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Europäische Schule Frankfurt

Blickpunkt: Architektinnen – Nicole Kerstin Berganski

In unserer Serie "Blickpunkt: Architektinnen" stellen wir Ihnen in regelmäßiger Folge das Werk von Architektinnen vor – wie das von Nicole Kerstin Berganski, die gemeinsam mit Andreas Krawczyk "nie aus der Form heraus entwirft, sondern aus dem Inhalt".
von Florian Heilmeyer |

Wenn die Architektin Nicole Kerstin Berganski auf ein jüngeres Gebäude verweisen soll, dass sie besonders beeindruckt hat, dann nennt sie überraschend keinen der gängigen Klassiker – wie das Guggenheim Bilbao, das Neue Museum in Berlin, die Tate Modern in London. Sie nennt auch kein Museum, keine Kirche und keinen dieser Tempel der zeitgenössischen Architektur, welche Architekturschaffende bei solchen Fragen gerne aufzählen um ihre Weltläufigkeit zu demonstrieren. Berganski nennt auch keines der farbverspielten Gebäude von Sauerbruch Hutton oder die atemberaubenden Museen von SANAA, also die beiden Büros, für die sie einige Jahre gearbeitet hat. Nein, Berganski nennt ein Gebäude, das ihr nahe ist, weil sie es besonders gut kennt: Das Architekturgebäude der Technischen Universität in Berlin. Hier studierte sie von 1993 bis 1999 und hier lehrt sie seit 2024 als Professorin für "Architektur und Innovative Konstruktion". Man darf wohl sagen, sie kennt dieses Gebäude aus dem ff. 

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Die inneren Werte

Und es passt zu dem, was Berganski unter guter Architektur versteht: Das Architekturgebäude am Ernst-Reuter-Platz in Berlin ist kein Spektakel, eher im Gegenteil. Bernhard Hermkes entwarf 1963-1969 ein zehngeschossiges Gebäude aus Betonfertigteilen. Die Fassaden spielen mit einem leicht unregelmäßigen Wechsel aus Waschbetonplatten und großen Glasscheiben, die hinter runden Betonstützen zurücktreten. Es ist kein Gebäude, bei dem der Laie stehenbleibt und durch die Zähne pfeift. Wirklich interessant wird der Bau aber im Inneren, wenn man das raffinierte Spiel erkennt, wie hier unterschiedlich hohe und große Räume in drei Achsen ineinandergesteckt sind wie beim berühmten Tetris; wie die großen Arbeits- und die kleinen Seminarräume von einem komplexen Erschließungssystem aus herrlichen, offenen Treppenhäusern, Galerie-Ebenen und zweigeschossigen Hallen strukturiert werden. "Ich freue mich immer schon beim Blick von außen auf die Innenräume", sagt sie.

Das, was das Architekturgebäude in Berlin auszeichnet, lässt sich durchaus auf die Architektur übertragen, die Berganski gemeinsam mit ihrem Lebens- und Büropartner Andreas Krawczyk im gemeinsamen Büro NKBAK seit 2007 erdenkt und umsetzt. Sie ist nie spektakulär auf den ersten Blick, sie zielt nie auf den visuellen Reiz oder den oberflächlichen Effekt. Die Projekte von NKBAK sind bislang im kleinen Maßstab geblieben. Es sind Häuser, Kitas oder Schulen und nur die besonders großen Fenster verraten hier und dort, dass die Komplexität hier im Inneren sitzt und die Kraft der Architektur sich vor allem in den Details beweist und bewährt. Sie bleibt aber fast immer präzise, sehr reduziert, manchmal spartanisch. "Wir entwerfen nie aus der Form heraus, sondern aus dem Inhalt", sagt sie dazu. Auch dieser Satz klingt bereits sehr auf das Wesentliche reduziert. 

SANAA: Ehemalige Nutzung für die Zollverein School of Management and Design, heute für die Folkwang Universität der Künste
SANAA: Ehemalige Nutzung für die Zollverein School of Management and Design, heute für die Folkwang Universität der Künste

Auf nach Japan

Nicole Kerstin Berganski wird 1970 in West-Berlin in eine Arbeiterfamilie geboren, der Vater ist Schaltmeister in einem Kraftwerk. Sie sagt selbst, dass sie eher zufällig bei der Architektur gelandet ist, aber dass ihr das Studium an der TU Berlin von Anfang an gelegen habe. Ihren Abschluss macht sie in der Diplomklasse von Matthias Sauerbruch, in dessen Büro sie anschließend zwei Jahre lang arbeitet. 2001 bricht sie auf – nach Japan. "Ich wollte schon während des Studiums ins Ausland, was aber nicht gelang." Eines kam zum anderen, die japanische Architektur war kurz nach der Jahrtausendwende in aller Munde und konnte in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen erkundet werden. Im Jahr 2000 zeigt die Berliner Architekturgalerie Aedes so das noch weitgehend unbekannte Büro SANAA aus Tokio von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, die damals kurz vor ihrem internationalen Durchbruch stehen: nach den Fertigstellungen der Zollverein School in Essen 2006 und des New Museum of Contemporary Art in New York 2007 ist SANAA weltberühmt. 2010 erhalten Sejima und Nishizawa den Pritzker-Preis und kuratieren die Internationale Architekturbiennale in Venedig. Sie sind auf dem Gipfel angekommen. 

Berganski sieht aber schon 2000 einen Vortrag von Sejima in Berlin. "Das hat mich persönlich sehr angesprochen." Sie bewirbt sich, wird genommen und geht nach Tokio. In Japan war sie zuvor noch nie, die Grundlagen der Sprache lernt sie noch rasch in einem Intensivkurs in Bochum. Es soll eigentlich nur für sechs Monate sein. Am Ende sind es knapp vier Jahre in Tokio und bei SANAA. Berganski ist, wie man so schön sagt, zur rechten Zeit am rechten Ort. SANAA sind noch nicht so bekannt, ein recht kleines Team, man arbeitet in kleinen Gruppen und sie bekommt schnell Verantwortung übertragen. Sie wird Projektleiterin für die Zollverein School in Essen. Es beginnt eine intensive Zeit mit viel Arbeit und ständigen Reisen zwischen den Welten: zwei Wochen Tokio, eine Woche Europa, zwei Wochen Tokio. In genau dieser Zeit trifft sie auf Krawczyk, der in Essen für ein Architekturbüro arbeitete, das für SANAA die lokale Koordination der Zollverein School übernommen hat. Als klar war, dass sie gerne zusammenbleiben würden, ist Berganski noch an Tokio gebunden. Also zieht Krawczyk zu ihr und beginnt ebenfalls, bei SANAA zu arbeiten.

Nicole Kerstin Berganski

Sachliche DenkerInnen

Ihr gemeinsames Leben scheinen die beiden genauso logisch und konsequent zu durchdenken wie ihre Architektur. Man betrachtet die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen, dann entscheidet man und setzt es konsequent um. Von Essen nach Tokio? Warum nicht. Als nächsten Schritt planen sie die gemeinsame Selbständigkeit mit dem eigenen Büro – um mehr Freiheiten zu haben, sagt Berganski. Sie wollen zurück nach Deutschland, also betrachten sie die Möglichkeiten: In Berlin gibt es zu dieser Zeit viele Architekturschaffende und wenig Arbeit. Gleichzeitig betreuen die beiden für SANAA noch den Bau einer Vitra-Produktionshalle in Weil am Rhein, also sind die Verkehrsverbindungen wichtig. Die Wahl fällt auf Frankfurt, dort gründen sie 2007 NKBAK. Der etwas sperrige Name setzt sich schlicht und ergreifend aus den Anfangsbuchstaben ihrer Namen zusammen. Wieder so eine logische Entscheidung.

Die Zeit in Japan hat beide geprägt. Trotzdem stellt Krawczyk schon 2022 in einem Interview mit Stylepark klar: "Aber wir machen als NKBAK keine japanische Architektur." Es sei eher der Ansatz, formale Dinge und fertige Lösungen zu hinterfragen, den sie aus Tokio mitgebracht hätten. Allerdings kann man auch in den sehr großen, oft quadratischen, gerne fröhlich über die Fassade verspringenden Fenstern ihrer Wohnhäuser – Haus am See 2012, Haus am Wald 2016, Haus im Odenwald 2017, Duplex-Haus 2020 – eine gewisse Verwandtschaft mit den Konzepten von SANAA sehen. Von außen mögen diese Fenster manchmal seltsam wirken, beinahe beliebig in zufälligen Formaten über die Fassade verstreut. Aber aus den Innenräumen heraus sind es sehr präzise Setzungen, sie geben den Räumen Orientierung, Ausblick und durchdachte Lichtsituationen. 

Und auch in der Grundrissgestaltung begegnet einem hier und dort in den NKBAK-Häusern die Nutzungsoffenheit und Vielschichtigkeit japanischer Häuser, die eher aus offenen Raumzonen, denn aus abgeschlossenen Zimmern bestehen. Wie mit Blick auf die Erweiterung eines Frankfurter Wohn- und Geschäftshaus in einen vorhandenen Innenhof, 2019: Im Erdgeschoss befinden sich die Büroräume von Stylepark, für das zwei offene Arbeitsbereiche mit Rückzugsräumen sowie ein zentraler Coffeepoint geschaffen wurden. Zur Belichtung der Räumlichkeiten wurden aus der Fläche zwei kleinere Innenhöfe abgeteilt, die nun Blickbeziehungen zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen im Gebäude ermöglichen.

Stylepark Neubau am Peterskirchhof
Stylepark Neubau am Peterskirchhof

Bitte keine Container

NKBAK ist von Anfang an als kleines, konzentriertes Büro gedacht gewesen. Eine Handvoll Angestellte, dazu ein kleiner Kreis von freien MitarbeiterInnen, die helfen können, wenn kurzzeitig mehr Arbeit anfällt. Auch das ist eine bewusste Entscheidung, die mehr Freiheit bietet. Auch wenn, sagt Berganski, man sich einem größeren Auftrag sicher nicht verschließen würde, wenn er kommt. Zum Wettbewerb für das Grand Central Hochhaus in Frankfurt waren sie eingeladen, aber ihr treppenartig abgestuftes Gebäude mit immer wieder eckig zerspringenden Etagen kam nicht in die engere Wahl des Bauherren. 

Dafür war das Büro in den letzten Jahren extrem erfolgreich im Schulbau. Das begann 2013 als die Stadt Frankfurt am Main kurzfristig die Europäische Schule erweitern wollte und dringend Architekturschaffende dafür suchte. Es sollte eine temporäre Lösung für 400 Schülerinnen und Schüler sein, die Stadt hatte eine schlichte Lösung aus Containern im Sinn. Aber das, argumentierten NKBAK, könne man weder Kindern noch der Umwelt zumuten. Sie entwickelten stattdessen eine Architektur aus Holzmodulen mit raumhohen Fenstern, knallbunte Treppenhäusern und einer Wetterschutzfassade aus silbrigem Wellblech – ein schlichtes Industrieprodukt, günstig und robust, aber in der Sonne fängt es an zu glitzern. Die Planung dauerte nur unglaubliche sechs Monate, der Bau noch einmal zehn Monate. Das grenzt im Langsamer-Bauen-Land Deutschland an ein Osterwunder: Im April 2015 wird der Erweiterungsbau eröffnet.   

Das Projekt erfährt nicht nur wegen der rekordverdächtigen Bauzeit viel Aufmerksamkeit, sondern auch wegen seiner hohen räumlichen und konstruktiven Qualitäten. Die Schule gibt es heute noch und sie gilt inzwischen als einer der frühen Prototypen für Schulen in Holzmodulbauweise. Es folgen weitere Aufträge für Schulen in Frankfurt und Berlin, eine Kita in Saarbrücken und mit dem österreichischen Hersteller der Holzmodule, Kaufmann Bausysteme, planen sie auch dessen neue Firmenzentrale in Reuthe als "Demonstration der Möglichkeiten des Holzmodulbaus". In Berlin haben NKBAK für die "Schulbauoffensive" der Hauptstadt einen Typenentwurf angefertigt, der in kürzester Zeit an jeden Standort und jedes Bestandsgebäude angepasst werden kann. Bis 2026 sollten 32 dieser Typen-Schulen fertig sein, sagenhafte 31 davon sind aktuell bereits fertig. Man liegt mal wieder sensationell gut im Zeitplan.

Integrierte Sekundarschule Mahlsdorf
Integrierte Sekundarschule Mahlsdorf
Integrierte Sekundarschule Mahlsdorf
Integrierte Sekundarschule Mahlsdorf

Auf die Frage zum Schluss, ob sie einen Wunsch hege, welches Gebäude sie mit NKBAK gerne einmal entwerfen würde, vielleicht eine Kirche, ein Museum oder einen Flughafen, antwortet Berganski. Nein, so ein Wunschprojekt gebe es nicht. "Mir wäre sehr daran gelegen, weiter an ganz unterschiedlichen Projekten und Aufgaben arbeiten zu können, damit ich mich immer wieder mit neuen Themen beschäftigen kann." Bislang hätten sie das große Glück gehabt, eine Vielzahl solch unterschiedlicher Projekte bearbeiten zu dürfen. Als ebensolches Glück empfindet sie die Professur an der TU, die ihr neben einer kreativen Lehre auch die Möglichkeit für Forschungsvorhaben biete. So kann sie in den kommenden Jahren die Themen vertiefen, die sie mit NKBAK bereits begonnen hat. Vor allem Holzbau, Modulbau und den Erhalt und das Weiterbauen von Bestandsgebäuden. Mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Berliner Senat beginnt sie gerade ein Forschungsprojekt zu ressourcenschonenden Sanierungs- und Erweiterungsmöglichkeiten bei Bestandstypenschulen – genau ihr Ding also. Sie freut sich darauf. Und das Beste daran: Sie kann weiterhin in einem ihrer Lieblingsgebäude gestalten.