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Herausragende Architektur für einen Supermarkt mit Vertriebshalle: Frischeparadies in Stuttgart von Robertneun Architekten
Gute Architektur im Gewerbegebiet: eine absolute Seltenheit.
Foto: Annette Kiesling © Robertneun Architekten
Gute Architektur im Gewerbegebiet: eine absolute Seltenheit.

Architekten im Gewerbegebiet

Baumärkte, Möbelhäuser, Schnellrestaurants. In deutschen Gewerbegebieten lauert das Grauen. Dass es auch anders geht, zeigen fünf aktuelle Beispiele, wo mit architektonischer Fantasie Aufgaben bewältigt wurden, die sonst meist ohne jeden gestalterischen Skrupel erledigt werden.
von Florian Heilmeyer | 26.06.2017

Dem ästhetisch interessierten Menschen gilt das Gewerbegebiet als Brutstätte des Hässlichen. Es sind Landschaften aus Asphalt und kistige Gebäude aus farbigem Wellblech, die wir nur mit dem Auto durchfahren; vor den Autofenstern ziehen Möbelhäuser, Gartencenter, Baumärkte, Schnellrestaurants vorüber, die sich nur in der Farbe ihrer geschlossenen Wände und in ihren gigantischen Schriftzügen unterscheiden. Dazwischen sitzen manchmal, wie abgeworfen, ein paar missratene Bürogebäude, in denen ein paar Unglückliche jede Woche ihre 38,5 Stunden absitzen. Selbst die Tankstellen haben hier schon vor Jahrzehnten aufgehört, sich um einen architektonischen Ausdruck für eine neue, beschleunigte Zeit zu mühen. Die Dynamik wurde vom hastigen Konsum verschluckt.

Un-Orte des architektonischen Verbrechens

Würden wir mit offenen Augen durch unsere Gewerbegebiete gehen, uns müsste jedes Mal das Blut gefrieren. Aber niemand schreit. Es scheint, dass diese Umgebungen schon so sehr zur Normalität geworden sind, dass wir sie nicht mehr aktiv wahrnehmen. Die Augen werden eingeklappt. Schön ist woanders. Ist eben so. Vielleicht wünschen sich deswegen so viele Menschen die Schönheit der historischen Altstädte zurück. Wenn schon die Gewerbebauten, in denen wir einkaufen müssen, eigentlich überhaupt keine Fassade mehr haben, dann wollen wir die Neubauten im alten Zentrum wenigstens adrett im historistischen Kleidchen aufgehübscht wissen!

Dabei wird dann auch mal die bekannte Un-Gestalt der Gewerbebauten als Schimpfwort in der Debatte genutzt. Da wurde in Berlin jüngst der Entwurf von Herzog & de Meuron für das „Museum des 20. Jahrhunderts“ auf dem Kulturforum aufgrund seiner robusten Satteldachigkeit flugs als Lidl-Markt verspottet. Was eindeutig als Beleidigung gemeint war. „Lidl-Markt“ wird also bereits als Inbegriff für eine billige, ungestalte, introvertierte Hässlichkeit herangezogen, die wir einem weltweit agierenden Unternehmen schweigend zugestehen, bei einem Museum aber bitte nicht erleben wollen?

Architektur? Höchstens für die Fassade

Dabei sind wir doch schon längst auch in den Innenstädten nicht mehr sicher vor der speckgürteligen Wurstigkeit suburbaner Einkaufswelten. Um sich dagegen vielleicht wehren zu können, sprach sich schon vor etlichen Jahren der Journalist Harald Martenstein in der "Zeit" angesichts eines frisch eröffneten, rosafarbenen Einkaufszentrums am Alexanderplatz dafür aus, das „Architekturverbrechen“ als Straftatbestand ins Gesetzbuch aufzunehmen. Er wünschte sich, die Polizei nicht nur wegen Lärmbelästigung oder Umweltverschmutzung rufen zu dürfen, sondern auch wegen Hässlichkeit. Die verantwortlichen Architekten und Bauherren seien dingfest zu machen und mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren zu bestrafen.

Dann sind also die Architekten schuld an den visuellen Verheerungen unserer consumer culture? Im Falle des Einkaufszentrums waren das die renommierten Brüder Ortner, die sich bis heute nicht eindeutig geäußert haben, ob diese rosa Fassade nun ironisch oder post-ironisch zu verstehen sei. Käme es zur Gerichtsverhandlung, man würde zu ihrer Verteidigung anbringen, dass sie nur für die Fassade zuständig waren; das gesamte Innenleben ließ der portugiesische Entwickler Sonae Sierra von seinem Hausarchitekten erstellen, die Stadt Berlin drängte den Investor bei der äußeren Gestaltung aber auf einen Fassadenwettbewerb. Der siegreiche Entwurf der Ortners wurde in der Realisierung wieder und wieder verändert und angepasst. Was kann Architektur also erreichen, wenn ihr Einfluss von Anfang an auf ein oberflächlich herumornamentierendes Minimum beschränkt wird?

Der Fassadenwettbewerb ist dabei ein häufiger Kompromiss zwischen Kommunen und Investoren. In Berlin plante jüngst eine große Baumarktkette, eine große, neue Drive-In-Filiale am Kurfürstendamm zu errichten. Am westlichsten, total unglamourösen Ende des Westberliner Boulevards führt dieser als Brücke über die Stadtautobahn und die Berliner S-Bahn. Unter dieser Brücke lag, eingekeilt genau zwischen Straße und Gleisen, ein langer Streifen. Auf einer so vom Verkehr umtosten Stadtinsel ist nichts gegen eine großgewerbliche Nutzung einzuwenden – allerdings war klar, dass diese neue Halle sehr sichtbar sein würde. Sowohl von der S-Bahn als auch von der Autobahn starren jeden Tag tausende Pendler und Reisende, im Zug oder im Stau, auf die Kiste. Ein Fassadenwettbewerb musste her.

Den Wettbewerb gewannen Müller Reimann Architekten, deren Entwurf der eingeschränkten Aufgabe mit allerlei optischen Tricks begegnet. Die Großformen der beiden Gebäude - eines an der Straßenbrücke, eines als Kauf- und Lagerhalle am südlichen Ende des Grundstücks – werden hinter einer leicht plastisch geformten Aluminiumfassade verborgen, die gleichzeitig Schallschutz und angenehm unauffälliger Blickfang ist. Sie reflektiert das Licht sowohl im Vorbeifahren als auch im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und ändert also immer leicht ihre Farbe und ihr Aussehen. Auch das Logo und die Werbebänder wurden in die Gestaltung integriert, sodass eine erstaunlich ruhige und unaufgeregte Gesamtwirkung entstanden ist – ein krasser Gegensatz zu den sonst üblichen Fassadengestaltungen, die nach den Leitlinien der Werbeindustrie sich so sehr mühen, die Aufmerksamkeit von Passanten und Kunden durch besonders schreiende Farben auf sich zu ziehen. 

Elektronikfachmarkt als Stadtscharnier

Auch in Dortmund-Hörde wurden Architekten für die Fassadengestaltung herangezogen. Hier ging es um einen neuen Elektronikmarkt, der an prominenter Stelle nahe des neuen Phönix-Sees errichtet werden sollte. Der Neubau entstand an einer wichtigen städtischen Schnittstelle, wo eine Fußgängerzone auf eine vierspurige Hauptstraße trifft. Der bekannte Elektronikfachmarkt war „zum Niederlassen eingeladen“ worden, ist zu lesen. Wohl kaum, weil man sich davon eine gelungene Architektur erhofft, denn dafür ist das Unternehmen sicher nicht bekannt.

Das Gebäude reagiert auf die städtische Scharnier-Funktion denkbar schlicht: zur Fußgängerzone liegt der Haupteingang, zur Hauptstraße die Einfahrt ins Parkhaus. Die Verkaufsräume, Lager und Anlieferung nehmen das Erdgeschoss ein, in den Etagen darüber können die Kunden ihre Autos abstellen. Auch hier sollte das Dilemma, das eine „billige“ Funktion an einer „guten Stelle“ der Stadt entsteht, durch einen Fassadenwettbewerb gelöst werden. Der Entwurf von Nattler Architekten verstärkt dabei den introvertierten Charakter der Bauaufgabe noch, stellt ihn gleichermaßen zur Schau. Das Parkhaus auf den oberen Etagen umwickeln die Architekten mit gebogenem Streckmetall wie einen Korb, worin die Dynamik des Verkehrs reflektiert werden soll. Das Erdgeschoss wird mit weißen Putzflächen und milchigen Glaspaneelen als heller Sockel gestaltet; das mindert aber kaum den Schmerz, den die bunten Aufsteller und Werbetafeln mit ihren laut schreienden Schriften auslösen. Vielleicht ist nicht der Architekt der Verbrecher, wie Harald Martenstein vermutete, sondern der Nutzer?

Billige Burger, billige Häuser?

Es ist schwer zu verstehen, warum nicht wöchentlich wütende Artikel gegen die Gestaltung der Schnellrestaurants von zum Beispiel McDonald’s erscheinen. Das wäre doch angemessen angesichts der vielen visuellen Verunreinigungen, die sie an jeder Ecke unserer Umwelt hinterlassen trotz des großen, globalen Profits. Gerade erst rief uns der amüsante Film „The Founder“ in Erinnerung, dass die architektonischen Ansprüche der Hackfleischbrater in den 1950er Jahren noch ganz andere waren: Da sollten die hoch geschwungenen, gelben Bögen des bekannten Logos sollten als flügelgleiches Tragwerk mutig vorspringende Flugdächer stützen, die Drive-Ins sollten ein herrliches Aushängeschild in jeder Gemeinde werden, die neuen Kathedralen der amerikanischen Gesellschaft, wie Ray Kroc (MIchael Keaton) sich in Rage redet. Rund 60 Jahre später ist davon nur ein globalisiertes CI übrig, dem man im besten Fall einräumen kann, dass es sauber und auf schlimme Art vertraut ist.

 Michael Keaton als Ray Kroc vor einer frühen Version seiner Vision von McDonald's
Filmstill aus dem Kinofilm "The Founder", der uns an die hohen architektonischen Ansprüche erinnert, mit denen die Burger-Kette mit dem großen M einst gestartet ist.
© Splendid Filmverleih
Filmstill aus dem Kinofilm "The Founder", der uns an die hohen architektonischen Ansprüche erinnert, mit denen die Burger-Kette mit dem großen M einst gestartet ist.

Architektur wird bei Mc Donald’s nur an ganz besonderen Stellen und als Ausnahme akzeptiert. Da hat der Architekt Georgi Khmaladze in einem Neubaugebiet im georgischen Seeort Batumi schon 2013 zwischen lauter schnell und schlecht gebauten, rechteckigen Stadtblöcken ein aufwändig verschachteltes Gebilde aus Glas und Stahl entwickelt, das aussieht, als ob es hier nur kurz zum Auftanken gelandet ist, bevor es seinen Flug fortsetzen wird. Dabei ist das Gebäude selbst eine Tankstelle mit angeschlossenem Schnellrestaurant. Die spektakuläre Form ist hier nicht reiner Selbstzweck, sondern wird innen mit kleinen Sitznischen und -terrassen gefüllt. Um den Kern herum immer höher steigend, finden die Besucher schließlich eine Terrasse unter einem offenen Dach und ein paar Moose bilden einen grünen Garten. In einem sonst ziemlich verbauten Teil der Stadt ist dies eine willkommene, kleine Oase des fettigen Essens.

Auch in Rotterdam wurde jüngst eine architektonisch höchst anspruchsvolle Filiale eröffnet. Hier stand an einer der Hauptverkehrsachsen der Innenstadt und direkt vor dem beeindruckenden ehemaligen Hauptpostamt mit seiner wuchtigen, klassizistischen Fassade ein verhutzelter, enger Kiosk, der berühmt war, weil er von den Rotterdamern einmal zum hässlichsten Gebäude ihrer Stadt gewählt worden war. Für den Neubau wurden Mei Architekten engagiert, das Büro von Robert Winkel, der sich in Rotterdam seit 1994 als Spezialist für den Umbau und die Transformation bestehender Gebäude einen Namen gemacht hat. Hier allerdings rissen Mei den alten Pavillon ab und errichtete in nur zwei Monaten Bauzeit ein neues Gebäude, welches den Maßen des alten ungefähr folgt. Die Enge im Innern wird nun mit viel Glas ausgeglichen. Die geschlossenen Teile – Anlieferung, Lager, Küche und Toiletten – wurden auf ein kompaktes Minimum reduziert und mit golden eloxiertem Aluminiumblech umhüllt; das Material ist warm, vandalismussicher und haltbar, sagen die Architekten. Auf jeden Fall ist es auffällig. Tag und Nacht scheint diese Filiale an der Coolsingel zu glitzern und zu rufen: kommt, kommt, esst mehr Hackfleisch! Es könnte wirklich ein Mc Donald’s der Zukunft sein, so überzeugend ist die kleine Aufgabe gelungen. Es wäre ein Zeichen dafür, dass schlechtes Essen nicht unbedingt in schlechter Architektur serviert werden muss. Leider gibt es bislang aber keinerlei Hinweise, dass Mc Donald’s aus diesen beiden Gebäuden in Batumi und Rotterdam irgendeinen Rückschluss auf die sonst übliche Gestaltung gezogen hat.

Die Architektur muss, wenn sie sich ins Gewerbemilieu vorwagt, jedes Mal neu beweisen, dass sie nicht mehr kostet als die uniformen Wellblechpaläste - oder dass sich die Mehrkosten zumindest lohnen. Wegen des weit verbreiteten Irrglaubens, dass es mit und durch Architekten stets teurer wird, und weil sich der Mehrwert einer guten Gestaltung und einer sinnvollen räumlichen Struktur selten genau beziffern lässt, spielt die Architektur im Gewerbebau eine ebenso untergeordnete Rolle wie bei der Gestaltung von Einfamilienhäusern.  

Supermarkt, super Architektur

Nur sehr wenige Firmen wählen den entgegen gesetzten Weg. In Österreich hat die Supermarktkette M-Preis von Anfang an auf eine hohe Qualität bei der architektonischen Gestaltung ihrer Filialen gesetzt, die immer individuell gestaltet werden und miteinander nur das Firmenlogo gemeinsam haben. Da wird mit lokalen Materialien und wechselnden Architekten gearbeitet, mit nachhaltigen Baustoffen und Bezügen zur jeweiligen Umgebung. Das ist zwar etwas aufwändiger, als immer den selben Lidl-Markt auf die versiegelten Parkplatzflächen zu kippen. Dafür gewinnt man ab und zu Gestaltungspreise und vielleicht entscheidet sich ja doch der eine oder andere Kunde, lieber in dem hellen, offenen Markt einkaufen zu gehen als in dem muffigen Kasten voller leicht zu reinigender Lagerregale.

Betrachtet man alle acht Entwürfe von Robertneun seit 2002 als Serie, dann lässt sich erkennen, wie souverän die Architekten inzwischen mit der Aufgabe umgehen. Die Gebäude liegen fast immer in Gewerbe- oder Industriegebieten, da wäre es eine verständliche Reaktion, würden sich die Gebäude nur auf sich selbst beziehen und sich von ihrer Umgebung möglichst absetzen. Robertneun aber gehen seit dem Neubau in Essen (2004) einen anderen Weg und suchen Anknüpfungspunkte in der Nachbarschaft, aus denen sie die Farbgebung, die Materialwahl oder die Formen ihrer Entwürfe ableiten. In Stuttgart verwendeten sie Zinkblech, Gussglas, Rohbau-Holzbinder und Stahlbeton für die Konstruktion. Das geforderte Volumen teilten sie in vier verbundene, aber nach ihren Funktionen getrennte Hallen. Nach außen zeigt sich diese Vierteilung in den markanten Sheddächern, die aus der Dachform einer benachbarten Bananenreifehalle abgeleitet wurden.

In der eintönigen Umgebung eines industriellen Gewerbegebietes ist diese Herangehensweise von Robertneun eine Sensation: Statt über die augenfällige Schlichtheit und lieblose Gestaltungsarmut der Umgebung zu klagen, wird genau analysiert, ob es darin grundsätzliche Qualitäten zu entdecken gibt, die als Elemente zur Basis des eigenen Entwurfs werden können. Im Inneren dieses Frischeparadieses können hohe, helle und pflegeleichte Räume angeboten werden, die durch eine stützenfreie Konstruktion die Nutzung der einzelnen Hallen in Zukunft offen lässt. Insgesamt ist Robertneun damit ein Gebäude im Gewerbegebiet gelungen, von dem man hoffen möchte, dass sich andere Unternehmen daran ein Beispiel nehmen mögen. Es ist nicht nur eine hohe architektonische und betont industrielle Qualität gelungen, sondern auch erstmals ein Zusammenhang zwischen den sonst so introvertierten Großkisten entstanden.

Jeder Kultur die passenden Gebäude

Aber ändert sich etwas in deutschen Gewerbegebieten? Danach sieht es nicht aus. Noch immer sind die gelungenen Beispiele höchst seltene Einzelfälle im Einheitsbrei der schrillbunten Kisten. Ist eben so. Letztlich ist das sogar ehrlich: der billige Inhalt bekommt eine billige Kiste, die mit minimalsten gestalterischen Mitteln nach Aufmerksamkeit schreit. Erst wenn sich die Kultur der Massenverramschung von Stühlen, Spielzeug, Lebensmitteln, Gartenmöbeln und Hackfleischbratlingen verändern würde, könnten wir uns ernsthaft gegen die Ungestalt dieser gigantischen Konsumhallen wehren.

So aber ist es vielleicht am ehrlichsten. Jede Kultur bekommt die Häuser, die zu ihr passen. Das ist nicht unbedingt schön, hat aber seine Gründe. Immerhin zeigen ein paar erfreuliche Ausnahmen, das es auch ganz anders sein könnte.

Bauhaus an der Berliner Stadtautobahn von Müller Reimann Architekten
Gutes Beispiel: dieser Baumarkt an der Berliner Stadtautobahn zaubert mit industriellen Materialien ein bisschen Architektur auf die große Kiste.
© Stefan Müller
Gutes Beispiel: dieser Baumarkt an der Berliner Stadtautobahn zaubert mit industriellen Materialien ein bisschen Architektur auf die große Kiste.