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Bloß das weiße Kaninchen fehlt – Paul Cocksedge, porträtiert von seinem Bruder Mark. Foto © Mark Cocksedge
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Fragen an
Paul Cocksedge
Daniel von Bernstorff
01.09.2013

Paul Cocksedge zu treffen ist spannend. Der in London ansässige Designer ist einer der erfindungsstärksten jungen Designer in Großbritannien, dabei beschäftigt er sich nicht nur mit experimentellem Design, sondern ist auch erfolgreicher Unternehmer. Mit seinem experimentellen Ansatz erinnert er ein bisschen an Gyro Gearloose. Sein erstes Projekt mit dem er berühmt wurde ist eine Lampe aus eingeschmolzenen Plastiktassen. Mittlerweile hat er Projekte für Firmen wie Established & Sons und Flos umgesetzt und viele Installationen, die meisten zum Thema Licht. Daniel von Bernstorff, Stylepark, traf Cocksedge in London, um über seine jüngsten Projekte, seine anstehende Einzelausstellung in New York und seine Faszination für die Idee des Crowd-Funding für Designer zu reden.

Daniel von Bernstorff: Was steht im Moment auf deiner Agenda?

Paul Cocksedge: Eine “lebendige” Treppe, ein interessantes Projekt in einem Innenhof eines großen Bürogebäudes, in den sehr viel Sonnenlicht einfällt. Es sollte eine Installation werden, aber eine funktionale, da die Leute vom Erdgeschoss in die oberen Stockwerke gelangen müssen. Was die Konstruktion betrifft ist es eine einfache Idee, allerdings etwas schwierig umzusetzen. Wir haben uns für eine Wendeltreppe entschieden, die Raum bietet, um zu sitzen, zu spielen und sich zu entspannen. Im obersten Geschoss stellen wir die Sonne in den Mittelpunkt und pflanzen frische Minze an, die die Leute in ihren Tee tun können. Die Spirale eröffnet viele Möglichkeiten, es ist wie eine Reise, man kann auf den Plattformen anhalten und etwas tun.

Daher der Spitzname “lebendige Treppe”?

Cocksedge: Gewöhnlich assoziiert man mit einer Treppe Stahl und Glas. Hier besteht das Geländer aus Pflanzen, das heißt die ganze Treppenkonstruktion ist unter den Pflanzen versteckt. Die Idee ist außerdem, dass jeder Person im Gebäude eine Pflanze zugeordnet ist, die sie dann jeweils versorgt. Es ist ein sehr aufwendiges Projekt. Es ist Architektur, die auf Dauer angelegt ist. Das ist es eigentlich was mich interessiert, denn die Projekte die ich zuvor gemacht habe, waren eher temporär. Design ist eine tolle Sache, aber ich bin auch ein bisschen älter geworden und kann nun größere Sachen in Angriff nehmen.

Gibt es noch andere Projekte im Moment?

Cocksedge: Ja, ein elektronisches Produkt, das wir auf Kickstarter vorgestellt haben. Kennst du Bluetooth-Lautsprecher? Auf meinem Weg zur Arbeit habe ich immer wieder alte Lautsprecher auf der Straße gesehen, die die Leute mit einem Zettel versehen hatten “Zum Mitnehmen”. Die taten mir irgendwie leid, da sie mit den neuen Technologien nicht kompatibel sind, man kann sie nicht anschließen, um Musik abzuspielen. Sie sind nicht tragbar. Also habe ich ein kleines Objekt entworfen: Den Vamp. Wenn du also irgend einen Lautsprecher findest bzw. noch einen auf dem Dachboden hast, setzt du den Vamp obendrauf, verkabelst ihn mit dem Endgerät, verbindest ihn mit deinem iPhone und heraus kommt ein wunderbarer Sound.

Wie genau hast du das gemacht?

Cocksedge: Im Inneren des Vamp befindet sich ein Verstärker, eine Batterie und ein Bluetooth Signal, das heißt die Klangqualität ist großartig. Ein wirklich sympathisches Projekt. Mittels einer kleinen magnetischen Scheibe kann man es einfach aufsetzen, wie einen Parasit. Und die Batterie ist sehr gut, hält mehr als 20 Stunden. Eine solche Verbindung von Technologien ist einfach wunderbar!

Und was kostet es?

Cocksedge: Der Vamp kostet 45 Pfund, ist also erschwinglich. Für ein ähnliches Produkt müsste man ansonsten 150 bis 200 Pfund ausgeben. Als wir es auf Kickstarter vorgestellt haben, brauchten wir 35.000 Pfund, in viereinhalb Wochen hatten wir 101.000 Pfund zusammen. Verrückt. Wir haben das Projekt zahlreichen Herstellern präsentiert, die es auch gut fanden aber am Ende dann immer sagten; “Wir haben unsere eigenen tragbaren Bluetooth-Lautsprecher. Warum sollten wir eure dann recyceln?” Das ist aber für mich gerade der Punkt, anstatt immer nach dem Neuen zu suchen, kann man doch auch das nehmen, was man bereits hat, und es anpassen.

Aber habt ihr denn einen Hersteller gefunden?

Cocksedge: Wir werden die ganze Sache selbst machen. Das ist neu, daher bin ich im Moment auch sehr optimistisch. Weil ich mich nicht auf andere verlassen muss. Als Designer können wir es auch selbst machen. Das ist ein großer Trend, oder? Eigentlich braucht man keinen Hersteller, wenn man sich direkt an die Endverbraucher wendet. Das ist toll. So befreiend, außerdem steuert der Designer alles, man muss sich keine Gedanken machen, wie das Ganze dann präsentiert wird, wenn das Grafikdesign schlecht ist. Wenn du etwas herstellen willst, machst du es einfach selbst.

Wer produziert es für euch?

Cocksedge: Eine Firma in China. Wir haben jemand für die Herstellung gefunden. Aufgrund der Zusammenarbeit mit Kickstarter haben wir jetzt viele Optionen. Die Macht des Internets ist einfach erstaunlich. Wegen des Projekts verkaufen wir so viel über unseren Online-Shop. Der Shop ist eine gute Sache, denn auf diese Weise gibt es einen sehr schnellen Umschlag meiner Produkte. Durch den Erfolg dieses Projekts bin ich auch sehr gespannt, was die Massenproduktion betrifft. Es ist das erste serienmäßig hergestellte Produkt in meiner zehnjährigen Karriere.

Du machst Produktdesign für Firmen wie Flos. Also Flos und Vamp, das ist ein ziemlich breites Spektrum, sehr spannend, oder?

Cocksedge: Ja absolut. Ich habe nun meine erste Einzelausstellung bei Friedman Benda, einer Galerie in New York. Ich stelle im September Tische vor, eine Deckenleuchte und auch einige architektonische Modelle. Es ist eine wichtige Zeit für mich, da ich an diesen Objekten lange gearbeitet habe. Insbesondere am Tisch.

Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?

Cocksedge: Er ist schwer. Es geht um Gewicht und die Logik des Einsatzes von Gewicht. Das ist für Designer nicht unbedingt logisch, denn warum sollte man etwas entwerfen, das schwer ist? Am Anfang habe ich zu Marc von Friedman Benda gesagt: “Lass mich eine 20mm dicke Stahlplatte so lange einrollen, bis sie kein Tisch mehr ist, bis sie sich einfaltet. Die wog übrigens eine halbe Tonne. Ich wollte die Vorstellung von einem Tisch ausreizen. Es war wie eine mathematische und physikalische Übung, die Animationen haben mich ziemlich nervös gemacht, was würde passieren wenn das Ganze umfällt?

Aber könnte das wirklich passieren?

Cocksedge: Er kam aus der Maschine raus und es gab diesen komischen Moment. Also habe ich meine Nicht oben drauf gesetzt und das war okay (lacht). Ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das eigentlich Unmögliche war möglich geworden. Es ist ein wunderbares Stück. Nicht die Herstellung war hier schwierig, sondern das darüber Nachdenken. Auch nicht die Gestaltung, nicht die Oberflächenbehandlung, vielmehr die Entwicklung der Idee, die Winkel, die Berechnung, denn wenn man einen Millimeter weg nimmt funktioniert es nicht. Er hat das perfekte Gleichgewicht für einen Tisch.

Sind alle Objekte in der Ausstellung solche Arbeiten?

Cocksedge: Nein, gar nicht. Es gibt zum Beispiel eine Lampe, eine Halbkugel. Da ging es im Prinzip darum alles wegzulassen was für eine Lampe ungewöhnlich ist. Die Entfernung der Mechanik einer Lampe, am Ende bleibt im Grunde nur das Licht übrig. Man sieht nichts außer Licht. Sie wird in einem fast völlig dunklen Raum präsentiert, nur diese Leuchte wie sie da hängt. Zunächst nimmt man gar nicht wahr, was es ist und dann kommt man um die Ecke und sieht die Lampe und erkennt, dass es umgeformtes Metall ist.

Sind das Einzelstücke oder möchtest du sie verkaufen?

Cocksedge: Nein, das sind Unikate für Marc Benda, meinen Galeristen. Das letzte Objekt in der Ausstellung ist eine Deckenleuchte, ein 6 Meter hoher Raum. Stell dir uns beide hier vor wie wir miteinander sprechen, okay? Ich stimme Farbtemperaturen auf Sonnenlicht ab. Es ist ein Raum in dem sich nichts und alles verändert. Das heißt der Raum ist völlig leer, mit weißen Wänden, einem weißen Boden, wenn man jedoch nach oben schaut, sieht man eine vollkommen weiß erleuchtete Decke und wenn wir vielleicht 10 Sekunden später nochmals hinschauen, sehen wir plötzlich Hunderte verschiedener Farben, Hunderte von Farbkacheln, völlig flache Farben, die aus LEDs gefertigt sind. Farbe und Licht stehen hier im Mittelpunkt.

Die Ausstellung findet in New York statt, wird sie später auch an anderen Orten gezeigt?

Cocksedge: Ja, die Objekte werden an verschiedenen Orten präsentiert. Wir haben als Team drei Jahre lang an diesen Objekten gearbeitet, eine lange Reise für solche Projekte. Und auch nicht gerade sinnfällig, Tische, die eine halbe Tonne wiegen. Das ist eigentlich absurd, aber wenn du das Ergebnis siehst, macht es Sinn. Sie sehen leicht aus. Und dann werden wir auch Schmuck entwerfen.

Aber die ersten Objekte, die du entworfen hast hatten immer mit Licht zu tun.

Cocksedge: Wenn ich über die ersten Objekte nachdenke, dann war das Licht eine Komponente, aber noch nicht einmal der Grund für das Objekt. Wenn ich auf Messen für Lichtdesign gehe, merke ich, dass ich eigentlich keine Leuchten entwerfe. Ich interessiere mich vielmehr für das Licht an sich, nicht die Leuchte. Bei dem Entwurf für Flos, dem Schirm, ging es um Dekonstruktion, ich wollte die herkömmlichen Aspekte, Bestandteile der Leuchte wegnehmen und sehr dünnen Draht verwenden, den Stab und alles andere weglassen und nur behalten, was dem Licht förderlich ist. Bei einem Lampenschirm möchte man doch eigentlich nur den Schirm sehen und nicht das dominante Stromkabel, das dich beschränkt.

Möchtest du weitere Projekte für Flos machen?

Cocksedge: Ja, auf jeden Fall. Für Flos zu arbeiten, ist traumhaft. Sie bieten konsequente Produkte an, und ich mag, wie sie die Sachen präsentieren und noch viel wichtiger, wie sie mit Kreativität umgehen. Es geht nicht um Kompromisse, vielmehr soll die Idee so authentisch wie möglich umgesetzt werden.

Danke schön und viel Erfolg.

Paul Cocksedge: Capture
12.September bis 12. Oktober 2013
Gallery Friedman Benda, 515 West 26th Street, New York
www.friedmanbenda.com

www.paulcocksedgestudio.com
www.flos.com
www.kickstarter.com

Einen Tisch an seine Grenzen bringen – „Poised“ entstand für Paul Cocksedges erste Soloschau bei Friedman Benda in New York. Foto © Mark Cocksedge
„Lass’ mich ein 20 mm starke Stahlplatte nehmen und sie rollen.”
Foto © Mark Cocksedge
„Poised”. Foto © Mark Cocksedge
„The Vamp” lässt alte Boxen wieder klingen.
Foto © Mark Cocksedge
Ein Mini-Verstärker, der via Bluetooth funktioniert. Foto © Mark Cocksedge
Mit „Capture” gibt Cocksedge künstlich erzeugtem Licht eine untypische Fassung. Foto © Mark Cocksedge
„Nur Licht.” Foto © Mark Cocksedge

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