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Ein Frei-Bad für Generationen
von Heike Edelmann | 29.01.2015
Messetrubel ISH: Auch in diesem Jahr wird es wieder eine Fülle an Bäderwelten geben. Foto © Messe Frankfurt Exhibition GmbH, Pietro Sutera

In den letzten Jahrzehnten hat das Badezimmer an Bedeutung gewonnen – längst wird es nicht mehr als funktionale, triste Nasszelle betrachtet. Vielmehr gibt es für den einst stiefmütterlich behandelten Raum ein breites Angebot anspruchsvoll gestalteter Sanitär- und Einrichtungsgegenstände, die Körperpflege an einem Ort der Mußestunden ermöglichen. Doch neben der hedonistischen Optimierung gibt es weitere Tendenzen, die sich auf die Gestaltung des Bades auswirken. In einer alternden Gesellschaft mit zunehmend begrenzten Wohnraum ist das Bad mitunter als Ort zu begreifen, der dazu beiträgt, bis ins hohe Alter ein unabhängiges und erfülltes Leben zu führen. Keine leichte Aufgabe für Architekten und Designer, die einen Raum gestalten müssen, der über viele Jahre hinweg funktional wie ästhetisch überzeugen soll und dabei viele Bedürfnisse erfüllen muss. Und diese sind höchst unterschiedlich, gerade wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Während Singles beispielsweise das Bad gerne als privates und komfortables Spa nutzen, sind für ältere Menschen Barrierefreiheit von großer Bedeutung sowie ergonomisches Mobiliar, das die Mobilität unterstützt. Platz für viel Stauraum sollte der Ort obendrein bieten – und dabei noch hygienische Anforderungen erfüllen.
Doch was bisher unter dem Stichwort „Barrierefreiheit“ geschah, wirkte gestalterisch oft wenig überzeugend. Bislang stehen ästhetische und funktionale Belange im Bad noch zu sehr für entgegengesetzte, scheinbar unvereinbare Entwürfe.

Zukunftsluft schnuppern auf der ISH

Die ISH, Weltleitmesse für Bad, Gebäude-, Energie- und Klimatechnik in Frankfurt am Main, nimmt dies zum Anlass, dieses Jahr das Generationenbad stärker in den Fokus zu rücken. Zum Rahmenprogramm der Messe gehören der vom Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) ausgelobte Produkt-Award „Badkomfort für Generationen“, das Forschungsprojekt „Bad der Zukunft“ des ZVSHK in Kooperation mit der Hochschule für Gestaltung in Offenbach sowie die Trendschau und das Vortragsforum „Pop up my Bathroom“, das die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) in diesem Jahr unter das Motto „Freibad“ stellt: „Unser Ziel sollte nicht lediglich sein, barrierefreie Bäder schöner und funktionaler zu gestalten, sondern sie zu ‚normalen‘ Bädern zu machen.“, erläutert VDS-Geschäftsführer Jens J. Wischmann.

Es gilt, zu improvisieren

So präsentiert die Sonderschau in vier Szenarien das ideale Badezimmer, jeweils aus der Perspektive von Kindern, Singles, Familien und älteren Menschen. Der Begriff „Freibad“ wird dabei zum Synonym für Freiheit, Selbständigkeit und Lebensfreude. Für Familien, zum Beispiel, sollte die sanitäre Ausstattung und Möblierung vor allem Platz für Improvisation bieten. Dies trifft in besonderem Maße zu, wenn das Bad sowohl von Eltern mit Kindern als auch von einem pflegebedürftigen oder älteren Familienmitglied genutzt wird. Bodengleiche Duschen, Doppelwaschtische oder höhenverstellbare WCs können hier das zeitgleiche Miteinander erleichtern.

Raum für gleichzeitige Nutzung

Auch die Einteilung in verschiedene Zonen für parallel zu erledigende Tätigkeiten wie eine durch Vorwandelemente oder Regale abgeteilte Bade- und Ankleideecke tragen zu harmonischeren Abläufen im Generationenbad bei. Sie ermöglichen selbst bei knappem Raum ein gewisses Maß an Privatheit bei gleichzeitiger Nutzung des Bades. Für Kinder ist das Bad ein Ort, an dem sie den Umgang mit Wasser und Hygiene spielerisch entdecken können. Durch Spritzschutz an Dusche oder Badewanne haben sie ihren Spaß, ohne andere zu stören. Eine Bank mit Kissen als Kuschelecke und Extra-Stauraum für jedes Familienmitglied verleihen dem Bad zudem einen wohnlichen Charakter. „Connect Freedom“, zum Beispiel, ist ein Komplettprogramm des Herstellers Ideal Standard, das neben barrierefreien WCs elegante unterfahrbare Waschtische mit umlaufender Griffmulde sowie Stauraummöbel in verschiedenen Holzdekoren umfasst. Zum Programm gehören Hochschränke mit offener oder geschlossener Front sowie eine große Auswahl an Hänge-, Seiten- und Unterschränken, mit denen man das Badezimmer beleben und strukturieren kann.

Ältere Menschen brauchen dagegen vor allem einen barrierefreien Raum. Eine besonders platzsparende Lösung ist etwa der schwellenlose Duschbereich „Hüppe Design elegance“ mit Schwingfalttür aus klarem oder teilmattiertem Glas. Sein bis zu 1250 Millimeter breiter Zugang ist rollstuhlgerecht. Nach dem Duschen lassen sich Türelemente wie Seitenteile der so genannten U-Kabine beinahe bündig mit der Wand nach innen oder außen klappen. Die frei begehbare Fläche im Bad bleibt so entsprechend groß.

Pflegeleicht und von fast skulpturaler Form ist der Flachspüler der Badserie „Laufen pro“. Das wandhängende WC des Schweizer Herstellers verfügt durch eine verborgene Befestigung über eine geschlossene, fugenlose Keramikoberfläche, die sich einfach sauber halten lässt und auch ästhetisch überzeugt.

Attraktiver Purismus

Mittlerweile beschäftigen sich auch international bekannte Büros wie Matteo Thun & Partners mit der anspruchsvollen Aufgabe, das Bad sowohl funktional als auch wohnlich zu gestalten – es soll so zu einem Ort werden, an dem sich alle Bewohner gerne aufhalten. Für Duravit hat Thun zum Beispiel die puristische und gleichermaßen elegante Kollektion „DuraStyle“ entworfen. Die rechteckigen Handwaschbecken und Waschtische der Serie verfügen über großzügige Ablageflächen und einen filigranen Rand, der das Beckenvolumen vergrößert. Sie können auch im Sitzen und selbst von einem Rollstuhl aus genutzt werden. Hochschränke und Waschtischunterbauten aus Echtholz wirken durch ihre Kombination aus geschlossenen und offenen Flächen leicht und luftig. Erkennungszeichen der zugehörigen Badewanne ist die markante Aufkantung am rückseitigen Wannenrand, die als Unterstützung zum Ein- und Aussteigen dient. Darüberhinaus lassen sich Badeutensilien dahinter verstauen. Auch bei den WCs setzt Matteo Thun die markante Formensprache der Serie fort. Das randlose Modell „Duravit Rimless“ hat eine erweiterte Sitzfläche, erlaubt eine erhöhte Sitzposition und lässt sich durch seinen offenen, gut zugänglichen Randbereich einfach sauber halten. Optisch bilden Keramik und Sitz eine harmonische Einheit.

Pioniere mit Visionen

Längst nicht alle Ausstattungslinien zum Thema Generationenbad beruhen auf neusten Erkenntnissen. Wie sich Robustheit von Sanitärprodukten im Bad mit gestalterischer Eleganz verbinden lässt, hat bereits der dänische Architekt und Designer Knud Holscher mit „d-line“, einer Serie von Sanitärzubehör und Unterputzmodulen, in den 1970er Jahren vorgemacht. Neuere Programme wie das barrierefreie Ergo-System von FSB führen das Prinzip des sich anpassenden Bads fort.

Als 1922 der Maler Oskar Schlemmer darüber nachdachte, wie er sich das ideale Haus vorstellen würde (nämlich als eine „Sinfonie des modernen Materials“ und zudem „transportabel und zusammenklappbar“), spielte das Bad für ihn eine zentrale Rolle. Er wünschte es sich als „Zentrum und Clou“, es sollte zum Hauptaufenthaltsraum werden: „Hier lese, schreibe, meditiere ich – pflege den Körper und denke an Griechenland!“ Die Vision von einst könnte heute mit der entsprechenden Einrichtung Realität werden. Beinahe zumindest.

Viel Stauraum und wenig Barrieren: Die Bad-Kollektion „Connect Freedom“ von Ideal Standard. Foto © Ideal Standard
Die Fläche macht’s: Bodengleiche Duschen mit Schwingfalttür sind ideal für Rollstuhlfahrer. Foto © Hüppe Design
Schlicht und pflegeleicht: Wandhängende WCs mit fugenloser Keramikoberfläche von Laufen. Foto © Laufen Bathrooms
Wohnlichkeit im Bad – mit klaren Geometrien und Schränken mit Echtholz-Verkleidung, entworfen von Matteo Thun & Partners Foto © Duravit
Die Kunst des Kompromisses: Die einen brauchen es barrierefrei, die anderen wollen ein privates Spa. Foto © FSB, Grohe

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