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Benedikt Stonawski und Hauke Unterburg (v.l.n.r.)

Nicht im Schaufenster bleiben

Benedikt Stonawski und Hauke Unterburg gründeten 2020 ante up – ein Studio für kreislauffähiges Produkt- und Möbeldesign. Neben der Gestaltung arbeiten sie seitdem auch als Berater für Unternehmen zum Thema Öko-Design-Prinzipien, nachhaltige Materialien und Produktionsweisen. Wir haben sie anlässlich der Vienna Design Week zum Interview getroffen.
07.10.2022

Anna Moldenhauer: Was genau habt ihr auf der Vienna Design Week gezeigt?

Hauke Unterburg: Die Vienna Design Week hat das neue Format "Ums Eck" ins Leben gerufen. Ziel ist es Straßenecken – in Wien nennt man sie Grätzl – in der Stadt mit alternativen Interventionen aufzuwerten. Unser Projekt ist ein Pilot der Vienna Design Week und der Wirtschaftskammer Wien für einen neuen Zugang. Konkret geht es um eine Fläche zwischen Wattgasse und Ottakringer Straße im 16. Bezirk in Ottakring, die vor allem durch Beton und Stahl geprägt ist. Daher haben wir das Projekt auch "Otta x Watt" genannt. Ein paar Geschäfte der Gewerbetreibenden stehen dort leer. Zudem ist der lokale Supermarkt weggezogen, so dass die Kundschaft fehlt.

Und ihr belebt diesen Bereich?

Hauke Unterburg: Genau. Normalerweise wird das entsprechende Stadtmobiliar aus einem bestehenden Katalog gewählt. Da es aber keinen Platz auf den engen Gehsteigen gibt, haben wir uns stattdessen überlegt, wie man es auch mit einer minimalen Intervention schafft, diesen Bereich schnell aufzuwerten. Das Ergebnis ist ein Mobiliar, dass an Straßen- und Verkehrsschilder montiert wird. Für die Befestigung haben wir auf das gleiche System mit Schellen zurückgegriffen, dass auch seitens der Stadt verwendet wird, um Schilder oder Mülleimer zu fixieren. An dem Stehtisch können sich die AnwohnerInnen nun treffen und die Sitz- und Anlehnoption hilft älteren Menschen, die an der Ampel warten müssen. Die Kollektion umfasst vier Objekte: Eine Sitzgelegenheit, eine Option zum Anlehnen, einen Stehtisch und Blumentöpfe für die Begrünung. Seitens der Stadt ist die Straßenecke bis auf zwei Bäume bisher nicht begrünt worden und unser Pflanzsystem bietet eine einfache Möglichkeit hierzu.

Aus welchem Material besteht das Mobiliar?

Hauke Unterburg: Aus Holz. Wir wollten der von Beton und Stahl dominierten Fläche etwas Organisches hinzufügen. Dafür haben wir Thermoholz ausgewählt, sprich regionale Esche, die erhitzt wird und somit robust und dunkel in der Farbe wird. Außerdem haben wir es mit einem natürlichen Öl behandelt. Im Ergebnis hat es ähnliche Eigenschaften von Tropenholz, ohne dass wir hierfür lange Transportwege in Kauf nehmen müssten.

Thermoholz ist dimensionsstabil, sehr fäulnis- und wetterbeständig sowie äußerst langlebig.

Hauke Unterburg: Wir benötigen zudem kein umweltschädliches Finish, wie eine Lackierung. Das entspricht unserem Verständnis, alle Projekte so kreislauffähig wie möglich zu gestalten. Um das Ganze organischer wirken zu lassen und der Härte der restlichen Materialien vor Ort entgegenzuwirken, haben wir die Holzbretter abgerundet.

Seht ihr eine Chance mit der Stadt Wien ins Gespräch zu kommen, damit eure Kollektion großflächiger in den Stadtraum integriert wird?

Hauke Unterburg: Ja, denn durch die Kooperation mit der Wirtschaftskammer Wien sind wir schon im Gespräch mit der Stadt, da diese im Grunde das Projekt in Auftrag gegeben hat. Wir haben jetzt das Mobiliar hergestellt und die Magistratssämter müssen den Standort nur noch genehmigen.

"Otta x Watt"

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Benedikt und dir entstanden?

Hauke Unterburg: Wir haben uns hier in Wien bei einem Praktikum im Studio Thomas Feichtner kennengelernt und da schon gemerkt, dass wir gut zusammenarbeiten können. In Mailand haben wir uns dann wiedergetroffen, als Benedikt bei Rossana Orlandi ausgestellt hat und ich im Rahmen des Wettbewerbs ein&zwanzig. Vor zweieinhalb Jahren haben wir dann ante-up gegründet.

Und das direkt vor der Pandemie.

Hauke Unterburg: Genau, wir haben den Firmenbucheintrag gemacht und zwei Wochen später ging die Pandemie los. Wir haben diese schwierige Zeit glücklicherweise gut geschafft, da wir thematisch sehr diverse KundenInnen hatten – somit ist "nur" die Hälfte der Aufträge weggebrochen.

Ihr bietet Produktkonzeption- und entwicklung für Unternehmen an, ebenso wie die Beratung für kreislauffähiges Produktdesign. Zudem gebt ihr Design Thinking Workshops, setzt analoge Ideen in digitale Formen um und habt eine eigene Modellwerkstatt. Abgesehen von dem wirtschaftlichen Faktor in der Pandemie, welchen Vorteil hat es für euch mehrere Standbeine zu haben?

Hauke Unterburg: Unser Ziel war es von Anfang an kreislaufähige, nachhaltige Produkte zu schaffen. Wir haben in der Selbstständigkeit schnell gemerkt, dass wir als reine Dienstleister für Unternehmen wenig in die Entscheidungen bezüglich Lieferketten und Produktionswege eingebunden sind. Daher haben wir beschlossen parallel eigene Produkte zu gestalten, lokal zu produzieren und zu vertreiben, bei denen wir alle Entscheidungen im Sinne der Kreislauffähigkeit treffen können. In dem Zuge sind wir von zwei Designern zu zwei Unternehmern geworden.

Gibt es eine Aufgabenverteilung zwischen euch?

Hauke Unterburg: Die Gestaltung machen wir zusammen, da entsteht auch viel im Dialog. Das tägliche Business haben wir ein wenig aufgeteilt, Benedikt kümmert sich mehr um das Finanzielle, ich mehr um das Marketing – so hat jeder seinen eigenen Verantwortungsbereich.

Gibt es etwas das ihr gerne gewusst hättet, als ihr mit ante up gestartet seid?

Benedikt Stonawski: Mit Blick auf die wirtschaftliche Seite eines Unternehmens haben wir sehr viel dazugelernt.

Haben euch die vorgehenden Studien an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Design Academy Eindhoven auf die Selbstständigkeit vorbereitet?

Benedikt Stonawski: Nein.

Hauke Unterburg: Es hat uns sehr geholfen, viel zu dem Thema zu lesen und entsprechende Veranstaltungen zu besuchen, beziehungsweise daran teilzunehmen, wie am Sustainability Experts Cluster der Design Austria, den Club of Rome Vorträgen, der Vienna Design Week oder demCircular Economy Forum. Wichtig ist es teil von Diskussionen zu sein um ein sich so schnell Entwickelndes Thema zu verstehen.

Kollektion "Bivalve"

Ihr verbindet traditionelles Handwerk mit modernen Fertigungstechniken. Warum habt ihr euch für diesen Weg entschieden?

Benedikt Stonawski: Wir sind beide versiert im Umgang mit traditionellen Fertigungstechniken. Gleichzeitig muss man als nachhaltiges, kreislauffähiges Produktdesignstudio für alles offen sein, um zukunftsfähige Produkte und Konzepte entwickeln zu können.

Hauke Unterburg: Der Hocker "Opponent" ist zum Beispiel so aufgebaut, dass es keine Reststücke gibt, die normalerweise bei runden Formen anfallen würden. Nur mit Dübeln und Naturöl versehen, ist er perfekt für den natürlichen Kreislauf. Parallel wird unsere Kollektion "Bivalve", die aus einer Ablage, einer Schale und einem Becher besteht, im 3D-Druck aus Biokunstoff und Abfällen der Lebensmittelindustrie hergestellt. Die Farbe der Objekte entsteht so durch die Zufuhr von Kaffeeresten, Weizen oder granulierten Miesmuschelschalen. Alle Objekte sind aus zwei Formen aufgebaut, die ineinander übergehen und der Struktur ihre Festigkeit und Funktion geben, die das dünne Material sonst nicht bieten könnte.

Wenn man sich eure sehr unterschiedlichen Projekte anschaut, könnte man annehmen euer Team bestünde aus 20 MitarbeiterInnen. Wie macht ihr das?

Benedikt Stonawski: Mit sehr viel Arbeit. Wir haben eine große Leidenschaft und viele Ideen für Produkte. Unser Anspruch ist es, diese regional herzustellen und zu einem im Vergleich erschwinglichen Preis anzubieten. Wir wollen eine Marke etablieren, die in jeder Hinsicht unserer Vorstellung von kreislauffähigem Design entspricht.

Ist es euch wichtig, dass man die Produkte anhand der Formensprache mit euch als Person in Verbindung bringt?

Hauke Unterburg: Für einen Gewürzmittelhersteller haben wir eine Flaschenkollektion entworfen – ein Industriegut, mit dessen Design wir sicher viele Menschen erreichen werden, ohne dass diese wissen, das es von uns stammt. Wir haben einen großen Spaß daran neue Materialien und die beste Formensprache für ein Produkt zu finden. Deshalb verzichten wir bei den meisten Produkten darauf, eine Referenz zu uns hineinzudrücken. Wir möchten bei den Leuten im Wohnzimmer stehen, nicht im Schaufenster bleiben. Dennoch achten wir bei jedem Neuzugang darauf, dass unsere Produkte im Gesamtbild zueinander passen.

Kreislauffähiges Design, ohne Kompromisse lokal produziert, das ist eine Herausforderung. Wie habt ihr das jeweils lösen können?

Benedikt Stonawski: Durch ein Netzwerk. Als Start-up Gründer sind wir sehr aktiv in der JungunternehmerInnen-Branche in Wien, durch die sich auch neue Kooperationen ergeben. Man muss auch sagen, dass Wien ein toller Ort ist für die Arbeit mit Gestaltung, weil sich hier viel bewegt und man Unterstützung erfährt. Design bewegt den Wandel zu nachhaltiger Nutzung.

Eure Entwürfe sind sehr skulptural und bieten jeweils mehrere Perspektiven. Sie wecken die Neugier der BetrachterInnen. Habt ihr diesen Effekt bereits beim Entwurf im Sinn?

Hauke Unterburg: Das kommt jeweils auf das Produkt an und ergibt sich oft aus dem Entwurfsprozess. Für den Hocker "Opponent" wollten wir eine Rundung in der Sitzfläche erreichen, ohne Reststücke in Kauf nehmen zu müssen. Dafür haben wir bestimmt zwanzig verschiedene Versionen ausprobiert, auch Freiformen. An der finalen Form fanden wir das Licht- und Schattenspiel sehr interessant sowie die unterschiedlichen Perspektiven und Fluchten. Die Herausforderung der Produktion hat uns so zur Form geführt.

Benedikt Stonawski: Parallel zu dem Mehrwert braucht es einen "Wow-Effekt", der die Neugier weckt. Nachhaltige Produkte, die lokal produziert werden, haben ihren Preis und dafür möchten wir den KundInnen in jeder Hinsicht etwas bieten können. Wir arbeiten sehr viel mit den Werkzeugen des Design Thinking, erforschen, testen die Verfahren und lernen dabei auch viel – zum Beispiel welche Produktaspekte BenutzerInnen am meisten schätzen, die wir dann hevorheben können.

"Opponent"

Würdet ihr euch von der Industrie etwas wünschen?

Hauke Unterburg: Transparenz. Wenn wir in der Recherche nach der Produktion fragen – woher die Dinge stammen und um die Lieferketten zu verstehen – merken wir oft, dass die HerstellerInnen mit dieser Frage nicht vertraut sind.

Benedikt Stonawski: Positiv ist, dass in unserer Erfahrung Unternehmen auch beginnen umzuschwenken und zum Beispiel einen Verleih ihrer Produkte anbieten.

Wenn ihr Unternehmen im Sinne des kreislauffähigen Designs beratet, wo fangt ihr an?

Benedikt Stonawski: Viele UnternehmerInnen kennen sich bereits mit dem Thema aus, haben aber noch nicht das "big picture" vor sich. Wir analysieren, was jeweils das Problem ist und wie man von dort aus gemeinsam weiterarbeiten kann. Viele wollen direkt mit der Lösung beginnen und das ist ganz schlecht.

Warum ist es schlecht mit der Lösung zu beginnen?

Benedikt Stonawski: Weil man dann für diese Idee sehr viel investiert und oft selbst dann nicht lockerlässt, wenn wichtige Faktoren wie die Nachhaltigkeit sich auf dem Weg als nicht umsetzbar zeigen. Zudem lernen die Unternehmen so, dass wir als Designer viel mehr machen als nur die Form und Farbe zu bestimmen.

An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?

Benedikt Stonawski: Neben "Otta x Watt" haben wir unter anderem ein Aquaponic System für ein Restaurant gestaltet. Dann arbeiten wir an einem Flaschendesign und parallel an einem neuen Produkt, das im 3D-Druck gefertigt wird. Wir haben immer eine große Liste an Projekten, bei denen wir jeweils prüfen, ob sie alle Faktoren erfüllen – wie die Möglichkeit sie regional zu produzieren und sie zu einem erschwinglichen Preis anzubieten. Am Schluss stellt sich dann heraus, was die Kernprojekte sind, die wir umsetzen können.

"Pannonia"