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Die Reanimation dänischer Möbelklassiker
von Armin Scharf | 29.03.2012

Begonnen hat alles mit dem Sofa „P2" und „P3", das Vilhelm Lauritzen im Jahre 1936 für das Radiohus in Kopenhagen entwarf. Ein sehr klares, lang gestrecktes Sofa in zwei Längen mit vier oder sechs schlichten Beinen. 75 Jahre später wird das Sofa erneut gebaut – von der Brdr. Petersens Polstermøbelfabrik im dänischen Aarhus. Auch andere Klassiker des dänischen Möbeldesigns werden dort als originalgetreue Replikate wieder aufgelegt. Zum Beispiel „The Seal", ein Set bestehend aus Doppelsitzer-Sofa und zwei Sesseln: Ib Kofod-Larsen hatte die fließenden Linien 1956 für die schwedische OPE Möbler gezeichnet.

Es ist ein ungewöhnliches Geschäft, das die beiden Brüder Erling und Egon Petersen betreiben, eine Reise in die Vergangenheit und zurück, die mit der Suche nach Original-Plänen und vor allem den Rechteinhabern startet. Diese zu finden, so die beiden Möbelbauer, sei in der Regel die schwierigste Aufgabe überhaupt. Dann aber habe man es meist mit Nachkommen zu tun, die sich über die Neuauflage der Entwürfe ihrer Eltern oder Großeltern sehr freuten. Zudem sie dabei nicht leer ausgehen: Die Petersens überweisen für jedes verkaufte Stück eine fixe Lizenzsumme.

Detektivische Detailarbeit

Gearbeitet wird dann, soweit verfügbar, mit alten Zeichnungen, meistens in Kombination mit originalen Möbelstücken. „Pläne sind immer toll, aber ein altes Möbel gibt ein besseres Gefühl für die Qualitäten und den Komfort", so Erling und Egon Petersen. Wenn wie beim „Oda Chair" nur das Originalmöbel verfügbar ist, so lässt es sich natürlich messtechnisch erfassen und rekonstruieren, aber die verborgenen konstruktiven Details können nicht nachvollzogen werden. Letztlich entscheidend, so die Petersens, ist der Erhalt der äußeren Abmessungen, mitunter aber vergrößere man das über die Nutzungsjahre zusammengesunkene Polstervolumen so, dass es den vermuteten Urzustand einnehme. Lassen sich mehrere Originale untersuchen, dann sind die Aussagen über die Abnutzung relativ sicher zu machen. Die Polsterung selbst wird dann mit modernen Materialien ausgeführt, heutige Schäume sind leistungsfähiger und schneller zu verarbeiten – Zeit ist also auch bei der Replikatherstellung ein Thema.

Daher setzt man bei der Produktion ebenfalls auf zeitgemäße Technologien: Mit 3-D-Fräsmaschinen entstehen die meisten der hölzernen Strukturteile, wobei – dort, wo sinnvoll – auch rein manuelle Arbeitsmethoden angewendet werden. Unabdingbar ist das beispielsweise beim Finish, hier setzen die Petersens auf reine Handarbeit. „Das ist mitunter der aufwändigste Teil der Arbeit, aber sehr wichtig für das Endresultat".

Konstruktive Optimierung

Was aber, wenn sich bei der Analyse des Originals doch Schwächen finden? Da gibt man sich in Ormslev relativ pragmatisch: „Mitunter ändern wir die Konstruktion und nutzen moderne Werkstoffe, wenn wir damit die Lebensdauer steigern können", so Egon Petersen, der für die konstruktiven Aspekte zuständig ist. Und weil die Möbel sozusagen einen über fünfzigjährigen Dauertest hinter sich haben, lassen sich die Schwächen und Stärken einer Konstruktion deutlich ablesen – und ertüchtigen. Denn letztlich müssen die Replikate den heutigen Anforderungen gerecht werden, etwa größeren und auch schwereren Nutzern. „Wir behalten stets die ursprünglichen Abmessungen bei, doch in manchen Fällen haben wir die Konstruktion verstärkt." Etwa durch nicht sichtbare Stahlprofile in filigranen Holzstreben. Aber: „Die Veränderungen dürfen nur so sein, dass der Charakter, das Look and Feel des Möbelstückes nicht verloren geht". Alles andere wäre auch kaum akzeptabel, denn letztlich sind es die Proportionen, die Linien und die Eleganz, die beispielsweise „The Seal" von Ib Kofod-Larsen so zeitlos erscheinen lassen. Die beiden Sessel mit unterschiedlich hohen Rückenlehnen und das Zweisitzer-Sofa sind mit Textil- oder Lederbezug sowie einem Gestell aus massiver Eiche, Walnuss oder Teak zu haben.

Vom Zulieferer zum Geheimtipp

Interessant ist der „Oda Chair", inoffiziell auch „Stillsessel" genannt, weil er eine besonders entspannte Sitzhaltung erlaubt und zudem viel Platz bietet. 1956 entwarfen Jørgen und Nanna Ditzel das organisch geformte Möbel, das nur wenige Jahre produziert wurde. Gefunden haben es die Petersens schließlich auf Auktionen und bei Antiquitätenhändlern. Der Nachbau kann mit textilen Bezügen und Beinen aus Eiche, Walnuss oder Teak geordert werden, ergänzend dazu gesellt sich ein Hocker für die Fußablage. Auch gaben die Petersens dem Möbel erstmals auch einen Namen: Die Bezeichnung „Oda Chair" erinnert an den japanischen Möbelsammler Noritsugu Oda, der ein guter Freund und Unterstützer der Ditzels war.

1973 als Zulieferer-Unternehmen für die dänische Möbelindustrie gegründet, hat sich Petersens Polstermøbelfabrik zu einem Geheimtipp von Freunden klassischen Designs entwickelt. Das soll auch so bleiben: „Wir schauen uns gerade einige neue Dinge an". Dabei beschränken sich die Brüder nicht nur auf den dänischen Raum, entscheidend ist die Qualität. „Gutes Design ist immer eine Freude, ob dänisch oder nicht."

www.petersen-furniture.dk


So sieht der inzwischen "Oda Chair“ genannte Sessel von Nanna Ditzel aus, wenn seine hölzerne Struktur freigelegt ist, Foto © Andreas Weiss
Die halbfertige Rückenschale des „Oda Chair“ wartet mit Innenpolsterung auf die Fertigstellung, Foto © Andreas Weiss
Vorbereitung des „Oda Chair“ für die Polsterung, Foto © Andreas Weiss
Zuschnitt des Bezugsstoffes für die Klassiker-Replikate, Foto © Andreas Weiss
Ohne Polster zeigt „Seal“ seine ausgesprochen filigrane, hölzerne Struktur, ein Meisterwerk des Möbelbaus, Foto © Andreas Weiss
Teamarbeit Replikatebau: Die Petersens lassen hier höchste handwerkliche Sorgfalt walten, Foto © Andreas Weiss
Egon und Erling Petersen beim Zuschnitt des Bezugsstoffes für das Sitzpolster des „Oda Chair“ , Foto © Andreas Weiss
Der Bau der dänischen Möbelklassiker ist ein typisches Einzelfertigungsverfahren, Foto © Andreas Weiss
Einpassen der hölzernen Armlehnen in den „Oda Chair“, Foto © Andreas Weiss
Egon und Erling Petersen in ihrer Werkstatt, Foto © Andreas Weiss
Der Klassiker-Neubau ist in erster Linie Handarbeit, vor allem, wenn es um das Finish oder den Bezug geht, Foto © Andreas Weiss
Blick in die Vergangenheit: Im Original ist das Sitzpolster des „Oda Chair“ federbasiert, Foto © Andreas Weiss
Einpassen der fertigen Sitzschale in das Tragwerk von „Seal“, Foto © Andreas Weiss

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