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HVB-Tower in München
Zukunftsvision von gestern oder zeitgenössisches Bürohohhaus?: Der HVB-Tower in München wurde 2015 von Grund auf saniert.
© Paula Pohle, Stylepark
Zukunftsvision von gestern oder zeitgenössisches Bürohohhaus?: Der HVB-Tower in München wurde 2015 von Grund auf saniert.

Die Säulen der Arbeit

Mit dem HVB-Tower in München wurde ein Wahrzeichen der Stadt umfassend saniert, der futuristischen Fassade neuer Glanz verliehen und im Inneren eine zeitgemäße Arbeitslandschaft geschaffen.
von Paula Pohle | 25.10.2016

Hinter dem Englischen Garten, im Arabellapark steht eines der markantesten Bauwerke Münchens: Der HVB-Tower. Die Münchner Architekten Walther und Bea Betz bauten ihn von 1975 bis 1981 als Zentrale der damaligen Bayrischen Hypotheken- und Wechsel-Bank AG. Mit seinen außenliegenden Versorgungstürmen und seiner Aluminiumfassade ist der HVB-Tower direkter Vorläufer von bedeutenden Hochhäusern wie dem Lloyd’s Building von Richard Rogers in London oder der Hongkong und Shanghai Bank (HSBC) von Norman Foster in Hongkong. Sie alle kehren die konstruktiven Elemente der Architektur nach Außen und lassen sie zum Gestaltungselement werden. Die High-Tech-Formen der Lüftungsschächte, Fahrstühle und Tragwerke werden sichtbar vorgeführt und zum Baudekor erhoben.

Mit 31 Geschossen und einer Höhe von knapp 114 Metern gehört der HVB-Tower zu den fünf höchsten Gebäuden der Stadt. Heute erscheint er wie eine Zukunftsvision von gestern: Gleich einem Raumschiff schimmert die charakteristische Fassade aus mattem Aluminium und verspiegelten Glasscheiben je nach Tageszeit in silber-gelb oder orange-pink.

Auf einem breiten Sockelbau ragen vier runde Megastützen empor, die den freitragenden Hochhauskern in der Grundrissform dreier gleichschenkliger Dreiecke mit riesigen Schellen umklammern. Die ungewöhnlichen zylinderförmigen Tragelemente, die die Versorgungsleitungen und die Erschließung aufnehmen, verleihen dem Turm seine eigenwillige Form. Weite und flexible Grundrisse für eine vielfältige Organisation der Büroräume und Arbeitsflächen werden so möglich.

© HG Esch Hennef

Seit 2015 ist das Gebäude die Zentrale der HypoVereinsbank, die aus der Fusion der Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank und der Bayerische Vereinsbank hervorgegangen ist. Aufwendige Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 2007 bis 2015 durch das Münchner Architekturbüro Henn, haben das denkmalgeschützte Gebäude zu einem hochtechnisierten, klimaeffizienten „Green Building“ mit LEED-Zertifizierung gemacht. Während das Hochhaus von außen in seinem charakteristischen Erscheinungsbild erhalten geblieben ist, wurde es von Innen komplett entkernt und von Grund auf neu gestaltet. 

Man betritt das Gebäude nun durch ein strahlend weißes, dreigeschossiges Atrium, das im deutlichen Kontrast zu der retro-futuristischen Formensprache des Außenbaus steht. Die romantischen Zukunftsvisionen und Arbeitsethiken von Gestern scheinen einer auf Effizienz getrimmten Atmosphäre gewichen zu sein. Der Eintritt in die Arbeitswelt der HypoVereinsbank gestaltet sich sehr offen und geräumig – dynamisch laufen die Treppen schräg um das offene Atrium, treffen sich spitz in den Ecken und münden in lange Gänge zu den Arbeitsbereichen.

Der Lounge-Bereich im 1. Obergeschoss ist ebenso offen gestaltet und soll verschiedene Möglichkeiten für Treffen und Besprechungen offerieren. Auch auf den Pausenflächen wird sich deutlich bemüht, eine optimale Atmosphäre für geschäftliche Begegnungen zu schaffen und ein ungezwungenes Umfeld herzustellen, in dem sich schnelle Meetings abhalten lassen. Bekommt man Hunger, kann man eines der kleinen Gerichte wählen, die schon griffbereit in Vitrinen, wie Kapseln eines Space-Shuttles, portionsgerecht vorbereitet sind. 

© HG Esch Hennef

Dennoch scheint der großzügige Eindruck der öffentlichen Bereiche im fundamentalen Kontrast zu den eng getakteten Arbeitsabläufen zu stehen. Das neue Konzept „Smart Working“ fordert eine flexible Arbeitsweise von den Mitarbeitern. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein leistungsorientiertes Raum- und Organisations-Konzept für die Strukturierung der Arbeitsabläufe und die Steigerung der Effektivität am Arbeitsplatz. Die HypoVereinsbank folgt dabei ganz dem Trend der Zeit „dynamischer Bürolandschaften“ ohne fest zugewiesene Arbeitsplätze. Im täglichen Arbeitsprozess bewegen sich die Mitarbeiter mit einem Rollkoffer durch die Räumlichkeiten. All ihre Materialien sind in dem Koffer verstaut oder digital gespeichert. Diese sogenannte „Clean-Desk“-Strategie soll den koordinierten Arbeitsablauf noch präziser, flexibler und schneller machen – feste Büroarbeitsplätze werden als „transformationshemmende Faktoren“ betrachtet. Die Mitarbeiter bewegen sich, je nach Tätigkeitsfeld, zwischen den Arbeitsinseln und docken sich nur noch temporär an Stationen an. Zur Auswahl stehen ihnen die „Focus Area“, die „Co-Working-Area“ oder die „Business-Lounge“ im 1. Obergeschoss.

Die zeitgenössische Arbeitswelt ist zweifelsohne reibungslos gestaltet und macht den Eindruck, gezielt auf die Abläufe abgestimmt zu sein. Die offenen Bürolandschaften suggerieren dabei Selbstständigkeit und Flexibilität für den Mitarbeiter. Vielleicht berücksichtigt das neue Büro-Konzept vor allem aber die ökonomischen Aspekte, die die Anpassungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit der Angestellten steigern sollen. Während der HVB-Tower von Außen noch eine charmante High-Tech-Verliebtheit einer vergangenen Zukunftsvision verkörpert, herrscht im Inneren eine beinahe sterile Atmosphäre, die der hoch effizienten und technisierten Organisations- und Kommunikationsstruktur der zeitgenössischen Arbeitswelt zu entsprechen versucht.

© HG Esch Hennef
© HG Esch Hennef
© HG Esch Hennef
© HG Esch Hennef
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