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Minimalistische Sehnsuchtsräume
von Markus Frenzl | 04.10.2010
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Es gibt Bilder von Interieurs, die einem ein sehnsuchtsvolles „So möchte ich auch wohnen!" entlocken: stille, harmonische, fast leere Räume, in denen das Leben vermutlich genauso aufgeräumt, kultiviert und auf das Wesentliche konzentriert stattfindet. Nur wenige ausgesuchte und perfekt aufeinander abgestimmte Objekte scheinen dieses meditative Leben zu bereichern und man fragt sich immer wieder, ob das nur Inszenierungen für den Fotografen sind oder ob die Bewohner dieser Räume es wirklich schaffen, all den Kram, seien es nun Parfumfläschchen, Zeitschriften, Ansichtskarten, Erinnerungsstücke oder „lustige" Mitbringsel, konsequent aus ihrem Wohnumfeld zu verbannen - und warum man das selbst nicht hinkriegt. Architekten wie John Pawson und Vincent van Duysen zählen zu den Meistern eines modernen Minimalismus, die es schaffen, diese Reduktion nicht dogmatisch und verkrampft um Askese bemüht, sondern glaubhaft und elegant wirken zu lassen. Während John Pawson seine Mission mit zahlreichen Büchern bekannt gemacht hat, wurde das Werk des Belgiers Vincent van Duysen erst vor kurzem umfassend in einem Buch dargestellt: „Complete Works" versammelt über dreißig Projekte Van Duysens von 1993 bis heute, die detailliert mit Fotos und Plänen vorgestellt werden.

Der 1962 geborene Vincent Van Duysen studierte Architektur in Gent, arbeitete in den achtziger Jahren in Mailand zusammen mit der Mode- und Interiordesignerin Cinzia Ruggeri und dem Memphis-Mitbegründer Aldo Cibic, bevor er 1990 sein eigenes Architekturbüro in Antwerpen eröffnete. In den letzten zwei Jahrzehnten realisierte er architektonische und innenarchitektonische Projekte vor allem in Belgien, aber auch in Hamburg, Paris, Dubai, Mailand, Mallorca, New York und Tokyo: Markante Wohnhäuser, Bürokomplexe, geräumige Townhouses und urbane Residenzen, elegante Läden sowie maßgeschneiderte luxuriöse Wohnungen, die in enger Kooperation mit Klienten und spezialisierten Handwerkern entstehen. Für diese - zugegeben meist luxuriösen - Aufgabenstellungen findet Van Duysen stille, präzise und angemessen elegante Formen mit zahlreichen Anleihen an die klassische Moderne. Gleichzeitig durchbricht er deren sprichwörtliche Kälte mit Backsteinwänden, Travertingestein oder original belassenen Holzböden, ohne dabei auch nur ansatzweise in dekorativen Kitsch abzudriften - und steht damit in der besten Tradition einer eleganten Moderne, wie sie sich schon bei Mies van der Rohe findet.

In der Einführung des Buches „Vincent Van Duysen: Complete Works" spannt der Architekturkritiker Marc Dubois den Bogen von den Einflüssen der achtziger Jahre auf Van Duysens Werk über seine ersten großen Wohnhausentwürfe bis hin zu den jüngsten Projekten. Er ordnet Van Duysens Arbeit in die belgische Architekturtradition ein und zeigt Bezüge zum Werk von Victor Horta, Le Corbusier, Adolf Loos und Mies van der Rohe bis hin zu zeitgenössischen Gestaltern wie Maarten van Severen auf. Auch zwischen den im Projektteil vorgestellten Entwürfen finden sich immer wieder eingestreute Statements von Weggefährten, Geschäftspartnern oder Designern wie Patricia Urquiola und Ann Demeulemeester, in denen sie den Charakter der Einfachheit Van Duysens betonen, sein Gespür für Details und Materialien, das er mit klaren, zeitgenössischen Formen verbindet.

Oft wird der Belgier, der unter Designern vor allem durch seine archaischen Aufbewahrungsgefäße für „When Objects Work" und seine geradlinigen Möbel für Poliform, Bulo, B&B und Tribù bekannt ist, für einen Innenarchitekten gehalten. Doch Van Duysen ist schlicht ein Architekt, der sich für die Schaffung von Räumen interessiert und dabei Materialien und Details ebensoviel Aufmerksamkeit schenkt wie dem architektonischen Gesamteindruck. Ilse Crawford, frühere Chefredakteurin der britischen Elle Decoration, betont in ihrem Vorwort, dass es vor allem Van Duysens Fähigkeit ist, die Formensprache der Moderne mit einem intuitiven Gespür für Materialen zu verbinden, die seine Arbeit auszeichnet und die einem in Erinnerung bleibt, wenn man ein Haus des Belgiers von Innen gesehen hat: „Danach ist man nicht nur beeindruckt von der Schönheit der Räume, sondern auch von den Details und dem Gespür für Materialien - und es ist letzteres, das einem in Erinnerung bleibt." Schade, dass sich das in der Bildauswahl des Buches nicht immer widerspiegelt: Oft wird Details und Materialien weniger Aufmerksamkeit geschenkt als den für ein Coffeetable-Buch wohl erforderlichen spektakulären Bildern.

Dennoch ist das Buch eine wunderbare visuelle Inspirationsquelle, die Werkschau eines konsequenten Architekten, der sich für Innenarchitektur nicht zu schade ist, der nicht auf den großen Showeffekt zielt, sondern virtuos mit Materialien, Texturen, Formen und Proportionen spielt und dabei bis ins kleinste Detail überzeugende Entwürfe erreicht. Es vermittelt die Suche des Belgiers nach intensiven, einfachen und authentischen Lösungen und erlaubt Einblicke in seine minimalistischen Sehnsuchtsräume, ohne sie als entseelte Inszenierungen erscheinen zu lassen. Es sind charakterstarke, elegante und dennoch unprätentiöse Räume, deren Bewohner man gerne kennen lernen möchte - und sei es nur, um sie zu fragen, wo sie all ihren Kram hinpacken: vielleicht in eine total überfüllte Zweitwohnung?

Vincent Van Duysen: Complete Works
Mit einem Vorwort von Ilse Crawford und einer Einführung von Marc Dubois
Hardback, 288 Seiten, 382 Illustrationen
Thames & Hudson, 2010
51,99 Euro

www.thamesandhudson.com
www.vincentvanduysen.com

Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

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