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Wohnkultur braucht Öffentlichkeit
Anna Moldenhauer: In diesem Jahr findet neue räume bereits zum 13. Mal statt – vom 24. bis zum 27. September 2026 werden in der Halle 550 in Zürich-Oerlikon rund 90 Aussteller aus zehn Ländern ihr Angebot präsentieren, unter anderem ClassiCon, V-Zug oder horgenglarus. Die Veranstaltung ist keine Verkaufsmesse, sondern richtet sich an ein breites Publikum und setzt auf den Austausch mit den Gästen. Können Sie das Konzept näher erläutern?
Stefan Zwicky: Die Idee entstand im Jahr 2001 aus einer Fragestellung, die die Branche seit jeher beschäftigt: Wie kann der gehobene Fachhandel neue Kundinnen und Kunden gewinnen? Unsere Antwort ist ein Konzept, das die Präsentation von Herstellern und den Fachhandel miteinander verbindet. Der Fachhandel ist somit fest in unser Konzept eingebunden, sei es in Form der Vorstellung im Programmmagazin oder mit Blick auf das Angebot der Fachhändler-Lounge. Er fungiert als Vermittler für den späteren Verkauf und unterstützt uns bei der Kommunikation der Veranstaltung. Interessiert sich ein Gast beispielsweise für ein Produkt von ClassiCon, kann er direkt an einen Händler in seiner Region vermittelt werden. So entsteht eine Verbindung zwischen Hersteller, Fachhandel und Endkunde. Die Aussteller kommen aus dem gesamten Bereich Innenausbau: Der Schwerpunkt liegt auf Möbeln, Leuchten und Heimtextilien, ebenso ist die Expertise für Küchen, Badlösungen und weitere Bereiche des Wohnens vertreten, wie Tapeten oder Farbe. Uns geht es um eine möglichst vielfältige Mischung, denn die Inspiration macht den Reiz der Ausstellung aus. Da die Innovationszyklen in der Möbelbranche deutlich länger sind als beispielsweise in der Mode, veranstalten wir neue räume alle zwei Jahre.
Sie haben einmal gesagt, neue räume solle eine Pralinémischung sein. Die Zielgruppe ist dementsprechend breit: Architektur- und Innenarchitekturschaffende, DesignerInnen, PlanerInnen sowie Privatpersonen. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Aussteller aus?
Stefan Zwicky: Uns sind sowohl designinteressierte EndverbraucherInnen wie Personen aus den Bereichen Innenarchitektur, Architektur und Planung wichtig. Entsprechend orientiert sich die Auswahl der Hersteller an unseren Fachhandelspartnern, das sind überwiegend Unternehmen aus dem gehobenen Marktsegment. Es gibt keine starren Kriterien, aber gewisse Grundsätze. So macht es beispielsweise wenig Sinn, Hersteller zu präsentieren, deren Produkte über den Fachhandel nicht erhältlich sind, da sie über großflächige Vertriebskanäle oder Discountformate verkaufen. Neben internationalen Herstellern berücksichtigen wir Schweizer Unternehmen, das war uns schon immer wichtig. Viele von ihnen arbeiten eng mit lokalen Designerinnen und Designern zusammen und produzieren keine Massenware. Für diese ist es entscheidend, sich alle zwei Jahre einem größeren Publikum präsentieren zu können. Der Anspruch für neue räume war von Beginn an beide Welten zusammenzubringen, anstatt den Fokus auf das Fachpublikum zu legen. Ein Gegenentwurf zu den ähnlichen Veranstaltungen in der Schweiz, wie der biennale "Designers’ Saturday" in Langenthal, der von 1987 bis 2020 stattfand oder mit Blick auf die Historie der Möbelmessen.
Das Publikum soll also ebenfalls möglichst divers sein.
Stefan Zwicky: Genau. Wir haben von Anfang an versucht, Diversität in unser Konzept einfließen zu lassen. Die Aussteller müssen bei uns keine aufwendigen Messestände errichten. Wir stellen eine Infrastruktur zur Verfügung, die allen dieselben Voraussetzungen bietet. Im Mietpreis inbegriffen sind ein Teppichboden, textile Trennwände, eine einheitliche Standbeschriftung mit dem jeweiligen Logo und eine Grundbeleuchtung. Dadurch entsteht ein ruhiges, geordnetes Gesamtbild. Die Unternehmen können sich auf ihre Produkte konzentrieren, anstatt hohe Ressourcen in temporäre Messearchitektur zu investieren. Darüber hinaus erhält jeder Aussteller eine eigene Präsentationsstrecke im Programmmagazin, das mit einer Auflage von 140.000 Exemplaren über verschiedene Wohn- und Publikumsmedien verbreitet wird.
Gemeinsam mit dem Fotografen, Typografen und Gestalter Alfred Hablützel, der leider im Januar diesen Jahres verstorben ist, haben Sie vor der Gründung von neue räume bereits für die Schweizer Möbelmesse Sonderschauen realisiert. Was ist Ihnen heute für deren Konzeption wichtig?
Stefan Zwicky: Es ist ein wenig wie auf einem Markt: Im Laufe der Zeit sammelt man Ideen, Themen und Entwicklungen, denen man begegnet. Unser Ziel ist es, möglichst interessante und relevante Inhalte zu präsentieren. Die Schwerpunkte wechseln dabei von Ausgabe zu Ausgabe. Wir greifen aktuelle Entwicklungen aus verschiedenen Bereichen auf, beispielsweise aus der Schweizer Möbelgeschichte, von Designjubiläen, aus Publikationen oder von regionalen Initiativen wie "Graubünden Holz". Ein konstanter Bestandteil sind zudem die Präsentationen von Designschulen. Wir bringen die Perspektiven zusammen, um einen facettenreichen Mix aus Themen, Positionen und Ansätzen zu bieten.
Stylepark, damals die erste Internetplattform für Architektur- und Designrelevante Produkte, war bei der ersten Ausgabe von neue räume beteiligt. Können Sie sich noch erinnern, was damals gemeinsam umgesetzt wurde?
Stefan Zwicky: Schon damals war es für uns wichtig, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die ein Gespür für Design und Wohnkultur mitbringen. Bereits mit der ersten Ausgabe konnten wir neue räume als wichtigste internationale Wohn- und Möbelausstellung der Schweiz für das oberste Einrichtungssegment etablieren. 20.000 Besucherinnen und Besucher kamen zum Auftakt und das Feedback war durchweg positiv – auch hinsichtlich der Vernetzungsmöglichkeiten mit neuen Herstellern und Kreativen. Stylepark hatte damals einen eigenen Stand mit Terminals, an denen die Gäste die Funktion des neuen Angebots erleben konnten. Dazu gab es Installationen der Art-Direktorin Klaudia Kampa: computergenerierte Projektionen zum Thema Einrichtungsobjekte, die völlig neue Raumwahrnehmungen boten. Und wie man an unserer aktuellen Kooperation sieht: Die bei neue räume geknüpften Verbindungen sind nachhaltig.
Haben Sie jemals darüber nachgedacht, das Format auf andere Städte auszuweiten?
Stefan Zwicky: Nein, denn das Konzept lebt von lokalen Netzwerken, vom Fachhandel wie von den Planenden, Architekturschaffenden und Herstellern vor Ort. Diese Beziehungen sind über Jahrzehnte gewachsen. In einer anderen Stadt müsste man dieses Gefüge neu aufbauen. Deshalb ist Zürich für uns historisch und strukturell der richtige Standort. Auch innerhalb der Schweiz stehen wir vor Herausforderungen, denn diese ist interkulturell und hat eine viersprachige Identität. Wir versuchen daher mit den Fachhändlern und Partnern immer wieder neue Wege für die Vernetzung zu finden. Unsere Branche ist zudem sehr speziell – wer sich für Autos interessiert, fährt selbstverständlich zum Autosalon. Im Bereich Wohnen und Interior Design ist die Zielgruppe kleiner und Wohnkultur hat politisch keine starke Lobby. Während Kunst, Fotografie oder Theater selbstverständlich als Kultur begriffen und vielfach gefördert werden, heißt es mit Blick auf die Wohnkultur oft, das sei Industrie und müsse sich entsprechend selbst finanzieren. Dabei betrifft das Thema jeden Menschen, denn wir alle wohnen und gestalten unsere Umgebung. Meiner Ansicht nach verdient die Wohnkultur eine stärkere kulturelle Anerkennung.
Parallel zu neue räume findet die Zürich Design Week statt. Inwiefern ergänzen oder unterscheiden sich die Formate?
Stefan Zwicky: Die Ausrichtung ist unterschiedlich: Während das Angebot der Zürich Design Week stärker auf Ateliers, Hochschulen, Experimente und Nachwuchspositionen fokussiert ist, konzentrieren wir uns für neue räume stärker auf Hersteller, Produkte und konkrete Anwendungen. Es gibt zwar Überschneidungen, dennoch bedienen beide Formate jeweils andere Bedürfnisse. Langfristig könnte man sicher darüber nachdenken, die Kommunikation zu bündeln.
Gewinnen regionale Formate angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten an Bedeutung?
Stefan Zwicky: Ja, eindeutig. Vor allem mittelständische Hersteller überlegen heute genauer, wo sie ihre Budgets einsetzen. Viele von ihnen stellen fest, dass sie auf regionalen Plattformen ein direkteres Feedback erhalten und nicht in der Masse einer internationalen Großveranstaltung untergehen. Zudem reisen die Gäste heute oft kürzer und gezielter an. Dadurch gewinnen kompaktere Formate mit klarer Ausrichtung an Attraktivität.
Sie führen darüber hinaus ihr eigenes Architekturbüro – die Basis für viele Ihrer Projekte ist eine bestehender Bausubstanz. Worauf kommt es Ihnen dabei an?
Stefan Zwicky: Für uns beginnt jedes Projekt mit einer Analyse der Aufgabe und des Ortes. Wir versuchen zu verstehen, welche Geschichte erzählt werden soll und welche Identität bereits vorhanden ist. Für das Café Schwarzenbach in Zürich haben wir zum Beispiel die Themen Kaffee und Tee über Materialien, Farben und Atmosphäre räumlich umgesetzt. Der Uniturm der Universität Zürich war wiederum eine völlig andere Aufgabe. Dort ging es darum, diesen außergewöhnlichen Ort mit seiner spektakulären Aussicht sinnvoll nutzbar zu machen und gleichzeitig den denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht zu werden. Mich interessiert die Verbindung zwischen Inhalt und Gestaltung. Erst dadurch entsteht eine glaubwürdige Identität.
Sie arbeiten interdisziplinär als Gestalter, Herausgeber und Kurator. Was ist Ihr Kernanliegen?
Stefan Zwicky: Für mich stellt sich bei jedem Entwurf die Frage, ob er tatsächlich gebraucht wird. Ein Möbelstück sollte nicht nur schön aussehen, sondern einen konkreten Nutzen haben und idealerweise eine Aufgabe erfüllen, die bislang nicht gelöst wurde. DesignerInnen investieren viel Zeit und Energie in die Entwicklung neuer Produkte. Deshalb freut es mich besonders, wenn ein Entwurf seinen Platz im Alltag der Menschen findet und langfristig genutzt wird. Ich habe mich stets intensiv mit den verschiedenen Kategorien des Designs beschäftigt: Editionsdesign, Manufakturdesign und industrielles Design, teils gemeinsam mit Alfred Hablützel. Produkte entstehen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen und mit völlig verschiedenen Zielsetzungen. Diese Unterschiede werden in der öffentlichen Diskussion zu wenig wahrgenommen.
Woran arbeiten Sie derzeit?
Stefan Zwicky: Aktuell steht natürlich die kommende Ausgabe von neue Räume im Mittelpunkt. Darüber hinaus arbeite ich mit meinem Team an einem Projekt für das Schweizer Generalkonsulat in New York: Unsere Aufgabe besteht darin, die Atmosphäre und Identität der Räume zu entwickeln – von der Möblierung und Beleuchtung bis hin zur Farb- und Materialgestaltung. Solche Aufgaben sind besonders spannend, da die Räume repräsentativ sein müssen, wie eine angenehme und gastfreundliche Atmosphäre bieten sollen. In den vergangenen Jahren haben wir bereits die Planung und Gestaltung für Schweizer Vertretungen in Tel Aviv, Beirut, San José, Den Haag und Neu-Delhi realisiert. Jeder Standort bringt eigene kulturelle, architektonische und funktionale Anforderungen mit sich. Dieser unendliche Facettenreichtum macht die Arbeit so interessant.











