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Im Fokus der Unternehmerin Florence Knoll stehen "Planned Furniture", Möbel mit denen ihr "Planning Unit" Chefetagen und ganze Firmenzentralen ausstattet (ca. 1957).
© Knoll International Archiv
Im Fokus der Unternehmerin Florence Knoll stehen "Planned Furniture", Möbel mit denen ihr "Planning Unit" Chefetagen und ganze Firmenzentralen ausstattet (ca. 1957).

Zum Tod von Florence Knoll Bassett

Mit ihr starb die Pionierin der Möbelmoderne, die anhand durchdacht gestalteter Räume den Optimismus einer ästhetisch empfindenden Weltgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg beflügelte. Wie brüchig die Fundamente dieser Gemeinschaft sind, erleben wir heute. Wie wichtig ihr Vorbild ist, auch.
von Thomas Edelmann | 15.02.2019

Am 25. Januar diesen Jahres verstarb in Miami Florence Knoll Bassett. Viele Nachrufe sind seither erschienen. Selbst Medien, die Design und Innenarchitektur üblicherweise nur unter der Rubrik “Stil“ abhandeln, widmeten ihr erinnernde Beiträge. Im Jahr des Bauhaus-Jubiläums, das vor allem in Deutschland begangen wird und vielfache Gelegenheit zu gutgemeinter ästhetisch-politischer Selbstbespiegelung gibt, bietet sie einen anderen, wenn auch verwandten Bezugspunkt der jüngeren Design- und Architekturgeschichte.

Was die Moderne im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts an Möbelideen entwickelte, filterte sie zu international nutzbaren Serienprodukten, die die Basis der heute omnipräsenten Mid-Century Modern sind. Florence Knoll handelte gestaltend, oft gemeinsam mit anderen. Ein Grundverständnis von Wirtschaftlichkeit war bestimmend für ihre Arbeit. Möbel entwarf sie selbst, wenn es ihr nicht möglich war, auf bestehende Lösungen zurückzugreifen. Sie etablierte ein internationales Netzwerk von Kreativen, Kommilitonen wie Lehrer band sie ins Produktdesign für Knoll International ein. Für einen vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt stand sie an der Spitze. Sie wird weltweit bekannt, weit über Fachkreise hinaus. 1960, da ist sie gerade im Begriff ihre Firma zu verkaufen, widmete “Der Spiegel“ ihr eine Titelgeschichte. Auch wenn sie sich bereits 1965 ins Private zurückzog, blieb sie Vorbild und Bezugspunkt als Unternehmerin, als Innenarchitektin und Designerin. Immer wieder inspirierte sie neue Generationen mit ihrer professionellen Betrachtung von Gestaltung, die über Zuschreibungen, was weiblich oder männlich im Design sei, weit hinaus geht. Über das Leben und Wirken von Florence Knoll nachzudenken ist wichtiger denn je, weil es Konstellationen aufzeigt, in denen sich die oftmals abstrakt geforderte, konkret aber häufig scheiternde Kreativität erproben kann. 

"Der Spiegel" widmet der Innenarchitektin und Unternehmerin und ihrer transatlantischen Erfolgsgeschichte 1960 eine umfangreiche Titelgeschichte.
Foto: DER SPIEGEL 16/1960 © Der Spiegel
"Der Spiegel" widmet der Innenarchitektin und Unternehmerin und ihrer transatlantischen Erfolgsgeschichte 1960 eine umfangreiche Titelgeschichte.
Florence Knolls Zeichnung mit dem "Diamond Chair" und einem Raumteiler des italienisch-amerikanischen Künstlers Harry Bertoia ist Vorbild des Magazin-Titelbilds.
© Florence Knoll Bassett papers, 1932-2000. Archives of American Art, Smithsonian Institution
Florence Knolls Zeichnung mit dem "Diamond Chair" und einem Raumteiler des italienisch-amerikanischen Künstlers Harry Bertoia ist Vorbild des Magazin-Titelbilds.

Am 24. Mai 1917 wird sie als Florence Marguerite Schust in der ehemaligen Holzfällerstadt Saginaw, Michigan geboren. Der mittlere Westen Amerikas ist zu dieser Zeit die Region, aus der bedeutende Neuerungen der Automobil- und der Möbelbranche stammen. Das umfasst Produkte wie Produktions- und Vermarktungsstrategien. Die Schusts waren eine wohlhabende Familie. Mit dem Großvater, der eine Großbäckerei betreibt, sind sie aus der Schweiz in die USA immigriert. Florence‘ Vater leitet die Firma. Er stirbt als sie 5 ist. Ihre Mutter verliert sie mit 12. Sie soll aufs Internat gehen, wählt eines in Bloomfield Hills im Nordwesten Detroits aus. Ihre Kunstlehrerin dort, Rachel de Wolfe Raseman, bringt sie mit Architektur und Design in Kontakt, auch mit der planerischen Kompetenz des Berufs. So darf sie mit 15 ein zweistöckiges Wohnhaus entwerfen – mit allen nötigen Details und den Interieurs. Ihr Entschluss Architektin zu werden, begründet sich hier. In Bloomfield Hills sind der finnische Architekt Eliel Saarinen und seine Frau Loja maßgebliche Kreative, inspiriert vom Arts-and-Crafts-Movement und in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Art-déco-Tendenzen. Er hat ihre Schule entworfen, wie den gesamten Campus der Cranbrook Educational Community, die der Zeitungsverleger und Philanthrop George Gough Booth dort stiftet. Beide nehmen Florence Schust in ihre Familie auf.

Visionäre Freunde: Herbert Matter, Hans G. Knoll, Florence Knoll und Harry Bertoia diskutieren neue Gestaltungsprojekte (v.l.n.r., ca. 1952)
© Knoll International Archiv
Visionäre Freunde: Herbert Matter, Hans G. Knoll, Florence Knoll und Harry Bertoia diskutieren neue Gestaltungsprojekte (v.l.n.r., ca. 1952)

1932 entsteht die Cranbrook Academy of Arts. Eliel Saarinen ist Gründungspräsident der Hochschule. Während er deren Fachbereiche für Architektur und Stadtplanung leitet, übernimmt Loja Saarinen die Weberei und die Abteilung Textildesign. Mit 17 erlebt Florence Schust die Atmosphäre von Cranbrook, die sich bald zu einer der wichtigsten Ausbildungsstätten für Design und Architektur entwickelt. Eliels Sohn Eero Saarinen, wenige Jahre älter als sie, macht Florence in gezeichneten Briefen mit der Architekturgeschichte vertraut. Später studieren hier der Bildhauer Harry Bertoia und der Designer Charles Eames. “Mehr als jede andere Institution“, befand die New York Times 1984 anlässlich einer Ausstellung im Metropolitan Museum, habe Cranbrook das Recht sich selbst “als Synonym für zeitgenössisches amerikanisches Design“ zu verstehen. Florence Schust unternimmt Anfang der 1930er Jahre mit den Saarinens ausgedehnte Europareisen. Beim Sommerurlaub in Finnland rät ihr Alvar Aalto, zum Studium nach London an die Architectural Association zu gehen. Drei Jahre verbringt sie dort, kriegsbedingt reist sie 1939 ohne Abschluss nach Amerika zurück.

Noch in London kommt sie mit Marcel Breuer in Kontakt. Er vermittelt ihr ein Praktikum in Cambridge, Massachusetts in jenem Büro, das Walter Gropius und er gemeinsam betreiben. Florence Schust schließt ihre in Cranbrook und London begonnenen Studien 1941 am Armour Institute of Technology in Chicago ab, bei Ludwig Mies van der Rohe. Später betont sie, Mies habe einen großen Einfluss auf ihr Design, er half ihr bei der Verdeutlichung ihrer Vorstellungen. Von Chicago geht sie nach New York, arbeitet in verschiedenen Architekturbüros, wo sie stets die einzige Frau ist. Sie wird zu Interior-Projekten hinzugezogen. Dabei lernt sei einen jungen Deutschen kennen, der seit 1938 in New York lebt. Er ist der älteste Sohn des Polstermöbel-Fabrikanten Walter Knoll aus Herrenberg und hat seine eigene Möbelkollektion gestartet. Nun braucht er eine Gestalterin für Interior-Aufgaben. Aus dem Label Hans Knoll Furniture wird Hans Knoll Associates und bald darauf eine der bedeutendsten Möbelfirmen, Knoll International. Maßgeblich beteiligt an der Verwandlung: Florence Schust. Die beiden werden ein Paar, heiraten 1946. Florence Knoll etabliert ein für Bekanntheit und Wachstum maßgebliches Instrument: Die Knoll Planing Unit, kurz P.U., mit einem kleinen Team von Gestaltern kann sie so große Planungsaufträge übernehmen. Die eigenen, knapp bemessenen Arbeitsräume dienen als Anschauungsorte, um Kunden mit ihren Planungsansätzen vertraut zu machen. Die Auftraggeber überzeugt sie mit Effizienz und Stimmigkeit ihrer Konzepte.

Florence Knoll schätzt die Arbeit mit "Paste-ups". Materialproben, eingeklebt in maßstäbliche Pläne, stehen für Ausstattungsdetails und schaffen einen Raumeindruck.
© Knoll International Archiv
Florence Knoll schätzt die Arbeit mit "Paste-ups". Materialproben, eingeklebt in maßstäbliche Pläne, stehen für Ausstattungsdetails und schaffen einen Raumeindruck.
Hier für die luxuriösen Vorstandsbüros der "Cowles Publications", die das "Look Magazin" verlegte (ca. 1962).
© Knoll International Archiv
Hier für die luxuriösen Vorstandsbüros der "Cowles Publications", die das "Look Magazin" verlegte (ca. 1962).

Neue Möbel entstehen bei ihr immer aus einer Notwendigkeit heraus. Dass sie mit der Serienfertigung des “Barcelona Chair“ ihres Lehrers Mies van der Rohe aus dem Jahr 1929 bereits das Retrodesign einleitet, geschieht beinahe nebenbei. Gegenüber der handgefertigten Vorkriegsvariante modifiziert sie die immer noch aufwendige Fertigung. Beiläufig erklärt sie, ein solches Möbel für größere Räume habe sie damals, 1948, gebraucht. Es wird Baustein eines weltweit populären Knoll-Stils. Später wird Knoll International mit der Übernahme der Produktionsrechte des Italieners Gavina auch Möbel der 1920er Jahre von Marcel Breuer wieder auflegen. Mit dem gebürtigen Schweizer Foto- und Typografen Herbert Matter entwickelt sie Marken- und Werbekonzepte, von 1946 bis 1966 berät er die Firma. Showrooms sind für Florence Knoll nicht pure Verkaufsorte, an denen die Kollektion ausgebreitet wird. Sie sind differierende Orte der Inszenierung – in New York beispielsweise anders, als in Chicago, San Francisco oder Los Angeles. Mit ihren Möbeln, Textilien, den kontrastreichen Farb-, Raum- und Materialkonzepten erschafft sie jenen kühlen, offenen, wohnlichen Bürostil, den wir heute in Serien wie “Mad Men“ als “Mid Century Modern“ anstaunen. Die realen Büros und die Wohnungen, in die ihre Sofas und Tische längst auswanderten, haben wir inzwischen mit Computern und vielerlei Krams vollgestopft, der uns unerlässlich scheint, der mit der Klarheit à la Florence Knoll aber unvereinbar ist. Auch Dank der Familienbezüge ist Knoll International nach Kriegsende rasch in Deutschland präsent, schneller als andere innovative US-Möbelmarken. 

Im Showroom in San Francisco, untergebracht in einer ehemaligen Besenfabrik aus dem 19. Jahrhundert, zeigte Florence Knoll 1956 eigene Sofas und Tische neben Möbeln ihres Lehrers Mies van der Rohe und von Eero Saarinen.
© Knoll International Archiv
Im Showroom in San Francisco, untergebracht in einer ehemaligen Besenfabrik aus dem 19. Jahrhundert, zeigte Florence Knoll 1956 eigene Sofas und Tische neben Möbeln ihres Lehrers Mies van der Rohe und von Eero Saarinen.
Planing Unit und Showroom von Knoll Associates residieren lange in der New Yorker Madison Avenue 601. Der neue Wohn- und Lebensstil basiert auf Möbeln wie dem Sessel "No. 70" von Eero Saarinen und dem "Butterfly Chair" (ca. 1948).
© Knoll International Archiv
Planing Unit und Showroom von Knoll Associates residieren lange in der New Yorker Madison Avenue 601. Der neue Wohn- und Lebensstil basiert auf Möbeln wie dem Sessel "No. 70" von Eero Saarinen und dem "Butterfly Chair" (ca. 1948).

1955 stirbt Hans G. Knoll auf Cuba bei einem Verkehrsunfall. Abrupt endet eine Liebes- und Arbeitsbeziehung. Florence Knoll, die bei Planungsfragen schon lange das Sagen hat, übernimmt die Leitung des Unternehmens. Ihre Kontakte sind es, die Neues ermöglichen. In Deutschland fällt auf: Diese Möbel aus Amerika sind anders als die der Konkurrenz. Westdeutsche Fachbücher, etwa die “Neue Möbel“-Reihe von Hatje machen deutlich, wie spießig der Luxus der rheinischen Republik damals ist, selbst dann noch, wenn er sich gradlinig gibt. Knoll setzt den Ton, ist bis heute aktuell. Herbert Bertoia, den Bildhauer und Bekannten aus Cranbrook macht Florence Knoll zum Möbeldesigner, der ikonische Drahtsessel erschafft. Ihre Sideboards fürs Büro haben textilbezogene Fronten, lange bevor andere über akustisch wirksame Möbel nachdenken. Marmor dringt mit Knoll in Büro und Wohnung vor. Aber nicht als gewohnt schweres, behäbiges Material, sondern schwebend, beinahe fliegend auf dem einbeinigen “Pedestal“-Tisch von Eero Saarinen, den sie seit Jugendjahren kennt. Als auch er 1961 unerwartet stirbt, übernimmt sie den Auftrag zur Ausgestaltung der Büros im von Saarinen entworfenen CBS-Hochhaus in New York.

Möbelproduzent trifft Architektin: Hans G. Knoll und Florence Schust arbeiten ab 1943 zusammen, heiraten 1946. Gemeinsam erschaffen sie ein Unternehmen mit Weltgeltung.
© Knoll International Archiv
Möbelproduzent trifft Architektin: Hans G. Knoll und Florence Schust arbeiten ab 1943 zusammen, heiraten 1946. Gemeinsam erschaffen sie ein Unternehmen mit Weltgeltung.
Diskussion der Planing Unit aus Lewis Butler, Heino Orro und Florence Knoll am Modell der Heinz Office Suite für Firmenchef Jack Heinz (ca. 1957).
© Knoll International Archiv
Diskussion der Planing Unit aus Lewis Butler, Heino Orro und Florence Knoll am Modell der Heinz Office Suite für Firmenchef Jack Heinz (ca. 1957).

Nachdem dieser Auftrag vollendet ist, zieht sie sich 1965, fünf Jahre nach dem Verkauf des Unternehmens, zurück. Sie trägt den Namen Florence Knoll Bassett, nach dem Bankier Herbert Hood Bassett, den sie 1958 heiratet. 2000 hat sie dem Smithonian Institute ihre wohlgeordneten Archive übergeben: Zeichnungen, Fotos und Briefe, die ihr langes, intensives Leben dokumentieren, auch ihren kurzen und intensiven Kampf gegen Riesenplakate entlang der Highways in Miami. Ihren einzigen Ausflug in die Politik, wie sie sagt. Man mag die gestalterischen Aufbruchszeiten der 1950er und 1960er kritisieren als ein Programm für eine liberale, vermögende, meist weiße internationale Oberschicht, deren Optimismus von den Krisen jener Zeit kaum erschüttert wurde. Und doch: Beispielhaft bleiben ihr erfindungsreicher gestalterischer Pragmatismus, das Netzwerk aus Künstlern und Gestaltern, das sie aktivierte, und die Klarheit, mit der sie die Welt verwandelte, ihre Chancen ergriff ohne sich zu wiederholen. Florence Knoll Bassett wird uns noch lange inspirieren.

Die aktuelle Kollektion von Knoll International lässt mit Möbeln von u.a. Florence Knoll, Eero Saarinen, Warren Platner das Lebensgefühl des "Mid Modern Design" wieder aufleben.
© Knoll International
Die aktuelle Kollektion von Knoll International lässt mit Möbeln von u.a. Florence Knoll, Eero Saarinen, Warren Platner das Lebensgefühl des "Mid Modern Design" wieder aufleben.

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