Türme mit Zukunft
Welche Rolle soll ein Hochhaus in der Stadt von morgen übernehmen? Diese Frage bestimmte die Diskussionen der Jury zum Internationalen Hochhaus Preis 2026/27, zu der ExpertInnen aus der Architektur- und Ingenieurspraxis, der Lehre sowie die Partner des Preises gehören. Gesucht wurden Projekte, die eine architektonische Qualität mit einem Mehrwert für ihr Umfeld kombinieren und über viele Jahre hinweg relevant bleiben. Die fünf Finalisten loten vom umgebauten World Trade Center in Brüssel bis zum begrünten Wohnturm in Singapur über vier Kontinente hinweg die Möglichkeiten des Hochhausbaus neu aus: als Ort der Gemeinschaft, als Motor urbaner Entwicklung, als Experimentierfeld für Nachhaltigkeit und als Impulsgeber für die Stadt.
ZIN, Brüssel: Transformation eines Stadtbausteins
Das Ensemble des ZIN im Brüsseler Nordquartier geht auf die ehemaligen World-Trade-Center-Türme WTC I und II zurück, die Teil des sogenannten Manhattan-Plans aus den 1960er Jahren waren – ein modernes Finanzzentrum nach US-amerikanischen Vorbild. Deren Erschließungskerne und Untergeschosse blieben erhalten und wurden in die neue Gebäudestruktur integriert. Auf dieser Grundlage entstand ein gemischt genutzter Komplex mit Büros, Wohnungen, einem Hotel, Einzelhandelsflächen, Sporteinrichtungen, einem öffentlichen Gewächshaus und einem Dachgarten. "Hochhäuser sollen nicht länger nur hoch aufragende Symbole der Macht sein. Es geht vielmehr darum, die Macht zu transformieren, zu verändern, auf eine Situation zu reagieren. Ich glaube, es ist wichtig für einen Stadtteil, voller Leben zu sein, und das kann mit Büros, Hotels oder Wohnbauten erreicht werden. Und ZIN bringt diese Mischung in das Viertel, indem es die vorgefundene Situation auf ausgezeichnete Weise saniert und transformiert", so Brian Yang, Vorsitzender der Jury und Partner BIG – Bjarke Ingels Group, Kopenhagen.
Im Mittelpunkt steht die Anpassungsfähigkeit: Doppelte Geschosshöhen und flexibel nutzbare Ebenen schaffen die Voraussetzungen für künftige Veränderungen. Die beteiligten Architekturbüros 51N4E, l'AUC und Jaspers Eyers Architects beschreiben ihren Ansatz wie folgt: "Es entsteht ein gemischter Gebäudekomplex, der nicht für eine bestimmte Nutzung entworfen wurde, sondern sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln kann." Diesem Gedanken folgt die Planung, die konsequent auf dem Prinzip der Wiederverwendung basiert. Der Bestand wird dabei als wertvolle Ressource und zugleich als Ausgangspunkt des gesamten Projekts verstanden: "Das Projekt besteht radikal auf Wiederverwendung, nicht nur indem das bestehende Gebäude als Materialbank verstanden wird, sondern auch durch ein innovatives architektonisches Konzept."
Während die Büroflächen auf Austausch, Zusammenarbeit und flexible Arbeitsformen ausgerichtet sind und durch begrünte Aufenthaltsbereiche ergänzt werden, verknüpfen zahlreiche Zugänge und offene Bereiche das Gebäude eng mit dem öffentlichen Raum und schaffen neue Bezüge zur Stadt. Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei die öffentlich zugängliche Orangerie sowie das neu gestaltete Erdgeschoss. Zusammen mit den Wohn-, Arbeits- und Freizeitnutzungen ist so ein Bauwerk entstanden, der weit über die üblichen Bürozeiten hinaus genutzt wird. Die Jury würdigte ZIN als "vorbildliche Transformation von Hochhäusern aus den 1970er Jahren". Ausschlaggebend waren die Verbindung von Bestandserhalt, Nutzungsmischung und langfristiger Anpassungsfähigkeit. Nach Einschätzung des Planungsteams könnte diese "einen neuen europäischen Standard für großmaßstäbliche Mischnutzungsgebäude etablieren".
AGE 360, Curitiba: Wohnen zwischen Stadt und Natur
Der Wohnturm AGE 360 von Architects Office and Triptyque Architecture erhebt sich als markante Betonskulptur über den grünen Stadtteil Ecoville im brasilianischen Curitiba. Ein charakteristisches Exoskelett umschließt diesen auf 124 Metern und vereint Tragwerk, Sonnenschutz und Gestaltung in einem einzigen architektonischen Element. Dieses prägt sowohl das Erscheinungsbild des Gebäudes wie es in den 33 Wohneinheiten stützenfreie Grundrisse ermöglicht. Die Offenheit und Flexibilität dieser Struktur setzt sich in der Organisation des Hauses fort: Über den gesamten Turm verteilen sich gemeinschaftlich nutzbare Bereiche, darunter Fitness- und Wellnessangebote, Meditationsräume, großzügige Terrassen sowie ein zweigeschossiger, mit Bäumen bepflanzter Außenbereich auf halber Höhe des Gebäudes. Ergänzt werden sie durch raumhohe Fenster, die Rundumblicke über die Stadt und den Barigui-Park eröffnen. Architektur, Landschaft und gemeinschaftliche Nutzungen wurden so zu einem vertikalen Dorf kombiniert. Eine "monolithische Skulptur, bei der Tragwerk und Architektur eins sind", so die Jury.
Die Bauherrschaft AG7 versteht das Hochhaus als Synthese von Natur, Architektur und Wohlbefinden und sieht in AGE 360 ein Projekt, das "wegweisende Architektur nach Curitiba" bringt. Seine asymmetrischen Formen und unerwarteten Linien schaffen Räume, "in denen Wohlbefinden und Natur ihren Platz finden". Gestützt wird dieser Anspruch durch nachhaltige Energiekonzepte, Regenwassernutzung, extensive Begrünung und eine der weltweit höchstbewerteten Fitwel-Zertifizierungen für Wohngebäude. Die besondere Qualität des Entwurfs liegt nach Ansicht der Architektin, Kuratorin und Jurorin Martha Thorne vor allem in der Mehrfachfunktion seiner Bauteile: "So passend für Curitiba. Und die Tatsache, dass die Architekturelemente gleich mehrere Aufgaben auf einmal erfüllen, ist einfach großartig".
Tencent Tower, Guangzhou: Die vertikale Stadt
Der von Ateliers Jean Nouvel entworfene Tencent Tower in der chinesischen Hafenstadt Guangzhou erweitert die klassische Typologie des Büroturms um Kultur-, Freizeit- und Gastronomieflächen sowie öffentliche Räume. Auf einer Fläche von mehr als 100.000 Quadratmetern wurden Büros, Museen, Kinos, Restaurants, Geschäfte und vielfältige Aufenthaltsbereiche untergebracht. Eine öffentliche Einkaufsstraße spannt indes einen direkten Bogen vom Stadtraum bis an das Ufer des Perlflusses und lässt den Komplex zu einem offenen urbanen Gefüge werden. Treppen, Rampen, Höfe und Terrassen verweben die verschiedenen Ebenen zu einer räumlich vielschichtigen Struktur.
Die Offenheit des Gebäudes bildet zugleich den Ausgangspunkt für die Entwurfsidee von Jean Nouvel. Der Gründer von Ateliers Jean Nouvel beschreibt den Tencent Tower als einen Ort, der "zu einem Symbol menschlichen Lebens, des sozialen Austauschs und der Offenheit gegenüber der Welt werden" soll. Zugleich verkörpere er "die Modernität und Gelassenheit eines Unternehmens, das stolz auf die Arbeitsumgebung ist, die es geschaffen hat". Sichtbar wird dieser Anspruch besonders in den auskragenden Sonnendächern, dem markantesten Merkmal des Gebäudes. Sie schaffen auf jeder zehnten Ebene zusätzliche Grün- und Freiräume und erweitern das klassische Bürolayout um Gewächshäuser, Ateliers und Besprechungsräume. Auf den Plattformen gruppieren sich kleine Häuser, Werkstätten und kommunikative Treffpunkte, wodurch sich eine neue Typologie zwischen Arbeitsort und urbanem Lebensraum herausbildet – "dorfartige Strukturen innerhalb einer vertikalen Stadt", so Nouvel.
Ebenso knüpft die Wirkung des Gebäudes im Stadtraum an die Idee der Vermischung und Vernetzung an. Nach Einbruch der Dunkelheit lassen LED-Installationen die Unterseiten der Dächer erstrahlen, so dass die Konturen des Gebäudes kaum noch zu sehen sind. Nach Einschätzung der Jury demonstriert der Turm eindrucksvoll, "wie man eine vertikale Stapelung auflöst". Shirley Surya, Kuratorin für Design und Architektur am Museum M+ in Hongkong und Mitglied der Jury, beschreibt die Komposition als "komplexes Treppenhausgebäude, als wären es verschiedene Häuser, die sich auf die vier Stapel verteilen". Das Hochhaus lotet "die Grenzen dessen aus, was dieser Gebäudetyp heute leisten kann", sagt sie.
88 Walker, Sydney: Konstruktion als Ausdruck
Im Norden Sydneys zeigt das 88 Walker, wie sich Hochhausbau und denkmalgeschützte Substanz ideal miteinander verbinden lassen: Das Hotel- und Bürogebäude teilt sich das Grundstück mit dem historischen Firehouse Hotel Pub aus dem 19. Jahrhundert. Auf die räumlichen Einschränkungen des Standorts reagierten Fitzpatrick + Partners mit zwei schlanken Baukörpern, die sich deutlich von den breiteren Nachbargebäuden absetzen. Während der Sockel den Bezug zum historischen Bestand wahrt, ragt der eigentliche Turm weit darüber hinaus. Ein Gebäude, das "die Straße mit dem Himmel verbindet", so die ArchitektInnen.
Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel in der Konstruktion des Gebäudes: Insgesamt kragen 45 Geschosse fast neun Meter über die historische Bebauung. Sichtbare Stahl- und Betonstützen übernehmen die anspruchsvolle Lastabtragung und werden zugleich zu einem prägenden Gestaltungselement. Die gerundete Glasfassade verleiht dem aufgeständerten Volumen eine überraschende Leichtigkeit und eröffnet von dem nun höchsten Turm von North Sydney weite Ausblicke auf Hafen und Skyline.
Die Verbindung von Geschichte und zeitgenössischer Stadtentwicklung prägt das städtebauliche Konzept: Eine öffentliche Durchwegung öffnet das Grundstück für Fußgängerinnen und Fußgänger und bindet bestehende Gassenräume neu an. Zugleich zeugt das Ensemble mit einem 252 Zimmer umfassenden Hotel, Boutique-Büroflächen und dem umgestalteten historischen Pub von der Entwicklung North Sydneys vom kolonial geprägten Vorort zur globalen Wirtschaftsmetropole. "Die Architektur versteckt das Projekt nicht. Der Entwurf zeigt dessen Tragwerk und offenbart, wie es den Planenden gelang, die Komplexität in ihrem Entwurf zu bewältigen", so der Architekt Florian Beck, Associate Partner bei blocher partners und Mitglied der IHP-Jury.
One Pearl Bank, Singapur: Gemeinschaft in großer Dichte
Der Neubau der One Pearl Bank von Serie Architects & Multiply Architects knüpft an die Geschichte der Pearl Bank Apartments aus den 1970er Jahren an, ein Pionierprojekt für Singapurs Stadtentwicklung, und führt diese in der Gegenwart fort. Während der Vorgängerbau 272 Wohnungen umfasste, bietet das neue Ensemble auf nahezu derselben Fläche Platz für 774 Einheiten. Ermöglicht wird diese deutlich höhere Dichte durch zwei geschwungene, gegeneinander versetzte Türme. Diese fungieren nun als "Leuchttürme für die Stadt Singapur", so die Architekturschaffenden. Ihre bogenförmige Geometrie schafft die Voraussetzungen für eine hohe Dichte, verbessert die Ausblicke und reduziert direkte Einblicke zwischen den Wohnungen.
Der effiziente Umgang mit der hohen Dichte zeigt sich insbesondere anhand der gemeinschaftlich nutzbaren Freiräume: An den Stirnseiten der Türme verteilen sich 18 vertikal angeordnete Dachkleingärten mit fast 200 Hochbeeten für Obst und Gemüse. Die sogenannten "Sky Allotments" sind in Abständen von jeweils vier Geschossen angeordnet und gelten bislang als Novum. Durch das gemeinsame Gärtnern soll die Begegnung und Erholung gefördert werden. Ergänzt werden die "Sky Allotments" durch "Sky Gardens", begrünte Balkone, Dachbrücken, Sport- und Freizeitbereiche sowie eine großzügige Poollandschaft. "Das ist sicher ein wunderbarer Ort zum Leben. Der Gedanke, durch das Gebäude oder die Dachgärten zu gehen, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, sich zwischen den verschiedenen Geschossen zu bewegen. Was für ein Gebäude stünde wohl sonst auf diesem Hügel? Bloß irgendein rechteckiger Block. Diese Offenheit ist also eine großartige Reaktion, sehr ganzheitlich", so Johannes Hermanns, Geschäftsführer Deka Immobilien Investment GmbH.
Die Idee, Wohnen und Gemeinschaft eng miteinander zu verknüpfen, setzt sich zudem im Bezug zur Umgebung fort: Neue Wegeverbindungen führen durch die üppig bepflanzte Anlage direkt in den benachbarten Pearl’s Hill City Park und stärken die Verbindung zum umgebenden Stadtraum. Die Jury sieht die besondere Qualität des Projekts in der Auseinandersetzung mit sozialem und öffentlichem Raum innerhalb einer hoch verdichteten Metropole: "ein Wohnhochhaus, das urbane Dichte auf ein neues Niveau hebt".
Die fünf Finalisten stehen exemplarisch für unterschiedliche Herangehensweisen an die aktuellen Herausforderungen des Bauens: Das Spektrum reicht von der Transformation bestehender Strukturen über neue Wohnmodelle und vertikale Grünräume bis hin zu fortschrittlichen Verbindungen von Ingenieurbau und Architektur. Die Projekte zeigen eindrucksvoll, dass Hochhäuser weitaus mehr sein können als markante Elemente der Skyline. Im Fokus steht ihr Beitrag zu einem lebendigen städtischen Umfeld und zu einer hohen Aufenthaltsqualität.
Das Gewinnerprojekt wird am 3. November 2026 in der Paulskirche in Frankfurt am Main mit einem Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro sowie einer Statuette des Künstlers Thomas Demand ausgezeichnet. Die Veranstaltung wird per Live-Stream online übertragen.
International High-Rise Award 2026/27
5. November 2026 – 4. April 2027
Ausstellungseröffnung: Mittwoch, 4. November 2026
Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt/Main
Der Internationale Hochhaus Preis wird seit 2004 von der Stadt Frankfurt am Main, dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) und der DekaBank gemeinsam ausgelobt, Stylepark ist Medienpartner des Wettbewerbs.
Die Jury des Internationalen Hochhaus Preises 2026/27:
– Brian Yang, Partner BIG – Bjarke Ingels Group, Kopenhagen/Dänemark – Juryvorsitzender
– Klaas De Rycke, Partner, Managing Director, Executive Board BOLLINGER+GROHMANN, Paris/Frankreich
– Elisabeth Endres, TU Braunschweig, Geschäftsleitung Ingenieurbüro Hausladen, München/Deutschland
– Shirley Surya, Kuratorin Design und Architektur, M+, Hong Kong
– Martha Thorne, Architektin, Kuratorin, Autorin, Madrid/Spanien
– Florian Beck, Associate Partner, Standortleiter München blocher partners, München/Deutschland
– Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main
– Peter Cachola Schmal, Direktor Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main
– Johannes Hermanns, Geschäftsführer Deka Immobilien Investment GmbH
Stellvertretendes Jurymitglied: Andrea Jürges, Stellvertretende Direktorin Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main














