Hinter den Kulissen
Anna Moldenhauer: Du hast ursprünglich BWL und Psychologie studiert. Was hat dich an der Modebranche gereizt?
Florian Müller: Es war nie ein Wunsch in der Mode zu arbeiten, sondern vielmehr eine zufällige und schrittweise Entwicklung. Während meines Auslandsaufenthalts zum Studium in Paris habe ich Zugang zu einem Umfeld erhalten, das stark von der Mode geprägt war. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass meine akademische Ausbildung und meine Qualifikationen ausschlaggebend waren, in diesem Kontext wahrgenommen zu werden. In einem renommierten Haus wurde mir jedoch sehr direkt vermittelt, dass mein äußeres Erscheinungsbild die entscheidende Rolle gespielt hat. Diese Erfahrung hat meine Perspektive nachhaltig verändert, da sie die Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlichen Mechanismen des Systems deutlich sichtbar gemacht hat – insbesondere im Hinblick darauf, wie gering fachliche Kompetenz in bestimmten Kontexten gewichtet wurde und immer noch wird. Parallel zu meiner Arbeit in der Mode habe ich meine Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit kontinuierlich vertieft. Vor über 20 Jahren kam bereits in Paris die Idee auf, meine Diplomarbeit in Psychologie zu schreiben, weil ich die Motivation derjenigen verstehen wollte, die perfekt in Designerstücken gekleidet unter teilweise sehr instabilen finanziellen Lebensumständen gearbeitet haben. Außerdem bildete ich mich weiter, um heute psychotherapeutisch arbeiten zu dürfen, und engagiere mich im Berliner Krisennetzwerk. Diese Perspektiven außerhalb der Branche haben mein Verständnis für die Dynamiken innerhalb der Mode deutlich erweitert.
Wie würdest du die strukturellen Probleme der Branche beschreiben?
Florian Müller: Die Mode arbeitet mit Bildern, die bis ins Detail kontrolliert sind. Selbst dann, wenn sie mit Brüchen oder dystopischen Szenarien operiert, bleibt die Darstellung ästhetisch perfekt inszeniert. Das ist kein Zufall, sondern Teil eines Gefüges, das darauf ausgerichtet ist, Emotionen zu erzeugen und Konsum anzuregen. Das Problem besteht darin, dass diese Oberfläche wenig Platz für die tatsächlichen Bedingungen lässt, unter denen diese Bilder entstehen. Diese reichen von massiver Überforderung bis hin zu prekären Arbeitsverhältnissen, unbezahlter Arbeit und starken Abhängigkeiten, die viele Menschen in der Branche in Kauf nehmen müssen, um Teil eines Systems zu bleiben. Sichtbar ist das Ergebnis, nicht der Prozess, weder im kreativen Bereich noch entlang der globalen Lieferkette.
Warum ist dieses System erfolgreich?
Florian Müller: Wir sprechen über eine Branche, die davon lebt, dass Menschen das Gefühl haben nicht auszureichen. Dieses Prinzip zeigt sich auf mehreren Ebenen: Den KonsumentInnen wird vermittelt, dass sie ihr Aussehen mit Produkten aller Art optimieren müssen, während innerhalb der Branche ein permanenter Leistungsdruck herrscht, der dazu führt, dass Menschen über ihre Belastungsgrenzen gehen. Diese Dynamik setzt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette fort: von Kreativen bis hin zu Arbeiterinnen und Arbeitern, die unter Bedingungen produzieren, die von der Gesellschaft oft komplett ausgeblendet werden. Die Mechanismen der Missbrauchsstrukturen ähneln sich, weil sie auf demselben Grundprinzip beruhen. Kurzgesagt: Das Gefühl, nicht zu genügen, fungiert als Motor, der Dynamik erzeugt, wirtschaftliche Prozesse antreibt und die bestehenden Strukturen stabil hält. Natürlich betrifft das nicht alle gleich: Wer weniger Macht und Spielraum hat, kann sich deutlich weniger frei entscheiden und ist stärker in den Ablauf eingebunden.
Welche Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Akteurinnen und Akteure beobachtest du?
Florian Müller: Ich nehme durch meine Tätigkeit eine hohe Dichte psychischer Erkrankungen in der Branche wahr, wobei sich die Ursachen nicht eindeutig trennen lassen, da einige Menschen bereits mit Belastungen in die Branche kommen, während andere erst durch die dortigen Bedingungen erkranken. Parallel wirken die Mechanismen auch außerhalb der Modeszene, da sie Körperbilder, Konsumhaltungen und gesellschaftliche Erwartungen transportieren. Die vereinheitlichen Schönheitsideale lassen viele Betroffene ihr eigenes Leiden nur eingeschränkt wahrnehmen. In Kombination mit einer Struktur, die Missstände verschleiert, entsteht eine besonders komplexe Situation.
Inwiefern prägt das deinen Ansatz in der Kommunikationsarbeit?
Florian Müller: Mir geht es nicht darum, Diagnosen zu stellen oder Menschen einzuordnen, sondern zunächst ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Viele wissen nicht, wie sie mit psychischen Herausforderungen umgehen können, weder im privaten noch im beruflichen Kontext. In meinen Formaten geht es darum, Verständnis zu vermitteln und konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, die im Alltag anwendbar sind. Gleichzeitig beziehe ich strukturelle Fragen mit ein – etwa wie Arbeitsumfelder gestaltet sind, welche Verantwortung Führungsebenen tragen und wie Inklusion praktisch umgesetzt werden kann. Ein Teil dieser Arbeit findet auch im internationalen Kontext statt. Besonders prägend sind für mich Aufenthalte in Städten anderer Länder wie Tokio, bei denen ich Vorträge an renommierten Modeschulen wie dem Bunka Fashion College und Esmod Tokyo oder in Paris am Institut français de la mode (IFM) gehalten habe. Trotz möglicher gesellschaftlicher Unterschiede wird dann immer sehr deutlich, wie stark das Thema psychische Gesundheit in vielen Kontexten noch tabuisiert ist – selbst in einem akademischen Umfeld und eben auch in Deutschland. Die zugrunde liegenden Probleme sind universell: Leistungsdruck, Überforderung und strukturelle Abhängigkeiten treten unabhängig vom kulturellen Kontext auf. Die Erfahrungen in unterschiedlichen Ländern haben mich darin bestätigt, wie wichtig es ist, weltweit Räume zu schaffen, in denen über diese Themen gesprochen werden kann. Ein zentraler Aspekt ist außerdem die Abgrenzung: Die Arbeit mit dem Thema führt oft dazu, dass Menschen persönliche Erfahrungen teilen, ohne klare Rahmen. Damit professionell umzugehen, ist Teil der Herausforderung.
Was ist dein übergeordnetes Ziel?
Florian Müller: Ich möchte Sichtbarkeit schaffen, ohne zu stigmatisieren, Zugänge öffnen, ohne Druck zu erzeugen, und Strukturen hinterfragen, ohne sie pauschal zu verurteilen. Es geht nicht darum, die Modebranche grundsätzlich in Zweifel zu ziehen, sondern einen bewussteren Umgang zu ermöglichen und schrittweise Veränderungen anzustoßen. Die psychische Gesundheit sollte ein integraler Bestandteil von Kreativität, Leadership und ökonomischen Entscheidungen sein.
Welche Rolle spielen Medien deiner Ansicht nach in diesem Kontext?
Florian Müller: Medien hätten grundsätzlich das Potenzial, eine zentrale Rolle zu spielen, bleiben jedoch häufig an der Oberfläche oder greifen Themen erst auf, wenn prominente Namen involviert sind. Oft fehlt die Bereitschaft, sich mit vielschichtigen oder unbequemen Themen auseinanderzusetzen – auch, weil sie persönliche oder strukturelle Fragen aufwerfen können.
Der jungen Generation aka "Gen Z" wird eine besondere Veränderungskraft zugeschrieben. Siehst du das auch so?
Florian Müller: In gewisser Weise ja, weil viele jüngere Menschen sensibler mit Sprache umgehen und Themen differenzierter benennen können. Gleichzeitig reproduzieren sie in der Praxis häufig unbewusst genau die Muster, die sie theoretisch kritisieren. Daher handelt es sich meiner Ansicht nach weniger um ein generationelles als vielmehr um ein strukturelles Problem.
Dein Einsatz für dieses Thema erfolgt häufig ohne finanzielle Förderung. Wie findest du die nötige Balance?
Florian Müller: Die Situation ist herausfordernd, da viele Projekte mit großem zeitlichen und emotionalen Einsatz verbunden sind. Zwar wird mir in der Regel Interesse und Anerkennung signalisiert, doch daraus entsteht nicht automatisch Unterstützung. Die fehlende finanzielle Förderung des Engagements für Mental Health in Fashion ist selbst Teil des Geflechtes. Trotzdem mache ich weiter, weil ich sehe, dass auch kleinere Impulse Wirkung entfalten können.
Du arbeitest aktuell an zahlreichen Projekten, wie die fotografische Serie "One person. One voice." in Kooperation mit der Filmemacherin, Künstlerin, Kreativdirektorin und Fotografin Claudia Malecka. Worum geht es?
Florian Müller: Neben der gleichnamigen Filmkategorie meiner Kampagne beim Asvoff Festival von Diane Pernet in Paris wollte ich die Sichtbarkeit des Themas durch Fotografie und Text weiter stärken. Das Projekt ist aus der Idee heraus entstanden, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen Position beziehen können, ohne sich selbst exponieren zu müssen oder persönliche Details preiszugeben. Wir haben 35 Personen fotografiert, die aus sehr unterschiedlichen Kontexten kommen, und bewusst eine große Bandbreite an Perspektiven sichtbar gemacht – in Bezug auf Körper, Identität, Herkunft und Lebensrealität. Mit dem Projekt wollen wir Vielfalt abbilden und zeigen, dass viele unterschiedliche Realitäten nebeneinander existieren.
Deine Initiative hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Wie trägst du das Thema Mental Health in Fashion heute in die Branche?
Florian Müller: Mir war von Anfang an wichtig, die Problematik nicht nur zu benennen, sondern unterschiedliche Herangehensweisen zu schaffen. Deshalb ist aus der Initiative ein Netzwerk verschiedener Ansätze entstanden. Mit der Mental Health in Fashion Kategorie beim Asvoff Festival in Paris erhalten Filmschaffende nun bereits im dritten Jahr eine internationale Plattform, um sich kreativ mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die fotografische Serie "One person. One voice." macht Stimmen aus der Branche sichtbar und zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Menschen sind. Die Bilder und Statements wurden Anfang September auf der Fashion Positions Modeplattform im Rahmen der Positions Kunstmesse einem internationalen Publikum gezeigt. Mit der Modem Dialogues Interviewreihe führe ich Gespräche mit Persönlichkeiten aus Mode, Kultur, Bildung und weiteren Bereichen über die Zukunft der Branche und ihre gesellschaftliche Verantwortung. Hinzu kommen Vorträge, Workshops und weltweite Lehrtätigkeiten an Hochschulen sowie die Entwicklung von Bildungs- und Sensibilisierungsformaten für Unternehmen. Bei einem vor kurzem gehaltenen Fireside Chat an der PolyU in Hongkong stand die Frage im Mittelpunkt, wie junge Menschen selbst zur Auseinandersetzung mit Mental Health in Fashion beitragen können. Unter anderem ging es um die Möglichkeit, eigene Filme für die Mental Health in Fashion Kategorie beim Asvoff einzureichen und damit unterschiedlichen Stimmen Raum zu geben. Der Austausch soll auch künftig fortgeführt werden.
Aus meiner langjährigen Arbeit mit Mental Health in Fashion heraus entstand außerdem die Idee für Fashion & Mental Health – Industry Dialogue. Das Pilotprojekt bringt Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Modewertschöpfungskette mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem psychotherapeutischen Umfeld zusammen. Gemeinsam mit einem lokalen Partner wurde dieser Weg in Hongkong umgesetzt. Im Mittelpunkt steht der Austausch über psychische Gesundheit und die Bedingungen, unter denen Menschen in der Branche arbeiten. Weitere Gespräche und Fortsetzungen sind bereits in Planung. All diese Aktivitäten verfolgen unter dem Dach der Mental Health in Fashion Initiative dasselbe Ziel: psychische Gesundheit langfristig als selbstverständlichen Bestandteil von Mode, Kreativität und nachhaltiger Transformation zu verankern und eben zusätzlich Personen außerhalb der Modeindustrie damit zu erreichen.
Besonders bedeutend ist für mich jetzt die Einladung, als Speaker über Mental Health in Fashion beim Global Health Futures Forum der Pvblic Foundation aufzutreten, das während der 81. Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York stattfindet. Nach vielen Jahren der Arbeit aus der Modebranche heraus bringe ich die Auseinandersetzung damit in einen größeren gesundheitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Dass ich Mental Health in Fashion dort als Speaker vertreten werde, ist für mich ein entscheidender Moment: Das Anliegen erreicht damit eine internationale Bühne weit über die Modeindustrie hinaus. Auch wenn natürlich noch einige Widerstände bestehen, bin ich sehr dankbar für die zunehmende Unterstützung und das Vertrauen, das meiner Arbeit entgegengebracht wird. Es bestärkt mich darin, die vielen Ideen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, weiterzuentwickeln und auch tatsächlich umsetzen zu können. Besonders motivierend ist für mich, dass inzwischen aus unterschiedlichen Bereichen Anfragen für Kooperationen entstehen. Zu sehen, dass Menschen und Institutionen gemeinsam mit mir an diesen Fragen arbeiten möchten, zeigt mir, dass das Bewusstsein für die Bedeutung von Mental Health in Fashion wächst und daraus langfristig weitere Veränderungen entstehen können.





