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Biennale 2018 Spanischer Pavillon Innenraum Stylepark
Worum geht's? Im spanischen Pavillon bleibt der Besucher weitgehend seinen Assoziationen überlassen.
Foto: Fabian Peters © Stylepark
Worum geht's? Im spanischen Pavillon bleibt der Besucher weitgehend seinen Assoziationen überlassen.

Architekturbiennale 2018
Freiraum-Ausstellung

"Freespace" lautet das diesjährige Thema der Architekturbiennale in Venedig, der größten und prestigereichsten Ausstellung für zeitgenössische Architektur weltweit. Welche Eindrücke vermittelt dieses Schaufenster der Baumeisterzunft im Jahr 2018?
von Fabian Peters | 01.06.2018

Architektur und Architekturentwürfe auszustellen stellt die Kuratoren vor einige Herausforderungen. Um sich diesen Umstand bewusst zu machen genügt ein Blick auf die verschiedenen Ausstellungen, die die Architekturbiennale begleiten. Die Accademia und der Palazzo Cini zeigen zwei sehenswerte Architekturschauen. Erstere beleuchtet das Werk des oftmals übersehenen Giacomo Quarenghi, der ab 1781 als Hofarchitekt der russischen Zaren eine Vielzahl von Großprojekten in St. Petersburg, Peterhof, Zarskoje Selo und Moskau verantwortete. Einen Steinwurf entfernt widmet sich die Fondazione Cini Bologneser Architekturfantasien des 17. und 18. Jahrhunderts. Beide Ausstellungen präsentieren eine Vielzahl kunstvoller Zeichnungen. Allein: Wer für diese etwas abseitigen Themen kein Interesse mitbringt, bei dem wird es auch hier nicht geweckt werden. Zu monoton reiht sich Rahmen an Rahmen und nur durch aufmerksames Studium erschließt sich die Faszination. Ganz anders in der Ca' Corner della Regina, wo die Fondazione Prada sich unter dem Titel "Machines à penser" mit dem Dreigestirn der deutschsprachigen Philosophie des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt: Adorno, Heidegger, Wittgenstein. Kein Thema für eine Architekturausstellung? Mitnichten! Besaßen oder bewohnten doch alle drei Großdenker zeitweilig einfache Hütten, die ihnen als Rückzugsort zum Arbeiten dienten. Heideggers berühmte Hütte in Todtnauberg und Wittgensteins Häuschen in Norwegen wurden gleich 1:1 nachgebaut und unter den Freskendecken des Palastes vis-à-vis aufgestellt. Auch demjenigen, der bislang keinen Zugang zu den nicht eben zugänglichen Gedankengebäuden der drei Philosophen gefunden hat, wird durch die anschaulich aufbereitete biografische Parallele eine direkte und aufschlussreiche Erfahrung geboten.    

Eine Frage des Auftritts

Architektur fasziniert als Raumerfahrung – im Original, als Mockup, vielleicht noch im Modell. Als Zeichnung, als Plan, als Bild verlangt sie ein Maß an Auseinandersetzung, das in der Buchform oftmals besser zu leisten ist. Und damit kommen wir nun zur Architekturbiennale 2018. Leider haben sich zahlreiche der Länderauftritte und Architektenpräsentationen in ihrem Mitteilungsehrgeiz verzettelt. Hierzu zählt auch der deutsche Beitrag "Unbuilding Walls", der aus der Zusammenarbeit von Graft Architekten und Marianne Birthler entstanden ist. Kolonnen schwarzer Aufsteller, die in Form und Dimension den Betonsegmenten der Berliner Mauer nachempfunden sind, dienen als Infotafeln, auf denen Projekte zur Nachnutzung des vormaligen Grenzstreifens zwischen den beiden deutschen Staaten vorgestellt werden. Doch trotz der aufwändigen Ausstellungsarchitektur vermittelt sich nur die  Anmutung einer Plakatpräsentation, wenig inspiriert und in Manier eines akademischen Wettbewerbs. Eine gewiss informative Lesestunde für den, der Zeit hat, ansonsten greife man doch einfach zum Katalog. In anderen Pavillons verzichtet man im Gegensatz dazu fast gänzlich auf Erklärungen und lässt den Besucher mit einem Sammelsurium an Artefakten und Versatzstücken allein. Der spanische Beitrag ist ein extremes Beispiel dieses Ansatzes. Hier kann sich der Besucher auch beim besten Willen nicht erschließen, worum es den Kuratoren geht. Einzig der Neonschriftzug "become" im Eingang liefert einen vagen Hinweis.

Besonders erfolgreich, sowohl in den Augen des Publikums als auch im Urteil der Jury (Frank Barkow, Sofía von Ellrichshausen, Kate Goodwin, Patricia Patkau, Pier Paolo Tamburelli), waren zwei Beiträge, die das diesjährige Biennale-Thema "Freespace" als erlebbare Raumerfahrung umsetzen: Der Schweizer Beitrag "Svizzera 240: House Tour" leitet seinen Namen von der Raumhöhe einer prototypischen Neubauwohnung ab, die dem Architektenteam Alessandro Bosshard, Li Tavor, Metthew van der Ploeg und Ani Vihervaara als Ausgangspunkt für ihre Rauminstallation diente. Sie schufen ein Interieur aus allgegenwärtigen Standardprodukten – Sockelleisten, Bodenbelägen, Türklinken, Armaturen, Kunststofffenstern – und verfremden diese Szenerie durch mehrfache Maßstabssprünge. Mit ihrem Projekt überzeugten die vier jungen Architekten, die allesamt als wissenschaftliche Mitarbeiter an der ETH Zürich arbeiten, sowohl das Schweizer Auswahlgremium als auch die Biennale-Jury, die dem Pavillon den Goldenen Löwen in der Nationenwertung zuerkannte. 

Längst arriviert und auf dem Weg in die Garde der internationalen Architekturstars sind dagegen Caruso St John, die gemeinsam mit dem Künstler Marcus Taylor den britischen Pavillon auf der Biennale 2018 verantworten. Ihr Projekt "Island" wurde von der Jury mit einer besonderen Erwähnung bedacht. Das Konzept ist von bestrickender Einfachheit: Die Räume des Pavillons bleiben unbespielt; stattdessen haben Caruso St John eine gewaltige Plattform auf dem Dach des Gebäudes errichtet, die über eine Außentreppe zugänglich ist. Der neugeschaffene "Freespace" bietet einen Panoramablick auf das Biennalegelände und auf die Lagune. Sowohl der Schweizer als auch der britische Beitrag stießen beim Publikum auf so große Gegenliebe, dass sich an den Previewtagen vor beiden Pavillons zeitweise Schlangen bildeten. Der Erfolg liegt fraglos darin begründet, dass beide Projekte den Besuchern ein unmittelbares und besonderes Raumerlebnis bieten – auch wenn die Betrachter nicht alle intendierten Bedeutungsebenen erfassen. Fraglich bleibt allerdings bei diesen Beiträgen wie bei ähnlichen anderen – etwa dem blauen Arenaeinbau im Belgischen Pavillon – der architektonische Mehrwert. Sie bleiben Fingerübungen an der Schwelle von der Architektur zur Kunst. Letztendlich liefern sie wenig Neues oder Anwendbares.  

Im Geiste Carlo Scarpas

Ein ähnliches Bild wie die Nationenbeiträge bieten die Arbeiten der von den Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelly McNamara ausgewählten Architekten und Architekturbüros, die im Central Pavilion und im Arsenale ausgestellt werden. Zu Recht hat die Jury die Architekten de Vylder Vinck Taillieu mit dem Silbernen Löwen für die beste Arbeit eines jungen Büros ausgezeichnet. Hier gehen Architekturprojekt und Präsentation eine Symbiose ein, die anderenorts schmerzlich fehlt. Bei dem Projekt handelt es sich um die Wiedernutzbarmachung einer Ruine, bei der die Architekten bravurös den Spagat meisterten, das Gebäude einerseits nutzbar zu machen und andererseits die Spuren des vormaligen Verfalls nicht zu tilgen. Der Fotograf Filip Dujardin hat den Bau in gleichermaßen brillanten wie unaufgeregten Bildern festgehalten, die als großformatige Abzüge in hölzernen Haltekonstruktionen präsentiert werden. Kaum zufällig dürfte hierbei die Ähnlichkeit zu den Ausstellungsarchitekturen des venezianischen Lokalmatadors Carlo Scarpa sein. Den goldenen Löwen schließlich verlieh die Jury an den portugiesischen Altmeister Eduardo Souto de Moura für die Umgestaltung der Gutsanlage São Lourenço do Barrocal in der Region Alentejo in eine Hotelanlage. Der sensible Umgang mit dem Bestand, die Wahrung des Charakters als landwirtschaftliche Nutzarchitektur, die ausnehmend schönen Innen- und Außenräume – all dies rechtfertigen die Auszeichnung des Projektes fraglos. Allerdings fällt im Vergleich zu den zweiten Preisträgern de Vylder Vinck Taillieu die Präsentation deutlich uninspirierter aus. 

Letztendlich bleibt die Biennale ein wenig blutleer. Wie spannend wäre es gewesen, neue Konzepte für effiziente Grundrisse im preiswerten Wohnungsbau in Ballungsgebieten als lebensgroßes Modell gezeigt zu bekommen. Architekturausstellungen waren schließlich immer auch ein Ort experimentellen, wenn auch nur ephemeren Bauens. Einzig der Vatikan, der erstmals an der Architekturbiennale-Biennale teilnimmt, hat dieses Konzept verfolgt und hinter dem Ensemble von San Giorgio Maggiore acht Kapellen in einem kleinen Waldstück errichten lassen. Die zum Teil herausragenden Bauten, die unter anderem von Terunobu Fujimori, Smiljan Radic und Norman Foster entworfen wurden, bieten genau jene direkte Anschauung, jene Raumerfahrung, die auf der Biennale ansonsten fehlt.  

Biennale Architettura 2018 – 16th International Architecture Exhibition
"Freespace"
Giardini und Arsenale
Venedig
bis 25. November 2018
10:00 bis 18:00 Uhr

Giacomo Quarenghi – Progetti architettonici
Gallerie dell'Accademia
Campo della Carità
Dorsoduro 1050
Venedig
bis 17. Juni 2018
Mo.: 8.00 bis 13:00 Uhr
Di. bis So.: 8:00 bis 18:15 Uhr

Architettura Immaginata
Palazzo Cini
Dorsoduro 864
Venedig
bis 17. September 2018
11:00 bis 19:00 Uhr
Dienstags geschlossen

Machines à penser
Fondazione Prada Venezia
Ca' Corner della Regina
Santa Croce 2215
Venedig
bis 25. November 2018
10:00 bis 18:00 Uhr
Dienstags geschlossen