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Kohle als Material für Fußböden und Möbel - eine Idee des Designers Jesper Eriksson.
© Jesper Eriksson
Kohle als Material für Fußböden und Möbel - eine Idee des Designers Jesper Eriksson.

Die Materialisten

Möbel aus Kohle, Fahrräder aus Altplastik: Zur Dutch Design Week 2018 in Eindhoven zeigen junge Designer, wie sie die Welt retten wollen.
von Jasmin Jouhar | 07.11.2018

"If not us, then who?" Das Motto der diesjährigen Dutch Design Week (DDW) vermittelte eine gewisse Dringlichkeit. Eine Dringlichkeit, die angesichts der Weltlage wohl viele nachvollziehen können. Doch mit dieser rhetorisch gemeinten Frage formulierte das Festival auch einen hohen Anspruch: dass Design die Welt retten kann. Und dass die Designer sich dieser Verantwortung bitteschön zu stellen haben. Aber, keine Sorge, sie haben geliefert. So spürten die Besucher in Eindhoven dieses Gefühl der Dringlichkeit an vielen Orten während der Festivaltage. Gerade die jungen Gestalter treiben sie um, die großen Fragen: Wie steht es um unsere Zukunft? Was sind die Lehren aus der Gegenwart? Die Antworten fallen zwar nicht immer so groß aus wie die Fragen, aber irgendwo muss man ja anfangen. Und viele junge Designer fangen ganz handfest beim Material an – mit Projekten, die Materialien neu erforschen oder sich mit dem Recycling von gebrauchten Materialien beschäftigen.

Möbel des jungen Designers Tim Teven aus einem Material auf der Basis von Recyclingpapier.
Möbel des jungen Designers Tim Teven aus einem Material auf der Basis von Recyclingpapier.
© Iris Rijskamp
Möbel des jungen Designers Tim Teven aus einem Material auf der Basis von Recyclingpapier.

Beispielsweise Tim Teven und sein Bachelor-Projekt "Recycling Reject": Wie alle anderen Absolventen der Design Academy Eindhoven zeigte er seine Abschlussarbeit in der von der Hochschule organisierten Ausstellung "G18" in einer ehemaligen Großmolkerei. Mit 208 Projekten von 185 Absolventen eine Riesensause, für die die Besucher locker drei bis vier Stunden einplanen konnten – zumal die Schau traditionell zu den Höhepunkten der DDW zählt. Tim Teven präsentierte einen Prozess, mit dem sich bereits recycelte Papierfasern weiterverwerten lassen. Denn nach fünf bis sieben Durchläufen ist die Qualität der Fasern zu schlecht, um daraus wieder Papier herzustellen. Teven verwendet sie stattdessen als Grundstoff für Baumaterial, er schreddert sie und presst sie mit Bindemittel und Pigmenten zu Blöcken. 

Thomas Hoogewerf hat ein dreirädriges Fahrrad entworfen, das er in Mexiko aus Plastikmüll herstellen will.
Thomas Hoogewerf hat ein dreirädriges Fahrrad entworfen, das er in Mexiko aus Plastikmüll herstellen will.
© Thomas Hoogewerf
Thomas Hoogewerf hat ein dreirädriges Fahrrad entworfen, das er in Mexiko aus Plastikmüll herstellen will.

Thomas Hoogewerf wiederum hat sich für sein Bachelor-Projekt des Materials mit dem zurzeit schlechtesten Image angenommen: Kunststoff. Sein Projekt ist in Mexiko-Stadt angesiedelt, er hat aus dort gesammeltem Plastikmüll einen Fahrradprototyp produziert, ein stabiles, dreirädriges Gefährt, mit dem auch Lasten transportiert werden können. Seine Idee: Das Rad wird lokal in Mexiko hergestellt und ist so konstruiert, dass es einfach repariert oder Teile ausgetauscht werden können. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Sabīne Silarāja mit ihrer Bachelorarbeit "Unplug!": ein Adapter für die Steckdose, 3D-gedruckt aus lokalem Plastikmüll, der ganz ohne Elektronik funktioniert. Im Gegenteil, er kappt nach einer gewissen Zeit rein mechanisch die Stromzufuhr: So werden nervige Leuchtdioden abgeschaltet und Strom gespart. Die Absolventin will zeigen, dass es Alternativen gibt zu den massenhaft produzierten, wenig nachhaltigen elektronischen Geräten, die wir so gedankenlos verbrauchen. 

Keramikarbeiten von Sinae Kim mit einer Glasur auf Basis des menschlichen Urins.
Keramikarbeiten von Sinae Kim mit einer Glasur auf Basis des menschlichen Urins.
© Sinae Kim
Keramikarbeiten von Sinae Kim mit einer Glasur auf Basis des menschlichen Urins.

Doch die jungen Materialisten entwickeln nicht nur Ideen für die Kreislauf- und Reparaturwirtschaft. Viele experimentieren auch mit Materialien, um neue Anwendungen zu finden – auffällig oft für Stoffe natürlicher Herkunft. Jesper Eriksson, ein junger Designer aus London, wählte dabei einen sehr konzeptuellen Ansatz: In seinem Projekt "Coal: Post-Fuel" lotet er die symbolischen Eigenschaften von Kohle aus, während der DDW zu sehen in dem innerstädtischen Designzentrum "Kazerne". Die hochästhetischen Objekte aus schwarzglänzender Steinkohle – Fußbodenbeläge und Möbelstücke – sind der spekulative Versuch, dem schmutzigen fossilen Brennstoff ein neues, begehrenswertes Image zu geben für die nachfossile Ära. Andere Gestalter beschäftigen sich mit organischen Hinterlassenschaften, so wie Sinae Kim, die aus menschlichem Urin eine Glasur für Keramik hergestellt hat. Basse Stittgen zeigte in der Ausstellung des New Material Award Gegenstände aus Kuhblut vom Schlachthof. 

Mit ihrem Transporter fährt Ruth Klückers an die Küsten Europas, um Algen zu sammeln.
Mit ihrem Transporter fährt Ruth Klückers an die Küsten Europas, um Algen zu sammeln.
© Ruth Klückers
Mit ihrem Transporter fährt Ruth Klückers an die Küsten Europas, um Algen zu sammeln.
Salvo Caltabellotta verarbeitet Heidekraut zu Textilien.
Salvo Caltabellotta verarbeitet Heidekraut zu Textilien.
© Salvo Caltabellotta
Salvo Caltabellotta verarbeitet Heidekraut zu Textilien.

Viele der diesjährigen Absolventen der Eindhovener Akademie setzen allerdings eher auf Materialien pflanzlichen Ursprungs. Im Hof vor den Ausstellungshallen parkte der umgebaute Mercedes-Kastenwagen von Ruth Klückers. Damit fährt sie zu den Küsten Europas, um Algen zu sammeln und zu verarbeiten. Denn wie wenige andere versprechen die Pflanzen aus dem Meer vielfältigen Nutzen für die Menschheit. Klückers Arbeit „Drive for Seaweed“ will dieses Potenzial in Erinnerung rufen, inklusive kleiner Algenhäppchen für die Ausstellungsbesucher. Andere Pflanzen mit Potenzial? Beispielsweise das Heidekraut, das Bachelor-Absolvent Salvo Caltabellotta zu Textilien verarbeitet. Oder die Dattelpalme, deren Holz Dan Porat für den Möbelbau oder als Baumaterial einsetzen will. Es fällt reichlich an beim Anbau der Datteln, doch gilt bislang als Müll. Don Kwaning wiederum hat einem wohlbekannten Material neue Seiten abgewonnen: Linoleum. Für sein Bachelor-Projekt "Lino Leather" hat er mit der Rezeptur experimentiert und weichere, flexiblere Lino-Qualitäten entwickelt. Sie wirken fast wie Leder und könnten etwa als Wandverkleidung genutzt werden. 

"Unplug", ein 3D-gedruckter Steckdosenadapter von Sabīne Silarāja, der beim Stromsparen helfen soll.
"Unplug", ein 3D-gedruckter Steckdosenadapter von Sabīne Silarāja, der beim Stromsparen helfen soll.
© Sabīne Silarāja
"Unplug", ein 3D-gedruckter Steckdosenadapter von Sabīne Silarāja, der beim Stromsparen helfen soll.

Mitten im digitalen Zeitalter wenden sich die Jungen also vielfach dem Materiellen zu, den Dingen, die man anfassen, bearbeiten und in manchmal fast alchemistisch scheinenden Verfahren transformieren kann. Selbstverständlich piepste, klickte und surrte es auch häufig in den DDW-Präsentationen – digitale Medien und Prozesse gehören schließlich die Alltagsrealität der Nachwuchsdesigner. Sie nutzen sie souverän als Werkzeuge. Aber für viele junge Gestalter liegt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft eindeutig im Handfesten.

Das Holz der Dattelpalme verarbeitet Dan Porat in seinen Objekten.
Das Holz der Dattelpalme verarbeitet Dan Porat in seinen Objekten.
© Dan Porat
Das Holz der Dattelpalme verarbeitet Dan Porat in seinen Objekten.
"Lino Leather“ hat Don Kwaning seine Materialschöpfung getauft.
"Lino Leather“ hat Don Kwaning seine Materialschöpfung getauft.
© Don Kwaning
"Lino Leather“ hat Don Kwaning seine Materialschöpfung getauft.
Coal: Post-Fuel