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Craftsmanship & Design
Der immer junge Salone Satellite
04.04.2013
Schmuckdose „Ö” von Mark Braun, Foto © Inka Recke

Die drei Nachwuchsdesigner aus Tirol schafften es 2008 mit ihrem Stand auf der Mailänder Möbelmesse zwar in die Abendnachrichten des österreichischen Fernsehens, einen Produzenten für ihre drei Prototypen fanden sie zunächst aber nicht. Das gelang Pudelskern erst ein Jahr später: Wieder nahmen Nina Mair, Georg Öhler und Horst Philipp an der Talentschau der Messe, dem „Salone Satellite“, teil, und dieses Mal wurde ihr Entwurf „Granny“ entdeckt. Die Leuchte mit ihrem – wie von einer Großmutter – umstrickten Schirm aus reiner Schurwolle vom Tiroler Bergschaf wird seither von Casamania hergestellt.

Auch ein weiteres Jahr später, 2010, zog es die dann schon nicht mehr ganz so jungen Nachwuchsdesigner aus Innsbruck zum dritten und letzten Mal zu der kuratierten Veranstaltung auf das Messegelände in Rho vor den Toren der lombardischen Metropole. „Wir wollten noch einmal zeigen, was wir können und wie breit unser Spektrum geworden ist“, sagt Georg Öhler, der Architektur in Innsbruck und Madrid studierte und heute sein eigenes Studio (Georg Œhler Design) in London hat. Sechs Jahre war er Teil von Pudelskern. Zu dritt gingen sie – wie Faust in Goethes Tragödie – den Dingen auf den Grund. Die drei Jahre beim Salone Satellite nennt Öhler ein großes Abenteuer und „die Basis des restlichen Berufslebens“. Wie man zum Salone Satellite kommt? „Mit einer E-Mail.“

Wie viele E-Mails jedes Jahr bei der Mailänder Möbelmesse aus aller Welt eingehen, lässt sich nur schwer ergründen. Nur ganz am Anfang, vor fünfzehn Jahren, als Marva Griffin den ersten Salone Satellite organisierte, musste die Kuratorin sich um die Teilnehmer für die damals noch unbekannte Veranstaltung bemühen. Danach stieg die Zahl der Bewerbungsschreiben von Jahr zu Jahr wie von selbst, und auch die Zahl der Teilnehmer.

In diesem Jahr werden wieder rund 750 junge Designer – unter ihnen 600, die nicht aus Italien stammen –, an der international größten und bedeutendsten Schau für junge Talente teilnehmen. Dazu siebzehn Design-Hochschulen aus elf Ländern. Deutschland ist mit der „Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“ und der „Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe“ vertreten. Rund 150 Stände stehen zur Verfügung, an die 3000 Quadratmeter Fläche ist der Messe dieses beim Publikum so beliebte Ereignis wert. 2012 wurden fast 60.000 Besucher verzeichnet. Das Besondere daran: Der Nachwuchsbereich ist für jedermann und nicht nur für zahlende Messegäste zugänglich.

Marva Griffin wollte von Anfang an eine möglichst große Öffentlichkeit für junge Talente. Und sie wollte, dass Nachwuchsdesigner Kontakte zu Herstellern knüpfen konnten – direkt auf dem Messegelände, denn nur dort haben sie überhaupt eine Chance, wahrgenommen zu werden. An diesem Brückenschlag arbeitet die Kuratorin jedes Jahr aufs Neue. In diesem Jahr bringt Marva Griffin Handwerk und Design zusammen, eine reizvolle Kombination, auch weil es unübersehbar seit längerem schon im Design einen Trend zu mehr Handwerkskunst gibt. Das Thema der sechzehnten Ausgabe des Salone Satellite lautet „Craftsmanship & Design: Together for Industry“. Teil der Schau sind Werkstätten, in denen mit Glas, Metall und Holz gearbeitet wird, und per Video wird der Umgang mit Plastik und Gewebe gezeigt, was sicherlich noch mehr Neugierige anlocken wird.

Viele Legenden ranken sich mittlerweile um den Salone Satellite. So hält sich nachdrücklich das Gerücht, die Bouroullecs seien von Giulio Cappellini bei der Mailänder Talentschau entdeckt und von ihm sogleich groß herausgebracht worden. Das aber stimmt nicht: Das bretonische Brüderpaar Ronan und Erwan Bouroullec präsentierte bereits 1997, also ein Jahr bevor Marva Griffin ihre geniale Idee hatte, seine „Disintegrated Kitchen“, und das auch nicht in Mailand, sondern auf dem Salon du Meuble in Paris, wo ihnen Cappellini dann schicksalshaft über den Weg lief.

Einige andere inzwischen bekannte Designgrößen haben ihr Fortkommen allerdings dem Salone Satellite zu verdanken, unter ihnen der Münchner Stefan Diez. Er gehörte zu den Auserwählten im Jahr 2002 und zeigte auf einem gemeinsamen Stand mit dem gebürtigen Luxemburger Christophe de la Fontaine Produkte unter dem Namen „La Strada“. Die beiden, die sich an der Stuttgarter Kunstakademie in Kursen unter anderen von Richard Sapper kennengelernt hatten, standen in Mailand im Mittelpunkt des Interesses, schon gar, nachdem sie den „design report award“ gewonnen hatten. Ausgezeichnet wurde zum Beispiel „Big Bin“ von Stefan Diez, Eimer, die sich dank ihrer schrägen Wände und Griffrinnen ganz einfach zu einem Regal stapeln lassen. Sie sind seit 2003 bei Authentics im Programm.

Der Förderpreis „design report award“, ausgelobt mit 7500 Euro, wird traditionell seit 2000 auf dem Salone Satellite vergeben. Die Jury ist international und namhaft besetzt, zu den Juroren zählten bereits Werner Aisslinger, Nitzan Cohen, Konstantin Grcic, Ross Lovegrove, Patricia Urquiola und Hannes Wettstein. Im vergangenen Jahr hatte der einstige Gewinner Christophe de la Fontaine, der heute sein eigenes Studio in Mailand leitet, sein Urteil abzugeben. In diesem Jahr gehört der Londoner Designer Benjamin Hubert zur Jury. Gesucht wird das größte Designtalent unter all den Talenten – nach der Vorgabe: „Das gut Gedachte ist uns wichtiger als das perfekt Gemachte“. So beschreibt Lars Quadejacob, Chefredakteur des „design report“, wonach die Juroren suchen sollen.

Im Jahr 2009 wurde die Jury bei Mark Braun fündig. Der ausgebildete Schreiner, der an der Fachhochschule Potsdam Design studierte und inzwischen sein eigenes Studio in Berlin hat, bekam zwar nicht den ersten Preis, die Jury zeichnete ihn aber mit dem „Special Mention design report award“ aus. Den Ausschlag für die Preisrichter gab seine Deckenleuchte „Pyrus“ mit ihrem riesigen Schirm aus Pappmaschee. Dabei sollte sie eigentlich nur viel wertvollere Prototypen ins rechte Licht rücken – die kleinen Porzellandosen mit Namen „Ö“. Die äußerlich wie einfache Kieselsteine wirkenden Schatullen sind innen mit Gold überzogen und werden seit 2010 von Raumgestalt produziert. Und auch die Leuchte „Pyrus“ wurde entdeckt und später von der Berliner Galerie Karena Schüssler aufgenommen.

Mark Braun, Jahrgang 1975, nutzte den Salone Satellite als „markenbildendes tool“, wie er sagt. Auch er war die erlaubten drei Mal auf der Talentschau, von 2007 bis 2009, um sein ganzes Können und die Vielfalt seines Portfolios zu zeigen. Mit Erfolg: Nicht nur sein Name prägte sich als Marke ein, auch fast alle seine in Mailand gezeigten Prototypen sind in Serienproduktionen gegangen, was allein schon für die Qualität seiner Arbeiten spricht. Genauso wie für die Kuratoren um Marva Griffin, die gemeinsam mit ihr die Besten der Besten aus den Bewerbungen herausfischen und nach Mailand einladen (in diesem Jahr unter anderen Carlo Colombo und Beppe Finessi).

Zudem vergibt auch der Salone Satellite einen Nachwuchspreis, der mit 10.000 Euro dotiert ist, jeweils 5000 Euro gibt es für zwei weitere der ebenfalls von Juroren ausgewählten Talente. Berücksichtigt werden die drei besten Produkte, die Bezug auf die den Salone begleitenden Messen nehmen, 2013 besonders auf die Euroluce.

Auf der Euroluce ist in diesem Jahr auch ein Entwurf von Mark Braun zu sehen: Seine Leuchtenserie „Bell“ aus Porzellan hängt in dem neuen Farbton Gelb am Stand des norwegischen Herstellers Northern Lighting. Für ihn, sagt der Siebenunddreißigjährige, habe sich der Salone Satellite mehr als gelohnt. „Ich hatte eine wahnsinnig gute Presse.“ Und er habe wichtige Kontakte knüpfen können, aus denen greifbare Projekte wie eben für Northern Lighting wurden. Selbst finanziell, sagt Braun, habe am Ende immer eine schwarze Null gestanden, allerdings auch nur, weil er das erste Mailand-Jahr auf einem Campingplatz wohnte und danach in einem vergleichsweise preiswerten Hotel in Verona unterkam.

Der Salone Satellite ist teuer, gerade für Studenten aus Übersee, die sich mutig mit Prototypen auf den Weg nach Italien machen. Diese Erfahrung machte aber auch Pudelskern aus dem so nahen Österreich, wie Georg Öhler berichtet. Das Trio aus Tirol hatte sich gerade erst ein paar Monate gefunden, als sie sich 2007 neugierig zum ersten Mal auf den Weg zur größten Möbelmesse der Welt machten. Dabei entdeckten sie natürlich auch die Ausstellungsfläche für den Nachwuchs. Kaum zurück in der Heimat, schickte Pudelskern die bereits erwähnte E-Mail an Cosmit, den Ausrichter des Salone Internazionale del Mobile, um sich über die Teilnahmebedingungen zu informieren. „Zum Glück hatten wir drei unveröffentlichte Prototypen fertig, mit denen wir uns bewerben konnten“, erzählt Öhler.

Die Juroren für das Jahr 2008 ließen sich von den Fotos des floral geschmückten Lounge Chairs mit Namen „Calla“, der drinnen und draußen stehen kann, des modularen Möbelbausystems „Flip“ aus Zirbenholz und Aluminium sowie des aufblasbaren Raumteilers „Blow Job“ überzeugen. Pudelskern bekamen ihre Tickets für Mailand, die sie allerdings selbst zahlen mussten. Und nicht nur das, wie Öhler sagt. Die Messe stellt den Stand zwar zur Verfügung, drei Größen sind im Angebot: 16, 32 oder 64 Quadratmeter für aktuell 2500, 4400 und 9000 Euro (plus 21 Prozent Umsatzsteuer). Die Standmiete müssen die jungen Designer aber selbst übernehmen. Für Studenten ist das eine Menge Geld, auch weil sie sich auch eine Woche Mailand zu Messezeiten leisten müssen.

Pudelskern schlief im ersten Jahr acht Nächte in einem Wohnmobil auf dem Parkplatz der Messe. Dort konnten sie allerdings auch wertvolle Kontakte knüpfen, nicht nur zu anderen Satellite-Teilnehmern, sondern zum Beispiel auch zum damaligen Messeparkplatzschläfer und Möbelproduzenten Nils Holger Moormann aus Aschau im Chiemgau. Trotzdem sei die Woche im Wohnmobil natürlich wahnsinnig anstrengend gewesen, sagt Öhler. „Wir mussten ja tagsüber an unserem Stand die Leute für uns und unsere Arbeiten begeistern.“ Eine vernünftige Dusche sei da schon hilfreich.

Doch daran allein lag es wohl nicht, dass ihr zweites Jahr in Mailand – dieses Mal schliefen und duschten die drei in einer richtigen Herberge – wesentlich erfolgreicher verlief. Ihre Kollektion aus Schafswolle, darunter die Leuchten „Granny“ und „Feeler“, der Teppich „Fat Sheep“ sowie der Tisch „Morse Table“, wurde international in vielen Medien besprochen. Drei der vier genannten Prototypen gingen in Produktion, für die Leuchte „Feeler“ interessierte sich Flos, eine Zusammenarbeit kam letztlich nicht zustande. Und auch Pudelskern ist – gewissermaßen postum – in diesem Jahr wieder in Mailand: Ihre Möbelserie „Auí – alpine living“ ist in einer Sonderschau der österreichischen Möbelindustrie mit dem Namen „Austrian Design Details“ zu sehen, in dem ehemaligen Textilbetrieb Salone di Tessuti in der Nähe der Piazza della Repubblica.

Auch der Offenbacher Designer Sebastian Herkner hat auf dem Salone Satellite sein Glück gemacht. Drei Mal war er in Mailand, drei Mal nutzte er die Chance, die ihm Cosmit und vor allem Marva Griffin bot. Beim dritten Mal in der Satellite-Halle 22 hatte er sich nicht nur schon einen Namen erarbeitet, er hatte auch ein Produkt vorzuweisen, das bereits in Serie hergestellt wurde – seinen „Clip Chair“. Der schlichte Stuhl aus hellem Eschenholz hatte das niederländische Unternehmen De Vorm überzeugt. So konnte Herkner 2011 auf seinem 16-Quadratmeter-Stand, den er sich mit den zwei ehemaligen Kommilitonen Reinhard Dienes und Kai Linke von der „Hochschule für Gestaltung“ in Offenbach teilte („Alleine wäre es einfach zu teuer“), neben Prototypen bereits ein erfolgreiches Serienprodukt zeigen, das seinen Namen verdient: Den beiden verlängerten Hinterbeinen seines Stuhls hat Herkner zwei PVC-Kappen aufgesetzt, an denen die Rückenlehne mittels Noppen befestigt ist – fast wie bei Druckknöpfen.

Zu den neuen Entwürfen des Dreißigjährigen zählten einige einfache Metallkörbe, schlicht „Bask“ genannt, mit einem Flechtwerk aus reißfesten Papierfäden. Das Material habe er auf einer Spanienreise entdeckt. „Das hat mich so fasziniert, dass ich unbedingt etwas daraus machen wollte.“ Dafür bekam er den mit 8000 Euro dotierten Nachwuchs-Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, der vom Bundeswirtschaftsminister gestiftet und dem Rat für Formgebung mit Sitz in Frankfurt vergeben wird.

Und er bekam die Aufmerksamkeit von einer der international bekanntesten Designerinnen, von Patricia Urquiola, die seit langem schon für Moroso entwirft. Patricia Urquiola kam tatsächlich eigens mit Patrizia Moroso am Stand der drei Offenbacher vorbei, um sich die Prototypen Herkners anzusehen. Sie war begeistert – und nur ein Jahr später schon stand Herkner in der großen Messehalle 16 neben Patricia Urquiola und stellte seinen Sessel „Coat“ vor, produziert von Moroso. (pps)

www.cosmit.it
www.pudelskern.at
www.georgoehler.co.uk
www.stefan-diez.com
www.markbraun.org
www.sebastianherkner.com

Die Leuchten „Bell" und „Pyrus", beide entworfen von Mark Braun, Fotos © Northern Lighting (links), Inka Recke (rechts)
„Coat" und „Bask" von Sebastian Herkner für Moroso, Foto © Moroso
Die Stuhlserie „Clip" von De Vorm, entworfen von Sebastian Herkner, Foto © De Vorm
„Big Bin" von Stefan Diez, Foto © Authentics
„Bent" von Stefan Diez und Christophe de la Fontaine, Foto © Moroso
Die Leuchte „Granny", entworfen von Pudelskern, Foto © Casamania
Kollektion „Auí" von Pudelskern, Foto © Markus Bstieler

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