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Beheizbare Teppiche wären eine Lösung
IM Gespräch:

Ross Lovegrove

Ross Lovegrove vor einem handgeknüpften Teppich von Hossein Rezvani auf der Domotex in Hannover. Foto © Adam Drobiec

„Es gibt kein Problem, für das die Natur nicht schon eine Lösung gefunden hat“, sagt der britische Designer Ross Lovegrove, der für seine Arbeiten auf einen Mix aus Technologie, Materialforschung und organischen Formen setzt und betont, dass Design unser Leben verbessern kann. Er kann auf eine ganze Reihe erfolgreich lancierter Produkte zurückblicken, ob Leuchten für Artemide, Stühle für Moroso oder ein Auto für Renault. Doch nicht nur in der Natur findet der gebürtige Waliser seine Inspiration, er ist ebenso fasziniert von traditioneller Handwerkskunst – vielleicht rührt daher sein Faible für traditionelle Bodenbeläge? Lovegrove, „Special Guest“ der Domotex 2015, hat seine futuristisches Designschon vor Jahren auf den Boden übertragen. Für Parador entwarf er 2011 zwei Laminate, die seine Vorliebe für biomorphe Formen und Hightech zeigen. Eine entfremdete Computer-Platine findet sich auf „Circuit Board", für „Bone Structure" hat er 3D-Knochenstrukturen am Computer generiert, ausgedruckt und danach fotografiert.

Uta Abendroth: Ross Lovegrove, Sie haben sich mit Hightech-Design und futuristisch anmutenden Objekten aller Art einen Namen gemacht. Ist das auf die Welt der Bodenbeläge übertragbar?

Ross Lovegrove: Auf jeden Fall! Mein Ansatz ist übertragbar, weil ich jedes neue Projekt mit einer detaillierten Recherche beginne und versuche zu verstehen, was da eigentlich gefragt ist, worum es genau geht. Am Anfang steht oft eine Art philosophischer Diskurs. Auch bei Bodenbelägen kommt es zunächst darauf an, zu verstehen. Um in meiner Formensprache zu bleiben, könnte ich für einen Bodenbelag zum Beispiel eine 3D-Anmutung kreieren.

Auf Knochen gehen – kein Problem, dank dem Laminat „Bone structure” von Ross Lovegrove für Parador. Foto © Parador

Aktuell wird viel über Recycling und den Gebrauch von klassischen oder traditionellen Materialien für Bodenbeläge diskutiert. Schränkt das Ihre und Kreativität im Allgemeinen ein?

Lovegrove: Nein, überhaupt nicht, denn alle Materialien sind relevant. Und es ist richtig, dass traditionelle Materialien wieder an Bedeutung gewinnen, weil sie einfach umweltfreundlich und nachhaltig sind.

Worin sehen Sie die größere Herausforderung: ästhetische Weiterentwicklung oder Materialforschung? Oder liegt die Aufgabe vor allem darin, beide Aspekte zusammen zu bringen?

Lovegrove: Ich bin davon überzeugt, dass Materialforschung und Technologietransfer die Ästhetik voranbringen werden und nicht andersherum.

Einer der interessantesten Neuvorstellungen auf dem Mailänder Salone del Mobile 2014: Der „Diatom”-Stuhl aus Aluminium von Ross Lovegrove für Moroso. Foto © Moroso

In Hinblick auf die Gestaltung von Bodenbelägen kann durchaus noch Pionierarbeit geleistet werden. Wer sollte das ihrer Meinung nach vorantreiben, Designer oder Hersteller?

Lovegrove: Das funktioniert nur in einem Wechselspiel zwischen beiden Seiten. Und darüber hinaus sind Außenstehende gefragt, etwa spezielle Forschungslabore oder Institute an Hochschulen. Innovationen sind der entscheidende Faktor, das Wachstum und die Veränderung in diesem Sektor voranzutreiben. Immerhin geht es hier um große Volumina, weil auf der Welt immer mehr Wohnraum entsteht, der mit Bodenbelägen irgendeiner Art ausgestattet werden muss.

Was für eine Rolle spielen da Architekten? Können Sie das Bewusstsein für dieses Thema schärfen?

Lovegrove: Ja, davon bin ich überzeugt. Architekten sind die Schlüsselfiguren in Hinblick auf die Kombination von Funktion und Ästhetik bei Projekten mit riesigen Ausmaßen. Wer, wenn nicht sie, könnten da von Anfang an bei den Bauherren auf Qualität bei Optik, Material und Verarbeitung drängen.

Der Bodenbelag ist ein wichtiger Teil des Gebäudes. Welche Überlegungen sollten Architekten zu Beginn anstellen, wenn es um die Wahl des Fußbodens geht?

Lovegrove: Da spielen sehr viele verschiedene Aspekte eine Rolle. Da ist natürlich zunächst einmal die Ästhetik. Dann geht es darum, verschiedene Bereiche zu definieren, aber auch zu schauen, wo sind Laufzonen, wo wird eher kommuniziert und so weiter. Und dann geht es um ganz klassische Faktoren wie Akustik, Atmosphäre, Pflegeeigenschaften und, natürlich, die Kosten.

Ross’sche Illusion: Für Parador entwarf der britische Designer 2011 auch das digital bedruckte Laminat “Circuit Board” für das er Computer-Platinen entfremdete. Foto © Parador

Wie sehr beeinflussen länderspezifische Bräuche den Einsatz von Bodenbelägen? Und gibt es eine Chance, Traditionen und Vorlieben zu beeinflussen?

Lovegrove: Klimatische Bedingungen und kulturelle Gewohnheiten sind Nuancen, die uns helfen können, neue Produkte zu erkunden. Es geht nicht so sehr darum, etwas an Vorlieben zu ändern, als darum, mit Innovationen die Lebensqualität zu verbessern. In Großbritannien ist das Klima eher feucht und kühl, die Bausubstanz überholt. Beheizbare Teppiche, in jedem Maßstab herstellbar, wären zum Beispiel eine großartige Lösung für Start Up-Büros, die oft in einfachen Gebäuden oder alten Fabriketagen sitzen, oder auch für traditionelle Häuser, die hier in England meist einfach gebaut und nur schlecht zu beheizen sind. Das wäre ein tolles Produkt, das man leicht nachträglich in die Gebäude integrieren könnte, um es gezielt in bestimmten Räumen einzusetzen.

Zu guter Letzt würden wir gerne wissen, welchen Bodenbelag Sie favorisieren?

Lovegrove: Ich mag handgeknüpfte Teppiche mit ausgeprägter mathematischer Geometrie, wie sie in Persien aus natürlichen Materialien wie Seide und Wolle hergestellt werden. Aber ich mag auch Sand unter meinen bloßen Füßen oder den typischen Holzboden eines japanischen Ryokan-Gasthauses, der, wenn man darauf herumgeht, die Füße sanft massiert.

www.rosslovegrove.com

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