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Enjoy the ride!
von Unbekannt Unbekannt | 10.03.2015
„Shit happens": Entwurf von Margarita Kolesnikova im Rahmen eines Studentenprojektes der Oslo National Academy of the Arts. Foto © Margarita Kolesnikova

Das stille Örtchen ist ein Platz, über den nur wenig in der Öffentlichkeit gesprochen wird. Das war allerdings einmal ganz anders - im antiken Rom etwa saß man nebeneinander auf einer Bank, um sich zu unterhalten, während man sein Geschäft tätigte. Der Gang zur Toilette und das WC selbst haben immer auch etwas mit den Sitten und Religionen sowie wirtschaftlicher und infrastruktureller Entwicklungen zu tun. Während sich unsereins fragt, ob er nun ein besonders komfortables WC mit Duschfunktion benötigt, ist das Thema in Entwicklungsländern ein prekäres, da hier zum Teil noch nicht einmal die Kanalisation richtig ausgebaut ist. So haben aktuell über eine Milliarde Menschen gar keinen Zugang zu einer Toilette.

Vor diesem Hintergrund haben Innenarchitektur-Studenten von der National Academy of the Arts in Oslo ihre Ideen von einer Toilette entwickelt. Die Prämisse von Professorin Sigurd Strøm für das Projekt „Shit happens“ war, beim Design besonders auf ergometrische Gesichtspunkte zu achten und eine globale Perspektive einzunehmen. So entstanden sehr unterschiedliche Arbeiten, die das herkömmliche stille Örtchen hinterfragen und es transformieren, so dass die Handhabe verbessert oder ein Zusatznutzen erzielt wird.

Etwa das Schaukelklo (Bild oben) von Margarita Kolesnikova: Der Toilettensitz ist so geformt, dass der Nutzer automatisch die richtige Sitzposition einnimmt. Denn das Sitzen in einer tiefen Hocke ist besonders entspannend, reduziert den Druck im Darm und beugt so Hämorriden vor. Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, kann man Kolesnikovas Sanitäreinheit auch als Schaukelpferd benutzen.

Foto © Emilie W. Løkkeberg

Zeitloser Halt: Lokus mit Fixierung

Vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen hat Emilie Witsø Løkkeberg einen WC-Stuhl für Menschen im Altersheim entworfen. Durch Haltebänder werden Hände und Füße des Nutzers an die Konstruktion aus Edelstahl fixiert und bewahren ihn so davor, das Gleichgewicht auf dem Lokus zu verlieren. Zeitlos und minimalistisch, ist der Stuhl obendrein besonders leicht zu reinigen.

Foto © Anja Elise Granlund

Moralisches Geschäft: Klosett mit Trinkwasserspülung

Um auf den verschwenderischen Wasserverbrauch bei der Klospülung zu verweisen, hat Anja Elise Granlund einen Trinkwasser-Kanister auf den Spülkasten montiert. Nach jeder zweiten Spülung muss dieser wieder durch einen vollen Kanister ausgetauscht werden. Die Toilette mag nicht besonders nutzerfreundlich sein, verhindert aber sicher, dass zu viel Wasser verschwendet wird.

Foto © Martine Scheen

Passgenaue Rundungen: die WC-Skulptur

Die Toilette von Martine Scheen schmiegt sich mit dem ergonomisch geformten Sitz und seiner abgerundeten Oberfläche gut an die Formen des Allerwertesten an. Besonders niedrig, gewährleistet das WC außerdem das Sitzen in einer entspannten Position und wertet dank seiner skulpturalen Form jedes triste Badezimmer auf.

Foto © Stine Helen Sletvold

Jenseits vom Wesentlichen: die Hightech-Toilette

Beleuchtete Toilettenschüssel, sensorgesteuerter WC-Deckel und eine „Flush-Melody“ bei jeder Spülung. Das WC von Stine Helen Sletvold aus Styropor, Fieberglas, Epoxidharz und Polyesterspachtel ist voll automatisch und kann sogar per Smartphone oder Tablet gesteuert werden. Zu viel des Guten, meint Sletvold, die diese Hightech-Toilette als Persiflage auf japanische WCs entworfen hat. Nach ihrer Meinung würden die vielen technischen Spielereien nur vom Wesentlichen ablenken und den Aufenthalt auf dem stillen Örtchen unnötig verlängern.

Foto © Vilde Rapp Riise und Sara Gretteberg

Legitime Flucht: Klohäuschen mit Hintertür

In Ruhe das stille Örtchen genießen ist auf öffentlichen Toiletten nur selten möglich. Besonders dann, wenn sich schon eine Schlange vor dem Toilettenhäuschen bildet. Um diese peinliche Situation zu vermeiden, haben Vilde Rapp Riise und Sara Gretteberg ein Hintertürchen ins Klohäuschen eingebaut. So kann der Nutzer ungesehen und schnell durch die zweite Tür flüchten, ohne sich schamvoll an der Schlange der Wartenden vorbeidrängen zu müssen.

Foto © Mads John Thomseth

Geniale Abführung: die westliche Kanalisation

Einer der interessantesten Arbeiten ist jene von Mads John Thomseth: Ein quadratisches Wasserbassin mit zwei Planken darauf, des Weiteren zwei himmelwärts gerichtete Abflussrohre. Mit dieser abstrakten Installation will uns Thomseth auf die Diskrepanz der westlichen Toilette zu jener in Drittweltländern aufmerksam machen, nicht zuletzt auf die geniale Erfindung der Kanalisation, die seit dem verstärkten Einsatz im Westen ab der Neuzeit ein Garant für Gesundheit ist. Dort wo es keine gibt, in Drittweltländern in Afrika etwa, dient oft ein simples Loch im Erdreich unter freiem Himmel als Abort. Jeder darf die Installation, für die sich Thomseth von dem deutschen Künstler Franz Erhard Walther hat inspirieren lassen, ausprobieren.

Foto © Mads Hauge

Besonders grün: die 3-in-1 Bathtube

Wie kann Design den Umgang mit Trinkwasser verändern, hat sich Mads Hauge gefragt. Dementsprechend sieht sein Entwurf vor, die Duschkabine samt Waschbecken und die Toilette zu kombinieren, „3-in-1“ sozusagen. Die Idee dahinter ist, dass das Wasser von Dusche und Waschbecken im unteren Bereich aufgefangen wird, um dann für die Toilettenspülung gebraucht zu werden. Dass die besonders „grüne“ Bathtube dafür Regenwasser vorsieht, versteht sich von selbst.

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