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Gruppenbild mit Mentor: Die Teilnehmer des ersten „Young Designer Trendtable“ und Stefan Diez.
© Verena Kathrein
Gruppenbild mit Mentor: Die Teilnehmer des ersten „Young Designer Trendtable“ und Stefan Diez.

Futuristische Trendschau

Mit dem neuen Konzept „Young Designer Trendtable“ gibt die DOMOTEX fünf experimentierfreudigen Designstudios aus fünf Ländern die Möglichkeit, ihre persönlichen Visionen für den Bodenbelag der Zukunft zu entwickeln.
von Heike Edelmann | 14.11.2016

Welchen Boden braucht die Welt von morgen? Dieser Fragestellung gehen fünf kreative Büros aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, der Türkei sowie Großbritannien auf Einladung der DOMOTEX nach. Mit dem neuen Konzept „Young Designer Trendtable“ hat die weltweit größte Messe für Teppiche und Bodenbeläge das Format Innovations@DOMOTEX um einen wegweisenden Part bereichert. Die Jungdesigner Hanne Willmann, Victoria Wilmotte, Klaas Kuiken, Bilge Nur Saltik sowie das Duo Jane Briggs und Christy Cole wurden eingeladen, ihre persönlichen Trends für den Bodenbelag der Zukunft zu entwickeln. Ihr Fokus liegt auf Themen wie Design, Materialität, Textur, Technik oder Digitalität. Als Mentor begleitet sie der international renommierte Industriedesigner Stefan Diez mit großem Engagement. Bei einem Workshop in seinem Münchner Design Office machten sich die Designtalente zunächst mit den Ausstellungsschwerpunkten der DOMOTEX vertraut. Anschließend sollten sie sich auf eine Art Spurensuche begeben. Es gehe dabei nicht um künftige Kassenschlager, betont Diez. Die Recherche der jungen Profis soll vielmehr in Ideen und Entwürfen münden, die den Rahmen des Vertrauten sprengen, über heute schon Machbares hinausgehen und Denkanstöße geben.

Noch haben sie einige Wochen Zeit zu experimentieren, zu recherchieren, zu zeichnen und zu gestalten. Konzeptskizzen bieten einen ersten Einblick in die laufenden Arbeitsprozesse und zeigen wie die Projekte Formen annehmen.

Hanne Willmann
© Verena Kathrein
Hanne Willmann

Handwerk und neue Authentizität

„Spannende Herstellungstechniken und neue Materialkombinationen inspirieren mich. In meinem Studio sammle ich deshalb kistenweise Materialproben und Moodboards“, sagt die deutsche Teilnehmerin Hanne Willmann. Sie studierte Industrial Design an der Universität der Künste Berlin und an der ELISAVA Escola Superior de Disseny in Barcelona. Nach dem Abschluss im Jahr 2014 gründete sie ihr eigenes Büro und arbeitete mit bekannten Designern wie Werner Aisslinger oder dem Studio Autoban Istanbul zusammen. Hanne Willmann ist Lehrbeauftragte an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Dessau. Vom Magazin Architektur & Wohnen wurde sie mit dem „A&W Designtalente Award 2015“ ausgezeichnet. Willmanns Schwerpunkt liegt in den Bereichen Möbel, Leuchten und Geschirr. Experimentierfreude und ein ausgeprägtes Materialverständnis bilden die Basis ihrer Arbeit. Charakteristisch für ihr Design ist die Liebe zum Detail und ästhetische Präzision. In ihrem Projekt möchte sie die Wertschätzung der handwerklichen Bearbeitung von Bodenflächen in den Fokus rücken und beim Experimentieren mit Materialien wie Linoleum oder Holz zu einer neuen Authentizität finden. 

Victoria Wilmotte
© Verena Kathrein
Victoria Wilmotte

Stein und Marmor neu interpretiert

Die Pariserin Victoria Wilmotte studierte in ihrer Heimatstadt Innenarchitektur, im Anschluss daran absolvierte sie ein Masterprogramm für Produktdesign am Royal College of Art in London. Nach ihrer Rückkehr eröffnete sie 2008 ihr eigenes Designstudio. Dort entstanden Entwürfe für die Tools Gallery in Paris oder Arbeiten für eine erste Einzelausstellung in Brüssel. Wilmotte gestaltete unter anderem Kollektionen für den Online-Shop Made in Design, für Philips de Pury, Poliform, Classicon und individuelle Entwürfe für private Kunden. Ihr Entwurfsprozess ist mit dem einer Bildhauerin vergleichbar: Sie gewichtet Volumen und Leere, um einen perfekten Winkel oder eine ideale Rundung zu finden. Oberflächen poliert sie so lange, bis die gewünschte Struktur, Haptik oder Lichtbrechung exakt stimmt. „Ich liebe Prozesse und die Herstellung“, erklärt Victoria Wilmotte. „Ich liebe Werkstätten, Organisation und Atmosphäre. Und ich liebe es, mit den Limits von Techniken zu spielen". Die Materialien Stein und Marmor wird sie im Rahmen des Young Designer Trendtable auf ungewöhnliche Weise für ihre Bodengestaltung einsetzen. 

Klaas Kuiken
© Verena Kathrein
Klaas Kuiken

Der Nutzer macht den Boden

Das Frame Magazin ernannte den Niederländer Klaas Kuiken zu einem der besten Studenten des Abschlussjahrgangs 2010. Er ist Absolvent der ArtEZ Hochschule der Künste in Arnhem, seine Arbeiten wurden schon in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, unter anderem auf der Beijing Design Week, der London Fashion Week, dem Salone del Mobile in Mailand und der Maison & Objet in Paris. „Jeder meiner Entwürfe beginnt mit der Faszination für eine bestimmte Technik oder ein Material und dem Drang, diese komplett zu verstehen, sie mir anzueignen,“ erklärt er seine Arbeitsweise. Kuikens Design entsteht aus der Faszination kreativer Prozesse heraus. Obwohl er Produktdesigner ist, arbeitet er wie ein geschickter Handwerker und neugieriger Erfinder. Mit Leidenschaft ergründet er, wie man die Welten des Handwerks und der Massenproduktion in Einklang bringt. Sein Design ist ein Mix aus Standard und Einzigartigkeit. Sein Blick auf Materialien, Techniken und Produktionsprozesse wirkt erfrischend, überraschend und charmant zugleich. Bei seinem Projekt geht es Kuiken darum zu zeigen, dass ein Boden sich im wesentlichen aus Raum und Interaktion heraus definiert: Jeder Raum erzählt eine Geschichte durch die Art seiner Nutzung.

Bilge Nur Saltik
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Bilge Nur Saltik

Kontraste und temporäre Nutzung

Bilge Nur Saltik lebt und arbeitet in der Türkei und in England. „Mich inspirieren Städte und bestimmte kulturelle Lebensmuster, also Gewohnheiten und Verhaltensweisen von Menschen,“ sagt die Produktdesignerin, die am Londoner Royal Collage of Art bei Tord Boontje studierte. Nach dem Master gründete sie 2013 ihr eigenes Studio. Ihre Auffassung von Design lässt unterschiedliche kulturelle Einflüsse verschmelzen. Bei der Kooperation mit traditionellen Handwerkern bringt Bilge Nur Saltik ungewöhnliche Materialien ins Spiel, so entstehen Produkte, die Neues und Altes verbinden. Sie interessiert sich für die Geschichten hinter den Objekten, für Reaktionen, die ihre Gestaltung auslöst. Mit ihrer „Share.Food“ Keramik-Kollektion gewann sie unter anderem den „New Design Britain Accessories Award“ 2014. Sie ist Mitgründerin der Gruppe Form&Seek, die sich mit der funktionalen wie poetischen Seite von Design auseinandersetzt und stellt ihre Entwürfe international aus – solo oder im Kollektiv. Für den Trendtable möchte sie temporär nutzbare Bodenlösungen entwickeln, die leicht zu installieren sind. Harte und weiche Oberflächen verbindet sie mit Hilfe industrieller und handwerklicher Techniken. 

Jane Briggs
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Jane Briggs
Christy Cole
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Christy Cole

Bildhafte Collagen und ortspezifische Räume

Briggs & Cole ist ein Kreativstudio aus Glasgow. Die Partner Jane Briggs und Christy Cole gründeten ihr Studio 2012. Beide studierten an der Glasgow School of Art. Briggs schloss ihr Product Design Studium mit dem Bachelor ab, Cole graduierte mit einem Master in visueller und multidisziplinärer Kunst.

„Uns inspiriert vor allem die Herausforderung, mit neuem Material zu experimentieren – immer in Hinblick auf die spezifische Umgebung,“ betont er.

Das Duo ist spezialisiert auf Interior Design sowie die Gestaltung von Möbeln, Beleuchtung, Objects d’art, Stoffen und Tapetenmustern – meist in handwerklichen Techniken an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design. Ihre Arbeiten erzählen persönliche oder kollektive Geschichten. Auf experimentelle Weise setzen sie sich mit Rohheit und Unregelmäßigkeiten von Materialien auseinander und nutzen zwei- und dreidimensionale Collagen als Stilmittel. Briggs & Cole stellen unter anderem auf internationalen Messen wie der Milan Furniture Fair oder Design Miami aus. Als Inspiration für ihr Projekt dient Kurt Schwitters Merzbau, den der Künstler in seinem Wohn- und Atelierhaus in Hannover installiert hatte. Auf der DOMOTEX wollen sie eine bildhafte Collage auf den Boden aufbringen, die nachvollziehbar macht, wie sich Bereiche des Wohnens und der Kunst in einem Haus entfalten können. Noch arbeiten die aufstrebenden Gestalter aus Schottland voller Elan daran. Das endgültige Ergebnis ihres Projekts zur Zukunft des Bodens werden die beiden gemeinsam mit den Teilnehmern aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und der Türkei anlässlich der Innovations@DOMOTEX in Halle 9 zeigen und bei einer Round-Table-Diskussion vorstellen.