Flauschiger Protest
Die Kuratorin Dr. Katharina Weiler hat für Wolle. Seide. Widerstand. Arbeiten zusammengestellt, die sowohl handwerklich wie thematisch zahlreiche Blickwinkel bieten. Traditionelle Techniken wie das Knüpfen, Weben und Tuften werden mit moderner Technologie kombiniert, um Teppiche zu schaffen, deren Motive sich gegen Traditionalismus, Diskriminierung und Rassismus, Umweltzerstörung, sexuellen Missbrauch sowie politische Herrschaftsordnungen richten. Die Kreativen hinterfragen die Hierarchien unserer Gesellschaften und Künste, streben nach Selbstermächtigung und schaffen kraftvolle Bilder, die im starken Kontrast zu dem weichem Material des Textils stehen, aus dem sie gefertigt werden. Die Auflösung von Grenzen reicht bis in den formalen Ausdruck: Die gewohnte Flächigkeit des Teppichs wächst mitunter zur dreidimensionalen Skulptur, ergießt sich förmlich in den Raum oder durchwandert ihn in einer langen Bahn. Ebenso dienen Exponate als Leinwand für eine Videoprojektion sowie mit einem Deckenspiegel versehen als begehbares, multisensorisches Erlebnis.
Jan Kath präsentiert mit der Serie "Rug Bombs" gleich mehrere Werke: "Group of People Walking", "Stopover", "Family Walking" und "On High Seas" zeigen schemenhafte schwarze Figuren auf abstraktem Grund. Handgeknüpft aus tibetischer Hochlandwolle und chinesischer Seide symbolisieren diese Vertreibung, Flucht, Hoffnung und Verzweiflung, vereinen Hölle und Paradies in sich. Kath ist dafür bekannt mit konventionellen Stilen zu brechen, in dem er klassische Elemente des Orientteppichs mit zeitgenössischem Design kombiniert und fotorealistische Motive in der Textilkunst interpretiert. Mit "Alcaraz Sky" und "Verona Vendetta" dekonstruiert er klassische Muster und fordert unsere Sehgewohnheiten heraus. "Der Teppich darf mehr sein als Ornament und Luxusgut. Er kann ein Träger von Erinnerung, von Störung, von Diskurs sein.", sagt er.
Jeroen van den Bogaert greift mit "A Foolish Pleasure in Wicked Schemes" in einem Triptychon aus maschinell gewebter Baumwolle das stereotypische Männlichkeitsphänomen auf, vom Heldentum und der Tragödie bis zur Aggression. Jeweils als Collage inszeniert, tritt die Absurdität der Gesten zu Tage, ihr Sinn verliert sich im Gewimmel, der oft bedrohliche Anspruch nach Erhabenheit wirkt erfrischend lächerlich. Faig Ahmed greift indes mit "Virgin" aus handgeknüpfter Wolle die Tradition anatolischer Teppiche aus dem 15. Jahrhundert auf. Im Verlauf wird der flache Teppich zu einer blutroten Masse, die sich aus vielen feinen Fäden zusammensetzt. Mit der textilen Skulptur hinterfragt er die Riten, Bräuche und Geschlechterrollen der traditionellen aserbaidschanischen Gesellschaft, die ikononisierte Rolle der Jungfrauen wie den Mythos des Jungfernhäutchens. "Virgin" ist so auch ein Mahnbild, dass den sozialen Druck, die Menschenrechtsverletzungen und die gesellschaftliche Kontrolle visualisiert, denen Frauen in traditionellen Gemeinschaften ausgesetzt sind.
Der deutsche Künstler Tobias Rehberger hat mit "Dolores Huerta in Chinese teapot" und "Koloman Wallisch in glazed ducks" Doppelbilder aus handgeknüpfter Wolle kreiert, die textile Reliefs mit unterschiedlichen Florhöhen zeigen. "Koloman Wallisch in glazed ducks" ist so ein textiles Bildwerk, das sowohl vier Enten an Schnüren zeigt, wie es ein Zweidrittelportrait des sozialdemokratischen Politikers Koloman Wallisch enthält. Dieser rief als Arbeiterführer zum Widerstand gegen die Faschisten auf und wurde 1934 von den Nazis gehängt. Für Dolores Huerta in Chinese teapot" abstrahierte Rehberger das Motiv eines Teekessels wie das Portrait der US-amerikanischen Gewerkschafterin und Bürgerrechtsaktivistin Dolores Huerta (*1930), die sich seit Jahrzehnten für die Rechte marginalisierter Gruppen einsetzt. Das Werk weist somit auf ihr Engagement hin, wie es Fragestellungen nach Autorenschaft und Grenzsetzung in der Kunst aufgreift.
Auch die farbenfrohe, cartoonhafte Ornamentik von Johannah Herr gibt erst auf den zweiten Blick ihre thematische Tiefe preis: Die "American War Rugs" aus getufteter Wolle und Acryl erzählen jeweils einen Fall staatlicher Gewalt in den USA. Die Teppiche werden zu Zeugnisse von Taten und dienen parallel als aktivistisches Werkzeug. "Wir benötigen alle Formen des Widerstands, große ebenso wie kleine, um echte Veränderungen herbeizuführen. Auf der Mikro- wie Makroebene müssen wir hegemoniale Erzählungen und Systeme hinterfragen und zurückdrängen, die Hierarchien stützen, die auf Klasse, Race, Gender, sexueller Orientierung oder Leistungsfähigkeit beruhen. Ich setze die Textiltradition der afghanischen Kriegsteppiche fort, die das Grauen des US-Imperialismus in geknüpfte Teppiche übertragen. Meine Teppiche greifen auf diese Bild- und Materialsprache zurück, um die staatlich sanktionierte Gewaltanwendung im Inneren und außerhalb der USA zu kritisieren", sagt sie. Die Werkreihe "Ground Control" von Noelle Mason bildet darüber hinaus historische Konfliktorte an den Grenzen zwischen Mexiko und den USA ab. Die faszinierenden Motive beruhen auf textilen Satellitenfotografien, die menschliche Schicksale mit abstrahierten Bildern der Erde in Verbindung setzen. Hochmütige Abgrenzung, Entmenschlichung und Überwachung werden sinnbildlich auf den Boden zurückgeholt. Die unvergleichliche Schönheit der Erde in der Luftaufnahme lässt uns zeitgleich die geopolitischen Auseinandersetzungen hinterfragen.
Die vielschichtigen Positionen in Wolle. Seide. Widerstand. zeigen, wie traditionelles Handwerk und neue Technologien für eine zeitgenössische Kritik kombiniert werden können. Sie dienen als Impulsgeber für Diskussionen um Gestaltung, Produktionsmethoden und soziale Wirklichkeiten. (am)
Wolle. Seide. Widerstand.
Bis 24. Mai 2026
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt
Öffnungszeiten (können an Feiertagen abweichen)
Mo geschlossen
Di, Do bis So: 10 – 18 Uhr
Mi: 10 – 20 Uhr



















