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Skandinavische Gütesiegel
von Clemens Bomsdorf | 29.03.2012

Ikea, Volvo, Bang & Olufsen, Louis Poulsen, Iittala, Stokke – grundsolide und ein wenig stylish, aber keineswegs verspielt, das macht die Produkte skandinavischer Designfirmen aus. Unabhängig davon, ob sie Möbel, Autos, Hi-Fi-Anlagen, Leuchten, Küchenutensilien oder Stühle herstellen. „Designed in Scandinavia" ist ein Qualitätssiegel wie „Made in Germany", das auf dem internationalen Markt durchaus einen Preisaufschlag zulässt. „Einfachheit, klare Linien und Funktionalität kombiniert mit dem innovativen Gebrauch von Materialien und Konstruktionstechniken hat Design aus Nordeuropa gemeinsam", sagt Clare McCarthy, Autorin des Buches „Denmark Limited Global By Design".

Dabei halten sich viele Designer zurück, ihre Entwürfe als spezifisch regional skandinavisch oder – um Finnland wirklich einzuschließen – nordisch zu bewerten. „Dieses Label interessiert mich nicht sonderlich", sagt etwa Kai-Uwe Bergmann, Partner des Architekturbüros Bjarke Ingels Group (BIG), zu dem auch das Designbüro Kibisi gehört und spricht damit aus, was viele Designer aus der Region meinen. Auch seinen Zusatz würden wohl die meisten bekräftigen: „Wir wollen Produkte schaffen, die zur Lebensqualität beitragen." Damit beschreibt er in etwa, was nach landläufiger Meinung skandinavisches Design ausmacht und etwa von italienischem unterscheidet, das häufig verspielter ist. „Ein Fahrrad ohne Kette, für die, die Angst haben sich ihre Hose schmutzig zu machen, ist etwa so ein Produkt", so Bergmann. Das „Biomega"-Rad steht an die Glastrennwand gelehnt in der Designsektion des Kopenhagener Büros. BIG dürfte das Architekturbüro aus Skandinavien sein, das in den vergangenen Jahren am meisten internationale Aufmerksamkeit bekommen hat und so auch hilft, Dänemarks Ruf als Architekturnation mit Vätern wie Arne Jacobsen oder Jørn Utzon wiederzubeleben. Die Regierungen der nordischen Länder Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden setzen einiges daran, auch Design für „Nation Branding" zu verwenden. „Finnland hat dabei am meisten Erfolg, Helsinki ist Welt Design Hauptstadt geworden, Norwegen hingegen hat am meisten Aufholbedarf", urteilt McCarthy.

In Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden war das Jahr 2005 „designår" (Designjahr) und kurz nach der Jahrtausendwende schickten die vier Länder gemeinsam mit Island die Ausstellung „Scandinavian Design Beyond The Myth" in Europa auf Tournee. Station in Deutschland war damals das Kunstgewerbemuseum in Berlin.

Dabei handelt es sich in gewisser Weise um die konsequente Fortsetzung einer Idee, die zum ersten Mal vor über einem halben Jahrhundert umgesetzt wurde. Mit ähnlicher staatlicher Unterstützung waren die nordischen Entwürfe in den fünfziger Jahren in den Vereinigten Staaten und Europa auf Ausstellungstournee geschickt und so bekannt geworden. Per H. Hansen, Professor an der Kopenhagener Wirtschaftsuniversität CBS stellt in seinem neuen Buch „Da danske møbler blev moderne" (Als die dänischen Möbel modern wurden) die These auf, dass es im Grunde genommen nur dieses Marketing war, das den Mythos des skandinavischen Designs erschuf. Zu Ende gedacht würde das heißen, dass nachdem vor einem halben Jahrhundert Marketingstrategien genutzt wurden, um skandinavisches Design populär zu machen, man heutzutage mit ähnlichen Strategien den damals kreierten guten Ruf des Designs nutzen will, um das eigene Land bekannt zu machen.

Eine ganz besonders wichtige Rolle spielen dabei die örtlichen Designzentren. Mittlerweile hat sogar das Krisen geplagte Island ein eigenes zu bieten. Das setzt zwar aus Kostengründen keine eigene Nation Branding-Strategie um, hilft indirekt aber dabei, das Design des Inselstaates bekannt zu machen. So wird in Reykjavik jährlich der Design März veranstaltet, der es bis zur Reiseempfehlung in der New York Times schaffte.

In Norwegen gibt es seit einigen Jahren das norwegische Zentrum für Design und Architektur, DogA, in dem Design und Architektur mit Ausstellungen und Konferenzen promotet wird. In Schweden fehlt ein solches Zentrum komplett, immerhin wird der nationale Swedish Design Award vergeben. Nur Dänemark gönnt sich ein großes Designzentrum.

Das Dansk Design Center, DDC, wirbt mit Ausstellungen und Veranstaltungen für dänische Entwürfe. Dabei steht weniger die Akademisierung im Vordergrund – auf lange Hinweistexte wird ebenso verzichtet wie auf dicke Kataloge – , sondern vielmehr der Präsentations- und Erlebnischarakter. Das DDC ist ein Showroom für dänisches Design. Viele kleine Showrooms sind mit dem ebenfalls dänischen Index Designpreis verbunden, dessen nominierte Beiträge werden nämlich in mannshohen Mini-Pavillions an verschiedenen Orten in Kopenhagen bis zur Preisverleihung präsentiert. Unter dem Motto „Design to Improve Life" belohnt die dänische Indexstiftung alle zwei Jahre jene Entwürfe, die Design einsetzen, um Lebensbedingungen zu verbessern. Dafür stehen 500.000 Euro Preisgeld zur Verfügung, damit ist Index nach eigenen Angaben der höchst dotierte Designpreis weltweit. Häufig geht es dabei ganz konkret um basale Erfindungen wie ein Röhrchen, das beim Einsaugen von Wasser dieses direkt filtert und so in Entwicklungsländern zur Gesundheit beiträgt oder eine Beinprothese, die nicht wie ein falscher Fuß aussieht und zeigt ein Hightech-Gerät zu sein. In der Branche gilt Index als „Oscar unter den Designpreisen". Damit dürfte Dänemark auch das zweite Ziel erreicht haben, nämlich nicht nur eine Lanze für gutes Design zu brechen, sondern auch einmal mehr das kleine nordeuropäische Land als eine der führenden Designnation zu positionieren.

www.designtoimprovelife.dk
www.big.dk
www.doga.no
www.swedishdesignaward.se
www.icelanddesign.is
wdchelsinki2012.fi

Abbruchreif „The Farewell Building, Detroit”, Fotoausstellung „The Abyss” von DogA, Foto © Jan Jörnmark
Verlassen: „Abandoned car factory, Detroit”, Ausstellung „The Abyss” von DogA, Foto © Annika Hausswolff/Norsk Form
Vergnügungspark „Russian village theme park" in Niigata, Japan, Ausstellung „The Abyss” von DogA, Foto © Jan Jörnmark
Heruntergekommen: „The ruins of Hotel Palace Haludovo on the island of Krk in Croatia”, Ausstellung „The Abyss” von DogA, Foto © Annika Hausswolff/Norsk Form
„Daylight entrance” von Daniel Rybakken, Vasakronan AB, Gewinner Swedish Design Award 2010, Foto © Vasakronan AB
Abdeckung „CableCup" von CableCup, Gewinner Swedish Design Award 2010, Foto © CableCup
Entwurf für das World Design Capital Helsinki 2012 Office von Martela, Foto © Juho Huttunen
Eine Brille für jedes Schulkind: „See better to learn better”, von Ives Béhar, Verbien, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award
Fahrradhelm von Anna Haupt & Terese Alstin, Hövding, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award
Sozialer Hausbau „Elemental Monterrey” von Elemental, Chile, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award
„Cristal Bar" in Hong Kong von Katrín Ólína, Ausstellung Icelandic Contemporary Design, Foto © Harlim Djauhar Winata
Projektentwurf von Basalt, Ausstellung Icelandic Contemporary Design, Foto © Sigurgeir Sigurjónsson
Landhaus von Studio Granda, Ausstellung Icelandic Contemporary Design, Foto © Sigurgeir Sigurjónsson
Tischinstallation von Studio Snaefrid, Ausstellung Icelandic Contemporary Design, Foto © Snaefrid
„w101” von Claesson Koivisto Rune, Wästberg, Gewinner Swedish Design Award 2010, Foto © Wästberg
Kataloggestaltung für die 53. Kunstbiennale in Venedig von Stockholm Design Lab, Foto © Stockholm Design Lab
„Botanic“ von Bolon, nominiert für den Swedish Design Award 2010, Foto © Bolon
Corporate Identity für World Design Capital Helsinki 2012, Foto © Maari Mustonen
Halskrause, von Anna Haupt & Terese Alstin, Hövding, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award
Design-Lösungen für Bürger „Design Seoul“, by Seoul Metropolitan Government, Republik Korea, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award
Für bessere Lebnsbedingungen in der Stadt „Design Seoul“, by Seoul Metropolitan Government, Republik Korea, Gewinner Index Award 2011, Foto © Index Award

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