Den Zeitgeist neu denken
Die Umgestaltung der ehemaligen Bankräume im "Ballin" Haus am Münchner Promenadeplatz stellte eine Aufgabe von besonderer Komplexität dar: Die denkmalgeschützte Substanz verlangte nach einem behutsamen Vorgehen, zugleich entstand der Anspruch auf eine zeitgemäße, offene Arbeitslandschaft. Voraussetzung dafür bildeten handwerkliche Präzision, technisches Knowhow und ein ausgeprägtes Verständnis für architektonische Detailgenauigkeit. Auf dieser Grundlage entstand die Zusammenarbeit mit Holzrausch als Generalunternehmer. Das Team begleitete die Durchführung mit hoher Präsenz vor Ort und erwies sich als verlässlicher Partner im Umgang mit dem Bestand. Entscheidend blieb eine Arbeitsweise auf Augenhöhe, denn, "eine Partnerschaft in der Umsetzung eines Projektes funktioniert nur, wenn man gemeinsam Probleme löst", so die Architektin Judith Haase. Gerade in einem Gebäude, in dem kaum eine Wand oder Stütze im Lot stand, bestätigte sich diese Haltung im täglichen Bauprozess.
Das ehemalige Haus der Möbelfabrikation Ballin, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Gustav von Cube und Karl Stöhr entworfen und bis zur NS-Herrschaft im Besitz der jüdischen Unternehmerfamilie Ballin, liegt in prominenter Münchner Innenstadtlage. Die mit barocken Formen prächtig ausgestattete Natursteinfassade sowie die Portalplastik der Bildhauer Heinrich Düll und Georg Pezold sind bis heute erhalten. In den 1980er Jahren hatte Danilo Silvestrin die Innenräume zu einer Bank umgebaut – Schalterzonen, Wartebereiche und Büros überlagerten nun die ursprüngliche räumliche Klarheit. Im Zuge der aktuellen Umnutzung entfernten Gonzalez Haase AAS diese Einbauten vollständig und führten die Erdgeschoss- und Mezzaninflächen auf ihr strukturelles Skelett zurück. Holzrausch koordinierte den anschließenden Innenausbau, um die ursprüngliche Ordnung des Hauses mit ihrer volumetrischen Qualität wieder deutlich hervortreten zu lassen.
Bis zu sechs Meter hohe Decken und eine angenehme Offenheit prägen seither das außergewöhnliche Raumerlebnis. Eine signifikante Rolle kam der Beleuchtung zu: "Die Lichtplanung nimmt eine zentrale Rolle im Entwurf ein und stellte bereits im Wettbewerbsbeitrag ein entscheidendes Kriterium für die Auswahl unseres Büros dar. Sie versteht sich nicht als additive Maßnahme, sondern als integraler Bestandteil der räumlichen Konzeption", so Judith Haase.
Die Realisierung erforderte eine hohe konstruktive Präzision, die Holzrausch konsequent einlöste: Das Beleuchtungskonzept gliedert sich in zwei linear geführte Lichtsysteme auf unterschiedlichen Höhen, die das gesamte Raumvolumen durchziehen. In der oberen Ebene verlaufen indirekte, warme Lichtlinien diagonal durch den Raum. Sie sorgen für eine atmosphärische Grundbeleuchtung und verstärken Tiefe wie Geometrie des Volumens. Ergänzt wurden sie durch tieferliegende, parallel geführte Lichtlinien mit neutralweißem Licht, die funktional ausgerichtet sind und Arbeitsplätze sowie Besprechungsbereiche gezielt ausleuchteten. Holzrausch begleitete die technische Umsetzung dieser Systeme, insbesondere an den Schnittstellen zwischen Bestand, Einbauten und Lichtführung.
Charakteristisch zeigt sich die konsequente Führung der Lichtlinien über die gesamte Raumtiefe hinweg. Spiegelflächen an den Raumabschlüssen intensivieren diesen Effekt, indem sie die Raumachsen optisch verlängern und die Lichtlinien scheinbar ins Unendliche weiterführen. "Der Entwurf arbeitet bewusst mit dem vorhandenen Raumvolumen. Bestehende Strukturen werden freigelegt und in ihrer räumlichen Qualität hervorgehoben. Das Licht ordnet sich der Architektur unter, macht sie lesbar und erlebbar", so Judith Haase. Die präzise Ausführung dieser Details erforderte eine enge Abstimmung zwischen ArchitektInnen und Holzrausch, insbesondere im Umgang mit unregelmäßigen Bestandsflächen. Auch die Innenausstattung folgte dem Prinzip von Klarheit und Zurückhaltung. Ausgangspunkt bildete die eigene Entwurfshaltung des Architekturstudios Gonzalez Haase AAS, die geprägt ist von einer rohen, materialbetonten Ästhetik. Auf Seiten des Auftraggebers bestand die Sorge, diese könnte zu kühl wirken. Das Team setzte so auf einen stimmigen Wechsel mit warmen, erdigen Materialien, deren Haptik, Farbtemperatur und Maßstäblichkeit Nähe und Aufenthaltsqualität erzeugen.
Zentrale Einbauten wie die Rezeption und freistehende Kaffeetheke entstanden direkt vor Ort aus Stampfbeton und erhielten ockerfarbene Pigmente. Anhand gefärbter Kautschukoberflächen für die Tische und textiler Elemente wie der Vorhänge, Sessel und Teppichinseln wird diese Tonalität aufgegriffen und zu einem ruhigen Gesamtbild kombiniert. Goldene Akzente treten im Zusammenspiel von Licht und Oberfläche in Erscheinung, indem sich das warme Licht auf Metallflächen spiegelt. "Die Farbigkeit des Entwurfs entsteht ausschließlich durch das eingesetzte Material", erklärt Judith Haase. Holzrausch gewährleistete dabei eine handwerkliche Ausgestaltung, die den Materialcharakter bis ins Detail sichtbar lässt. Neben den Dreieck als wiederkehrendes Motiv bildet die Rundung einen visuellen Leitfaden: Inspiriert von der Wendeltreppe des Bestands wird diese in Form von abgerundeten Wandstellungen, kreisförmigen Öffnungen in Besprechungstischen sowie runden Teppichelementen fortgesetzt. Auch hier zeigte sich die enge Verzahnung von Entwurf und Ausführung, die Gonzalez Haase AAS gemeinsam mit Holzrausch realisierte. Das Ergebnis ist ein Raumgefüge, das die Großzügigkeit des Bestands mit einer präzise gesetzten, zeitgenössischen Gestaltung verbindet.





















