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Die Befreiung der Kiste: Jacob Jensen und das Design von Bang & Olufsen
von Thomas Wagner | 22.07.2008

Gereifter Modernismus
Was Jacob Jensens revolutionäre Entwürfe für Bang & Olufsen angeht, so hat man zu Recht von einem „reifen Modernismus“ gesprochen. Dabei ist Jensen keineswegs ein Vollender der Idee, die Form müsse der Funktion folgen. Gereift erscheint der Modernismus der von ihm gestalteten Geräte deshalb, weil er gebremst auftritt: Nie wird das Neue rücksichtslos in Szene gesetzt; stets wird es mit dem Vertrauten amalgamiert. Also beharren seine Entwürfe ästhetisch auf ihrer Eigenständigkeit, übertreiben es damit aber nicht. Auch das unterscheidet sie von der beliebigen Kurzlebigkeit vieler aktueller Produkte im Audio-Bereich.

Von Raymond Loewy lernen
Auch ein Magier braucht Kunden. Jensen wusste immer, wie man sie gewinnt – und dabei auf eine Synthese aus klassisch modernem dänischem Design und einer futuristischen Sprache der Technik gesetzt. Um sie zu entwickeln, schöpft er aus unterschiedlichen Quellen: einerseits ist er dem Idealismus des Bauhauses samt der Maxime verbunden, die Form habe der Funktion zu folgen; andererseits beherzigt er Raymond Loewys Regel „Most advanced Yet acceptable“, gestaltet seine Produkte also möglichst fortschrittlich, aber dennoch akzeptabel. Er selbst sagt, was er mache, sei „anders, aber nicht fremd“.

Mit, nicht gegen die Ingenieure
Vielleicht hat Jensen technische Neuerungen deshalb nie als Hindernis für seinen Gestaltungswillens empfunden. Im Gegenteil. „Wenn eine neue Idee richtig ist“, so Jensen, „gibt es immer einen Weg, sie umzusetzen. Und wenn die Leute von einer Idee so begeistert sind, dass sie sagen: ‚Das müssen wir haben!’, gibt es immer einen Weg sie umzusetzen und Ungewöhnliches und Neuartiges zu entwickeln.“ Also hat er sich nie gegen die Ingenieure gestellt, sondern sie im Gegenteil ermuntert, Lösungen für bestimmte Probleme zu suchen. So konnte er sich, ohne auf deren Potential verzichten zu müssen, darauf konzentrieren, neue technische Möglichkeiten und Funktionen aufzugreifen, sie ästhetisch in ihrer Dominanz aber zugleich zu begrenzen. Mit dem Ergebnis, dass klar gestaltete Außenflächen stets ein reichhaltiges technisches Innenleben verbergen.
Vielleicht liegt darin sogar das Wesentliche von Jensens Designsprache: dass sie sich nicht in technischen Spielereien mit zahllosen Knöpfen, Reglern und Anzeigen verliert, sondern die Technizität des Produkts in etwas Selbstverständliches verwandelt. Jensen wusste immer, was der Nutzer braucht. Alles andere lässt er weg, sprich: er macht es unsichtbar, verbirgt es.

Der dänische Rams
Die 1925 gegründete Firma Bang & Olufsen ist, was das Design der sechziger bis achtziger Jahre angeht, so etwas wie die dänische Variante von Braun in Kronberg, und Jacob Jensen gleichsam der dänische Dieter Rams. Wobei es einem fast so vorkommt, als habe Jensen die Frage der Funktionalität in ihrer Bedeutung für den Nutzer noch strenger aufgefasst als dieser. Wollte man Jensens Leistung im Bereich moderner Hi-Fi-Anlagen auf heute übertragen, so kann man sie wohl nur mit der von Jonathan Ive für Apple vergleichen.

Eliminator statt ätzender Säure
Bang & Olufsen, 1925 von Peter Bang (1900 bis 1957) und Svend Olufsen (1897 bis 1949) gegründet, hat keineswegs von Anfang an auf Design gesetzt. Sein erstes Produkt, es stammt aus dem Jahr 1926, ist vielmehr ein schwarzer, an den Seiten mit Lochblech verkleideter Kasten mit Drehregler und sechs Anschlussbuchsen, der so genannte „Eliminator“, ein Netzteil, das aussieht als gehöre es zu einer vorsintflutlichen Modelleisenbahnanlage. Von Anfang an produziert B&O Radios, Tonanlagen für Kinos und Musiktruhen. Abgesehen von dem „Hyperbo 5 RG Steel“ von 1934, einer Phonotruhe im Geiste des Art Déco, die an Marcel Breuers Stahlrohrmöbel und Eileen Grays elegante Teewagen anknüpft und statt Holzmaserung strenges Schwarz und blitzendes Chrom verwendet, und dem streamlined „Beolit 39“ von 1938, ist das Design nicht gerade Aufsehen erregend.

Monströsitäten aus den idiotischsten Hölzern
Auch der Neubeginn – die Fabrik war 1945 in einer Sabotage-Aktion gesprengt und nach dem Krieg aus Mitteln des Marshall-Plan wieder aufgebaut worden – gestaltet sich schwierig. Mit Studio-Geräten, Mikrofonen, Kino-Ausstattungen und Radios hält man Kurs, gerät aber, aufgrund wachsender Konkurrenz aus dem Ausland, Ende der fünfziger Jahre in die Krise. 1954 hatte der Architekt Poul Henningsen das Unternehmen bereits mit einer harschen Design-Kritik aufgeschreckt und seine Produkte als „Monströsitäten“ aus den „idiotischsten Hölzern“ bezeichnet. Der Hieb hat gesessen. Die Richtung wird geändert: Fortan arbeitet man mit namhaften Architekten und Gestaltern. Schließlich positioniert man die Marke neu: Von nun an steht Bang & Olufsen im Bereich Stereo für Qualität aus Dänemark, ausgerichtet auf eine design-bewusste Zielgruppe innerhalb eines wachsenden Marktes.

Exakte Skalen auf gebürstetem Metall
Aber erst Jensen, von 1967 an Chefdesigner, schafft den entscheidenden Durchbruch - mit dem „Beolab 5000“. Dabei war die Aufgabe alles andere als leicht zu lösen: Es galt, ein europäisches Hi-Fi-Format zu entwickeln, das Leistung vermitteln und eine eigene Identität besitzen sollte. Die Silhouette der aus Tuner und Verstärker bestehenden Kombination, die Jensen entwirft, ist tatsächlich bis heute unverwechselbar: Exakte Skalen auf gebürstetem Metall, darüber transparente Schieberegler – und darunter, als schwarze Linie, eine Reihe rechteckiger Schalter. Ergänzt wird das Ganze von würfelförmigen Lautsprechern, die mit einer Ecke auf einem runden Metallstab balancieren. Das hatte es bis dato noch nicht gegeben: eine präzise Bedienung wie bei einem Rechenschieber, verbunden mit einem Design, das elegant und technisch zugleich wirkt. Das „Beolab 5000“ ist Ende der sechziger Jahre das weltweit perfekteste Hi-Fi-System – technisch und ästhetisch.

Plattenteller trifft Zifferblatt
Vollends zur Design-Ikone avanciert der Plattenspieler „Beogram 4000“ von 1972. Wenn man das Gerät von oben betrachtet, erkennt man mit einem Blick die Raffinesse, mit der Jensen die wenigen Elemente – Plattenteller, Tonarm und Bedienelemente – gestaltet und auf der rechteckigen Grundplatte aus gebürstetem Metall angeordnet hat. Strahlenförmig wie beim Zifferblatt einer Uhr umkreisen kurze schwarze Linien aus Gummi die leere Mitte des kreisrunden Tellers – ein graphisches Meisterwerk, das an Schlichtheit und Prägnanz bis heute seinesgleichen sucht. Der „Beogram 4000“ wird ein Riesenerfolg. Er gewinnt viele internationale Preise und trägt dazu bei, das Designprofil von B&O weiter zu schärfen.

Als alle zu stapeln begannen
Mit dem pultförmigen „Beomaster 1900“, einem betont futuristisch anmutenden Gerät, bei dem an die Stelle der Schieberegler nun durch bloßes Berühren aktivierbare Bedienelemente getreten sind, gelingt Jensen 1975 ein weiterer Coup. Nicht nur widersteht er der Versuchung, sich dem allgemeinen Trend anzupassen und Einzelkomponenten zu einem so genannten „Hi-Fi-Turm“ übereinander zu stapeln; er macht auch vor, wie man japanischen Firmen Paroli bietet, die längst mit einfallslosen Metallschachteln voller Knöpfe und Skalen den Markt beherrschen.
Auch beim „Beomaster 1900“ spielt der Kontrast aus Silber und Schwarz eine wesentliche Rolle. In ausgeschaltetem Zustand offenbart das Steuerelement seine minimalistische Qualität besonders gut: dann scheint es lediglich aus drei hellen und drei dunklen horizontalen Streifen zu bestehen. Ein typischer Jensen-Entwurf, der darauf setzt, dass ein Hörer sich Musik, nicht unbedingt ein vielteiliges Hi-Fi-Equipment ins Wohnzimmer holen möchte. Nicht ohne Grund war der „Beomaster 1900“ viele Jahre Bang & Olufsens bestverkauftes Modell.

Jacob Jensen Design
Dabei hat der 1926 in Kopenhagen geborene Jacob Jensen – das Studio „Jacob Jensen Design“, das heute von seinem Sohn Timothy Jacob Jensen geleitet wird, feiert in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen – , weit mehr als Receiver, Plattenspieler und Stereo-Anlagen entworfen. Auf den ersten Blick als designed by Jensen erkennbar sind auch seine Telefone, Uhren, Herde, Windräder, seine Wetterstation und sein Schmuck – insgesamt mehr als fünfhundert Produkte. Selbst ein Auto hat Jensen entworfen.

Gewissheit in sieben Sekunden
Was leicht und selbstverständlich aussieht, verdankt sich oft besonderer Hartnäckigkeit. So auch hier: „In meinen Augen“, stellt Jensen fest, „erfordern die Konstruktion eines Füllers, das Schreiben eines Gedichts, oder das Design einer Lokomotive alle dieselben Zutaten: Perspektive, Kreativität, neue Ideen, Verstehen und vor allem die Fähigkeit zur ständigen Überarbeitung. Dieses wieder und wieder optimieren ist für mich Schwerstarbeit. Ich muss immer dreißig bis vierzig Modelle bauen, bevor ich das richtige finde. Die Frage ist nur, wann findet man das richtige? Wenn ich an den Punkt komme, an dem ich meine: ,Okay das ist es’, dann ist der Zeitpunkt gekommen. Ich stelle das Modell auf den Tisch in meinem Wohnzimmer, beleuchte es und verbringe dann den Abend wie sonst auch, um dann ins Bett zu gehen. Am nächsten Morgen schaue ich es wieder an mit der hundertprozentigen Gewissheit, dass ich nur sechs bis sieben Sekunden habe, um zu entscheiden: richtig oder falsch. Es bleiben nur diese sechs bis sieben Sekunden, dann mache ich mir Notizen, was falsch ist, fertig. Nach dem Frühstück beginne ich dann mit den Änderungen. Das ist der einzige Weg, den ich kenne.“

www.jacobjensen.com
www.bang-olufsen.com

Beolit 39
Beogram 4000
Beogram 4000
Jacob Jensen
Hyperbo 5 RG Steel
Beomaster 1900
Beomaster 1900
Beomaster 1900
Svend Olufsen und Peter Bang