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Alle meine Sofas sind Inseln
10.04.2011
Foto: Michela Morosini, www.michelamorosini.com

Piero Lissoni wirft einen kritischen Blick auf die üppige Kissenlandschaft, die sich hinter ihm in den „Neuen Werkstätten“ in München ausbreitet. Zuerst möchte er lieber nicht Platz nehmen. Das sei recht unbequem, kommentiert er sein eigenes „Extrasoft“-Sofa mit einem ironischen Lächeln, knöpft sein blaues Tweed Jacket auf und nimmt dann halb liegend auf den weichen Lederpolstern Platz. Zurückhaltung und Understatement sind für den italienischen Architekten und Designer nicht nur eine Frage der Gestaltung, sondern auch des Charakters. Auf Bequemlichkeit kommt es dabei eigentlich nicht an, schließlich geht es letztlich um viel mehr als um Sofas. Piero Lissoni ist auf der Suche nach Schönheit, und er versteht „bellezza“ als eine Form des Humanismus, die in der Designwelt leicht aus den Augen verloren wird. Sandra Hofmeister traf Piero Lissoni im München zum Gespräch.

Sandra Hofmeister: Je wichtiger die Küche als offener Wohnbereich wird, desto unbedeutender wird das Sofa. Können Sie diesen Standpunkt teilen?

Piero Lissoni: Um ehrlich zu sein, kann ich nicht für Andere sprechen und diskutiere auch nie mit meinen Kollegen über ihre Entwürfe oder ihren Lebensstil. Ich arbeite einfach nur an simplen Ideen. Deshalb ist ein Sofa in meinen Augen ein Sofa, und das muss auch so sein. Gleichzeitig ist es eine Art Insel, egal ob klein oder groß. Wenn man „in“ einem Sofa sitzt – nicht „auf“, sondern „in“ – dann erlebt man es als eine Insel zum Lesen, Musikhören, Reden oder Essen. Meiner Meinung nach ist die Qualität von Sofas mit dieser Idee einer Insel verbunden.

Sie haben so viele Sofas entworfen, dass Sie ein erfahrener Spezialist sein müssen ...

Lissoni: Ich habe auch viele unterschiedliche Küchen, Tische oder Stühle entworfen …

Aber noch mehr Sofas, glaube ich. Beim Zählen ihrer Living Divani-Sofas habe ich mich gleich mehrfach verrechnet und es schließlich aufgegeben ...

Lissoni: Das stimmt. Man muss auch bedenken, dass Sofas viel teurer sind als andere Möbelstücke. Wahrscheinlich sind es die besten Produkte überhaupt, wenn es um Lizenzgebühren, also um sogenannte „Royalties“ geht. Deshalb habe ich so viele Sofas entworfen ... (lacht)

Was ist in ihren Augen die Herausforderung dabei?

Lissoni: Mir gefällt es, etwas Natürliches und Normales zu entwerfen. Ich mag spezielle Maße, ich mag es, wenn ich meine Vorstellung von Proportion umsetzen kann, und ich mag die bereits erwähnte Idee von Inseln. Alle meine Sofas sind Inseln.

Was steckt hinter dieser Qualität? Die Polsterung, das Leder oder die Proportionen?

Lissoni: Echte Qualität ist von außen nicht erkennbar, sie liegt im Inneren. Es ist eine spezielle Hardware, zu der dann noch die Software hinzukommt, beispielsweise die Materialen. Doch im Kern des Sofas befindet sich die Polsterung, die mit hochkomplexen Technologien hergestellt wird. Das Sofa, auf dem ich gerade sitze, ist zum Beispiel sehr weich und geschmeidig. Um das zu erreichen, muss man eine Menge forschen und viele verschiedene Materialien testen. Dabei darf man natürlich auch die Kosten nicht aus dem Blick verlieren. Ich versuche außerdem, jedem meiner Sofa-Entwürfe etwas Spezielles einzuverleiben, aber nur in geringen Dosen. Schließlich bin ich kein Künstler und mache keine Skulpturen. Das ist eine völlig andere Blickrichtung.

Glauben Sie, dass ein Sofa einen Charakter hat? Oder offenbart es den Charakter seines Besitzers?

Lissoni: Durch ihre Details können Sofas natürlich Charakter zeigen. Manchmal mag ein Sofa auf den ersten Blick oberflächlich erscheinen. Doch dann entpuppt sich oft ein Charakter, der auf Unterstatement setzt. Es ist diese Idee von Understatement, zu der ich mich in meinem Design bekenne.

Weil es Ihnen nicht entspricht, mit lauten Gesten und glamourösem Pomp aufzutreten ...

Lissoni: Überhaupt nicht, und ich glaube das ist durchaus ein Problem in der Design-Welt. Schließlich ist Gestaltung keine Religion! Es geht mir, anders als manchen Kollegen, nicht darum, etwas für die Zukunft zu entwerfen oder Ikonen zu schaffen. Meine Zukunft beginnt morgen, und ich habe keine Ahnung, was danach passieren wird. Designer, die viel Getöse um ihren Job machen und mit großen Zukunftsgesten auftreten, liegen völlig falsch.

Für viele Leute ist ein Sofa eine Anschaffung fürs Leben, wie ein Haus. Beeinflusst Sie das beim Entwerfen?

Lissoni: Ich versuche immer, zeitlose Möbel zu entwerfen, alleine schon aus Gründen ihrer Dauerhaftigkeit. Die wirkliche Grenzlinie, an der sich Nachhaltigkeit messen lassen muss, ist Dauerhaftigkeit. Zumindest lassen Möbel, die dauerhaft und von guter Qualität sind, die Entscheidung bei ihren Besitzern, ob sie diese behalten oder jedes Jahr ersetzen.

Wie steht es um die Kategorie der Schönheit. Ist sie wichtig für Möbel?

Lissoni: Niemand kauft etwas Hässliches, deshalb ist Schönheit natürlich eine Bezugsgröße. Ich persönlich würde übrigens, wenn ich wählen könnte, niemals etwas so Hässliches wie ein Auto kaufen. Ich habe keine Ahnung, wer diese Autos designt – aber in meinen Augen sind sie ein Alptraum. Sie sehen überall auf der Welt gleich aus und haben dasselbe grauenhafte Design.

Sie meinen also, dass Design hier zum Styling verkommt?

Lissoni: Design ist eine Frage der Kultur. Ich bin zwar im 20. Jahrhundert geboren, aber eigentlich bin ich ein Humanist und Renaissance-Mensch, der auf der Suche nach Schönheit ist. Leider gibt es in Gestaltungsfragen diese unselige Verbindung von Schönheit und Funktion. Das habt Ihr Deutsche uns eingebrockt. Niemand hatte die Relation von Form und Funktion vor dem Bauhaus bedacht, und ich glaube sie wird heute immer noch überschätzt. Jedenfalls würde ich mich immer für die Schönheit ohne jede Funktion entscheiden, statt für eine ausgetüftelte Funktionalität mit grauenhafter Ästhetik. Diese deutschen Mephisto-Schuhe zum Beispiel sind sicherlich gut für die Knochen und den Rücken. Aber man sieht darin aus wie ein Flüchtling. Da zahle ich lieber den Preis des Unbequemen und trage dafür elegantes Schuhwerk.

Wir Deutsche mögen solche Dinge, unser Schönheitsbegriff ist oft an den Gebrauchswert gekoppelt. Vielleicht liegt das daran, dass wir keinen Botticelli oder Michelangelo hatten ...

Lissoni: Wenn wir über Schönheit sprechen, müssen wir unserem eigenen Verhalten auf die Schliche kommen. Wir öffnen uns anderen Menschen, und wir wählen andere Menschen nach einem ersten „Screening“, und die Schönheit gibt den Ausschlag dafür. Das ist auch bei Dingen so. Schönheit kann sich auf die Art der Bewegung oder auf den Klang einer Stimme beziehen, manchmal wurzelt sie in Intelligenz, in einer bestimmten Kultur oder in anderen Aspekten. Aber noch bevor man diese Gründe erkennt, ist es einfach Schönheit. Ich glaube wir müssen uns wirklich Gedanken darüber machen, was wir der Schönheit angetan haben, wie viele Fehler wir gemacht haben.

Schönheit ist auch eine räumliche Kategorie, sie gibt Räumen Proportionen und einen Rhythmus. Ist das wichtig für Sie während des Entwurfsprozesses?

Lissoni: Bevor ich irgendetwas entwerfe, egal ob ein Sofa oder etwas anderes, denke ich über Rituale nach. Der Rest ist Formalismus.

Sie meinen die Rituale des Alltags, unserer Bedürfnisse und unserer Gewohnheiten?

Lissoni: Es gibt viele Dinge, die wir eigentlich seit hundert Jahren nicht mehr brauchen. Sofas gehören nicht dazu, sie haben sich verändert. Wenn wir auf ihnen sitzen, dann schauen wir fern, arbeiten mit dem Computer, telefonieren oder schlafen. Vor hundert Jahren hingegen war das Sofa ein formeller Ort, an dem man sich ohne Selbstvertrauen gegenübersaß.

Dann haben die Rituale des Alltags also auch die Typologie verändert.

Lissoni: Ganz sicher. Die Proportionen haben sich der Nutzung angepasst. Wenn man dort schlafen möchte und auf informelle, ganz persönliche Weise auf einem Sofa sitzt, dann bringt das völlig andere Proportionen mit sich.

Es gibt sehr viele verschieden Sofatypen – modulare oder nicht modulare, mit hoher oder niedriger Rückenlehne, mit oder ohne Armlehnen, mit weichem Leder oder schrillen Stoffbezügen. Haben sie ein persönliches Lieblingssofa?

Lissoni: Mein Lieblingssofa ist das „LC3“ von Le Corbusier. Es ist wahrscheinlich das unbequemste Sofa auf der Welt. Aber es ist schön. Jeden Tag wenn ich nach Hause komme, betrachte ich es und bin glücklich. Natürlich wird mir beim Sitzen das ganze Ausmaß an Unbequemlichkeit bewusst. Trotzdem ist das „LC3“-Sofa für mich perfekt. Ich bin ständig unterwegs und an vielen Orten zu Hause, aber für jede Wohnung habe ich ein „LC3“ gekauft. Es ist für mich eine Art Ikone, ähnlich wie meine Sammlung schwedischer Originale. Sie sollten mal die Stühle von Poul Kjaerholm oder Arne Jacobsen testen – ich meine die Originale. Glauben sie mir, diese Designer haben die Funktionalität weit aus dem Blick verloren. Doch die Schönheit, die sie schufen, ist fantastisch.

Für wen entwerfen Sie? Gehen Sie von sich selbst aus?

Lissoni: Ich entwerfe für Leute, die sich wohlfühlen mit meinen Stücken. Ich habe sie gewählt, und sie haben mich gewählt. So einfach ist das. Es geht mir nicht darum, die Lebensqualität zu verändern. Dieses Ziel finde ich für einen Designer recht arrogant. Manche meiner Kollegen glauben, dass gutes Design per se schon eine Lebensqualität darstellt, doch das stimmt nicht. Es gibt Menschen, die vielleicht wie Silvio Berlusconi viele schöne Möbel besitzen. Doch das macht ihn auch nicht besser. Die Kultur hingegen kann die Lebensqualität ändern. Das Bewusstsein für etwas, der Respekt oder neue Medikamente können das auch. Das sind doch die entscheidenden Aspekte! Irgend so ein blödes Sofa, eine Küche, ein Bett oder ein Stuhl ändert am Ende gar nichts und hat im Grunde genommen keinerlei Bedeutung.

Foto: Michela Morosini, www.michelamorosini.com

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