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Bambú brasileiro oder Von der Zukunft eines Materials
von Bertsch Georg-Christof | 06.06.2009

„Bambus" schwadroniert der wortgewaltige Alfons Hug kurz vor seiner Abreise ans Ende der Welt, „Bambus gibt es hier doch überhaupt nicht!". Als Kurator der patagonischen Bienal Al Fin del Mundo im antarktischen Ushuaia sowie als ehemaliger Leiter der Kunstbiennale von São Paulo sollte der Südamerikaspezialist es wissen. Er kennt Brasilien immerhin seit gut zwanzig Jahren. Bambus, das zeigt die Weltkarte im bamboo-museum des Anji County, Provinz Zhejiang, hingegen, sprießt nicht nur in Asien, sondern auf einem klimatisch definierten Gürtel rund um den Globus, in einem „bamboo-belt", dem auch Indien, der Kongo und eben Brasilien angehören.

Riesenunkraut im Land der harten Hölzer
Im noch immer waldreichen Amazonasland denkt man jedoch zunächst an Hartholz, geht's um Material. Dickes, strammes Holz - der Stoff vibrierender Kettensägen und ausdefinierter nackter Oberkörper; Caramba: der Stoff der Männer! „Bambus als weibliches, biegbares Riesenunkraut wird demgegenüber schlichtweg verdrängt", klagt Celina Llerena. Die Gründerin und Leiterin der privaten Bioarchitektur-„Schule" Ebiobambu runzelt daher leidvoll die Stirn. An diesem keineswegs nur brasilianischen kulturellen Vorurteil mag es liegen, dass China es geschafft hat, binnen zwanzig Jahren die Anbaufläche um mehr als 25 Prozent auf 4,2 Millionen Hektar zu vergrößern, andere Länder jedoch nichts - oder fast nichts - unternommen haben, mutmaßt sie. Von systematisch und entschlossen erweiterten Bambuskulturen lässt sich zwischen Rio Grande del Norte und Rio Grande del Sul jedenfalls nicht viel bestaunen.

Nun, es ist generell nicht eben leicht mit dem glänzenden Rohrgewächs. Die einen hassen es aufgrund der unerträglichen Knotenstockästhetik, die anderen wegen der fast missionarischen Heilsversprechen seiner Apologeten. Dennoch, es wäre in einer Zeit rasant schwindender Ressourcen grob fahrlässig, würden Designer das Material stilistischer Antipathie halber, oder ihrer angestaubten Jute-statt-Plastik-Vorurteile wegen snobistisch ignorieren. Architekten und Gestalter wie Simón Vélez, Rocco Yim oder der Bambuco-Gruppe bauen mit dem Material fantastische Strukturen, dennoch bleibt es bislang mit der Vorstellung von Exotik behaftet.

Bambus ist vielseitig einsetzbar
Als William Edgar Geil Anfang des 20. Jahrhunderts das Reich der Mitte bereist und die Chinesen in seinem schrulligen, nichtsdestotrotz massenhaft gedruckten Reiseroman „A Yankee on the Yangtze" (1904) hymnisch besang, stellt er trocken und summarisch fest: „Man kann sich nach dem Gang über die Bambusbrücke auf einen Bambus-Stuhl an den Bambustisch in einem Bambushaus setzen, während man den Bambushut auf dem Kopf und seine Bambussandalen an den Füßen trägt. Mit Bambusstäbchen isst man leckeren Bambussprossensalat und genehmigt sich dazu einen kräftigen Bambusschnaps." In dieser nordamerikanisch-pragmatischen Feststellung liegt mehr Versprechen als in allen Manifesten sandalenbesohlter Nachhaltigkeitsapostel.

Die Zukunft liegt in der Architektur
Celina Llerena sieht die Zukunft des Materials primär in der Architektur, wo Bambus als Gerüst- und Schalungsmaterial - zumindest in Asien - längst eine gewisse Präsenz hat. Aber auch in Form von Verblendungen und abgehängten Paneelen kann Bambus überzeugen, wie jüngst im Terminal 4 des Flughafens Barajas in Madrid von Richard Rogers eindrucksvoll und kilometerweit bewiesen, wobei der in den Adelstand erhobene Star-Architekt die Eigenschaften des Materials nonchalant dazu benutz, seine eigenen Ambitionen ästhetisch zu unterstreichen und es dekorativ einzusetzen: „Bambus", so Rogers, „gibt als abgehängte Verblendung unserer geschwungenen Decke die angemessene weiche und geschlossene Anmutung."

Celina Llenara geht es um mehr: um das Baumaterial als Mission und um fast vollständig auf Bambus aufgebaute Konstruktionen. „Die Statiker glauben mir nie, dass das geht. ,Drei Meter frei tragend? Geht nicht!', sagen die. Okay, dann mache ich eben vier Meter freitragend - und es klappt", sagt sie und schüttelt sich vor Lachen. „Die schauen mich dann an, als wollten sie sagen: Okay, das sehen wir, aber das ist trotzdem nicht real, weil nicht berechenbar."

Es mangelt an Forschung und Anbauflächen
In dieser Hinsicht leidet der noch junge Bambusbau besonders unter einer mangelnden Einbindung in die akademische Lehre. Fachleute sind in der Tat rar und Publikationen wie das 350 Seiten Kompendium „Bamboo & Cane Crafts of North East India" das M.P. Ranjan 2004 im Auftrag des National Institute of Design in Ahmedabad überarbeitet und herausgegeben hat, sind echte Perlen. Devesh Mistry, Absolvent eben jenes National Institut, dämpft letzten Winter bei unserem Milchtee-Gespräch in Dehli die Erwartungen auf eine Bambus-Renaissance vom Subkontinent: „Wir haben zwar eine ungeheure Tradition, wie Ranjans Buch klar belegt, aber in die Gegenwart will das dann doch kaum ein Gestalter der jungen Generation bringen. Hier in Indien wirkt Bambus schlicht altmodisch. Es wird von den neuen Gestaltern zu dekorativen Zwecken verwendet, beispielsweise im Interior Design." Mistry, der als Hightech-Designer bei Fiat gearbeitet hat, gehört zu jener Fraktion, die vor der Retro-Ästhetik des Rohmaterials zurückschreckt, ein verständlicher Reflex all jener, die sich in Schwellenländern eher an Apple oder Philips orientieren als auf lokale verknorzte Kunsthandwerkstraditionen.

Eine Alternative für den Fahrzeugbau
Mit diesem Identitätsproblem hat auch Brasilien zu kämpfen. Daher rasch zurück unter den Zuckerhut, wo Kosrow Ghavami von der Ponticicia Universidade Católica das ganz anders sieht: Als altgedienter Utopist der siebziger Jahre erblickt er in Bambus ausschließlich das Material der Zukunft - vielleicht gerade weil es in Brasilien keine Vergangenheit hat. „Manchmal", sagt er, „wirkt ein neuer, unverstellter Zugang Wunder." Begeistert biegt er in seinem von Fachliteratur überhäuften Minibüro ein Rohrstöckchen. Vor dem Fenster: Fünfzehn Meter hohe Bambusgräser satt. Er und seine Studenten sind emsig dabei, in den Werkstätten der Pontifikalhochschule Fahrzeug-Tragstrukturen aus Bambus zu verkleben. Die besondere Herausforderung im Fahrzeugbereich sind selbstredend Verbindungen, die stets massiven Kräften und Torsionen ausgesetzt werden. Aber das sieht Ghavami, der seine Karriere in den Sechzigern als Stahlbauingenieur in Südengland begann, ganz gelassen: „Bei Stahl wussten wir, verglichen mit heute, in den sechziger Jahren bescheiden wenig. Bambus hat Potentiale, die wir eben erst zu erkennen beginnen und noch lange nicht in großindustrielle Prozesse einbringen können. Das heißt aber nicht, dass wir das nicht heute schon wirtschaftlich nutzen sollten." Eine besonders positive Eigenschaft ist die hohe Zugfestigkeit", ergänzt der Visionär. Aber: Es fehlt schlicht an Material vor Ort, um in größeren Dimensionen denken oder auch nur forschen zu können.

Der industrielle Einsatz von Bambus beschränkt sich heute weitgehend auf die Verarbeitung in Spanplatten, beispielsweise für die Verplankung von LKWs oder Bambusparkett, was in China seit zehn Jahren ganze Industrien hervorgebracht hat. Die Verarbeitungsmethoden sind wegen des teils haarsträubenden Einsatzes von Kunstharzen indes alles andere als ökologisch einwandfrei. Nichtsdestotrotz werden hier Erfahrungen gesammelt, die auch für neue Bereiche wichtige Erkenntnisse hervorbringen.

Weniger Hartholz, mehr Bambus
Eigentlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Bambus sich auch in Brasilien aus seiner Nischenexistenz befreien kann. Unabdingbar sind sicher breit angelegte Initiativen für den Anbau. Erfreulich ist daher die von der Regierung in Brasilia beschlossene deutliche Reduktion der Einschlagquoten bei Amazonas-Langholz. Die dröhnende offizielle Public Relation, die am 2. April proklamiert: „Brasilien hat den Holzeinschlag im Amazonas bereits in den letzten Monaten um 45 Prozent reduziert", kündet zwar noch nicht von einem Paradigmenwechsel, aber da steckt schon viel Realität drin, auf jeden Fall mehr als bisher. Der neue Umweltminister Carlos Minc packt das Thema überraschend energisch an. In seiner Ansprache fasst er zusammen: „Wie machen wir das? Wir kappen erstens die Kredite jener Holzverarbeiter, die mit illegalen Methoden arbeiten. Zweitens haben wir den Aktionsradius der Staatspolizei in diesem Zusammenhang deutlich erweitert. Drittens beobachten wir das Geschehen mittels der nationalen Wettersatelliten und eines japanischen Satelliten. Viertens haben wir dauerhafte Kontrollpunkte an den Bundesstraßen BR 163 und BR 364 errichtet. Das sind die einzigen Verbindungsstraßen, über die das Holz aus den illegalen Einschlaggebieten raustransportiert werden kann."

Was auch immer man von politischer Propaganda halten mag: dies ist ein klarer Schritt weg von einem Hartholzdumping und vielleicht in Richtung groß angelegten nachhaltigen Anbaus - eben auch von Bambus. Ob Bambus als Material in Zukunft tatsächlich eine wichtige Rolle spielen kann, wird jedoch dadurch entschieden werden, „ob die Regierung hier, wie in China, großflächig Gelände zur Bambuszucht freigibt, denn es fehlt schlicht Material", dämpft Gabriel Patrocino von der Designhochschule ESDI voreilige Hoffnungen. „Brasilien wird hier eine Rolle spielen, das steht fest; wann es sich international als Vorreiter in Sachen Bambusdesign etablieren kann, steht aber noch in den Sternen."

Biegsam wie der Wind
Jorge Morán Ubidia von der Fakultät für Architektur und Städtebau aus dem Ecuadorianischen Guayaquil betrachtet das Phänomen als echter Graswurzel-Aktivist nicht makroökonomisch, sondern von unten, aus der Sicht der Bambus-Bewegung: „Ich glaube", sagt er und lächelt dabei verschmitzt, „dass die Menschen, die sich weltweit mit Bambus beschäftigen, eine große Familie bilden. Wir identifizieren uns mit den Qualitäten des Materials: wir sind zäh, widerstandsfähig, wir wachsen schnell, wir sind biegsam und der Wind bricht uns nicht, wir richten uns stets wieder auf." Das mag romantisch klingen, aber so könnte es in Südamerika - wo alles zugleich „härter und magischer ist als andernorts" (Raúl Lloci) - möglicherweise gehen.

www.bienalfindelmundo.org

Photos © Georg-Christof Bertsch
Konstruktionsmodell von Renzo Piano
Photos © Georg-Christof Bertsch
Madrid Barajas Airport von Richard Rogers
Madrid Barajas Airport von Richard Rogers
Photos © Angela Carvalho, Rio de Janeiro
Photos © Angela Carvalho, Rio de Janeiro
Photos © Angela Carvalho, Rio de Janeiro
Madrid Barajas Airport von Richard Rogers