Stets geerdet, hoch hinaus
Über das serielle Bauen und modulare Aufbewahrungssysteme bis zu ikonischen Stahlrohrmöbeln blickte Charlotte Perriand (1903 – 1999) mit ihren Entwürfen über die eigene Gegenwart hinweg in die Zukunft: "Charlotte Perriand dachte Gestaltung ganzheitlich – als Lebensentwurf, als Brücke zwischen Kunst, Design und Architektur und als Ausdruck politischer Haltung. Genau darin liegt die Verbindung zu unserer Programmatik: Auch die Kunstmuseen Krefeld verstehen sich als Ort, an dem Gestaltungsfragen immer auch gesellschaftliche Fragen sind. Perriands Werk ist ein kraftvoller Beleg dafür, wie ästhetische, soziale und ökologische Verantwortung zusammenwirken können – und damit heute aktueller denn je", so Museumsdirektorin und Kuratorin Katia Baudin. "Möbel für die Masse" wollte Perriand entwerfen, um mit praktischen wie komfortablen Entwürfen einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen und ihr Leben zu bieten, das oft auf kleinem Raum stattfand. Dafür bewegte sie sich gestalterisch an den vermeintlichen Grenzen der Disziplinen und kombinierte unterschiedliche Strömungen der Gestaltung.
Der Blick auf das facettenreiche Schaffen von Perriand umfasst über 500 Exponate. An diesen lässt sich ihre Zusammenarbeit mit dem Architekten und Möbeldesigner Le Corbusier und dessen Cousin, dem Schweizer Architekten Pierre Jeanneret, ablesen, für dessen Architekturen sie zehn Jahre lang die Innenausstattung entwarf. Es folgte unter anderem eine Tätigkeit als Industriedesign-Beraterin für das japanische Ministerium für Handel und Industrie in Tokio und Entwürfe von Objekten, die speziell darauf ausgerichtet waren, durch lokale HandwerkerInnen realisiert zu werden. Der stapelbare "Ombra Tokyo Chair" aus Sperrholz, als Hommage an die japanische Kunst des Papierfaltens kreiert, ist bis heute in Japan ein Klassiker. Als eine der AvangardistInnen der Moderne prägte sie mit ihren Arbeiten, ihrer Reiselust und einem unabhängigen Lebensstil die Epoche maßgeblich mit.
Parallel werden mittels begehbaren Raumkonstruktionen eindrucksvolle Einblicke in ihre innenarchitektonischen Projekte gewährt: Stets auf die Symbiose aus Mensch und Natur bedacht, konzipierte sie für diese ein stimmiges Gesamtbild aus vielen Details, wie für die Ferienanlage Les Arcs in Savoyen. Auch fotografische Arbeiten und Experimente gehören zum facettenreichen Werk von Charlotte Perriand. Ihre kreative Entwicklung kann anhand der Exponate von den 1920er bis in die 1970er Jahre nachvollzogen werden: Während sie zu Beginn Ihrer Karriere beispielsweise in erster Linie industriell gefertigte Materialien verwendete, und Holz als natürlichen Rohstoff aufgrund seiner Vergänglichkeit mied, fand sie bei ihrem Aufenthalt in Japan einen Zugang zu dem Material und entwarf daraufhin eine Version der "Chaise longue basculante" aus Bambus und Holz.
Partner der Schau ist der italienische Möbelhersteller Cassina, der als Einziger berechtigt ist, die von Charlotte Perriand entworfenen Möbel zu bauen. Dank der Leihgaben und der philologischen Forschung des Unternehmens, können die Besucherinnen und Besucher eine originalgetreue Rekonstruktion des "Équipement intérieur d’une habitation" erleben, das Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand für den Salon d’Automne in Paris im Jahr 1929 entwarfen. Neben dem Frühwerk sind auch originalgetreue Rekonstruktionen der Arbeiten aus späteren Jahre zu sehen, die für die wegweisenden Ausstellungen in Tokio in den Jahren 1940 und 1955 entstanden. Mit diesen schuf sie eine Verbindung zwischen westlicher Moderne und japanischer Tradition. Aktuell feiert Cassina das 60-jährige Jubiläum der Kollektion "Le Corbusier®, Pierre Jeanneret®, Charlotte Perriand®" mit einer Sonderausgabe: Die ersten vier Modelle sind für begrenzte Zeit in intensiven Rot-, Blau- und Grüntönen erhältlich. Die limitierte Edition wurde in Zusammenarbeit mit der Stiftung Le Corbusier und den Erben von Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand gestaltet und ist Teil der Serie 'durable', die mit Materialien der Kreislaufwirtschaft realisiert wird. Die Weiterentwicklung verleiht der Kollektion einen neuen Blickwinkel und unterstreicht deren fortdauernde Aktualität. Beständig sind auch ihre Leuchtenentwürfe, wie "Applique á Volet Pivotant", gefertigt aus Aluminum und mit verstellbaren Diffusor aus dem Jahr 1962, die heute von Nemo Lighting produziert wird.
Bedingt durch die patriarchalen Strukturen ihrer Zeit kam ihrem Werk über viele Jahre nicht die Bedeutung zu, die es verdient hätte – die international bekannte Liege "Chaise longue basculante" wie den Sessel "Fauteuil grand confort" meldete Le Corbusier etwa alleinig zum Patent an, obwohl Perriand zu dessen Entwurf maßgeblich beigetragen hatte. "L'Art d'habiter / Die Kunst des Wohnens" ist so auch ein Blick auf eine emanzipierte Frau, an dessen Arbeit wie selbstbewussten Auftreten der Wandel der Gesellschaft in der Moderne ablesbar ist. Die Hauptausstellung in Krefeld wird im Kaiser Wilhelm Museum (KWM) und Haus Lange zu sehen sein. Anschließend kann sie vom 8. Mai bis zum 13. September 2026 im Museum der Moderne in Salzburg und vom 22. Oktober 2026 bis zum 27. Februar 2027 in der Fundació Joan Miró in Barcelona besucht werden.
Charlotte Perriand. L'Art d'habiter / Die Kunst des Wohnens
Vernissage: 2. November 2025, 11:30 Uhr
2. November 2025 bis 15. März 2026
Kunstmuseen Krefeld
Telefon: +49 2151 975580
Kaiser Wilhelm Museum
Joseph-Beuys-Platz 1
47798 Krefeld
Haus Lange, Haus Esters
Wilhelmshofallee 91–97
47800 Krefeld
Öffnungszeiten:
Kaiser Wilhelm Museum
Di–So 11–17 Uhr
Haus Lange, Haus Esters
geschlossen bis 1. November 2025
Montags geschlossen, am 24., 25., 31. Dezember geschlossen

Charlotte Perriand. Die Kunst des Wohnens
Herausgegeben von: Katia Baudin, Waleria Dorogova
Texte von: Jacques Barsac, Katia Baudin, Veronique Boone, Pia Debray Sandelin, Waleria Dorogova, Katharina Ehrl, Barbara Herzog, Michel D'hoe, Giulia Marino, Martina Millà, Pernette Perriand-Barsac, Arthur Rüegg, Émile Wiseur
Gestaltet von: Armand Mevis
Institution: Kunstmuseen Krefeld, Kaiser Wilhelm Museum
Sprache: Deutsch
Februar 2026
256 Seiten, 200 Farbfotos
ISBN: 978-3-7757-6164-2
44 Euro


















