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Die Ausstellung im Dänischen Pavillon gleicht einer Wunderkammer.

Architektur für alle!

Der Dänische Pavillon in Venedig ist dieses Jahr eine Wunderkammer. Vollgestopft mit Architekturmodellen zeigt sie, wie Architektur aktiv eingesetzt werden kann um große und kleine Themen der Gesellschaft mit Architektur zu verbessern.
von Mikala Holme Samsøe und Amandus Sattler | 10.11.2016

Der Dänische Pavillon in Venedig ist dieses Jahr eine Wunderkammer. Vollgestopft mit Architekturmodellen zeigt sie, wie Architektur aktiv eingesetzt werden kann um große und kleine Themen der Gesellschaft mit Architektur zu verbessern.

Die Ausstellung dieses Jahr kann man als Antwort auf die vorherige Biennale sehen: 2014 wurde auf der Architekturbiennale in Venedig die Ermächtigung der Ästhetik noch als Baustelle präsentiert. Der Neon-Schriftzug an der Fassade des Dänischen Pavillons: „Empowerment of Aestetics“ war mit einer Baustellenabsperrung umgeben. Damit war das wichtige Thema für Architektur und Gesellschaft definiert und als Auftrag formuliert. Die Ausstellung war als Fest der Sinne inszeniert das die Besucher unmittelbar riechen, fühlen und hören ließ. Dabei wurde unmissverständlich klargestellt, dass wir die Ästhetik viel zu lange gegenüber der Technik vernachlässigt haben, obwohl sie für Strategien der Nachhaltigkeit entscheidend ist. 

Der Dänische Pavillon 2014 zeigte die Baustelle für die Ermächtigung der Ästhetik.

Dieses Jahr zur Biennale zeigen die Dänen, wie man diese Forderung umsetzt.  „Reporting from the Front“ ist die große Überschrift des Kurators Alejandro Aravena der Biennale 2016 und die Dänen rapportieren eine wichtige Botschaft: Sie demonstrieren, wie mit Architektur für alle, die Lebensqualität der Menschen verbessern werden kann. 

„Leistungsschau“

130 Projekte von 60 Büros werden in einem Teil des Pavillons mit Modellen gezeigt. Nur eine Handvoll davon sind Visionen. Alle anderen sind in Dänemark oder international, entweder realisiert, oder im Bau, oder in der Planung. Die Modelle werden auf mehreren Ebenen eines eingebauten Baustellengerüstes präsentiert, über das man sich als Besucher bewegt. Dabei wird es einem schwindlig bei dem Gedanken, dass ein Land mit 5 Millionen Einwohnern das alles realisieren kann.  Es ist keine Leistungsshow. Es ist die Wirklichkeit!

Die Ausstellung zeigt den Alltag in unserem Nachbarland, der scheinbar ein Anderer ist, als in unserem Land. Es ist wirklich überraschend,  wie viele Projekte, von dieser generell hohen architektonischen Qualität unterstützt und umgesetzt werden. Hier wird physische Umgebung geschaffen, nicht für eine Elite, sondern für Jedermann, um für alle den Lebensraum zu verbessern.

Die Modelle werden auf mehreren Ebenen eines eingebauten Baustellengerüstes präsentiert.

Art of Many

„Art of Many – and the Right to space” der Titel der Ausstellung charakterisiert die Dänische Architektur, die sich nicht mit Prestige Projekte und Eye-catchers, über eine standardisierte Massenproduktion von Alltagsarchitektur abhebt. Im Gegenteil: wenn man durch die Landschaft und die Städte fährt, ist die dänische Architektur geprägt von einer konzeptionellen und differenzierten Qualität, geschaffen von einem breiten Feld von Architekten und Zusammenarbeitspartnern. Es ist eine Baukunst für viele „Art of Many“ – for Many.

Man erlebt wie - Kindergärten, Krebszentren und Wärmekraftwerke – aber auch wie Städte geplant werden, in einer Art und Weise das es hochwertigen öffentlichen Raum und Platz für alle gibt und die gebaute Umwelt das Leben des Menschen verbessert. Sie ist pragmatisch, spielerisch und manchmal auch poetisch.

Die Architekturmodelle zeigen Lösungen für ein aktuelles gesellschaftliches Problem, das auf den kleinen Ausstellungstafeln in kurzen Worten beschrieben wird: z.B. die Bevölkerung wird Älter; Es regnet kräftiger; oder Menschen aus anderen Kulturen müssen integriert werden.  

Die Architekturprojekte sind geordnet nach fünf aktuellen Themen: Exit Utopia, Designing Life, Pro Community, Beyond Luxury, Claiming Space. Diese Themen sind im englischsprachigen Katalog ausführlicher beschrieben und debattiert. Das Thema „Exit Utopia beschreibt z.B. wie Wohlstand und Verbrauch eng verbunden, und wir dabei sind, unsere begrenzte Ressourcen auszuschlachten. 

Die Ausstellung ist in fünf Themen gegliedert.

Es wird klar, dass Architektur dazu beitragen muss, Luxus neu zu definieren um Lebensqualität für die Gesellschaft auch im 21. Jahrhundert zu sichern. Diese Thematisierung setzt die ausgestellten Architekturprojekten auch in einen größeren Kontext. Als Besucher werden wir dabei darin erinnert, dass Bauen kein Selbstzweck ist und wir daran denken müssen, jetzt das zu planen, was man vielleicht erst in 10 Jahren benötigt. Architektur bekommt damit mehr Relevanz und dient einem höheren Zweck. 

Right to space

Die zwei Kuratoren - ein Philosoph, Kristoffer Lindhardt Weiss  und ein Architekt Boris Brorman Jensen – berichten im Katalog, dass der eigentliche Kampf in der Architektur- und Planungsbranche, um das „Recht des Raumes“ geht. Insbesondere das Recht am öffentlichen Raum und dessen Qualität. Es geht nicht um den architektonischen Stil, vielmehr geht es um den ‚Impact’ auf das Leben, die Methodik die verwendet wird und die sozialen Konsequenzen.

Aus einer deutschen Perspektive gesehen ist es interessant zu beobachten, wie man in Dänemark  schon seit der Jahrtausendwende auf das fokussiert ist, was Architektur für den Menschen leisten kann, statt hauptsächlich darüber zu diskutieren was es kostet, oder ob es sicher und flexibel genug ist.

Schon Anfang 2000 war „Design to improve Life” ein Schlagwort und Design Thinking wurde generell in privaten und öffentliche Organisationen, als ein gutes Werkzeug zur Problemlösung anerkannt. Auch in den Architekturschulen lernen Studenten wie Design Methodik nicht nur zur Formfindung sondern auch zur Gestaltung von Prozessen verwendet werden kann.  

„Design to improve Life”

Diese Denkweise fördert auch, dass man sich als Architekt breiter orientiert und auch die Gesellschaft, zum Beispiel in der öffentliche Verwaltung oder privaten Wirtschaft, außerhalb des Architekturbüros, ästhetisch mit gestaltet.

In Dänemark wurde ein demokratischer Wohlfahrtsstaat im wörtlichen Sinne „gebaut“ und gezielt mit Hilfe von Architektur und physischer Planung entwickelt. Bevölkerung, Behörden, private Bauherren und Politiker haben generell Verständnis dafür, dass gebaute Umwelt das Leben und unsere Möglichkeiten beeinflussen – und somit auch die Wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit und der Bruttonationalprodukt.

Der Katalog mit 130 Projekten könnte auch als Reiseführer für die nächste Architektur -Studientour nach Norden dienen um Inspiration, wie man Lebensqualität und eine Gesellschaft mit Architektur fördern kann, nicht nur für Architekten, sondern auch für Politiker, Entscheidungsträger und Behörden zu finden.