzkrise, dem Ende der Privatheit und den Folgen des demographischen Wandels, müssen wir uns einer neuen, bislang unterschätzten Gefahr zuwenden: Längst leben wir in einer „Designgesellschaft", die alle Lebensbereiche durchdringt und in einer „Inflation moderner Gestaltung" mündet. Die Gefahr heißt „Total Design" und damit ist nicht etwa das gleichnamige niederländische Gestaltungsbüro gemeint, das Wim Crouwel und Friso Kramer 1963 mit anderen Typografen und Produktgestaltern gründeten, um lukrative multidisziplinäre Jobs von Großunternehmen an Land zu ziehen. Mateo Kries, bekannt als kluger und ruhiger Kopf, als Kurator großer und wichtiger Ausstellungen, die sich eher interessanten Randthemen der Designgeschichte und -gegenwart widmen als dem Mainstream - wie etwa den „Wohnkulturen der arabischen Welt" oder Le Corbusier und dessen Studie zur Deutschen Kunstgewerbebewegung, über Leben und Werk von Joe Colombo oder jüngst von Rudolf Steiner - förderte im Zusammenspiel mit anderen Autoren und Ausstellungsmachern immer wieder neue Erkenntnisse zu Tage, spürte Zusammenhänge auf und sorgte für die Vertiefung bereits bekannten Wissens. Nun schreibt er, der in Berlin von 2000 bis 2006 das Vitra Design Museum leitete, heute Chefkurator und ab 2011 Leiter des Vitra Design Museums in Weil am Rhein ist, eine kritische Bestandsaufnahme über die veränderte, vermeintlich zu wichtige Rolle des Designs.

Es ist eines dieser mahnenden Bücher, bei dem man zunächst nicht recht weiß, wem es eigentlich ein schlechtes Gewissen bereiten will. Reflektiert Kries hier seine eigene Rolle als Teil der großen Sinngebungsmaschine rund um gestalterische Fragen der Gegenwart? In den ersten beiden Abschnitten des Buches „Aufstieg" und „Generation Design" vermischen sich eine kurzgefasste Designgeschichte seit 1900 mit Lebensumständen von Mateo Kries und seiner Familie. Auch statistische Daten zu Ökonomie und Bevölkerungsentwicklung flicht er ein, verwendet den Terminus „Design" aber auch für Zeitabschnitte, in denen er längst noch nicht gebräuchlich war.

Der rasante Aufstieg des Designs in allen Lebensbereichen, so die plausible These, sei von Verflachung und inhaltlicher Entleerung begleitet. Das Kapitel „Generation Design" lässt an Florian Illies 2000 erschienenes Buch „Generation Golf" denken. Illies erzählt von Marken und Einrichtungsgegenständen eines Lebens, in dem das Selbstdesign der zwischen 1965 und 1975 Geborenen sich anhand von Marken, Produkten und Werbesprüchen herausbildet: „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und warum weiß mein Golf die Antwort?", zitiert Illies die VW-Werbung der neunziger Jahre. Und bekennt sich mit Selbstironie zu fröhlichem Konsumismus: „Der Kauf bestimmter Kleidungsstücke ist, wie früher die Lektüre eines bestimmten Schriftstellers, eine Form der Weltanschauung geworden. In dem, was ich kaufe, drückt sich aus, was ich denke: Beziehungsweise: In dem, was ich kaufe, drückt sich aus, was die Leute denken sollen, was ich kaufe. ... Es ist wahnsinnig, aber wir glauben das wirklich: dass wir mit den richtigen Marken unsere Klasse demonstrieren." Bei Mateo Kries liest sich das so: „Design entdecken wir nun gerade deshalb als neue Lebensmaxime, weil es unseren Eltern nicht alternativ genug war. Gerade deshalb können wir uns mit unserem neuen Materialismus wunderbar von ihnen absetzen."

Im ersten Satz des Vorwortes entdeckt er das „Wir" für sich, doch schlüpft er immer wieder auch in die Rolle des nüchternen Chronisten: „Niemand hätte vor zwanzig Jahren gedacht, welche Rolle Design heute in unserem Leben spielen würde." Wirklich nicht? Just in den neunziger Jahren, forcierte ein Teil der Designerschaft das Zweckbündnis mit dem Marketing, von dem sich mancher Gestalter einen Zuwachs an Einfluss und Bedeutung versprach. Der Beruf, der bis dahin eher als künstlerisch-versponnen denn als forschend-systematisch galt, sollte sich wandeln. „Design ist Wirtschaftsfaktor" predigten damals viele betriebswirtschaftlich orientierte Designförderer. Das hieß: Lasst uns endlich richtig Geld verdienen! Es entstanden große, weltweit operierende Designbüros. Ein neues Modell, denn es ging nicht darum, wie noch beim Studio „Total Design", unterschiedliche Kompetenzen anzubieten, sondern sich als Unternehmensberater zu positionieren. Ein Geschäftsmodell, das sich rasch in Luft auflöste. Heute befindet sich Design vielerorts in einer Umklammerung durch das Marketing, das längst allein die Ziele vorgibt. Ja, Design ist ein Wirtschaftsfaktor. Dennoch sind es Ingenieure, Finanzfachleute und Juristen, die Unternehmen leiten. Einen Designer oder gar eine Designerin im Unternehmensvorstand sucht man dagegen heute vergebens. Auch dies ist ein Indikator für den tatsächlichen Stellenwert von Design in unserer Gesellschaft.

Die Perspektive von Mateo Kries umfasst dagegen auch Gentechniker, Macher von Trash-TV und Botox-User. Sie alle bringen „ein Design" in die Welt, von dem vor zwanzig Jahren in der Tat kaum zu träumen war. So engagiert Kries argumentiert, so lästig sind manche Fehler, die das Lektorat übersah: Dass Max Bill „1955 mit mehreren Mitstreitern, darunter Hans Gugelot und Dieter Rams, die Hochschule für Gestaltung gründeten" (S. 35) ist barer Unsinn. Die Hochschule in Ulm wurde 1953 gegründet, bezog 1955 ihren von Bill geplanten Neubau. Inge Aicher-Scholl und ihr Mann Otl Aicher waren die Begründer, Bill war Gründungsrektor und wichtiger Ideengeber. Zu jenem Zeitpunkt kam Dieter Rams, damals 21, gerade als Innenarchitekt zu Braun und arbeitete erst kurz darauf eng mit dem in Ulm lehrenden Hans Gugelot zusammen. Rams war weder Student, noch Lehrer oder Mitgründer der HfG. Raymond Loewys Lebenserinnerungen erschienen bereits 1951 und nicht 1954 (S. 32). Ihr deutscher Titel „Hässlichkeit verkauft sich schlecht" war zwar genial, stammte aber nicht von Loewy, der sein Buch „Never leave well enough alone" nannte. Rätselhaft auch, warum der weltraumbegeisterte Fotograf und Werbemann Charles Paul Wilp in Michael umbenannt wird (S. 37) und Apple-Chefdesigner Jonathan Ive plötzlich Yve heißt (S. 48, S. 66).

Der Frage ob und wodurch Design das Leben tatsächlich bereichern kann, ist das Schlusskapitel „Gegenentwurf" gewidmet. Vorsichtig zeigt Kries Alternativen auf, er berichtet in Tagebuchform aus unterschiedlichen Orten, bezieht dabei unterschiedliche Standpunkte. Wie der Finanzsektor, sei auch „das System Design auf Pump ... und mit falschen Prioritäten gewachsen".

Allzu einfache unrealistische Lösungen, wie sie manchen Designern vorschweben, weist der Kunsthistoriker und Soziologe zurück. Dadurch, dass man die Berufsbezeichnung wie die des Arztes oder Rechtsanwalts unter Schutz stellte, wäre wenig gewonnen. Ebenso - auch das eine Strategie mancher Designer - gleich ganz auf den kurzen, eindrücklichen und doch so vielsagenden Begriff zu verzichten. Das alte Credo „less is more" aufs Design selber anzuwenden wird kaum gelingen. Auch platte Sortierarbeit à la „gutes" und „böses Design" verweigert er. Und so propagiert Mateo Kries schließlich den intensiven und qualitätvollen Austausch über Gestaltung, benennt journalistische Foren; Stylpark hebt er ausdrücklich als Medium der Reflexion hervor. Die galoppierende Entwertung, die „Inflation moderner Gestaltung", sie ist wohl am Ende nur zu bekämpfen durch anderes, derzeit in Vergessenheit geratenes Design, das nicht neuer oder spektakulärer, sondern in umfassendem Sinne nützlich ist.

Mateo Kries:
Total Design - Die Inflation moderner Gestaltung
176 Seiten
Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2010
19,95 Euro

www.nicolai-verlag.de

News & Stories › 2010 › Dezember
Zu viel Design? Oder doch nur das falsche?
von Thomas Edelmann | 11. Dezember 2010
Mit dem Buch „Total Design" liefert Mateo Kries, Chefkurator und ab 2011 Leiter des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, eine kritische Bestandsaufnahme zur veränderten, vermeintlich zu wichtigen Rolle des Designs in der Gegenwart.
Auch das noch. Nach Klimawandel und Killerviren, neben der Wirtschafts- und Finanzkrise, dem Ende der Privatheit und den Folgen des demographischen Wandels, müssen wir uns einer neuen, bislang unterschätzten Gefahr zuwenden: Längst leben wir in einer „Designgesellschaft", die alle Lebensbereiche durchdringt und in einer „Inflation moderner Gestaltung" mündet. Die Gefahr heißt „Total Design" und damit ist nicht etwa das gleichnamige niederländische Gestaltungsbüro gemeint, das Wim Crouwel und Friso Kramer 1963 mit anderen Typografen und Produktgestaltern gründeten, um lukrative multidisziplinäre Jobs von Großunternehmen an Land zu ziehen. Mateo Kries, bekannt als kluger und ruhiger Kopf, als Kurator großer und wichtiger Ausstellungen, die sich eher interessanten Randthemen der Designgeschichte und -gegenwart widmen als dem Mainstream - wie etwa den „Wohnkulturen der arabischen Welt" oder Le Corbusier und dessen Studie zur Deutschen Kunstgewerbebewegung, über Leben und Werk von Joe Colombo oder jüngst von Rudolf Steiner - förderte im Zusammenspiel mit anderen Autoren und Ausstellungsmachern immer wieder neue Erkenntnisse zu Tage, spürte Zusammenhänge auf und sorgte für die Vertiefung bereits bekannten Wissens. Nun schreibt er, der in Berlin von 2000 bis 2006 das Vitra Design Museum leitete, heute Chefkurator und ab 2011 Leiter des Vitra Design Museums in Weil am Rhein ist, eine kritische Bestandsaufnahme über die veränderte, vermeintlich zu wichtige Rolle des Designs.

Es ist eines dieser mahnenden Bücher, bei dem man zunächst nicht recht weiß, wem es eigentlich ein schlechtes Gewissen bereiten will. Reflektiert Kries hier seine eigene Rolle als Teil der großen Sinngebungsmaschine rund um gestalterische Fragen der Gegenwart? In den ersten beiden Abschnitten des Buches „Aufstieg" und „Generation Design" vermischen sich eine kurzgefasste Designgeschichte seit 1900 mit Lebensumständen von Mateo Kries und seiner Familie. Auch statistische Daten zu Ökonomie und Bevölkerungsentwicklung flicht er ein, verwendet den Terminus „Design" aber auch für Zeitabschnitte, in denen er längst noch nicht gebräuchlich war.

Der rasante Aufstieg des Designs in allen Lebensbereichen, so die plausible These, sei von Verflachung und inhaltlicher Entleerung begleitet. Das Kapitel „Generation Design" lässt an Florian Illies 2000 erschienenes Buch „Generation Golf" denken. Illies erzählt von Marken und Einrichtungsgegenständen eines Lebens, in dem das Selbstdesign der zwischen 1965 und 1975 Geborenen sich anhand von Marken, Produkten und Werbesprüchen herausbildet: „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und warum weiß mein Golf die Antwort?", zitiert Illies die VW-Werbung der neunziger Jahre. Und bekennt sich mit Selbstironie zu fröhlichem Konsumismus: „Der Kauf bestimmter Kleidungsstücke ist, wie früher die Lektüre eines bestimmten Schriftstellers, eine Form der Weltanschauung geworden. In dem, was ich kaufe, drückt sich aus, was ich denke: Beziehungsweise: In dem, was ich kaufe, drückt sich aus, was die Leute denken sollen, was ich kaufe. ... Es ist wahnsinnig, aber wir glauben das wirklich: dass wir mit den richtigen Marken unsere Klasse demonstrieren." Bei Mateo Kries liest sich das so: „Design entdecken wir nun gerade deshalb als neue Lebensmaxime, weil es unseren Eltern nicht alternativ genug war. Gerade deshalb können wir uns mit unserem neuen Materialismus wunderbar von ihnen absetzen."

Im ersten Satz des Vorwortes entdeckt er das „Wir" für sich, doch schlüpft er immer wieder auch in die Rolle des nüchternen Chronisten: „Niemand hätte vor zwanzig Jahren gedacht, welche Rolle Design heute in unserem Leben spielen würde." Wirklich nicht? Just in den neunziger Jahren, forcierte ein Teil der Designerschaft das Zweckbündnis mit dem Marketing, von dem sich mancher Gestalter einen Zuwachs an Einfluss und Bedeutung versprach. Der Beruf, der bis dahin eher als künstlerisch-versponnen denn als forschend-systematisch galt, sollte sich wandeln. „Design ist Wirtschaftsfaktor" predigten damals viele betriebswirtschaftlich orientierte Designförderer. Das hieß: Lasst uns endlich richtig Geld verdienen! Es entstanden große, weltweit operierende Designbüros. Ein neues Modell, denn es ging nicht darum, wie noch beim Studio „Total Design", unterschiedliche Kompetenzen anzubieten, sondern sich als Unternehmensberater zu positionieren. Ein Geschäftsmodell, das sich rasch in Luft auflöste. Heute befindet sich Design vielerorts in einer Umklammerung durch das Marketing, das längst allein die Ziele vorgibt. Ja, Design ist ein Wirtschaftsfaktor. Dennoch sind es Ingenieure, Finanzfachleute und Juristen, die Unternehmen leiten. Einen Designer oder gar eine Designerin im Unternehmensvorstand sucht man dagegen heute vergebens. Auch dies ist ein Indikator für den tatsächlichen Stellenwert von Design in unserer Gesellschaft.

Die Perspektive von Mateo Kries umfasst dagegen auch Gentechniker, Macher von Trash-TV und Botox-User. Sie alle bringen „ein Design" in die Welt, von dem vor zwanzig Jahren in der Tat kaum zu träumen war. So engagiert Kries argumentiert, so lästig sind manche Fehler, die das Lektorat übersah: Dass Max Bill „1955 mit mehreren Mitstreitern, darunter Hans Gugelot und Dieter Rams, die Hochschule für Gestaltung gründeten" (S. 35) ist barer Unsinn. Die Hochschule in Ulm wurde 1953 gegründet, bezog 1955 ihren von Bill geplanten Neubau. Inge Aicher-Scholl und ihr Mann Otl Aicher waren die Begründer, Bill war Gründungsrektor und wichtiger Ideengeber. Zu jenem Zeitpunkt kam Dieter Rams, damals 21, gerade als Innenarchitekt zu Braun und arbeitete erst kurz darauf eng mit dem in Ulm lehrenden Hans Gugelot zusammen. Rams war weder Student, noch Lehrer oder Mitgründer der HfG. Raymond Loewys Lebenserinnerungen erschienen bereits 1951 und nicht 1954 (S. 32). Ihr deutscher Titel „Hässlichkeit verkauft sich schlecht" war zwar genial, stammte aber nicht von Loewy, der sein Buch „Never leave well enough alone" nannte. Rätselhaft auch, warum der weltraumbegeisterte Fotograf und Werbemann Charles Paul Wilp in Michael umbenannt wird (S. 37) und Apple-Chefdesigner Jonathan Ive plötzlich Yve heißt (S. 48, S. 66).

Der Frage ob und wodurch Design das Leben tatsächlich bereichern kann, ist das Schlusskapitel „Gegenentwurf" gewidmet. Vorsichtig zeigt Kries Alternativen auf, er berichtet in Tagebuchform aus unterschiedlichen Orten, bezieht dabei unterschiedliche Standpunkte. Wie der Finanzsektor, sei auch „das System Design auf Pump ... und mit falschen Prioritäten gewachsen".

Allzu einfache unrealistische Lösungen, wie sie manchen Designern vorschweben, weist der Kunsthistoriker und Soziologe zurück. Dadurch, dass man die Berufsbezeichnung wie die des Arztes oder Rechtsanwalts unter Schutz stellte, wäre wenig gewonnen. Ebenso - auch das eine Strategie mancher Designer - gleich ganz auf den kurzen, eindrücklichen und doch so vielsagenden Begriff zu verzichten. Das alte Credo „less is more" aufs Design selber anzuwenden wird kaum gelingen. Auch platte Sortierarbeit à la „gutes" und „böses Design" verweigert er. Und so propagiert Mateo Kries schließlich den intensiven und qualitätvollen Austausch über Gestaltung, benennt journalistische Foren; Stylpark hebt er ausdrücklich als Medium der Reflexion hervor. Die galoppierende Entwertung, die „Inflation moderner Gestaltung", sie ist wohl am Ende nur zu bekämpfen durch anderes, derzeit in Vergessenheit geratenes Design, das nicht neuer oder spektakulärer, sondern in umfassendem Sinne nützlich ist.

Mateo Kries:
Total Design - Die Inflation moderner Gestaltung
176 Seiten
Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2010
19,95 Euro

www.nicolai-verlag.de