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Brandenburg Spezial
Der Fluchthelfer
Im Gespräch:

Der Architekt Thomas Kröger


27.02.2015
Der Berliner Architekt Thomas Kröger. Foto © TKA und Thomas Heimann

Das Architekturbüro von Thomas Kröger liegt in einer Altbauwohnung so zentral in Berlin, dass man sagen möchte: Städtischer geht es nicht. Aus den Erkerfenstern seines Besprechungszimmers fällt der Blick auf die Neue Nationalgalerie auf der anderen Seite des Landwehrkanals. So wie sein Büro ein ziemlich mondänes und städtisches ist, so ist auch Thomas Kröger selbst das ziemliche Gegenteil eines Landburschen – ein eher schmaler Mann, feingliedrig und mit leiser Stimme. Dennoch hat er in den letzten Jahren insbesondere durch seine Ferien- und Wohnhäuser in der Uckermark auf seine Architektur aufmerksam gemacht – und wenn er über die Landschaften dort erzählt, dann malen seine Finger mit leichten Gesten recht präzise Skizzen der Hügel, Wälder und Seen in die Luft. Ausführlich weiß er über Materialien, ihre Eigenschaften und Verarbeitung zu berichten und die Häuser bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Wenn er spricht, spürt man eine Hingabe zur Landschaft der Uckermark, die ebenso groß zu sein scheint wie die zur Stadt.

Das Werkhaus in Gerswalde sollte ein schlichtes Haus bleiben mit rohen Materialien wie einem Gussasphaltboden und sichtbaren Nagelbindern. Foto © Thomas Heimann

Florian Heilmeyer: Herr Kröger, sind Sie ein Fluchthelfer?

Thomas Kröger: (lacht) Ich glaube nicht. Wie meinen Sie das?

Ich meine die Landflucht. Sie bauen ausgesucht schöne Häuser in Brandenburg und verstärken damit den Trend, die Stadt zu verlassen – fürs Wochenende oder gleich ganz.

(schmunzelt) Nun ja, wenn Sie das so sagen, dann ist das ein schönes Kompliment für unsere Arbeit. Wobei ich anmerken möchte, dass wir auch schöne Projekte in der Stadt haben.

Bekannter aber sind ihre Projekte auf dem Land, genauer: in der Uckermark. Wobei die meisten ihrer dort realisierten Bauten in kaum drei Kilometer Entfernung zueinander stehen, in Gerswalde, Fergitz und Pinnow. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Es mag schwer zu glauben sein, aber ich bin durch puren Zufall dort gelandet. Unsere drei Bauherren kannten sich überhaupt nicht, haben aber unabhängig voneinander im selben Jahr Grundstücke in diesen winzigen Orten gekauft – und mich dann angesprochen.

Das ist tatsächlich schwer zu glauben. Wie sind die drei auf Sie gekommen?

Da war zunächst Gerhard Schütze, der bei einem anderen Projekt für mich die Holzarbeiten übernommen hatte. Er ist ein außergewöhnlicher Tischler und Holz-Produktentwickler, sein Vater war Cembalobauer und Gerhard hatte vorher Kunst und Mode studiert. Wir waren in Kontakt geblieben, ich wollte gerne bei anderen Projekten wieder mit ihm arbeiten, und dann ruft er an, dass er die Schlosserhalle eines VEB in Gerswalde kaufen will und ob ich mir das mal anschauen könnte.

Die ehemalige Schlosserhalle eines VEB in Gerswalde wurde zur einer Werkstatt mit einem Wohnbereich umgebaut. Foto © Thomas Heimann

Und wie fanden Sie das Gebäude?

Ausgesprochen hässlich und von sehr schlechter Qualität. Aber in einer grandiosen Lage am Ortsrand auf einer kleinen Anhöhe, der Wind streicht über die Hügel. Er wollte dort leben und arbeiten, dafür musste das bestehende Gebäude umgebaut und teilweise abgerissen werden.

Sie haben die alten und neuen Teile des Hauses mit einer einprägsamen Hülle aus rauen Brettern und abgerundetem Metallblech versehen. Wie kam es zu diesen Materialien?

Das Haus sollte eine Einheit bilden. Es sollte keine erkennbaren Unterschiede zwischen dem Altbau, von dem wir letztlich nur wenig weiterverwenden konnten, und den neuen Teilen geben. Die Lärchenbretter werden durch die Witterung noch vergrauen, die Scheunen in dieser Gegend sind sehr häufig so gebaut. Die Formen des Gebäudekörpers sollten sich aus der Umgebung entwickeln; die Uckermark ist eine Endmoränenlandschaft, sehr weich und hügelig mit fast erotischen Kurven. Gleichzeitig sollte es ein schlichtes Haus bleiben mit vielen relativ rohen Materialien wie einem Gussasphaltboden oder den sichtbaren Nagelbindern. Das Holz, die einfachen Materialien und die dunklen Oberflächen im Inneren lenken den Blick nach außen, auf die Landschaft.

Aber warum diese Metallfassade?

Das Gebäude sollte seine Funktion zeigen, einen rauen Fertigungscharakter haben und sich gleichzeitig von den Agrarwirtschaftsgebäuden der Umgebung absetzen. Mit dem perforierten Metallblech haben wir ein Material gefunden, das wir weich um das gesamte Gebäude legen konnten, auch vor die Fenster und die Tore der Werkhalle. Von innen und von außen wirkt das Metall vor den Fenstern erstaunlich zart, eher wie ein leichter Vorhang. Es ist ein wenig experimentell, weil wir auch auf den Kantenschutz für die Bleche verzichtet haben, was der Metallbauer explizit nicht empfohlen hatte. Aber bisher sind die Bleche stabiler als erwartet, nicht einmal die hohen Paneele vor den Toren haben bisher Dellen. Gerhard Schütze ist begeistert, wenn es regnet oder der Schnee auf dem Metall schmilzt, dann entsteht ein Wasserspiel rings ums Haus und er hat schon überlegt, ob er mir den Arbeitsausfall in Rechnung stellen soll, wenn er und seine Mitarbeiter wieder in diesen Regen starren statt zu arbeiten.

Das „Schwarze Haus“ in Pinnow ist ein weiteres Gebäude von Kröger auf dem Land: Ein Ferienhaus für eine Familie. Foto © Ina Steiner

Wie finanziert man so ein Haus?

Zuallererst durch erstaunlichen Einsatz von allen Beteiligten. Viel Geld hat jedenfalls keiner von uns dabei verdient. Gerhard Schütze hat alle Ausbauten selber übernommen, man musste ihn fast bremsen dabei und immer wieder sagen, okay, das kannst Du auch später noch machen. Dann wird das Haus komplett mit den Holzspänen beheizt, die bei seiner Produktion sowieso entstehen. Dafür gibt es spezielle Auffangvorrichtungen, die die Späne direkt in den Keller befördern. Und schließlich gibt es auch EU-Fördermittel, wenn in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze entstehen – und die Uckermark ist in dieser Hinsicht ganz sicher eine sehr, sehr strukturschwache Region.

Spielen diese Fördermittel auch bei den anderen Projekten eine Rolle?

Wir haben bei unseren Projekten schon öfter Fördermittel bekommen. Entweder für die Förderung neuer Arbeitsplätze oder für die Verbesserung der touristischen Infrastruktur in der Uckermark, denn es gibt dort noch immer nur sehr wenige Unterkünfte.

Der Gang im "Schwarzen Haus" um den Hauskern ermöglicht einen großzügigen Blickkontakt zur Landschaft. Foto © Ina Steiner

Hatten Sie auch mit den anderen Bauherren schon früher zusammengearbeitet?

Ja, tatsächlich. Das „Schwarze Haus“ in Pinnow haben Johanna Michel und Dirk Preuß gebaut – und Dirk war einmal Bauleiter bei einem meiner früheren Projekte. Die beiden wohnen mit ihren Kindern in Berlin, sie vermieten das Haus und nutzen es auch selbst als Ferienhaus. Aber langfristig, wenn ihre Kinder einmal aus dem Haus sind, wollen sie vielleicht ganz dorthin ziehen. Deswegen war es wichtig, dass das Haus groß genug ist, um auch Gäste unterbringen zu können. Sie führen ein sehr geselliges leben und wollten da draußen nicht alleine sein.

Das Gebäude scheint tatsächlich relativ einsam zu liegen.

Sie hatten die Möglichkeit, ein großes Grundstück an einer Straße mit sehr wenig Verkehr zu kaufen. Es war ein Acker, auf dem nur ein Strommast stand, der aber nicht mehr in Betrieb war. Man schaut über die Felder auf ein paar Hügel mit windschiefen Kiefern, ein fast schon japanisches Motiv. Auf der anderen Seite folgen Pappeln einem kleinen Bach – es ist wirklich wunderschön. Wir haben also ein 24 Meter langes und 6 Meter breites Gebäude entwickelt, dass sich der Landschaft öffnet. Da es auf der Straße so wenig Verkehr gibt, konnten wir es auf beiden Längsseiten öffnen. Im geschlossenen Teil befindet sich der Geräteschuppen.

Architektonisch am bemerkenswertesten ist die Seitenansicht. Eine geschlossene Giebelwand aus Holz, die mit der Typologie des Satteldachhauses spielt und dem Haus etwas Gewachsenes, etwas Umgebautes gibt, obwohl es ein kompletter Neubau ist.

Von dieser Seite nähert man sich dem Gebäude im Regelfall. Das Gebäude bezieht sich auf die Landschaft und die Gebäude-Typologien der Umgebung. In seinen Dimensionen, Materialien und Formen bezieht es sich auf die Scheunen und Siedlerhäuser, die hier typisch sind, aber wir wollten daraus etwas Neues und Eigenständiges entwickeln. Die markante Form dieser Seite ergibt sich daraus, dass wir hier den Kamin eingebaut haben, dadurch hat sich der First etwas verformt. Daraus hat sich wiederum das Motiv der drei Gauben entwickelt. Es geht darum, mit wenigen markanten Elementen eine bestimmte Verschrobenheit für das Haus zu entwickeln; eine Identität, die es einprägsam macht, vielleicht sogar eigenartig. Das darf allerdings nie aufgesetzt wirken. Deswegen ist es so wichtig, diese positive Verschrobenheit aus den Charakteristika des Ortes und der Umgebung heraus zu entwickeln.

Mit viel architektonischen Feingefühl hat Kröger eine Scheune in Fergitz umgebaut. Der große Raum im Zentrum des Gebäudes dient sowohl als Innen- wie auch als Außenraum, wenn die Tore offen stehen. Foto © Thomas Heimann

Wieso heißt es das „Schwarze Haus“?

Weil es ursprünglich wirklich schwarz werden sollte, die Holzfassaden sollten schwarz gebeizt werden. Das war den Bauherren aber zu viel und zu teuer, sie wollten endlich fertig sein und das Kiefernholz wird ja, genau wie in Gerswalde, mit der Zeit sowieso fast schwarz. Ich war trotzdem erst einmal enttäuscht über die Entscheidung. Inzwischen denke ich aber, dass es so wirklich besser ist. Das Vergrauen ist die natürliche Variante, das schwarz Gebeizte wäre vielleicht etwas zu modisch gewesen.

Im Unterschied zu den beiden Bauten, über die wir gesprochen haben, ist der Umbau in Fergitz etwas völlig anderes, oder?

Allerdings, denn hier hatten wir es mit einer, sagen wir mal, willensstarken Architektur zu tun. Es waren eine Scheune und ein Kuhstall, ein äußerst stabiles Gebäude mit dicken Steinmauern, kleinen Fenstern im Obergeschoss und einem großen Holztor zur Straße. Die Bauherrin ist eine langjährige Freundin, sie hatte sich in diese Scheune verliebt und ich habe ihr abgeraten. Das Holz im Inneren war total marode und ich habe ihr gesagt, dass es sehr schwer einzuschätzen ist, wie teuer so ein Umbau wird. Eine Woche später rief sie an und sagte ganz euphorisch: Wir haben es gekauft! Wir haben es gekauft!

Große Glasfronten ermöglichen den Blick zum zentralen Raum. Foto © Thomas Heimann

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich mit ihr gefreut. Als Architekt kann man warnen und beraten, aber entscheiden müssen die Bauherren. Wir haben die Baukosten so transparent wie möglich gehalten und oft die Alternativen und deren Kosten geprüft. Am Ende mussten wir 70 Prozent des Holzes austauschen; da kann ein Projekt mit einer so großen Grundfläche nicht mehr wirtschaftlich sein.

Sie haben lange bei Max Dudler gearbeitet, der wiederum lange für Oswald Mathias Ungers gearbeitet hat und von ihm sehr beeinflusst wurde. Sehen Sie in ihrer Beschäftigung mit dem Kontext, der Umgebung und den Typologien, gewisse Verbindungen zu deren Arbeiten?

Meine Position ist weicher als die von Ungers oder Dudler. Mir geht es nie um die Urformen oder Grundregeln. Ich lasse mich auf den Kontext ein und nehme mir die Freiheit, jedes Mal anders darauf zu reagieren. Ungers Urtypen sind sehr kraftvoll, aber manchmal braucht eine sinnliche Landschaft etwas anderes, vielleicht etwas Heiteres oder Festliches. Mir geht es nicht um eine prinzipielle Haltung. Anders gesagt wäre meine prinzipielle Haltung die, sich jedes Mal neu auf den Ort mit seinen Eigenschaften einzulassen – und diesen Ort weiterzuentwickeln, so wie die Typologien der Gebäude über die Jahrhunderte auch immer weiterentwickelt wurden.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Bauen auf dem Land und dem Bauen in der Stadt?

Ich denke nicht. Unsere Projekte beziehen sich immer stark auf ihre Umgebung, sei das eine dicht bebaute Stadt oder ein weiter offener Landschaftsraum. Ich spüre allerdings auf dem Land einen anderen Respekt vor den Zusammenhängen, in die ich da mit meiner Architektur eingreife und vor den Landschaften, die teilweise sehr lange ohne architektonischen Eingriff ausgekommen sind. Die Stadt hat eine ganz andere Geschichte von Eingriffen und Veränderungen, von Um- und Überformungen. Da spüre ich viel weniger Respekt vor Eingriffen.

Um den hohen, zentralen Scheunenraum herum sind die Wohnräume angeordnet. Foto @ Thomas Heimann
Die Scheune vor dem Umbau. Foto © TGA
Grundriss Scheune Fergitz – Erdgeschoss. Zeichnung © TGA
Schnitt Scheune Fergitz. Zeichnung © TGA
So sah das Werkhaus in Gerswalde vor dem Umbau aus. Foto © TGA
"Mit dem perforierten Metallblech haben wir ein Material gefunden, das wir weich um das gesamte Gebäude legen konnten, auch vor die Fenster und die Tore der Werkhalle. Foto © Thomas Heimann
Der dunkle Boden und die dunkle Decke im Werkhaus in Gerswalde lassen das Holz der Wände besonders leuchten. Foto © Thomas Heimann
Das große Fenster des Werkhauses rahmt die Umgebung wie ein Bild. Foto © Thomas Heimann
Spannende Blickbeziehungen sind ein Gestaltungsmerkmal des Architekten Kröger. Foto © Thomas Heimann
Der Schlafbereich im Werkhaus in Gerswalde gleicht einer Koje. Foto © Thomas Heimann
Das "Schwarze Haus" wirkt auch bei Nacht einladend. Foto © Ina Steiner
Im Erdgeschoss des "Schwarzen Hauses" zonieren unterschiedliche Ebenen die Bereiche. Foto © Ina Steiner
Grundriss OG "Schwarzes Haus". Zeichnung © TGA
Grundriss EG "Schwarzes Haus". Zeichnung © TGA
Schnitte "Schwarzes Haus". Zeichnung © TGA
Ein Schlafbereich im Obergeschoss des "Schwarzen Hauses". Foto © Ina Steiner
Die wunderbare Brandenburger Landschaft. Foto © Thomas Heimann

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