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Richtfest der Villa 1930 mit Marlene Moeschke-Poelzig (links) und Hans Poelzig (3 v. rechts).

Blickpunkt: Architektinnen – Marlene Moeschke-Poelzig

In unserer neuen Serie "Blickpunkt: Architektinnen" stellen wir Ihnen in regelmäßiger Folge das Werk von Architektinnen vor – beginnend mit Marlene Moeschke-Poelzig und dem Bau der "Villa Poelzig" in Berlin, der einem Abriss zum Opfer fiel.
von Falk Jaeger | 10.03.2022

Als im November 2020 in der Tannenbergallee im Berliner Westend die Abrissbagger anrückten, räumten sie nicht nur ein lange vernachlässigtes Einfamilienhaus aus dem Weg, um Platz für neues, lukratives Investment zu schaffen. Sie löschten auch ein architektonisches Zeitzeugnis der Berliner Baugeschichte aus, ebenso wie auch ein Identifikationsobjekt für die wachsende Bewegung der Architektinnen, die die männliche Dominanz im Berufsfeld nicht länger hinnehmen will. Geplant wäre gewesen, ein Museum und Dokumentationszentrum für Architektinnen sowie eine Residenz für Stipendiatinnen im Geiste Marlene Moeschke-Poelzigs in der Villa Poelzig einzurichten. Denn das 1930 erbaute Haus Poelzig war nicht von Hans Poelzig, dem berühmtesten der nicht zum Kreis der Bauhäusler zählenden Architekten entworfen worden, sondern von dessen zweiter Ehefrau Marlene Moeschke-Poelzig. Dazu kam noch der Garten, von keinem Geringeren als Hermann Mattern gestaltet, der dabei mit seiner Frau Herta Hammerbacher und mit dem Bornimer "Staudenpapst" Karl Foerster zusammengearbeitet hatte. Die Villa in der Tannenbergallee brachte zur Anschauung, wie ein solches Haus, das als Arbeitsort und als privates Heim, als gemeinsames Büro, aber auch als Wohnhaus für die fünfköpfige Familie diente, aus der Perspektive einer Frau organisiert zu sein hat: Der Bereich für die drei Kinder stand so gleichberechtigt neben dem Atelier und statt der damals üblichen 8-Quadratmeter-Kinderschlafzellen war der großzügige Platz zum Spielen wichtiger als ein repräsentatives Büro. Ob noch weitere Bauten auf ihre Entwürfe zurückgehen, ist nicht bekannt.

Marlene Moeschke-Poelzig, geboren 1894 in Hamburg, eine selbstbewusste Frau mit großer Ausstrahlung, war Bildhauerin und Architektin und führte seit 1920 mit ihrem Mann zusammen das Bauatelier Poelzig. Neben dem alles überstrahlenden entwerferischen Genius ihres Mannes verlegte sie sich auf den Entwurf von Ausstattungen und Innenarchitektur. Am Haus des Rundfunks an der Masurenallee war sie als Künstlerin beteiligt. Insbesondere die markanten Leuchter im Foyer des Funkhauses hat sie entworfen. Ihr Hauptwerk in der Zusammenarbeit mit ihrem Mann war aber die Innenausstattung beim Umbau der Markthalle Schöneberg in Max Reinhardts Großem Schauspielhaus. Wenn die ikonischen Bilder der berühmten Säulenleuchten im Foyer gezeigt werden, wenn die Ränge mit ihren "Stalaktiten"-Formen zu sehen sind, müsste eigentlich immer Marlene Moeschke-Poelzig anstatt Hans Poelzig als Urheber genannt werden.

Moeschke-Poelzig nahm sich vor allem der Privataufträge für Wohnhäuser an. "Bauten unter drei Meter beschäftigen mich nicht", hatte Hans Poelzig einmal gesagt – und später auf 10 Meter erhöht. Grundrissplanung und Innenausstattung waren dann ihre Sache. Dass sie das eigene Haus entwarf, war also nur folgerichtig. "Wenden Sie sich an die Frau Professor", beschied er einem Bauunternehmer, "ich habe damit nichts zu tun". Nach seinem Tod im Juni 1936 führte sie das Atelier weiter. Da Hans Poelzig Halbjude war, wurde Marlene Moeschke-Poelzig jedoch 1937 von den Nationalsozialisten gezwungen, das Atelier aufzulösen. Sie verkaufte das Haus, zog wieder in ihre Heimatstadt Hamburg, wo sie 1985 starb. Als Architektin hat sie nicht mehr gearbeitet. Ihre Tochter Marlene Poelzig-Krüger, die als Astrologin für den Springer-Verlag und für eine gehobene Klientel tätig war, wird aufgrund des gleichen Vornamens zuweilen mit ihr verwechselt. Marlene Moeschke-Poelzigs architektonisches Hauptwerk, die Villa Poelzig, wurde tiefgreifend umgebaut, im Erscheinungsbild stark verändert und aller bauzeitlichen Details im Inneren beraubt. Für das Denkmalamt war das Gebäude trotz der ursprünglichen Bedeutung und Entstehungsgeschichte mangels Originalsubstanz kein Thema mehr. Den Bau als Villa Poelzig zu erhalten, wäre einer weitgehenden Rekonstruktion gleichgekommen, doch das hätte nicht mehr die Belange des Denkmalschutzes betroffen. Die Mittel für eine Übernahme des Objekts konnte die Initiative, die sich um die Erhaltung und Nutzung als Architektinnenzentrum bemühte, trotz namhafter UnterstützerInnen, trotz Demonstrationen und einem Laternenumzug vor dem Abbruchhaus nicht organisieren. So ließ sich das Verschwinden des einzigen Zeugnisses des architektonischen Schaffens von Marlene Poelzig und realen Bezugspunkts für das Andenken an die Architektin nicht mehr verhindern. Sie lebt in Bücher und Ausstellungen weiter, und wann immer die Geschichte von Frauen in der Architektenschaft neu erzählt wird, ist auch von ihr die Rede.

Leuchten im Haus des Rundfunk, Gestaltung von Marlene Moeschke-Poelzig