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Beste Aussichten: Schmidt Hammer Lassen planen Grönlands erstes Gefängnis mit viel offenen Räumen und mit Fenstern ohne Gitterstäbe.
© Schmidt Hammer Lassen
Beste Aussichten: Schmidt Hammer Lassen planen Grönlands erstes Gefängnis mit viel offenen Räumen und mit Fenstern ohne Gitterstäbe.

Winterharte Häuser 7
Frostige Aussichten

In Grönland wird bis 2018 das erste Gefängnis des Landes errichtet. Der Entwurf der dänischen Architekten Schmidt Hammer Lassen lässt bis zu 400 Insassen gitterfrei auf einen Fjord schauen, wo sie die Jahreszeiten und, mit etwas Glück, gelegentlich auch einen Wal vorbeiziehen sehen können.
von Florian Heilmeyer | 12.02.2017

Es ist ja alles immer eine Frage der Relation: Zum Beispiel ist es gar nicht besonders kalt in Nuuk – für grönländische Verhältnisse. Die Hauptstadt liegt ja auch weit im Süden des Landes, von hier sind es volle 250 Kilometer bis zum Polarkreis über dem fast alle anderen Siedlungen Grönlands liegen. Verglichen mit dem Rest des Landes ist das Klima hier mild und freundlich, der Nuuk-Fjord friert eigentlich nie zu, und in den dunklen Wintermonaten werden es gerade einmal -10 Grad Celsius. Ein Witz, verglichen mit den nordgrönländischen Siedlungen, wo Eis die Landschaft dauerhaft bedeckt und nahtlos in die Eisdecke des Nordpolarmeeres übergeht.  

Die 17.000 Einwohner haben auch andere Probleme als Kälte und Schnee. Die Haupteinnahmequellen in Nuuk sind der Fischfang und der Tourismus, aber viel Arbeit ergibt das nicht und so sind Alkoholismus, Arbeits- und Perspektivlosigkeit hier keine Seltenheit. Nun baut die grönländische Regierung also das erste, eigene Gefängnis des Landes – bislang mussten straffällige Grönländer in dänische Gefängnisse gebracht werden, die neue Haftanstalt gilt als weiterer Schritt in die nationale Unabhängigkeit.

Die Haftanstalt liegt am Abhang der „Kleinen Malene“ auf dem von Nuuk abgewandten Nordhang.
© Schmidt Hammer Lassen
Die Haftanstalt liegt am Abhang der „Kleinen Malene“ auf dem von Nuuk abgewandten Nordhang.
„Für alle Bewohner Grönlands ist die Nähe zur Natur essentiell“, sagt Projektleiterin Jette Mogensen. Aber wie integriert man Naturnähe in den Entwurf eines Gefängnisses?
© Schmidt Hammer Lassen
„Für alle Bewohner Grönlands ist die Nähe zur Natur essentiell“, sagt Projektleiterin Jette Mogensen. Aber wie integriert man Naturnähe in den Entwurf eines Gefängnisses?

Da wundert es auch nicht, dass es ein ambitioniertes Prestigeprojekt ist: Die „Nuuk Correctional Facility“, wie das Gefängnis offiziell heißt, soll ein moderner, freundlicher Knast werden. Den Architekturwettbewerb konnten die dänischen Architekten von Schmidt Hammer Lassen (Kopenhagen) 2013 gewinnen, auf 8.000 Quadratmetern sollen bis zu 400 Insassen betreut werden können. Zentrales Ziel ihres Entwurfs sei es, eine dieser Bauaufgabe angemessene Balance zwischen Offenheit und Geschlossenheit zu finden, sagen die Architekten. Auch das ist wieder eine Frage der Relation: Denn die neue Haftanstalt wird im Vergleich zu anderen Gefängnissen relativ großzügige Ausblicke auf die tatsächlich wunderschönen, rauen Landschaften der Umgebung gewähren. Der Komplex entsteht nordöstlich der Hauptstadt, noch hinter dem Flughafen und unterhalb der malerischen Bergspitze der „Kleinen Malene“ (auf dänisch: „Lille Malene“ oder ursprünglich: „Quassussuaq“).

Ab und zu, mit etwas Glück, ein Wal

Das neue Gefängnis liegt direkt an der nördlichen Hangseite des Berges, der hier direkt bis ins Wasser abfällt. Die Architekten haben verschiedene Gebäude für die unterschiedlichen Aktivitäten entwickelt: Wohnen und Schlafen findet in einem anderen Trakt statt als Arbeiten oder Freizeit. Denn auch die Gefängnisinsassen sollen eine tägliche Routine haben, bei der sie zur Arbeit oder zur Schule gehen – so soll die spätere, gesellschaftliche Wiedereingliederung erleichtert werden. Diese einzelnen Gebäudeteile haben die Architekten jeweils so ausgerichtet, dass immer andere Ausblicke in die Landschaft sichtbar werden. „Für alle Bewohner Grönlands ist die Nähe zur Natur essentiell“, beschreibt die Projektleiterin Jette Birkeskov Mogensen diesen Ansatz. „Durch das ansteigende Grundstück liegen die Quartiere in diesem Gefängnis erhöht, sodass man über die Gefängnismauer schauen kann – alle Zellen haben große Fenster ohne Gitter, die auf den Fjord und die Berge dahinter schauen. Von hier können die Jahreszeiten beobachtet werden, die vorbeifahrenden Boote oder ab und zu, mit etwas Glück, ein Wal.“

Die Architekten stapeln die Gebäudeteile so, dass sie über die Mauer hinweg beste Aussicht auf den Fjord haben.
© Schmidt Hammer Lassen
Die Architekten stapeln die Gebäudeteile so, dass sie über die Mauer hinweg beste Aussicht auf den Fjord haben.
Die Gefängnistrakte werden auf Pavillons verteilt, die mit Tunneln oder Korridoren verbunden werden und von einer hohen Mauer umgeben sind.
© Schmidt Hammer Lassen
Die Gefängnistrakte werden auf Pavillons verteilt, die mit Tunneln oder Korridoren verbunden werden und von einer hohen Mauer umgeben sind.

Auf die Frage, inwiefern sich dieses Gefängnis von anderen unterscheidet, antwortet Mogensen so: „Zunächst unterscheidet es sich nicht von Gefängnissen in Dänemark. Wir mussten jedoch noch mehr darauf achten, stets gute und möglichst einfache Lösungen zu finden mit einheimischen Materialien die pflegeleicht sind und dem extremen Klima gut widerstehen können. Baut man mit anderen Baustoffen, dann kann das schon mal vier Monate dauern, bis die mit dem Schiff geliefert werden. So lassen sich ehrliche, robuste Gebäude entwickeln, die im Einklang mit der Zeit und der Natur altern. Und dann gab es natürlich darüber hinaus spezielle Dinge zu beachten, etwa dass sich nie zu viel Schnee in den Ecken, an den Gebäuden oder an der Mauer sammelt.“ Nicht, um eine Schneeballschlacht zu verhindern, sondern um die Möglichkeiten zur Flucht zu minimieren. Denn egal, wie malerisch der Ausblick im Knast ist - in Freiheit ist es auch in Grönland immer noch schöner.