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Leuchten oder Beleuchten?
von Thomas Edelmann | 24.04.2013
Von Oberleitungen und improvisierter mediterraner Festbeleuchtung ließ sich der in London lebende zypriotische Designer Michael Anastassiades bei seinen "String Lights" für Flos inspirieren. Foto © Flos

„Die Alten kannten nur Tag und Nacht, wir kennen nur die Dämmerung“, schrieb der vor 200 Jahren geborene Christian Friedrich Hebbel. Kannten sie etwa die Lichttechnik unserer Tage? Wer einen Rundgang durch die Hallen der Euroluce auf der Mailänder Messe unternimmt und Leuchten betrachtet, die bei den Fuori Saloni zu sehen waren, dem wird es schön schummrig. Dämmerung ist überall. Fragt sich nur, ob es Morgen- oder Abendlicht ist, das wir da verspüren, Frühjahrsdämmerung oder Abgesang? Die Produzenten dekorativer Leuchten haben sich im Gegensatz zu vielen Möbelherstellern schwer ins Zeug gelegt, sie haben reichlich Neuheiten im Gepäck. Und da sie traditionelle Birnen und Leuchtstoffröhren und was noch so alles für gleichmäßige Helligkeit sorgt, weitgehend wegließen, gab es vor allem warmes und kaltes Licht zu sehen, das mehr oder minder stimmungsvoll aus den Dioden strömt.

Zweierlei Technik nebeneinander

Indirektes Licht, das an Wand und Decke gerichtet wird, spielt dabei wieder eine große Rolle, aber auch die Verschmelzung neuer Techniken mit vertrauten Formen. So zeigte Foscarni an seinem Stand bekannte Leuchten wie „Caboche“, „Twiggy“, „Big Bang“ und „Tress“ jeweils in zwei Versionen: Einmal mit konventionellen Leuchtmitteln und daneben, technisch neu entwickelt, mit LED-Technik bestückt. Bei der „Caboche“ von Patricia Urquiola und Eliana Gerotto beispielsweise werden mehrere Platinen eingesetzt, deren LED in verschiedene Richtungen strahlen, um den bislang vertrauten Lichteffekt zu erreichen. Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Entwicklung des Hybrid-Autos, das mit zwei Motoren mehr wiegt als ein konventionelles Auto, dann aber durch perfekte Abstimmung möglichst sparsam zu nutzen sein soll. Nicht immer geht diese Rechnung auf. Wir werden sehen, wie es bei den Leuchten kommt. Aber auch neue LED-Leuchten wie „Lightwing“ von Jean Marie Massaud sind bei Foscarini zu sehen. Um die Reflektion des Lichts zu variieren lässt, sich ein Flügel am Leuchtenkopf verstellen, auf den die Dioden strahlen. Mit Fontana Arte, Luceplan, sowie Artemide und Danese zeigten italienische Schwergewichte jeweils gleich eine ganze Reihe neuer Produkte. Nicht alle überzeugten: Daniel Libeskinds „Paragon“ bei Artemide etwa empfiehlt sich als geometrisches Spielzeug für den Schreibtisch und erinnert dabei doch zu sehr an eine Action-Figur aus „Transformers“.

Schätze von Sarfatti und Neues von Grcic

Um bekannte Produkte neuen Gegebenheiten anzupassen, geht Flos einen anderen Weg. „Re-Lighting Gino Sarfatti“ nennt das Unternehmen die Neuauflage von – nun mit LED ausgestatten – Entwürfen eines der bedeutendsten italienischen Leuchtenerfinders, der 1939 Arteluce gründete und bis 1974 zum Verkauf seiner Firma an Flos etliche Leuchten entwarf, sowie Marketing und Vertrieb selbst organisierte. Im Showroom am Corso Monforte zeigte Flos, wie es diesen Schatz der Firmengeschichte zu heben gedenkt, mit der „Edition No 1“ von zunächst fünf bekannten Sarfatti-Entwürfen. Doch auch der Flos-Messestand quoll vor Neuheiten geradezu über. Da sind die poetischen Inszenierungen von Michael Anastassiades, dessen „String Lamps“ an dünnen schwarzen Fäden schweben, ohne dass sich ausmachen ließe, welcher Faden Strom führt und welcher nur zur Befestigung dient. Dass Ron Gilad die traditionelle „Bankers Lamp“ als schlanke LED-Version neu interpretiert ist reizvoll. Zu den viel diskutierten und sehr eleganten neuen Lösungen gehört „OK“ von Konstantin Grcic und seinem Assistenten Jan Heinzelmann. Die Leuchte nimmt Bezug zu „Parentesi“, die Achille Castiglioni 1972 für Flos realisierte. Diese beruhte auf einer Idee von Castiglionis Freund Pio Manzù, der zunächst ein drehbares Säulenelement mit Leuchtstoffröhre zwischen Decke und Boden spannen wollte. Vor Vollendung des Projekts starb Manzù 1969, Castiglioni reduzierte das Objekt in mehreren Schritten, versah ein an der Decke befestigtes Stahlseil mit einem Gegengewicht, einem 100-Watt-Spotlight und einer simplen Höhenverstellung aus einem gebogenen Profilrohr mit einem Gummiverbundstück.

Aus Parentesi wird Ok

Leuchten werden heute nicht mehr um eine Birne herum gestaltet, schreibt Grcic auf seiner Website, wo er den Entstehungsprozess von „Parentesi“ und „OK“ nachzeichnet, im Mittelpunkt stehe nun die Gestaltung der Lichtquelle selbst. Entstanden ist ein rundes Leuchtelement, dessen LEDs mit 23 Watt erstrahlen und wie bei Fernsehern oder Computer-Monitoren seitlich umlaufend angebracht sind. Wie beim Vorbild lässt sich „OK“ stufenlos in der Höhe verstellen, das flache runde Lichtelement lässt sich um 360 Grad drehen. Anders als bei „Parentesi“ ist das entstehende Licht mit 1035 Lumen weniger strahlend als beleuchtend. „OK“ ist der Transfer eines historischen Entwurfs in die Jetztzeit. Die Deckenbefestigung hat Grcic als Hommage von Castiglionis Leuchte übernommen.

Seetang und Miniaturkran

Auch in die Fuori-Präsentationen mischten sich Leuchten-Entwürfe: Dirk Vander Kooij wurde bekannt mit seinen Möbeln aus wiederverwertetem Kunststoff, die von einem Roboter aus Endlosschnüren zusammengesetzt werden. Seine sechs Kilogramm schwere „Satellite Lamp“ war nun im Spazio Rossana Orlandi zu sehen, wo etliche Leuchten-Projekte präsentiert wurden. Darunter neuste Entwürfe von Designer Nir Meiri aus Tel Aviv. Er nutzt für seine Leuchten gern ungewöhnliche Materialien. Nach Lampenschirmen aus Wüstensand, aus Oriented strand board (OSB) und gebrauchten Blumentöpfen nutzt er für die Leuchtenserie „Marine Light“ nun Seetang, der durch seine Unregelmäßigkeit einen Kontrast zum schweren, von innen leuchtenden Lampenfuß bildet. Der Tang trocknet auf dem vorbereiteten Leuchtengestell und wird anschließend konserviert.

Designer Bashko Trybek (Jahrgang 1977) zeigt im Rahmen einer polnischen Gemeinschaftsausstellung bei „designjunction“ in der Pelota-Halle seine Gdansk-Leuchte mit LED-Leuchtenkopf. Ist das noch Kitsch, schon Heimatkunde oder noch Design? Jedenfalls weckt der Miniaturkran Erinnerungen an Solidarnosc und alte Andrej Wajda-Filme.

Leuchtende Kristalle

Nach dekorativen Lösungen für OLED wurde ebenfalls gesucht. Für den japanischen Hersteller Kaneka entwarfen Formfjord aus Berlin „Xix“, geheimnisvoll leuchtende Kristalle, die in der Zona Tortona als große farblich changierende Installation präsentiert wurde und zu den dort raren Highlights gehörte. Auf dem Salone Satellite präsentierte last but not least die serbische Gruppe Designedby den OLED-Leuchter „Obranch“ mit transparenten OLED-Elementen, deren Befestigung- und Verstellelemente allerdings sehr massiv wirken. Und noch einmal ein Wort aus Hebbels Tagebüchern: „Wer Gespenster verscheuchen will, der braucht bloß Licht zu bringen.“

www.euroluce.it
www.flos.com

Designgeschichte weiter geschrieben: Konstantin Grcic interpretiert mit "OK" die bekannte "Parentesi" von Pio Manzù und Achille Castiglioni mit dem Lichtmedium LED auf neue, anregende Weise. Photo © Thomas Edelmann
Massiv und dezent, körperhaft und entmaterialisiert erinnert "Wireflow" von Arik Levy für Vibia an traditionelle Leuchten. Foto © Arik Levy
Neue Eleganz für den Finanzsektor: Wem die traditionelle "Banker's lamp" mit grünem Schirm und Messingkörper zu schwerfällig ist, für den schuf Designer Ron Gilad "Goldman" mit LED und Soft Touch-Steuerung. Foto © Thomas Edelmann
Daniel Libeskinds „Paragon“ bei Artemide etwa empfiehlt sich als geometrisches Spielzeug für den Schreibtisch. Foto © Artemide
Thomas Edelmann
Die französische Firma Blackbody ist eine der ersten, die sich ganz der OLED-Technik verschrieben hat. Hier ein Detail der Installation auf der Euroluce. Foto © Sabrina Spee, Stylepark
Die LED-Hängeleuchte "Silver Light" von Liran Levi für Nemo/Cassina soll in kleinen Gruppen von drei bis acht Elementen kombiniert werden, dabei lässt sich die Höhe bei der Installation variieren. Foto © Sabrina Spee, Stylepark
hen. Foto © Leyla Basaran, Stylepark
Mit dem "Bookworm" von Ron Arad hat das flexible LED-Band "FormaLa" von Luta Bettonica für Cini & Nils nur eine formale Verwandschaft. "FormaLa" dient allein der Wandlicht-Gestaltung. Foto © Sabrina Spee, Stylepark
lmann
Die Wand als Lichtquelle: "The Running Magnet" von Flos Architectural besteht aus in die Wand eingelassenen LED-Light Strips und frei beweglichen LED-Strahlern. Foto © Sabrina Spee, Stylepark
Ein asymmetrischer Diffusor enthält die LED-Lichtquelle von "Lake" und verdeckt sie zugleich. Der Entwurf stammt von Paolo Lucidi und Luca Pevere für Foscarini. Foto © Sabrina Spee, Stylepark

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