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Leben und Lieben mit System
von Adeline Seidel | 24.11.2015
Hörsaalgebäude der Goethe Universität Frankfurt. Foto © Norbert Miguletz, 2015

In der TV-Film-Collage „Ferdi gegen Frankfurt“ von Digne Meller Marcovicz, die erstmals 1983 ausgestrahlt wurde, äußert sich Alexander Kluge über den Universitätsbaumeister Ferdinand Kramer als jemanden, der mithilfe eines Nachschlüssels in seine Institutsbauten geschlichen sei, um die Räume in der Nacht allein zu genießen. Er habe, so Kluge, sich nicht von seinen Bauten trennen können, und das, obwohl der Architekt gern die Zeitgebundenheit seiner Architektur betonte. So schrieb Kramer 1929 in „Die Wohnung für das Existenzminimum“: „Vielleicht bereitet ein Haus, das uns heute noch komfortabel erscheint, bereits der nächsten Generation eine Belastung.“

Auch wenn sich Frankfurt bisher – glücklicherweise – noch nicht von allen Bauten Ferdinand Kramers (1898 bis 1985) getrennt hat, so steht das Fortbestehen seiner Gebäude doch immer wieder zur Debatte. Gerade jene, die er als Baudirektor der Goethe-Universität von 1952 und 1964 realisiert hat: Die funktionalen Bauten, zugleich undogmatisch und von architektonischer Leichtigkeit, sind in die Jahre gekommen, den heutige Anforderungen an Raum und Funktion nicht immer gewachsen.

Kramer hat freilich nicht nur die Universitätsbauten geschaffen, was das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main vom 28. November an 2015 in der Schau „Linie Form Funktion – Die Bauten von Ferdinand Kramer“ aufzeigt. Es ist die erste Ausstellung, die sich dem gesamten gebauten Werk des Architekten Ferdinand Kramer widmet und die erste Ausstellung zu Kramers Architektur im Rhein-Main Gebiet – was sich seltsam anhören mag, hat der Architekt doch ein Gros seiner Bauten in dieser Region realisiert.

Neben Plänen, historischen Fotos und Architekturmodellen werden aktuelle Aufnahmen von Norbert Miguletz den Ist-Zustand einiger Gebäude Kramers widerspiegeln. Auch der Katalog dokumentiert nicht nur sämtliche Bauten, sondern eröffnet darüber hinaus unterschiedliche Perspektiven zu Kramers Architektur. Denn Ferdinand Kramer war nicht nur ein ebenso kluger wie systematisch denkender Entwerfer, sondern auch ein reflektierter Geist, der mit seinen Bauten und Möbeln Leben und Gesellschaft verbessern wollte – ganz gleich, ob es dabei um das Wohnen für das Existenzminimum ging, um praktische und funktionale Möbel oder um durchdachte Nutzungsprogramme wie beispielsweise in seinem Bibliotheksbau für die Goethe Universität, in dem er Bücher und Menschen zueinander führen wollte. Was Alexander Kluge im Interview mit Matthias Schirren so beschreibt: „Er ging davon aus, dass man 'Cubicals', also Schlafgelegenheiten und Arbeitsräume, mitten zwischen den Büchern benötigt. Man muss auch eine Geliebte empfangen können. Aber man muss auch gleich daneben arbeiten und lesen können. Je näher ich das zusammenrücke, meinte er, desto menschlicher werden die Bücher und desto klüger, also buchähnlicher, werden die Köpfe.“


Linie Form Funktion – Die Bauten von Ferdinand Kramer
Deutsches Architektur Museum (D.A.M.), Frankfurt am Main
Vom 28. November 2015 bis zum 1. Mai 2016
Eröffnung: 27. November, 19 Uhr
Di., Do. bis So. 11 bis 18 Uhr, Mi. 11 bis 20 Uhr
www.dam-online.de

Der Katalog zur Ausstellung:
Ferdinand Kramer, Die Bauten
hrsg. von Wolfgang Voigt, Philipp Sturm, Peter Körner, Peter Cachola-Schmal
176 Seiten, geb., Texte deutsch/englisch
Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016
ISBN 978 3 8030 0797 1
38,00 Euro

Ferdinand Kramer. Foto © Privatarchiv Kramer, Horst Trebor Kratzmann, 1970

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