top

Das passt!

Adaptive Mode ist zwar inzwischen auch bei einigen Big Playern der Modeindustrie angekommen, doch bisher bedienen vor allem Nischenhersteller das Segment. Dabei wächst der Markt und bietet neben wirtschaftlicher und kultureller Relevanz auch gestalterische Perspektiven.
von Claudia Simone Hoff |

Ein Besuch im Adidas-Store in der Tauentzienstraße in Berlin: Eine Schaufensterpuppe mit Beinprothese trägt einen Turnschuh mit drei Streifen. Was hier wie selbstverständlich erscheint, ist es in der Modeindustrie längst noch nicht. Menschen mit Einschränkungen – darunter Kleinwüchsige, RollstuhlfahrerInnen und ProthesenträgerInnen – werden weitgehend ignoriert und treten oft nur für Marketingzwecke in den Vordergrund. Das überrascht nicht wirklich, denn Zielgruppen außerhalb der Norm haben es schwer in der Fashion-Industrie. Aktuelle Zahlen zeigen jedoch, dass das Segment der adaptiven Mode wirtschaftlich vielversprechend ist, notwendige Investitionen wie Grundlagenforschung mit eingerechnet. 

Wachstumsmarkt

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit rund eine Milliarde Menschen körperlich eingeschränkt – das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung. Der Markt für adaptive Mode ist bedeutend und wächst stetig. So prognostiziert das amerikanische Marktforschungsinstitut Coherent Market Insights für 2026 den weltweiten Marktwert von adaptiver Mode auf 20,05 Milliarden US-Dollar, wobei bis 2033 eine Steigerung auf 35,27 Milliarden US-Dollar zu erwarten ist. Dabei hält Europa mit rund 45 Prozent die höchsten Marktanteile, gefolgt von Nordamerika mit den USA und Kanada. 

Mit Druckknöpfen lassen sich Hosenbeine einfach öffnen und verschließen.
Dank des seitlichen Reißverschlusses kann der Schuh bequem an- und ausgezogen werden.
Kein kompliziertes Schnürsenkel binden mehr: Laufschuh "Supernova 3 Adaptive" von Adidas
Auch Klettverschlüsse gehören zum klassischen Repertoire adaptiver Mode

Gestalterische Lösungen

Dass adaptive Mode ein Wachstumsmarkt ist, liegt auch darin begründet, dass die Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten immer älter wird, was oftmals mit körperlichen Einschränkungen verbunden ist. Deshalb kommen beispielsweise vermehrt Schuhe auf den Markt, die statt mit Schnürsenkeln mit seitlichen Reißverschlüssen zum vereinfachten An- und Ausziehen versehen sind. Oder Modelle wie "Supernova 3 Adaptive" von Adidas, die speziell für Menschen mit Einschränkungen entworfen wurden. Der Laufschuh verfügt neben einer Einstiegshilfe an der Ferse auch über ein druckarmes Schnürsystem und adaptive Schnürsenkel mit einem verstellbaren Knebel- und Magnetverschluss. Dass gerade die großen Sportartikelhersteller Inklusion in Designlösungen umsetzen, zeigt auch Nike. Der amerikanische Hersteller hat mit „Go Flyease“ einen sogenannten Hands-free-Schuh im Sortiment. Er ist so gestaltet, dass ein flexibles und zugleich stabiles Fersenelement den Schuh in der Einstiegsposition hält. So kann man problemlos in das „Diving Board“ hineinschlüpfen und der Fuß „rastet ein“.

Fashion & Funktionalität

Auch der deutsche Online-Versandhändler Zalando ist seit 2022 im Markt für adaptive Mode tätig, wobei das Sortiment Schuhe, Sportbekleidung, Unterwäsche und Bekleidung für Erwachsene und Kinder umfasst. "Wir stellen eine trendrelevante Auswahl durch regelmäßige neue Kollektionen und saisonale Updates sowohl von Zalando-Eigenmarken als auch von Partnermarken wie Tommy Hilfiger, Nike, Adidas, BOSS und Next sicher", sagt Jemma Garner, Head of Diversity & Inclusion bei Zalando. Das Unternehmen hat durch direktes Feedback aus der Community von Menschen mit Einschränkungen herausgefunden, dass auch bei dieser Zielgruppe der modische Aspekt das wichtigste Element beim Kaufentscheid ist. Darüber hinaus muss adaptive Mode immer auch funktionale Kriterien erfüllen. Versteckte Reißverschlüsse, Magnet- und Klettverschlüsse helfen beispielsweise, Hosen, Hemden und Blusen auch mit eingeschränkter Feinmotorik selbstbestimmt anzuziehen. Wer im Rollstuhl sitzt oder Prothesen benutzt, für den sind leicht zu öffnende Ärmel, weite Einstiege bei Schuhen oder verkürzte Oberteile von Vorteil.
"Für behinderte Menschen und ihre Bezugspersonen soll unsere Kollektion funktionelle, anpassungsfähige und modische Möglichkeiten bieten, die ihre Individualität unterstreichen", sagt Philipp Hammermeister, der als Senior Fashion Designer bei Zalando für die Eigenmarken verantwortlich ist. Er ergänzt, dass die Kollektionen kontinuierlich weiterentwickelt werden – auf Basis fundierter Recherchen und in enger Zusammenarbeit mit Ottobock, einem führenden deutschen Unternehmen aus dem Bereich der Orthopädietechnik.

Noch in der Nische

Big Player wie Nike, Adidas und Zalando können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass adaptive Mode nach wie vor ein Nischenthema ist und oft von einzelnen engagierten Personen oder kleinen Teams vorangetrieben wird. Izzy Camilleri beispielsweise ist eine Pionierin in der Welt der adaptiven Mode. Jahrelang hatte die kanadische Modedesignerin Kleidung für einen Kunden entworfen, der im Rollstuhl saß. Dabei stellte sie fest, dass es nur wenige Unternehmen gab, die auf diese Zielgruppe spezialisiert waren und entschied sich, die Marktlücke wenigstens teilweise zu schließen. 2009 gründete sie ihr eigenes Label für adaptive Mode. Zu den Bestsellern von IZ Adaptive gehören eine Trainingshose, die auf sitzende Menschen zugeschnitten ist und über einen nahezu unsichtbaren Reißverschluss an den Beinen verfügt ("Men’s Zip Fly Sweatpant"). Oder ein extralanger Parka für Rollstuhlfahrer ("Unisex Adaptive Seated Parka"), der auch die Beine warm hält und so konstruiert ist, dass er beim Sitzen keine unangenehmen Falten wirft. Ein Meilenstein in der Entwicklung adaptiver Mode ist die von Camilleri entworfene "Seamless Back Pant" – eine Hose ohne rückseitige Nähte, die das Risiko lebensbedrohlicher Druckgeschwüre verringern soll. Sie habe in der Ausbildung gelernt, dass die Schrittnaht ganz wesentlich für den guten Sitz einer Hose sei, sagt die Designerin. Will heißen: Die Ausbildung sollte auch den Bereich adaptive Mode umfassen. Denn erst wenn es ein Bewusstsein für fehlende gestalterische Lösungen gibt, können diese entwickelt werden.

Das Berliner Unternehmen "Auf Augenhöhe" fertigt Kleidungsstücke für kleinwüchsige Menschen in klarer Formensprache

Adaptive Mode als gestalterische Disziplin

In Berlin arbeitet die Designerin Sema Gedik im Bereich adaptive Mode und hat ihr Unternehmen "Auf Augenhöhe" genannt. Das ist durchaus doppeldeutig gemeint, denn Gedik hat sich auf das Entwerfen von modischer Kleidung für kleinwüchsige Personen spezialisiert. Die Idee dazu kam ihr, als sie in der Türkei mit ihrer kleinwüchsigen Cousine einkaufen ging und feststellte, wie wenig Auswahl es gab. Um besser auf die Zielgruppe eingehen zu können, haben Gedik und ihr Team die weltweit ersten Kleidergrößen speziell für kleinwüchsige Frauen und Männer entwickelt. So wurden über Jahre hinweg Menschen mit Kleinwuchs vermessen und ihre Proportionen erforscht. Das Ergebnis: passgenaue Schnitte und Stile, die beispielsweise Kimonos und Blusen umfassen. 

Adaptive Mode ist für Gedik jedoch nicht einfach nur eine technische Lösung, sondern eine gestalterische Disziplin. "Wir verstehen unser Label als Impuls für Designentscheidungen", sagt sie. "So entstehen Kleidungsstücke, die unterschiedliche Körperrealitäten mitdenken und gleichzeitig eine klare Formensprache entwickeln." Inklusion ist dabei der Ausgangspunkt für die Gestaltung, die bei Auf Augenhöhe immer auch gesellschaftliche Themen mitdenkt. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie Kleidung Selbstbestimmung und Sichtbarkeit fördern kann.

Nike Go FlyEase | Behind the Design | Nike