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Der 3D-Drucker ist keine magische Maschine

Im Gespräch:

Claire Warnier und Dries Verbruggen sind Unfold, ein Paar im Beruflichen wie auch im Privaten, das sich in den vergangenen Jahren mit 3D-gedruckter Keramik hervorgetan hat. Die beiden sind Absolventen der Design Academy Eindhoven und haben nach dem Studium ihr Studio in Antwerpen eröffnet. Aufgefallen sind sie 2011 mit ihrem Projekt „Kiosk“ im Rahmen der Mailänder Möbelwoche: Im Ventura Lambrate Design-Viertel haben sie einen 3D-Drucker mit dem Fahrrad herumkutschiert und Objekte direkt vor Ort gedruckt. Jüngst ist ihr Buch „Dinge Drucken – wie das 3D-Drucken das Design verändert“ im Berliner Gestalten-Verlag erschienen. Martina Metzner hat mit Claire Warnier und Dries Verbruggen ein Interview per Skype geführt.

Martina Metzner: Besitzen Sie denn 3D-gedruckte Objekte, die Sie jeden Tag benutzen?

Claire Warnier: Das ist eine gute Frage. Unsere Keramikobjekte benutzen wir jeden Tag.

Dries Verbruggen:
Es sind Dinge, die nicht wirklich auffallen, etwa kleine Brackets und Verbindungselemente, die wir für Ausstellungen brauchen. Sie sind alle custom-made, also individuell angepasst. Wir haben auch Kinderspielzeug hergestellt. Oder die Dinge aus unserem „Kiosk“-Projekt, wie etwa die Kopie einer Vase von Hella Jongerius aus Plastik (Claire Warnier hält die Vase dazu ins Bild).

Wie kamen Sie darauf, anstelle von Kunststoff Ton zu drucken? Und welcher Vorteil ergibt sich im Vergleich zu traditionellen Herstellungsweisen daraus?

Claire Warnier: Durch das Drucken hat man die Möglichkeit, Objekte mit komplexen Strukturen herzustellen. Wir mögen darüber hinaus kein Plastik, das am meisten verwendete Material. Daraus entstehen eher Prototypen. Das ist bei Ton anders, am Ende hat man ein wirkliches Produkt.

Dries Verbruggen: In Bezug auf herkömmliche Keramik-Tassen gibt es keinen wirklichen Vorteil. Nur, dass man sie alle unterschiedlich gestalten könnte. Wie Claire schon sagte, sehen wir die Vorteile in der Herstellung von hoch komplexen Keramik-Produkten. So haben wir im letzten Jahr mit dem französischen Parfumeur Barnabé Fillon zusammengearbeitet und ein Objekt kreiert, mit dem er Parfums herstellen kann. Das zweite Objekt, an dem wir arbeiten, ist ein Wasserfilter aus Ton für Entwicklungsländer. Das sind Objekte, die man zuvor nicht so produzieren konnte.

Wann haben Sie Ihren ersten Keramik-Drucker entwickelt?

Claire Warnier: Das war 2009, kurz nachdem die ersten RepRap-Drucker sich verbreiteten. Da fingen wir an, uns dafür zu interessieren und dieses Gerät zu verändern, um etwas anderes damit zu machen.

Dries Verbruggen: Uns interessierte schon im Studium in den 90er Jahren, wie man eine digitale Idee in ein real existierendes Objekt umwandeln kann. Wir wollten alte Handwerkstechniken mit der digitalen Technologie verknüpfen. Zu dem Zeitpunkt war das 3D-Drucken eine sehr starre Technologie, mit der man nicht experimentierte.

Glauben Sie, 3D-Drucken kann herkömmliche Herstellungsweisen ersetzen – und wie Sie im Buch beschreiben, eine neue industrielle Revolution auslösen?

Claire Warnier: Seit etwa zwei Jahren befinden wir uns in einer Phase, in der man stark mit dem 3D-Druck experimentiert, neue Möglichkeiten entdeckt. Das wollten auch wir auch mit dem Buch dokumentieren. Wir glauben aber nicht daran, dass irgendwann jeder einen 3D-Drucker zuhause stehen hat und seine eigenen Produkte ausdruckt. Zudem glaube ich auch nicht, dass es die industriellen Herstellungsweisen, die sich in den letzten hundert Jahren entwickelt haben, ersetzen wird.

Dries Verbruggen: Momentan gibt es eine große Lücke zwischen einer spezialisierten Handwerksfertigung, deren Output sich auf nur wenige Artikel beschränkt, und der Massenanfertigung von Produkten, die millionenfach hergestellt werden. Das 3D-Drucken wird sich genau in diesem Zwischenbereich bewegen, und daher kann man nicht sagen, dass es das ein oder andere ersetzen wird. Das erste, was wir sehen werden, sind lokale 3D-Druck-Dienstleister und damit eine gesteigerte Produktion von individuellen Gegenständen in geringerer Auflage. Womöglich wird durch das 3D-Drucken auch die Konsum-Mentalität verändert, so dass es weniger massenhaft produzierte Artikel, dafür mehr individuell abgestimmte Produkte auf Nachfrage geben wird.

Schauen wir in die Zukunft: Wie wird sich die Design-Branche durch das 3D-Drucken in den nächsten 15 Jahren verändern?

Claire Warnier: In fünf Jahren wird es sicher mehr FabLabs geben sowie kleine Druckshops. Onlineplattformen wie Shapeways werden an Bedeutung gewinnen.

In Ihrem Buch zeichnen Sie das Szenario, dass Designer zu Anbietern von Ideen werden und nicht mehr Schöpfer eines fixen Produkts. Wird dem Designer da nicht eine Kernkompetenz genommen, indem er „nur“ auf die Idee reduziert wird und auf Herstellung, Materialwahl oder Marketing keinen Einfluss mehr hat?

Claire Warnier: Ich glaube, dass Designer dadurch mehr Möglichkeiten haben. Designer werden nicht nur Software anbieten, sondern können, ausgestattet mit einem 3D-Drucker, Produkte auf Nachfrage genau produzieren und direkt vertreiben. Damit hat der Designer immer noch Einfluß auf Herstellung und Materialwahl.

Dries Verbruggen: Designer haben oft viele Ideen, die scheitern, da ein Hersteller sie nicht umsetzen will. Das wird sich verändern und verlagern, hin zum Konsumenten, der diese Entscheidung trifft. Die Verbraucher wollen immer mehr Produkte erwerben, die nicht fix, sondern individuell auf sie abgestimmt sind. Ein Beispiel: Vor kurzem verkündete der Spielzeughersteller Hasbro seine Partnerschaft mit Shapeways, um Spielzeuge wie „My little Pony“ zu drucken. Designer und Konsumenten können nun auf der Grundlage vom Hasbro-Portfolio ihre eigene Fan-Art kreieren. Hasbro verdient dann an den Lizenzgebühren für die Dateien. Die Wertschöpfung wird sich also neu verteilen, zwischen Designer, Produzenten und Verbraucher. Darin steckt die große Chance für das 3D-Drucken – und die Designer. Und Verbraucher finden es darüber hinaus gut, wenn Herstellungsverfahren komplett transparent sind.

Die meisten drucken Plastik, Sie drucken Ton. Es wird aber auch schon Zement gedruckt, Nudelteig, Gold, Stahl und sogar organisches Material. Für welches Material sehen Sie die rosigste Zukunft?

Claire Warnier: Die Materialität der 3D-gedruckten Produkte ist nicht so qualitätsvoll wie die der Produkte, die in herkömmlicher Manier hergestellt werden. Unserer Ansicht nach wichtiger wird, dass man verschiedene Materialien zur gleichen Zeit drucken und damit kombinieren kann. Am Ende hat man ein Produkt, das zwei oder drei oder noch mehr Materialien in sich vereint.

Dries Verbruggen: Stratasys bietet einen Polyjet-Printer an, der 46 verschiedene Farben und drei unterschiedliche Materialien kombinieren kann. Momentan ist das Problem der 3D-gedruckten Materialien noch, dass sie nicht richtig haltbar sind und damit auf Prototyp-Niveau bleiben, aber die Technologie entwickelt sich rasant. Wir halten uns generell zu sehr mit der Frage auf, ob 3D-Drucken eine herkömmliche Herstellungsweise ersetzen kann. Es ist eine Verfeinerung der additiven Fertigungsmethoden, die neue Produkttypologien hervorbringt, auch weil Designer heute speziell für den 3D-Druck ausgerichtete Produkte entwickeln. Die Materialität der Produkte wird dadurch weniger interessant sein als andere Produktcharakteristiken.

Können Sie diese anderen Charakteristiken benennen?

Dries Verbruggen: Es geht darum, herkömmliche Produktionsweisen mit der 3D-Drucktechnologie zu kombinieren, wie etwa bei dem Tisch vom deutsch-schwedischen Designer-Duo Kram/Weishaar oder etwa bei dem „Keystones“-Tisch von Minale-Maeda. Ich halte nichts von dem Konzept, dass das 3D-Drucken ein separater Prozess ist. Wir dürfen nicht glauben, dass es eine magische Maschine ist, mit der man alles herstellen kann, selbst ein iPhone. Dieses Bild wird gerne von traditionellen Medien gezeichnet. Es ist immer noch eine Maschine mit Vor- und Nachteilen. Und es ist immer noch am Designer, festzustellen, was mit dieser Maschine machbar ist, und was nicht.

www.unfold.be

Weiterführende Literatur:

Dinge drucken
Wie 3D-Drucken das Design verändert
Von C. Warnier, D. Verbruggen/ Unfold, S. Ehmann, R. Klanten
Gestalten, Berlin,
April 2014
Hardcover, 256 Seiten, vollfarbig
39,90 Euro
www.shop.gestalten.com

https://cdn.stylepark.com/articles/2014/the-3d-printer-is-not-a-magic-machine/l2_v354722_1200_372_372-3.jpg
Einer von zehn 3D-Druckern im Atelier von Unfold, die sie selbst zusammenbauen. Foto © Unfold
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Wertschöpfung, neu verteilt: „My little Pony“-Fanart-Spielzeuge bietet Hersteller Hasbro zusammen mit Shapeways als Dateien zum Selbstausdrucken an – nur Lizenzgebühren werden fällig. <br/>Foto © Hasbro
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Auf dem Salone del Mobile 2012 präsentierte Unfold den “Kiosk” – einen portable 3D-Drucker, um die Ubiquität der digitalen Produktion vor Auge zu führen. Foto © Unfold
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Für die Installation “L’Artisan Électronique” in der Z33-Galerie im belgischen Hasselt im Jahr 2010, kombinierte Unfold traditionelle mit digitalen Herstellungsweisen von Keramik. Foto © Kristof Vrancken/Unfold