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Patricias Bohemian Rhapsody
von Thomas Wagner | 15.01.2012

Die Quellen der Inspiration liegen für Patricia Urquiola in ihrem persönlichen Umfeld: „Manchmal", bekannte sie in einem Interview, „ist es etwas Emotionales, manchmal etwas sehr Einfaches, Alltägliches, das mich auf eine Idee bringt. Für mich ist Design ein überraschender Prozess. Man hat eine Idee und mischt sie mit anderen Zutaten, aber weiß nie, was am Ende dabei herauskommt." Was auf diese Weise entsteht – vor allem Sofas, Sessel und Stühle, aber auch Leuchten, Outdoor-Möbel und Teppiche – ist komfortabel und perfekt proportioniert. Und stets umweht die Entwürfe ein Hauch von Extravaganz und Bohème. Es ist vor allem die eigene Art von subkutaner Unsachlichkeit, die in Mustern und Ornamenten auftritt, sich aber ebenso sehr in einer raffinierten Verarbeitung von Stoffen und Texturen zeigt, die den besonderen Charme der Entwürfe Urquiolas ausmachen.

Nicht allein die Sessel und Liegen namens „Antibodi", bei denen Filzstücke zu Blüten aneinander genäht sind, haben in den letzten Jahren für Wirbel gesorgt. Auch mit „Tropicalia" hat sie das Konstruktionsprinzip der aus geflochtenen Kunststoffstreifen bestehenden Gartenliegen der fünfziger Jahre nicht einfach wiederbelebt, sondern ihm mittels Farbe, Frische und der Fröhlichkeit afrikanischer Muster eine überraschend neue Note verliehen.

Besonders deutlich wird die behutsame, aber gleichwohl radikale Art, mit der sie das bürgerliche Wohnzimmer durchlüftet und dessen Atmosphäre erneuert hat, an ihrer (ebenfalls für Moroso) entwickelten Kollektion „Bohemian". In dieser interpretiert Urquiola nicht nur das klassische „Capitonné" neu. Sie schafft vielmehr eine Produktfamilie aus Sofa, Lehnsessel, Chaiselongue und Sessel, deren Auflagen (die mit Druckknöpfen an der Sitzschale befestigt werden) und Formen sich in unregelmäßige, wie zufällig anmutende Linien aufzulösen scheinen. Trotz seiner klassischen Grundform wirkt ein Sofa nun plötzlich so, als habe es einen Schal um die Schulter gelegt – oder Felle übergeworfen, die an mongolische Teppiche erinnern. In immer anderen Varianten entsteht durch eine solche Überlagerung aus einem Grundelement eine hybride Mixtur, die sich aus verschiedenen Kulturen und Traditionen speist, ohne einer einzigen wirklich nachzueifern oder sich ihr ganz auszuliefern. Es ist vor allem dieses luxuriöse Patchwork, das Urquiolas Möbeln ein ums andere Mal ein nomadenhaftes Flair verleiht, mit dessen Hilfe sie das bürgerliche Wohneinerlei auffrischt, aber auch ironische kommentiert. Vor allem die Italiener lieben sie für diese Möbel, die auf eine neue, multikulturell und weltbürgerlich geprägte Bourgeoisie zielen und trotz mancher Verspieltheit stets eine gewisse Grandezza verströmen. Weil ihre postmodernen Lesarten von Klassikern virtuos Kulturen und Zeiten mischen, könnte man sie als eine Art von Bohemian Rhapsody bezeichnen.

Auch deshalb ist es kein Wunder, dass Patricia Urquiola im vergangenen Jahrzehnt zu einer der bekanntesten und international gefragtesten Gestalterinnen im Möbeldesign herangereift ist. Im Jahr 1961 im spanischen Oviedo geboren, hat sie sich schon früh am italienischen Design orientiert. 1989 schließt sie ihr in Madrid begonnenes Architekturstudium am Mailänder Polytechnikum mit einer Diplomarbeit bei Achille Castiglioni ab; von 1990 bis 1996 arbeitet sie in der Abteilung Produktentwicklung bei De Padova, wo sie mit Vico Magistretti die Entwürfe „Flower", „Loom Sofa" und „Chaise Longue" realisiert. Und bevor sie 2001 – gemeinsam mit Martino Berghinz – ihr eigenes Studio in Mailand gründet, um sich mit Design, Ausstellungskonzepten und Architekturprojekten zu beschäftigen, leitet sie fünf Jahre lang die Designabteilung des Atelier Lissoni Associati.

Weil sie seit vielen Jahren wie ein Wirbelwind durch die Designszene fegt, gaben die Italiener ihr den Spitznamen „Hurricane". Umgekehrt weiß sie selbst besonders die Experimentierfreude italienischer Hersteller zu schätzen: „Die Unternehmer hier haben weniger Angst vor Risiken, sie sind flexibel, treiben die Dinge voran. Diese agile Art gefällt mir." Dass Patricia Urquiola auch als Architektin erfolgreich zu agieren weiß, zeigt die Villa, die sie – zusammen mit Martino Berghinz – in Udine für Patrizia Moroso und deren Familie entworfen hat. Nicht nur hier lässt sich beobachten, wie geschickt Urquiola darin ist, Privatsphäre und repräsentatives Wohnen auf zeitgemäße Weise zu verbinden, es gelingt ihr auch, klare Raumfolgen zu schaffen, die ganz und gar zeitgenössisch wirken.

Um einen Überblick über das vielfältige Schaffen von Patricia Urquiola zu bekommen, muss man nur in die Stylepark-Datenbank schauen. Nimmt man die Kooperationen mit anderen Designern hinzu, so finden sich dort aktuell rund 270 Produkte von neunzehn Herstellern. Eines besseren Ausweises ihrer Vielseitigkeit und Beweglichkeit bedarf es nicht. Auch jenseits ihrer Aktivitäten im Produktdesign ist Patricia Urquiola für Stylepark alles andere als eine Unbekannte. Im Rahmen von „Stylepark in Residence – touchy-feely" wurde im Januar 2007, basierend auf ihrer Sonderschau „Pelle d'Asino", die erstmalig auf der Abitare il Tempo in Verona gezeigt worden war, während der imm cologne in den Räumen des Kölnischen Kunstvereins ihr Produktkosmos ausgebreitet. Wie Trophäen hingen die Objekte damals in der Installation „Dance n.2" an einem Transportband und zogen langsam ihre Kreise durch den Raum. Ebenfalls 2007 gestaltete sie, gemeinsam mit Martino Berghinz, den Ausstellungsparcours für die zweite Ausgabe von „The Design Annual" in der Frankfurter Festhalle, die mit dem Thema „private identity" nach den Identität stiftenden Aufgaben des Designs und dessen kulturellen und gesellschaftlichen Bezügen fragte.

Nun darf man gespannt sein, was sich Patricia Urquiola im Rahmen ihrer Auszeichnung als „Designer des Jahres" hat einfallen lassen. Dass es diese Rhapsodin des zeitgenössischen Designs versteht, an sich flüchtigen, nur lose miteinander verbundenen kulturellen Motiven und Mustern eine aktuelle Prägung zu geben, daran besteht kein Zweifel.

www.patriciaurquiola.com

Tropicalia Sessel, Foto © Alessandro Paderni
Antibodi, Foto © Alessandro Paderni
Tropicalia Cocoon, Foto © Alessandro Paderni
Tropicalia Chaise Lounge, Foto © Alessandro Paderni
Stylepark in Residence – Barock 2004, Köln, Foto © Constantin Meyer
Den Ausstellungsparcours gestaltete Patricia Urquiola zusammen mit Martino Berghinz, Foto © Constantin Meyer
Blick von oben in die Frankfurter Festhalle, Foto © Pietro Sutera
Wie Trophäen hängen die Objekte in der Installation „Dance n.2“ an einem Transportband, Foto © Constantin Meyer
Patricia Urquiola, Foto © Alessandro Paderni
Bohemian Chaise Longue, Foto © Alessandro Paderni
Bohemian Sofa, Foto © Alessandro Paderni
„Blütenblätter” sorgen für Polsterung, Foto © Alessandro Paderni
Flechtwerk aus Kunststofffäden, Foto © Alessandro Paderni
Die Fäden sind aus thermoplastischem Polymer in verschiedenen Farben, Foto © Alessandro Paderni
The Design Annual – inside: private identity 2007, Frankfurt, Foto © Constantin Meyer
Die Ausstellung fragte nach den Identität stiftenden Aufgaben des Designs und dessen kulturellen und gesellschaftlichen Bezügen, Foto © Constantin Meyer
Stylepark in Residence – touchy-feely 2007, Köln, Foto © Constantin Meyer
Die Produkte ziehen langsam ihre Kreise durch den Raum, Foto © Constantin Meyer
„Bohemian Rhapsody” von Queen

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