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"Italian Architecture": Jacquard

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Gestrickte Stadt

Die Textildesignerin Izabelle Francis hat im letzten Jahr Ihr Studium an der Buckinghamshire New University in England mit First Class BA (Hons) abgeschlossen – erste Arbeiten waren im Rahmen der "New Talent Area" auf der Heimtextil 2026 in Frankfurt/ Main zu sehen. Warum Sie von architektonischen Strukturen inspiriert ist und was Ihre Ziele sind, sagt Sie uns im Interview.

Anna Moldenhauer: Was hat Sie zum Textildesign geführt?

Izabelle Francis: Ich begann im College mit dem Häkeln, um meinen Modedesigns mehr Struktur zu verleihen – ursprünglich wollte ich Mode studieren. Dabei habe ich meine Begeisterung für die Technik entdeckt wie für die Stoffe, die dadurch entstehen. Bei einer Universitätsführung kurz vor meiner Bewerbung war ich von den Werkstätten und der Ausstattung so beeindruckt, dass ich voller Ideen nach Hause ging. Von da an faszinierte mich die Vorstellung, Stoffe selbst herzustellen, um sie später in meine Modeentwürfe einfließen zu lassen.

Teil Ihres Studiums an der Buckinghamshire New University war ein eigener Atelierraum sowie Zugang zu Werkstätten im Industriestandard. Welche Technik hat Sie besonders geprägt?

Izabelle Francis: Mein Atelier war ein ganz besonderer Ort für mich – dort konnte ich alle kreativen Richtungen frei ausprobieren. Am meisten begeistert haben mich die Workshops an den Strickmaschinen, sowohl den Haushaltsmaschinen als auch den Dubied-Modellen. Kurz vor meinem letzten Studienjahr kaufte ich mir sogar eine eigene Maschine. Techniken wie Doppelbett-Rippen, Racking oder Spitze begleiten mich bis heute. Oft schaue ich in meine technischen Unterlagen, um neue Impulse für kommende Projekte zu finden.

Eine Ihrer Inspirationsquellen ist die italienische Architektur. Was haben Sie in eine textile Version übertragen?

Izabelle Francis: Die Steinmetzarbeiten, Farben und Muster in Mailand, Venedig und am Comer See haben mich tief beeindruckt. Da das Projekt unter dem Motto Minimalismus stand, arbeitete ich mit einer monochromen Farbpalette. So rückten Muster und Texturen in den Mittelpunkt. Zum ersten Mal konnte ich dabei auch die Stoll-Strickmaschine nutzen. Nach vielen Handzeichnungen entwickelte ich wiederkehrende Muster aus Würfeln und Laternenpfählen und überführte sie in Strickdesigns. Da mir eine texturreiche Kollektion wichtig war, habe ich zusätzlich gehäkelt und verschiedene Garnstärken kombiniert. Einige Stücke verzierte ich mit goldenen Ringen und Perlen, um Lichtreflexe zu erzeugen.

Was war Ihnen bei der Auswahl und Reduzierung der architektonischen Muster besonders wichtig?

Izabelle Francis: Ich habe meine Fotos stark vergrößert und nach vereinfachten Ausschnitten gesucht, die sich gut in minimalistische Wiederholungsmuster übersetzen lassen. Mein Augenmerk lag auf ungewöhnlichen Formen, die ich so in Strick noch nicht gesehen hatte. Danach zeichnete ich alles im Skizzenbuch nach und wählte die Motive aus, die harmonisch wirkten und gut miteinander korrespondierten.

"Italian Architecture": Pizza Duomo Bergamo
"Italian Architecture": Jacquard Stola mit Gold- und Perlenverzierung
Sampling, Flachstrickmaschine
Paris, Rue du Docteur Roux

Welche verborgenen Schönheiten von Paris haben Sie für das Projekt "Unseen Details" entdeckt – und wie flossen sie in Ihre Arbeit ein?

Izabelle Francis: Ich bin durch Paris spaziert und habe die Details der Stadt erkundet – von Metallarbeiten an Straßenschildern bis zu filigranen Steinmetzarbeiten an Türen. Viele Menschen laufen daran vorbei, ohne diese kleinen Kunstwerke wahrzunehmen. Genau diese Details wollte ich ins Zentrum des Projekts rücken. Ich habe sie stundenlang gezeichnet, anschließend digitalisiert und in Illustrator weiterentwickelt, um Collagen und Muster daraus zu erstellen. Außerdem experimentierte ich mit Blickwinkeln: Ein Spitzenstrickstück etwa zeigt ein sich wiederholendes Türmotiv. Auch die geflochtenen Stühle in Pariser Cafés faszinierten mich. Ich recherchierte ihre Hersteller und Muster, zeichnete eigene Varianten und setzte sie mithilfe verschiedener Strick- und Häkeltechniken wie Top-Stitching oder Entrelac um.

Auch für "details invisibles" dienten die Flechtmuster der Bistrostühle als Inspiration. Wie haben Sie diese weiterentwickelt?

Izabelle Francis: Da ich als Strickerin wenig Erfahrung im Flechten hatte, suchte ich einen Weg, diese Handwerkskunst in Strick zu übersetzen. Während eines Projekts namens "Upscale" strickte ich für ein gewebtes Muster einzelne Streifen von etwa 20 Zentimeter × 2 Meter – zeitintensiv, aber sehr wirkungsvoll. Das Ergebnis gefiel mir so gut, dass ich die Streifen verkleinerte und auf einem kleinen Webrahmen weiterentwickelte. An der Universität produzierte ich schließlich meterweise gestrickte Schläuche, die ich zu gewebten Stücken kombinierte. Später wollte ich die Strukturen stärker in Strick übertragen und begann, sie in Illustrator und Excel nachzubilden – Excel erwies sich dabei als ideal für den "gewebten" Look. Diese Zeichnungen übertrug ich auf die Stoll-Maschine und entwickelte daraus Strickmuster. Ergänzend lernte ich eine Häkeltechnik namens "Box Weave", um Details zu akzentuieren.

Sie kombinieren digitale Technologien mit der Arbeit an der Strickmaschine. Wie entsteht ein Design?

Izabelle Francis: Am Anfang stehen immer Handzeichnungen, Malereien oder Collagen, basierend auf meinen Fotografien. Diese digitalisiere ich anschließend in Illustrator, wo ich Farbvarianten und Größen erprobe. Danach suche ich passende Garne – entweder in meinem eigenen Vorrat oder dem der Universität. Auf der Stoll-Maschine muss man sehr vorsichtig mit dem Material umgehen, da es schnell reißen kann. Gemeinsam mit unserem Techniker verbrachte ich unzählige Stunden mit dem Testen von Mustern, Farbvarianten und Maschenarten. Die ersten Muster waren meist 20 × 20 Zentimeter groß; so konnte ich viel experimentieren, ohne zu viel Garn zu verbrauchen. Die gelungensten Muster scannte ich ein, skalierte sie, druckte sie aus und arrangierte sie an der Atelierwand, um den passenden Maßstab für die Endstücke zu finden. Aus einigen Motiven entwickelte ich zudem Lochkarten und Spitzenmuster für meine eigene Strickmaschine.

Wie wählen Sie die Techniken für Ihre Entwürfe aus?

Izabelle Francis: Während des Studiums konnte ich viele Techniken ausprobieren – von Stickerei bis Siebdruck. Ich habe immer versucht, alles wieder mit dem Stricken zu verbinden. Am Ende habe ich mich vor allem auf das konzentriert, was sich richtig anfühlt und was ich liebe: Stricken und Häkeln. Mein letztes Studienjahr nutzte ich daher, um meine Fähigkeiten darin zu verfeinern und Methoden zu finden, die sich in einer stimmigen Kollektion vereinen.

Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit in Ihrer Arbeit?

Izabelle Francis: Auch wenn ich Nachhaltigkeit nicht aktiv in den Vordergrund stelle, ist sie fest in meinem Prozess verankert. Für Prototypen nutzte ich ausschließlich Garne aus den Beständen der Universität oder aus meinem eigenen Vorrat – ganz bewusst kaufte ich nichts Neues. Für meine Abschlusskollektion entschied ich mich ausschließlich für natürliche Materialien, sowohl aus Nachhaltigkeitsgründen als auch wegen der angenehmen Tragbarkeit: 100 Prozent Baumwolle und 100 Prozent Merino, keine synthetischen Fasern.

Was möchten Sie mit Ihrer kreativen Arbeit bewirken?

Izabelle Francis: Ich möchte Menschen dazu anregen, die Schönheit ihrer Umgebung bewusster wahrzunehmen – öfter einmal aufzublicken, statt den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren.

Izabelle Francis

Sie haben Ihre Arbeiten in diesem Jahr in der "New Talents Area" der Heimtextil ausgestellt. Haben Sie dort Inspirationen gefunden, die Sie weiterverfolgen möchten?

Izabelle Francis: Die Heimtextil war unglaublich inspirierend – so viele beeindruckende DesignerInnen und Marken! Parallel hat mich die Architektur in Frankfurt am Main besonders begeistert. Wie immer habe ich viele Fotos gemacht und freue mich darauf, sie in neue Strickprojekte einfließen zu lassen.

In welchem Bereich der Branche möchten Sie später arbeiten?

Izabelle Francis: Ich möchte zwei Richtungen erkunden: Zum einen Strickmode – langfristig sehe ich mich als Strickdesignerin für Mode oder Interior. Zum anderen habe ich während meines Projekts "details invisibles" eine große Leidenschaft für Druckdesign entdeckt, die ich unbedingt weiterverfolgen möchte.

"Details Invisibles": Sublimationsdruck
"Details Invisibles": Jacquard Strick
Strickmaschinen-Spitze, doppelseitig gestrickt
"Details Invisibles": Jacquard Strick