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„Ich wollte unbedingt, dass der Wecker in Europa hergestellt wird“ - Wecker „AC 01“ von Punkt. Alle Fotos © Punkt
Petters Punktlandung
von Uta Abendroth
18.12.2013

„Mir geht es nicht darum, irgendetwas schön zu machen, sondern den Dingen eine Bedeutung zu geben“, sagt Petter Neby, der 2008 im Schweizerischen Lugano die Firma Punkt gründete. Der Norweger hat dieses gewisse Macher-Gen, ein Faible für gutes Design und einen kreativen Kopf. Damit aus seinen Fantasien auch Produkte werden, arbeitet er mit Jasper Morrison zusammen – der Brite ist für Neby wie ein Katalysator: „Jasper ist nicht Punkt, es geht nicht um ihn, sondern um meine Ideen“, erklärt der 42-Jährige. „Aber Jasper ist wichtig, weil ich glaube, dass er im Moment derjenige ist, der artikulieren kann, was in meinem Kopf ist.“

Beide, Neby und Morrison, sind der festen Überzeugung, dass der Bereich „Consumer Electronics“ reif ist für schönere Produkte. Und für solche, die mit einem Minimum an Funktionen auskommen. Braun taucht da wie eine Verheißung im Nebel der Vergangenheit auf, aber wer macht heute Vergleichbares? Jasper Morrison sagt: „Ludwig Mies van der Rohes ‘weniger ist mehr‘ und Dieter Rams’ ‘weniger aber besser‘ drücken genau das aus, worum es in einem Designprozess gehen sollte. Und das ganz besonders im Bereich der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik.“ So hat sich Punkt beispielsweise auf eine sehr limitierte Farbpalette festgelegt: Ausschließlich Schwarz, Rot und Weiß kommen zum Einsatz – nur den Wecker „AC 01“ gibt es auch in Silber. Jasper Morrison erklärt: „Diese Reduktion auf nur wenige Farben hat einen durchweg positiven Effekt: sie verleiht den Punkt-Produkten eine starke und einprägsame Identität. Und sie spiegelt die Idee von Einfachheit, die wir rüberbringen wollen, wider.“

Doch zurück zum Anfang: Als Petter Neby 2007 keinen Wecker fand, wandte er sich an Jasper Morrison, den er Jahre zuvor auf dem Salone in Mailand getroffen hatte. Gemeinsam entwickelten sie die ersten Modelle des „AC 01“ und kooperierten mit einem deutschen Hersteller. Doch das Projekt scheiterte: „Ich wollte unbedingt, dass der Wecker in Europa hergestellt wird“, erinnert sich Neby. „Aber die Strukturen dafür existierten hier nicht länger und schließlich wandten wir uns an Seiko in Japan.“ Die Premiere der Uhr verzögerte sich. Das zweite Produkt, an dem das Duo tüftelte, hatte seinen Auftritt zuerst: das Telefon „DP 01“ präsentierte Punkt auf der Pariser Messe „Maison et Objet“ im Januar 2011. Petter Neby hatte mehr oder weniger im Selbstversuch festgestellt, dass das Mobilnetz außerhalb der Städte in Italien oft mangelhaft ist. In seinem Haus in Florenz wollte er deshalb ein Festnetz-Telefon, das gut auf dem Tisch liegt und nicht zu viele Funktionen hat. Und das man auch an die Wand hängen kann. Die Entwicklungszeit nahm rund 16 Monate in Anspruch. Nicht gerade zur Zufriedenheit Nebys wird auch dieses Produkt in Asien, genauer in China, gefertigt. Es mangelt an europäischen Produktionsstätten.

Erst mit dem dritten Produkt „ES 01“, der Mehrfachsteckdose „Extension Socket“ von dem jungen kolumbianischen Designer Georges Moanack, kam endlich Europa als Produktionsstandort ins Spiel: Nördlich von Venedig fertigt ein Betrieb das Hilfsmittel für die Geräte 2.0: Unter einer abnehmbaren Plastikhaube befinden sich fünf Steckdosen, die, je nach Land, unterschiedlichen Steckern oder Ladegeräten Platz bieten. Mit einem Knopfdruck kann man die gesamte Stromzufuhr starten oder unterbrechen. Das 2013 gelaunchte Produkt ist das erste, das nicht von Jasper Morrison designt wurde. Aber er ist der Art Director und sorgt für das entsprechende Finish, zumindest aber die passende Verpackung. Und er wird weiter nach anderen Designern Ausschau halten, die neue Produkte für Punkt gestalten können. Denn Wachstum steht auf der Agenda von Petter Neby – wenn auch in einem angemessenen Zeitrahmen und nicht um jeden Preis: „Die Dinge, die wir machen, sollen für eine lange Zeit halten, denn immer Neues zu kaufen, ist nicht die Lösung“, sagt Petter Neby. „Kunststoff ist ein tolles Material, aber eben nur, wenn man damit entsprechend umgeht und Produkte daraus über eine sehr lange Zeitspanne benutzt. Erst dann kann man von Nachhaltigkeit sprechen, dem Thema in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft.“

Außerdem ist der Punkt-Gründer davon überzeugt, dass sich manche Dinge nicht gut entwickeln, wenn man sie mit zu großem Tempo vorantreibt. „Mir geht es um Qualität“, sagt Petter Neby, „Und auch, wenn das nicht besonders Business-like klingt: ich möchte mir für eine Neuentwicklung lieber ein bisschen mehr Zeit lassen und nur kleinere Stückzahlen verkaufen, aber dafür eben richtig gute Objekte.“ Zurzeit arbeitet das Punkt-Team an drei neuen Produkten, aber voraussichtlich wird nur eins 2014 auf der Messe in Mailand vorgestellt.
„Ich glaube, wir könnten unendlich viele Dinge machen. Aber wir machen nur etwas Neues, wenn wir es gut machen können und wenn es Sinn macht“, sagt Neby. Dabei spielen Funktionalität, Einfachheit und Wertigkeit die Hauptrollen. Die extreme formale Reduktion schränkt dabei die Kreativität nicht ein. „Im Gegenteil“, sagt Jasper Morrison. „Was auch immer das Projekt ist, ich halte es für eine gute Idee, immer nach der einfachsten Form zu suchen. Natürlich habe ich dabei stets mich als Konsument im Hinterkopf, aber da gibt es ja hoffentlich noch einige andere, die so denken wie ich!“

www.punktgroup.com

Sonderedition des „AC 01” in Silber.
„Es geht um meine Ideen” – Petter Neby, Gründer und Chef von Punkt.
Die Bedienung ist simpel und erfolgt über Drücken der Rück- bzw- Vorderseite.
Für Nebys Haus in Florenz: das Telefon „DP 01“.
…Das auch an der Wand hängen kann.
Art Director von Punkt: Jasper Morrison.
Georges Moanack hat die Mehrfachsteckdose „ES 01“ entworfen.
UK-Version des „ES 01“.
Wider des Kabelsalats: das „ES 01“.

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