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Arbeiten Sie doch wo Sie wollen! Bürowelten 2010 – Teil 1: Von Bürgern, Territorien und Inseln
von Thomas Wagner | 08.11.2010

Ist es Zufall, dass ausgerechnet ein Unternehmen wie Apple Anfang der achtziger Jahre ganzseitige Zeitungsanzeigen schaltete, auf denen in typografisch wohlausgewogener Schrift über der folgenreich angebissenen Paradiesfrucht zu lesen war: „Arbeiten Sie doch wo Sie wollen!"? Inzwischen wissen wir: Wer einmal vom elektronischen Apfel genascht hat, der ward zur Wanderschaft durch die medial vermittelte Welt verdammt, in der wir zwar immer und überall vernetzt sind, genau das aber beileibe nicht immer wollen. Woraus folgt: Arbeit lauert heute immer und überall, mit entsprechenden Folgen für das Büro.

Eine Messe wie die Orgatec berührt im Grunde eine der Kernfragen unserer Gegenwart: Wie arbeiten wir heute, wie werden wir in Zukunft arbeiten und was bedeutet Arbeit im postindustriellen Zeitalter permanenter Kommunikation? Es geht, wo es sich um das aus Verlegenheit noch „Büro" genannte Territorium dreht, also um mehr als um Raumökonomie, Technik, Möbel, Stoffe, Farbe und Atmosphäre. Wobei auffällt: Die Bürowelt der Gegenwart übt sich weiter darin, eine ebenso labile wie prekäre Situation ins Lot zu bringen. Schließlich geht es, seit die Käfighaltung von Mitarbeitern in kleinen Einzelzellen zugunsten eines offenen Büroterritoriums mit Freilauf aufgegeben wurde, im Wesentlichen darum, wie sich kollektives Dauerkommunizieren und konzentrierter Rückzug miteinander verbinden lassen. Man kann es auch anders sagen: Wie lässt sich ein vernünftiger Ausgleich zwischen den organisatorischen und ökonomischen Anforderungen des Unternehmens und den legitimen Bedürfnissen des Nutzers erreichen - und was kann Design dazu beitragen? Oder drastischer: Wie produktiv und zugleich wie human lässt sich ein Territorium gestalten, das nicht mehr durch individuell oder hierarchisch fixierte Grenzen strukturiert ist und auf dem jeder sich permanent selbst zu behaupten und zu erfinden hat?

Anschlüsse und Ruheinseln

Fakt ist, dass auf der Orgatec 2010 in Köln allüberall human und digital vernetzt wird und zugleich allüberall Ruheinseln und Konzentrationsnester angeboten werden. Man könnte es auch so ausdrücken: Wo keine neuen Arbeitsweisen in Sicht sind und die Trennung von Arbeit und Freizeit weiter verschwimmt, sind neue Typologien ebenso Mangelware wie ein neues Einheitsdenken. Auf einen Nenner gebracht: Das zeitgenössische Büro muss erstens groß, zweitens an sämtliche direkt- oder indirekt zwischenmenschliche oder elektronisch vermittelte Kommunikationskanäle angeschlossen sein, und drittens jedem bei Bedarf einen eigenen Kokon zum konzentrierten Arbeiten oder zum intensiven Gespräch in kleiner Runde bieten. Was bedeutet: Das bestehende „System Büro" wird verfeinert, das etablierte Paradigma weiter ausdifferenziert.

Net 'n' Nest

Die einfachste Formulierung der gegenwärtigen Melange stammt nicht von ungefähr aus der Konzeptschmiede von Vitra. Die Formel „Net 'n' Nest" bringt auf den Punkt, was mittlerweile fast alle ernstzunehmenden Hersteller in den verschiedensten Stilen, Materialien, Formen und Farben anbieten. Dabei fällt auf, dass der Schwerpunkt in den vergangenen Jahren eher auf einem „Open Office", also auf Kommunikation, Schnelligkeit und Diskurs an langen, multifunktionalen Werktischen lag, nun aber, in einer Art ergänzender Gegenbewegung, Aspekte wie Konzentration, Individualität und Privatsphäre in den Vordergrund rücken. Offenbar ist man darum bemüht, das System „Büro" als Ganzes in eine Balance zu bringen, nachdem in der Vergangenheit so mancher das Gefühl nicht loswurde, wirklich arbeiten ließe sich nur noch zuhause, weil das Büro aus nichts als Dauerkommunikation und der Bereitschaft dazu bestehe. Dass - inspiriert von George Nelsons Ansätzen der vierziger bis sechziger Jahre - besonders Vitra das Nachdenken über eine Bürowelt jenseits aller Disziplinierungen und tayloristischen Vorstellungen vorangetrieben hat, ist ebenso wenig dem Zufall geschuldet wie der Umstand, dass man gerade jetzt auf das Projekt eines „Citizen Office" zurückgreift, das Ettore Sottsass, Andrea Branzi und Michele De Lucchi auf Anregung von Vitra vor zwanzig Jahren verfolgt haben.

Bewegliches Arbeiten im Sitzen und im Stehen samt dem sattelartigen „Nelson Perch", mittels Rollläden verschließbare Schreibtische (anstelle der Ideologie des „Clean Desk"), ein optisch und akustisch gegenüber der Umgebung abgeschirmter, kabinenartiger Telefontisch - all das findet sich bereits in dem von George Nelson zusammen mit Robert Propst entwickelten „Action Office" von 1964. Was damals die gegebenen Regeln der Büroarbeit in Frage stellte, gehört, neben anderen Elementen, heute fast schon zum Standardrepertoire. Lohnender indes als nachzurechnen, was alt und was neu ist und wo stilistische und funktionale Anpassungen vollzogen wurden, ist ein Blick auf das Konzept des „Citizen Office" von 1991 und dessen Aktualisierung für 2011.

Citizen Office 1991

Als - die Details kann man in der entsprechenden Publikation von 1991 nachlesen - Branzi, De Lucchi und Sottsass, nach der Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Krise des Taylorismus, begannen, über das Arbeiten und Leben im Büro nachzudenken, rückten sie vor allem vier Aspekte ins Zentrum. Erstens: Arbeit und Leben sind keine Gegensätze, folglich muss es sich im Büro nicht nur leben lassen, das Leben muss sich im Büro auch ausdrücken. Zweitens: Das Büro wird zu einem Modell gesellschaftlicher und großstädtischer Organisation, wobei eine neue Unternehmenskultur insofern eine Antwort auf die Krise des Produzierens darstellt, als der Industriekapitalismus für die Gesellschaft nicht nur ein mögliches Produktionsmodell, sondern auch ein Beispiel des Umgangs mit sozialen Beziehungen zu entwickeln hat. Drittens: Das Büro erwirbt sich eine „zivile" - und zivilisierende - Rolle innerhalb eines nach außen offenen Unternehmens. Und viertens: Das Büro wird zu einem ambivalenten Ort; es kann erneuert, verändert, reformiert werden, bleibt aber im Kern ein unvollständiges und provisorisches Gebilde.

Citizen Office 2011

Auch heute ist man sich bei Vitra drüber im Klaren, dass das Büro keine endgültige Form annehmen kann, die Veränderungen der Arbeitsweisen nie abgeschlossen sind. Mithin erweist sich das Citizen Office 2011 als ein „Büro der Optionen", das zwischen den Polen „Effizienz" und „Entspannung" vermitteln soll. Es folgt dem Modell der Stadt und besteht deshalb aus zwei Grundformen der Arbeitsumgebung: einen zentralen „Office Forum", vergleichbar dem Marktplatz einer Stadt, und darum herum angeordneten „Workstation Areas", vergleichbar den einzelnen Vierteln einer Stadt. Beide Grundformen sind in sich flexibel, funktionieren für sich, fördern bei Bedarf Vernetzung und Interaktion, ermöglichen aber auch Rückzug, Entspannung und konzentriertes Arbeiten. Soweit das Grundprinzip.

Workstation Areas

Was als „Workstation Areas" bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Transformation der Vorstellung vom klassischen Büro unter den Bedingungen der Deterritorialisierung. Hier kann in „Clustern" allein oder in Gruppen, im Stehen oder Sitzen, an fest zugewiesenen oder „non-territorialen" Plätzen gearbeitet werden. Bei alledem war kaum abzusehen, welche Lawine die Gebrüder Bouroullec mit der 2006 vorgestellten Highback-Variante ihres „Alcove Sofas" lostreten würden. Nicht nur in einer Lounge, auch auf dem offenen Territorium des Büros bietet sie - in der neuesten Variante mit Schreibtablar samt darunterliegender Ablage versehen - jene „Nesting-Optionen" an, ohne die das ach so offene Feld nicht funktionieren kann. Hinzu kommen, beileibe nicht allein bei Vitra, sogenannte „Silent Rooms", „Debate Rooms" oder „Media Rooms".

Office Forum

Das Büro der „Arbeitsbürger" ist ein soziales Zentrum. Innerhalb dessen kommen dem „Forum" vor allem Funktion zu, die über den geregelten Arbeitsprozess hinaus weisen. Es wäre freilich falsch, würde man darin nur einen unproduktiven Luxus vermuten. Längst ist erwiesen, dass die Möglichkeit, sich in angenehmer Umgebung formell oder informell auszutauschen, sich erholen oder mit anderen Teams treffen zu können, sich nicht nur „klimatisch" auswirkt, sondern auch das Entstehen neuer Ideen fördert sowie Spannungen und Missverstehen abbauen hilft.

Ob oder inwieweit sich dabei hybride Formen wie Stehtische mit hohen Arbeitsstühlen bewähren werden, sei ebenso dahingestellt wie das nimmermüde Preisen des kurzen Büroschlafs oder das Bereitstellen kinetischer Arbeitsplätze. Das Büro mag ein Teil des Lebens sein, aber es ist eben nur ein Teil. Und wer beim Workout gemeinsam auf dem Fahrrad schwitzt, der trainiert vielleicht gern, muss deshalb aber nicht gleich der bessere Mitarbeiter sein. Wie überhaupt die neue Freiheit ebenso ihren Preis hat, wie sie ihre eigenen Formen sozialer Kontrolle und Ausgrenzung hervorbringt. „No sports" kann in einer Bürogesellschaft der Fiten und Schlanken schnell zum Stigma werden. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Eines aber wird klar: Mit „Citizen Office 2011" beschreibt Vitra nicht nur den status quo, sondern überträgt auch das Prinzip der Collage weiterhin auf das Büro. Womit sich die Schlange allerdings in den Schwanz beißt, bestünde eine wirklich vom Nutzer bestimmte Collage doch vermutlich nicht nur aus Vitra-Produkten. Das Büro „als Ausdruck der Persönlichkeit seines Nutzers" - daraus würden sich wieder andere Probleme ergeben, bis hin zu Grünlilien auf dem Fensterbrett. Also lautet die Formel: Das Büro als Collage reflektiert „die Persönlichkeit des Unternehmens ebenso wie die Individualität der Mitarbeiter". Schön wär's.

Orgatec Produktneuheiten

www.orgatec.de

Ausschnitt aus "Playtime" von Jacques Tati
Ausschnitt aus "Playtime" von Jacques Tati
Ausschnitt aus "The Apartement" von Billy Wilder
Von oben nach unten: Alcove Highback Work von Erwan und Ronan Bouroullec für Vitra Cuvert Stuhl von Jehs+Laub für Cor; alle Fotos: Stylepark
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