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Linien über Boden, Wand und Vorhänge machen die Räume in dem Wohnhaus im belgischen Turnhout zu einem Gesamt-Kunstwerk. Foto © John van Groenedaal, Studio Makkink Bey and Senso
Boden macht Raum
von Martina Metzner
08.12.2014

Meist machen sich Architekten erst Gedanken über die Ausführung des Bodens, wenn der Bau bereits fertig geplant ist. Dass dies anders sein kann, zeigen fünf Beispiele: Gebäude mit raumprägenden Fußböden, die ein wichtiger Bestandteil des architektonischen Konzepts sind.

Rhythmisierung des Schulalltages

Mit dem richtigen Material für den Boden die Besonderheiten der Architektur, ihrer Funktion und Organisation zu stärken, dass ist Ziel von Behnisch Architekten aus Stuttgart. In ihrem Schulbau in Ergolding nahe Landshut haben die Architekten ein Ambiente geschaffen, in dem sich die Nutzer wohl fühlen und leicht orientieren können. Die 12.500 Quadratmeter des Gymnasiums zeichnen sich durch unterschiedliche Bodenmaterialien und Farben aus, um Klassenräume, Flure, Etagen und Aufenthaltsbereiche zu kennzeichnen. So wurden die einzelnen Etagen mit intensiven Farben wie Orange, Blau oder Hellgrün an Wänden und Böden versehen, damit sich die Schüler einfacher im Gebäude orientieren können. Für die Flure Linoleum wurde gewählt, während in den Klassen- und Lehrerzimmern Kugelgarnteppiche zum Einsatz kommen, die Geborgenheit schaffen sollen. „Wir wollten eine Rhythmisierung des Schulalltages erreichen, hier das Atrium mit seinen Wegen und Plätzen, dort das Wohn(Klassen)zimmer“, so Robert Hösle von Behnisch Architekten. Er erklärt, dass man als Architekt dem Bodenbelag generell mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Kommunikativer Verlauf

Mit Klienten wie Walmart, Brooks Brothers, Levi’s, Nestlé, UPS, Samsung, Nike und Google gehört die kanadische PR-Agentur Apex aus Toronto zu den großen Playern im Kommunikationsbusiness. Für ihr neues Büro wählten sie in Zusammenarbeit mit den Architekten HOK Canada die modular verlegbaren „Curious“-Teppichfliesen vom belgischen Anbieter Mohawk aus der „State of Mind II“-Kollektion. Entstanden sind helle Räume mit grauer und weißer Möblierung und Farbakzenten in Orange, Magenta und Türkis. Die leuchtende Farbpalette wird im Zusammenspiel mit dem Boden durch einen Farbverlauf von Hell- über Mittelgrau bis Anthrazit effektvoll unterstrichen. Die Teppichfliese „Curious“ besteht aus der von Mohawk neu entwickelten lichtechten und schmutzabweisenden DuraColor-Faser aus Nylon und ist mit einem EcoFlex ICT-Unterbelag ausgestattet. „Die Fußbodengestaltung hat das Design und die fließenden Übergänge der Räumlichkeiten miteinander verbunden – von den offen gestalteten Zonen bis zu unseren individuellen Meetingräumen“, sagt Kenneth Evans, Senior Vice President von Apex PR. Und fügt hinzu: „Es sieht spektakulär aus!“.

All-over-Turnhout

Makkink Bey aus Rotterdam sind bekannt für ihre ganzheitlichen Architektur- und Designkonzepte. Für ein Wohnhaus von Kunstsammlern im belgischen Turnhout hat das Duo aus Architektin Rianne Makkink und Designer Jürgen Bey einen besonders effektvollen Boden gestaltet, der ihr Architekturkonzept unterstreicht. Grafische, geschwungene Linien ziehen sich dort über Boden, Wand und Vorhänge und machen die Räume zu einem selbstständigen Kunstwerk. In anderen Zimmern setzt sich der Belag aus verschieden farbigen Holzdielen zu einem All-over-Muster zusammen. Im Schlafzimmer greift eine Bettumrandung mit unregelmäßiger Silhouette die Struktur des Bodens auf, bleibt aber als Teppich erkennbar. Die Muster sind abstrakte Formen von den in dem Haus vorhandenen Strukturen der alten Marmor- und Holzböden – und geben dem Ganzen eine verspielte Note.

Kieselsteine zur Entspannung

Im Entrée der Entbindungsstation des Essener Elisabeth-Krankhaus heißt ein Wand-Graffiti die werdenden Mütter mit folgendem Spruch willkommen: „Sterne fallen nicht vom Himmel, sie werden geboren“. Die daneben gezeigten, aufgeschichteten Kieselsteine sind der Eyecatcher des neuen Corporate Designs, entworfen von Kölner Innenarchitektin Sylvia Leydecker. Leydecker, die mit ihrem Büro 100% Interior vorwiegend Projekte im Büro- und Klinik-Bereich betreut, geht es um Räume, die Identität schaffen – und im Falle der Entbindungsstation explizit um eine Atmosphäre, die Stress reduzieren soll. Die Kieselsteine sind das optisches Erkennungsmerkmal für Möbel, aber auch für den Boden. Dabei fügen sich die Kiesel sich als abstrahiertes Bodenbild in den hellen Kautschuk-Belag fugenlos ein, da sie per Ultraschall-Technologie ausgeschnitten wurden. „Der Boden“, so Leydecker, „kann Bereiche definieren, begrenzende Wände ersparen und spielt im Raum eine große Rolle, weil er mit seiner Präsenz als ‚Passepartout‘ eine entscheidende Wirkung besitzt.“

Willkommen im Varieté

„F3“ steht für „Futur 3“ – und ist programmatischer Titel des Schmela-Hauses in Düsseldorf und der dort stattfindenden Veranstaltungsreihe, die jeden Donnerstagabend die Zukunft von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft, Stadt und Museum auf den Prüfstand stellt. 1971 hatte der niederländische Architekt Aldo van Eyck das kantige Haus in der Düsseldorfer Altstadt für den Kunsthändler Alfred Schmela erbaut, seit 2009 ist es nun auch ein weiterer Standort der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die die Veranstaltungsreihe organisiert. Für diesen außergewöhnlichen Ort hat der Düsseldorfer Künstler Andreas Schmitten 2013 die Installation „Ein Set für das Schmela Haus“ geschaffen: Versatzstücke aus futuristischer Hotelbar, Varietétheater und opulenter Lounge in satter Farbgebung stehen in spannendem Kontrast zur strukturalistischen Architektur. Auf beiden Etagen hat Schmitten den Webteppich „Nandou“ von Vorwerk verwendet. Im Untergeschoss, bei Bühne und Sitzreihen, ist der Boden in kräftigem Violett mit kontrastierendem Hellgrün gestaltet. In der Bar auf der darüberliegenden Etage korrespondiert der zweifarbig nuancierende Teppich mit einem roten Bartresen und dem schwarz-weiß gestreiftem Kuppeldach. Nun sei das Schmela-Haus ein „idealer Freiraum für kommende Diskurse und Fragestellungen eines Museums im 21. Jahrhundert“, betont die für die Programmreihe verantwortliche Kuratorin Doris Krystof.

All diese Beispiele zeigen, dass die Wahl des richtigen Bodens nicht einfach nur eine Nebensache ist, sondern als „vierte Wand“ der Architektur eine bedeutende Rolle zukommt und die Raumqualität maßgeblich beeinflusst. Während es in den vergangenen Jahren vielmals um Imitationen von Naturböden ging, eröffnen die neuen Bodenbeläge durch neue Materialien und Verlegetechniken neue Gestaltungsspielräume – und ein Bonus für den, der sich mit ihnen auseinandersetzt.

Gymnasium in Ergolding: Für die Flure wurde Linoleum gewählt, während in den Klassen- und Lehrerzimmern Kugelgarnteppiche zum Einsatz kommen. Foto © David Matthiessen
Die einzelnen Etagen wurden zur besseren Orientierung mit intensiven Farben wie Orange, Blau oder Hellgrün versehen. Foto © David Matthiessen
In der PR-Agentur Apex in Toronto wurden die modularen „Curious“-Teppichfliesen vom belgischen Anbieter Mohawk aus der „State of Mind II“-Kollektion verlegt. Foto © Steve Tsai
Die leuchtende Farbpalette der Möbel wird durch den Boden in Hell- über Mittelgrau bis Anthrazit effektvoll unterstrichen. Foto © Steve Tsai
Kieselsteine sind der Eyecatcher des neuen Corporate Designs für die Entbindungsstation des Essener Elisabeth-Krankhaus. Foto © 100% Interior Sylvia Leydecker
Für das Schmela-Haus in Düsseldorf hat Künstler Andreas Schmitten 2013 eine futuristische Hotelbar samt Varietétheater geschaffen. Foto © Niels Schabrod
Fugenlos dank Ultraschall-Technologie: Die Kiesel als abstrahiertes Bodenbild im hellen Kautschuk-Belag. Foto © 100% Interior Sylvia Leydecker
Freiraum für Diskurse: Auf beiden Etagen hat Schmitten den Webteppich „Nandou“ von Vorwerk verwendet. Foto © Niels Schabrod
Verspielte Note in Turnhout: Die Muster sind abstrakte Formen von den in dem Haus vorhandenen Strukturen der alten Marmor- und Holzböden. Foto © John van Groenedaal, Studio Makkink Bey and Senso

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