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Die Welt ist eine Skulptur
von Znidaric Amelie | 03.02.2011

New York ist eine Stadt, die niemals schläft, heißt es. 24 Stunden lang quellen Menschen aus dem Subway, stehen Läden offen, heulen Polizeisirenen. Doch es gibt auch stille Orte in New York. Nicht in Manhattan, aber in Queens zum Beispiel. Gute zwanzig Minuten spaziert man, vorbei an Industriegebäuden und kleinen Wohnhäusern, von der nächstgelegenen U-Bahnstation bis zur 33rd Road, Ecke 9th Street. Long Island City - so heißt diese Gegend am östlichen Ufer des East River - hier sind einige der interessantesten New Yorker Museen, die MoMA Zweigstelle PS1 zum Beispiel, aber die Straßen sind leer. Nur hin und wieder fährt ein Auto, brütende Hitze hat den Asphalt aufgeweicht. Die Stadt, die niemals schläft, scheint Lichtmeilen entfernt.

Vermutlich war es genau das, was Isamu Noguchi 1961 dazu veranlasste, in der 33rd Road ein Studio zu beziehen. Der Bildhauer, Designer, Landschaftsarchitekt und Bühnenbildner war fester und wichtiger Bestandteil der New Yorker Kunstszene, doch er hielt sich gerne abseits. Das flache Backsteingebäude steht auch heute noch still da, außen und innen unverändert: mit papierenen Schiebewänden, loftartigen Räumen und großen Atelierfenstern. Das Studio ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, doch direkt gegenüber liegt das „Isamu Noguchi Garden Museum". 1974 hat Noguchi selbst die ehemalige Fotogravurfabrik und Tankstelle gekauft, sie behutsam adaptiert und 1985 als Museum und Skulpturengarten eröffnet.

Mit dem Namen Noguchi verbindet der Designnerd meist Papier. Die „Akari"-Leuchten des US-Japaners sind weltberühmt und hängen - meist als billige Version vom schwedischen Möbeldiscounter - in Heimen in aller Welt. Doch hauptsächlich hat Isamu Noguchi mit Stein gearbeitet. Rund 200 Werke aus seiner sechzigjährigen Karriere, von den zwanziger Jahren bis zu seinem Tod 1988, werden zurzeit im Museum ausgestellt, die meisten davon Skulpturen aus Basalt, Granit und Marmor. Zu sehen sind außerdem Arbeiten aus Holz, Metall und Ton; Pläne und Modelle von Parks und Spielplätzen; Elemente von Bühnenbildern für die Tänzerin Martha Graham, mit der er seit 1935 zusammenarbeitete, und Fotos von Kunst im öffentlichen Raum rund um die Welt. Ein Raum ist dem „California Scenario", einem Skulpturengarten im kalifornischen Costa Mesa gewidmet, inklusive Briefwechsel mit dem Bauherren und Plänen aus diversen Entwurfsstadien. Noguchis Möbelentwürfe stehen im Shop und im Café.

Die Steinarbeiten nehmen nicht nur in den zwölf Ausstellungsräumen am meisten Platz ein, sondern auch in Zeitungsberichten und Rezensionen. Von der Architektur ist meist nur am Rande die Rede. Das ist umso erstaunlicher, da Isamu Noguchi die Skulptur viel weiter definierte als gemeinhin üblich: „Meines Erachtens ist die Skulptur etwas, was man ganzheitlich erleben und nicht nur ansehen sollte. Man ist ein integraler Bestandteil deren. Die eigene Umgebung, die eigene Welt ist die eigene Skulptur. Die Skulptur ist die Welt und die Welt wird dann zur Skulptur."

Wenn also die ganze Welt eine Skulptur ist, die es zu erleben gilt, dann können wir davon ausgehen, dass Noguchi auch sein Museum so konzipiert hat. Es sind zwei alte, zweistöckige Ziegelgebäude, die erst bei der Renovierung des Museums 2004 verbunden wurden. Vom gleißenden Licht auf der Straße tritt man, mit kurzem Zwischenstopp an der Kasse, in das schattige Halbdunkel eines nur teilweise überdachten Raums. Von dort geht der Besucher entweder hinaus in den Garten oder in die erste von insgesamt zwölf Galerien. Keine zwei Räume in diesem Museum liegen auf einer Ebene; Treppen, Rampen und eine Brücke überwinden die Niveauunterschiede. Durch große stahlgerahmte Fenster tritt viel Licht, aufgrund Schatten spendender Bäume im Hof fällt ins Erdgeschoss jedoch wenig Sonne. Das obere Stockwerk hingegen ist über Dachfenster und Oberlichter sonnendurchflutet. Unten gibt es Betonböden und dunkle Holzbalken an der Decke, oben helle Parkettböden. Die unterschiedliche Raumsituation spiegelt sich in der Ausstellungsgestaltung wider: Unten steht, gröber und größer, meist Stein, oben zartere Arbeiten, Modelle, Fotos. Durch alle Räume bewegt sich der Besucher ungestört und dank fehlender Aufpasser auch unbeobachtet.

Vom oberen Stock führt eine Außentreppe direkt in den Garten. Der Garten ist, so wie das gesamte Museum, eher klein, ein dreieckiger Fleck, umfasst von hohen Ziegelmauern. Stille, die von Vogelgezwitscher und dem Rauschen der Bäume nur verstärkt wird. Es ist ein japanisch inspirierter Kiesgarten, spärlich möbliert mit eleganten Skulpturen, schlichten Felsbrocken und zwei Sitzbänken. Im hinteren Bereich gluckst leise eine Wasserskulptur. Es ist friedlich hier, der Geist ruht. Und die Stadt, die niemals schläft, scheint Lichtmeilen entfernt.

www.noguchi.org

Ansicht Innenhof, © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Installationsansicht, © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Noguchi Shop und Café, © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Skulpturengarten, © The Noguchi Museum. Foto: George Hirose
Noguchi Museum, NY. © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Ausstellungsansicht, © The Noguchi Museum, New York. Foto: Elizabeth Felicella
Installationsansicht, © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Blick in die Gallerie, © The Noguchi Museum. Foto: George Hirose
Noguchi Shop und Café, © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella
Aussenansicht vom Noguchi Museum, NY. © The Noguchi Museum. Foto: Elizabeth Felicella

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