top
„Nude“ oder doch lieber angezogen
von Nina Müller | 06.10.2011

„Nude", also „nackt", war der Titel des Newcomer-Forums auf der Messe Hábitat Ende September in Valencia. Mit ihren reduzierten Entwürfen boten die jungen Designer einen Kontrast zum alteingesessenen Möbeldesign der einstigen Möbelstadt Valencia mit Hang zum Üppigen, Funkelnden, Dramatischen. Auf überschaubarer Fläche konnten Besucher hier strukturiert die neuesten Tendenzen spanischen Designs begutachten. Doch Valencia hatte mehr zu bieten als die Präsentationen der Messe.

Hexagonförmige Teppichbodenelemente auf Marmor und weiße halbrunde Stellwände zwischen Betonpfeilern definierten die einzelnen Ausstellungsparzellen der Jungdesigner des Nude-Bereichs. Dieser Aufbau ermöglichte zwar eine eindeutige Zuordnung der Exponate, doch machte er die Ausstellungsarchitektur auch unübersichtlich. Die einzelnen Stände wirkten kleinteilig, unbeleuchtet, farblos, schlichtweg etwas zu nackt. Oder etwa nicht nackt genug? Sie gliederten, aber sie zogen auch Trennlinien zwischen den Designern. Dabei ist es doch gerade der Vorzug einer großen Ausstellungshalle, durch offene Gestaltung Bezüge unter den Ausstellern herzustellen und damit Kommunikation zu fördern.

Das Messegebäude Valencias ist nicht unattraktiv, doch wer die Stadt kennt – mit ihren zahlreichen Brüchen historischer und zeitgenössischer Architektur, den verwinkelten Gassen, wie den weitläufigen Plätzen, dem Hafen und Santiago Calatravas Stadt der Künste und der Wissenschaften – dem drängt sich die Frage auf, ob sich neben der Messe nicht auch andere Schauplätze dazu anbieten würden, neue Entwürfe ins rechte Licht zu rücken. Valencia ist berühmt für ihre stimmungsvollen Lichtwirkungen, und tatsächlich, einige Designer und Architekten nutzten eben diesen Vorzug.

Besonders atmosphärisch präsentierte sich Vondom in den Torres de Serrano, einem historischen Festungsgebäude aus dem 14. Jahrhundert, einem Tor zum Stadtzentrum. Was läge für einen valencianischen Outdoormöbel-Hersteller näher, als sich unter freiem Himmel zu präsentieren? Valencias laue Sommerabende laden geradezu zu einem nächtlichen Empfang ein, und so liess Vondom die Kontraste für sich spielen: inszenierte seine leuchtenden Kunststoffmöbel vor dunklem Nachthimmel, füllte die alten Hallen mit Jazz und projizierte filigrane, sich bewegende Grafik auf die groben Gemäuer der Torres.

Weniger exklusiv, dafür persönlich und unprätentiös zeigte sich eine Gruppe junger internationaler Designer, deren selbsterklärtes Ziel es ist, ein globales Netzwerk zu etablieren. Unter dem Titel „Someone I met" zeigten die zwölf Talente, die sich bei Workshops auf der Domaine de Boisbuchet kennenlernten und von dort gefördert werden, ihre Arbeiten und organisierten eine Ausstellung an einem Ort, wo man sie eigentlich nicht erwarten würde. Sergio Mendoza, einer der Initiatoren öffnete sein Atelier im Barrio Patraix, einem typischen Wohnviertel am Rande der Stadt. Mit original belassenen Fußböden, bröckelnden Wänden, alten Möbeln und Maschinen als Podeste bot diese Werkstatt einen authentischen Arbeitsplatz, umgebaut zum Ausstellungsraum. Er zeigt, wie Designer arbeiten, wo Inspiration entsteht und vermittelt dem Besucher – bei Bier und selbstgemachter Tortilla – das Gefühl eines Treffens unter Freunden. Gute Vorraussetzungen, um ungezwungen ins Gespräch zu kommen, sich über die eigene Arbeit auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.

Als Design-Labor hingegen präsentierten sich die Designer von CuldeSac – natürlich im eigenen Büro. Etwas außerhalb der Stadt, zwischen Wohnblocks und Kleingärten, versteckt hinter einem massiven Tor, eröffnete sich in ihrem Fabrikgebäude während der Valencia Design Week ein kleines Paradies, ausgestattet mit gigantischem Gemüse und bunten Leckereien. So verbanden CuldeSac Jahrmarktflair und Projektpräsentation. Bombastische Popcorn-Glocken und dekorierte Schokolollis, Zuckerguss und Schaumgebäck zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Wer sich über die aktuellen Projekte von CuldeSac informieren wollte, konnte bei Life-Musik die scheinbar beiläufig bespielten Wände und Computerpräsentationen erkunden.

Während die Messe ihren Besuchern gebündelt zahlreiche wichtige Hersteller und Designer präsentierte, bot die Stadt Valencia die Kulisse für ein inspirierendes Kontrastprogramm zum hektischen Messealltag. Mit ihren Events schufen Vondom, CuldeSac und die Designer von „Someone I met", wie auch das Büro estudi{H}ac mit einem Cocktailempfang vor dem stattlichen Keramikmuseum oder Luzifers mit ihrem stimmungsvollen Picknick auf dem Land informelle Begegnungsstätten. Versteckt, von Außen kaum wahrnehmbar, eher verhüllt statt „nude" – kreierten sie damit sicherlich bleibende Erinnerungen bei ihren Besuchern

Man muss also schon etwas genauer hinsehen, um die echten Schmuckstücke während der Valencia Design Week ausfindig zu machen. Doch wer sich vom Messetrubel nicht von einer Erkundungstour der Stadt abbringen lässt, der erlebt interessante Überraschungen.

www.valenciadissenyweek.com

Newcomer-Forum „Nude“ auf der Messe Hábitat, Foto: Nina Müller
Junge Talente im „Nude“-Bereich, Foto: Nina Müller
Ausstellungsarchitektur im "Nude"-Bereich, estudi{H}ac, Foto: Nina Müller
Das Hexagon als Stilelement im "Nude"-Bereich, Foto: Nina Müller
Designerin von 3patas auf im „Nude“-Bereich, Foto: Nina Müller
Eingang der Torres de Serrano, Foto: Vondom
„SMP Lamps”, Sergio Mendoza, in der Ausstellung „Someone I met”, Foto: Sergio Mendoza
„SMP Lamps”, Sergio Mendoza, in der Ausstellung „Someone I met”, Foto: Sergio Mendoza
Süßigkeiten-Installation im Büro von CuldeSac, Foto: CuldeSac
Jahrmarktflair im Büro von CuldeSac, Foto: CuldeSac
Bunte Leckereien, Foto: CuldeSac
Plaza Ayuntamento in Valencia, Foto: Nina Müller
„Vases“, estudi{H}ac für Vondom, Foto: Nina Müller
Installation von Vondom in den Torres de Serrano, Ramón Esteve, Foto: Nina Müller
„Jellyfish Lamp“, Paula Benvegnú und Tristan Cochrane, in der Ausstellung „Someone I met”, Foto: Sergio Mendoza
„Joe“ und „Averell“, estudio estres, in der Ausstellung „Someone I met”, Foto: Sergio Mendoza
Valencias Stadtzentrum, Foto: Nina Müller