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Das Festivalteam rund um Leiterin Lilli Hollein feiert in diesem Jahr Zehnjähriges.

Vienna Design Week 2016
Zehn wie Zucker

von Jasmin Jouhar | 15.09.2016

Im Jubiläumsjahr setzt die Vienna Design Week alles auf Zucker: Mit einer bonbonbunten Zehn im Logo verbreitet das Wiener Designfestival zum runden Geburtstag Partystimmung. Dabei ist die Designwoche alles andere als zuckersüß. Während manche Festivals vor allem Trends abfeiern und Promis herumreichen (Zuckerbrot!), scheuen sich die Wiener um Direktorin Lilli Hollein nicht, auch die unhandlicheren Designthemen anzugehen (Peitsche!). Und dranzubleiben: Nach nunmehr zehn Jahren zeigt sich, dass ein kurzes Event Kontinuität produzieren kann. So präsentiert sich das Programm der diesjährigen Ausgabe denn auch als buntgestreifte Mischung aus Innovation und Tradition, aus Vertrautem und Neuerfundenem.

Es ist zum Glück also keineswegs so, dass der selbstgestellte Anspruch der Vienna Design Week in einem farblosen Auftritt münden würde. In Wien weiß man zu gefallen, und da ist die Zuckerstangen-Zehn nur das Amuse-Gueule. Das Festival präsentiert sich wieder aufgeräumt als Puzzle aus wohldefinierten Formaten wie „Fokusbezirk“, „Gastland“, „Passionswege“, „Stadtarbeit“ und „Debüt“, die sich zum Teil schon zu eigenen Marken entwickelt haben. Neu dazu kommen in diesem Jahr „Magazin“ und „Industrial Design“. Alle diese Formate zeigen die Stärke der Festivalmacher(innen): Sie sind kongeniale Netzwerkerinnen, die die internationale Szene, lokale Initiativen, Wirtschaft und Politik miteinander in Kontakt bringen – mutmaßlich mit Gewinn für alle Beteiligten.

Eines der „Passionswege“-Projekte bringt das Wiener Unternehmen Neon Kunze mit dem Designstudio rENs aus Eindhoven zusammen.

Beispiel „Passionswege“: Gestalter tun sich mit Wiener Manufakturen und Handwerksbetrieben zusammen, um gemeinsam ein Projekt für das Festival zu entwickeln. Befreit von kommerziellen Zwängen – das Honorar zahlt die Designwoche – entstehen so Konzepte, Installationen oder Prototypen, die beiden Seiten bestenfalls neue Perspektiven auf ihre Arbeit eröffnen. In diesem Jahr sind mit Studio Es erstmals auch Grafikdesigner dabei, die mit dem Kupferdrucker Wolfgang Schön eine Poster-Serie produzieren. Das Designstudio rENs aus Eindhoven wiederum lotet gemeinsam mit der Firma Neon Kunze Produktion und Farbpalette von Leuchtstoffröhren aus. Die Paarung Glasmanufaktur Lobmeyr und Martino Gamper wiederholt eine Konstellation aus dem allerersten Jahr: Dieses Mal experimentiert Gamper mit dekorativen Techniken zur Glasverzierung.

Der Erfolg des Formats „Passionswege“ beruht zu einem guten Teil auf der reichen kunsthandwerklichen Tradition Wiens. Hier werden noch Techniken gepflegt und Materialien verarbeitet, die anderswo längst vergessen sind. In diesem Sinne ist auch die Wahl des diesjährigen Gastlandes Tschechien ebenso klug wie naheliegend. Naheliegend, weil es von Wien bis zur Grenze keine hundert Kilometer sind. Aber auch klug, denn Tschechien und Österreich teilen ein großes Erbe: Einige der führenden Köpfe der Wiener Moderne um 1900 kommen aus dem Gebiet des heutigen Tschechien, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil der K.u.K.-Monarchie Österreich-Ungarn war. Josef Hoffmann, Adolf Loos, Joseph Maria Olbrich sind allesamt in Mähren geboren und als österreichische Architekten und Gestalter berühmt geworden. „Mit der Republik Tschechien präsentieren wir ein Land mit einer unglaublich lebendigen und qualitätsvollen zeitgenössischen Designszene“, sagt Direktorin Hollein, „die ähnlich wie die österreichische auf einer langen Tradition im Handwerk und der manufakturiellen Herstellung aufbaut. Wir spannen den Bogen von jungen Designstudios über die Universitäten und großen Gebäuden bis hin zum ikonischen Gebäude der Villa Tugendhat.“ Etwa mit der vom Designkollektiv Okolo kuratierten Ausstellung „Generations“ oder Exkursionen zu Mies van der Rohes legendärer Villa in Brno.

Ebenfalls Teil der diesjährigen „Passionswege“: Die Grafikdesigner von Studio Es produzieren mit Wolfgang Schön von der Kunstanstalt für Kupferdruck eine Posterserie.

Direkt vor der eigenen Haustür leistet die Designwoche „Stadtarbeit“: Mit den Mitteln des Social Design setzen Kreative verschiedener Disziplinen Projekte in der Stadt um. Ein überdimensionaler Webstuhl auf dem Siebenbrunnenplatz beispielsweise holt die textile Fertigung zurück in den diesjährigen „Fokusbezirk“ Margareten; Passanten dürfen mitweben.Auch die „Feuerküche“ verfolgt einen partizipativen Ansatz: Dort wird nicht nur gemeinsam gekocht, auch Geschirr, Töpfe und Tischöfen sollen gebrannt werden. Ihr im vergangenen Jahr ausgezeichnetes Stadtarbeit-Projekt „Infrequently Asked Questions“ kann Designerin Ebru Krubak nun mit einer Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum weiterführen. Besonders Formate wie „Stadtarbeit“ oder der jährlich wechselnde „Fokusbezirk“ zeigen, wie die Festivalmacherinnen Fachpublikum und breite Öffentlichkeit zugleich ansprechen wollen.

Zum runden Geburtstag möchte die Vienna Design Week aber auch neue Akzente setzen: Für das Grafikformat „Magazin“ werden zehn österreichische und internationale Designbüros eingeladen, jeweils einen Festivaltag in eine Magazinseite zu verwandeln. Am Ende soll dann eine Festivalgesamtausgabe stehen, so bunt und multiperspektivisch wie die beteiligten Studios.

Weniger bunt ist das Thema „Industrial Design“, das im Feuerwerk der herbstlichen Festivals kaum jemals aufleuchtet – dabei sind Industrieprodukte in unserem Alltag omnipräsent und die Branche beschäftigt viele Absolventen der Designhochschulen. Die Wiener versuchen nun dem Publikum das Thema mit einer Reihe von Präsentationen zu versüßen. Je ein Industriebetrieb und ein Designbüro zeigen an einem gemeinsamen Projekt, welche arbeitsteiligen und interdisziplinären Prozesse dahinterstehen, welche fachlichen und technologischen Kompetenzen gefragt sind.

Und weil ein Jubiläum immer ein guter Anlass zum Innehalten ist, schauen die Macherinnen dieses Jahr auch in den Rückspiegel: mit einer Studie, die die Arbeit des Festivals evaluiert, und einem Buch mit ausgewählten Designweek-Projekten. „Stadtarbeit. Ten Years of Design Featuring the City“ soll nicht nur die vergangenen Ausgaben Revue passieren lassen, das Buch soll die Projekte des Festivals auch in den weiteren Kontext aktueller Designströmungen stellen. An den beteiligten Autoren, unter anderem die renommierte Designkritikerin Alice Rawsthorn, Noch-Museumsdirektor und Demnächst-Theaterintendant Chris Dercon oder Designmuseum-Direkor Deyan Sudjic, lässt sich ablesen, wie vernetzt Lilli Hollein und ihr Team tatsächlich sind. Die Vorfreude schmeckt also süß, und wir dürfen uns freuen, wenn die Vienna Design Week der Gestaltung Zucker gibt.

Bereits am 22. September 2016 wird die Jubiläumsausstellung „10 Years of Vienna Design Week Featuring the City“ im Austrian Cultural Forum New York eröffnet.

Vienna Design Week 2016

Freitag, 30. September bis Sonntag, 9. Oktober 2016

Wiederholungstäter: Die traditionsreiche Glasmanufaktur J. & L. Lobmeyr und der Südtiroler Martino Gamper hatten bereits für die allererste Ausgabe der „Passionswege“ zusammengearbeitet. In diesem Jahr experimentiert Gamper mit dekorativen Techniken zur Glasverzierung.
Die Kampagne der Vienna Design Week 2016 stammt von Markus Guschelbauer/ Bueronardin