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Wege aus der „freiwilligen Selbstverengung“
von Thomas Edelmann | 26.02.2012

„Warum gestalten?" lautet die Leitfrage des Design-Symposiums der Hochschule für bildende Künste in Hamburg (HfbK). Das Publikum bildeten Studenten sowie designinteressierte Gäste. Selten zuvor sei eine Vortragsveranstaltung, so gut besucht gewesen, erzählten Hochschulangehörige. Nachdem die HfbK kürzlich das Designstudium den Kunststudiengängen unterordnete und drei neue Designprofessoren berief, inszenierte der Studienschwerpunkt Design Anfang Februar nun einen 360-Grad-Rundumblick zu ausgewählten Aspekten der Gestalterei. Erfreulicherweise war dies keine Produkt- oder Werkschau, eher ein Tableau unterschiedlicher Arbeitsweisen und Zugänge. Referenten von außen wurden jeweils von Professoren der Hochschule vorgestellt oder moderiert, um so auch die unterschiedlichen an der Hochschule vertretenen Positionen zu reflektieren, wie es in der Einladung hieß.

Occupy gegen Designer?

Nach einführenden Worten von Friedrich von Borries, seit 2009 Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der HfbK, „Warum ist die Banane krumm? Oder ‚Was ist Design?'" (Stylepark berichtete darüber am 15. Februar 2012) machte der Designfunktionär Andrej Kupetz den Anfang. Er ist Jahrgang 1968, Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung und gab einen Überblick zu gegenwärtigen und künftigen Entwurfsstrategien, der etwas widersprüchlich erschien, thematisch nicht sehr stringent war, aber viel mit der gegenwärtigen Praxis im Industrial Design in Deutschland zu tun hat, und den Hochschulpräsidenten Martin Köttering zur Intervention reizte („Wenn ich das sehe, was Sie gerade gezeigt haben, fühle ich mich fast aufgerufen, eine neue Occupy-Bewegung zu gründen, die sagt: stoppt die Designer, die Welt verbessern zu wollen.") Kupetz begann mit Bemerkungen zur Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen, der „urbanen Herausforderung", dem neuen Kontinent Facebook mit seinen derzeit rund 845 Millionen aktiven Nutzern, wandte sich dann Strömungen des Produktdesigns der westlichen Welt zu. Design sei überwiegend marketinggetrieben sagte er. Was Köttering und andere im Publikum zunächst verstörte, war die finale Wendung zum Thema Oberfläche, die künftig mehr noch als bisher „Bedeutungsträger" und Gestaltungsaufgabe werde, weil sie den Zugang zu den Dingen variantenreicher denn je ermögliche.

Veränderung mit dem Bunsenbrenner

Noch immer sei das klassische Produktdesign der Industrialisierung verhaftet, sagte von Borries. Man komme nicht darüber hinaus, „sich dem Werk der Väter mit dem Bunsenbrenner zu nähern, um es formal ein bisschen zu überarbeiten" resümierte er mit Blick auf die „All burn down"-Kollektion von Marten Baas, die Kupetz in seinem Vortrag gezeigt hatte. Auch deshalb wolle man in Hamburg „Traditionen des klassischen Produktdesign ein Stück weit aufbrechen", um „Zugriff auf andere Denkweisen und Praktiken" zu ermöglichen. Es gehe darum, die „freiwillige Selbstverengung des Tätigkeitsfelds" aufzubrechen, was geradezu als Motto über der Veranstaltung stand.

Mit Gestaltung anstecken

Größer hätte der Kontrast zu Kupetz nicht sein können: Mit Axel Kufus, der an der Universität der Künste in Berlin Entwerfen und Entwickeln im Design lehrt, und Andreas Brandolini, der eine Designprofessur in Saarbrücken innehat, trugen später zwei Protagonisten des Neuen Deutschen Design vor, die in den neunziger Jahren eine gemeinsame Werkstatt in Berlin-Charlottenburg unterhielten. Ihre gegenwärtige Praxis unterscheidet sich stark. Kufus erzählte von seinen Anfängen, den strengen Regeln seiner Schreinerausbildung, die er mit ersten Designprojekten überwand und zugleich weiter entwickelte. „Ich habe immer nach einer eleganten Lösung gesucht", sagte er. Wobei er Neues zunächst aus Halbzeugen und Produktionsresten entwickelte. Nun aber arbeitet Kufus, dessen Regal „FNP" zu den bedeutendsten, noch heute lieferbaren Entwürfen des Neuen Deutschen Design zählt, als Hochschullehrer. Seine Perspektive hat sich gewandelt. Nicht mehr die Entwicklung eines einzelnen Produktes steht für ihn im Mittelpunkt, sondern die Ideenfindung im Team. Seine Begeisterung für die Werkstatt als Handlungsort wird ergänzt um das, was Kufus kurz als „den Kopf" bezeichnet, also Nachdenken und Forschen. Seine Gleichung lautet dann: „Werkstatt+Kopf=Labor". Das Labor ist somit ein Forschungsort, an dem sich angehende Designer, aber auch Wissenschaftler aus der benachbarten Technischen Universität – inzwischen begreift man sich als gemeinsamer Campus – zusammenfinden. Das „iterative gestalterische Experiment", sagt Kufus, gelte es in die Ingenieurswelt zu tragen. So luden die Designer Schwarmforscher unterschiedlichster Provenienz ein, die hier erstmals zusammen trafen.

Ein Schlüsselbegriff für die Kooperation mit Ingenieuren, Wissenschaftlern und anderen, im Designprozess nicht immer Versierten, lautet „multiperspektivisch". „Man muss die Ausbildung mit der Welt verknüpfen", sagt Kufus: An konkreten Beispielen, wie der Zusammenarbeit mit spezialisierten Berliner Klein- und Mittelunternehmen („Design Reaktor Berlin") bot sich die Chance für UdK-Studenten ihre Labors zu nutzen, um patentreife Produkte zu entwickeln. Mit Materialien wie Alcantara experimentieren sie ebenso wie mit Kupfersulfat-Kristallen, die zerbrochenes Porzellan „heilen" und neue Objekte wachsen lassen.

Bei Kufus sind Designprojekte stets Forschung und Anwendung zugleich, sie dienen der Vernetzung in einem Bildungs- und Forschungsprozess, bei dem sich die Beteiligten gegenseitig mit Ideen „infizieren". Ansteckend wirkte diese Vorgehensweise, die mit vielen Bildern und Projekten belegt wurde, auch aufs Publikum.

Die perfekte Welt der Ironie

Ein erneuter Bruch: Designer Jaime Hayon (Jahrgang 1974) und die Fotografin Nienke Klunder (Jahrgang 1975) stellten gemeinsame Projekte und Einzelarbeiten vor. Hayon wurde bekannt, weil er sich als junger Designer in traditionellen Formwelten von Barock und Rokoko bedient, um sie mit Farben und Formen der Jetztzeit zu verschmelzen. Moderatorin Julia Lohmann, „Professorin für Einführung in das künstlerische Arbeiten (Design)" stellte ihn als „Renaissance-Menschen" vor. Blickt man auf den Output seines Studios, mag diese Bezeichnung treffen. Nach einem strengen, aber konventionellen Designstudium in Madrid und Paris arbeitete er zunächst in der von Benetton gegründeten Fabrica, wo ihn Oliveiro Toscani entdeckte und 2000 zum Designchef machte. Drei Jahre später stellte er unter dem Titel „Mediterranean Digital Baroque" erstmals eigene Werke in der Galerie von David Gill in London aus, Aufträge für exklusive Hersteller, Manufakturen und Luxusmarken folgten. Schon die pure Zahl und Vielfalt seiner Projekte die Porzellan, Glas und Kunsthandwerk ebenso umfassen wie Möbel oder Grafik und bisweilen in raumgreifenden Installationen münden, macht Staunen. 2003 lernten sich Hayon und Nienke Klunder kennen, die bisweilen bei Designprojekten kooperieren. Erstmals öffentlich taten sie dies beim „American Chateau", einer Verbindung aus „Versailles und Disneyland", wobei Formen und Techniken des europäischen Möbelhandwerks des 17. Jahrhunderts mit Pop-Ikonen aus dem Amerika des 20. Jahrhunderts fusionieren. Als Fotografin bringt Klunder nicht nur Hayon dazu, sich zu verkleiden, etwa als Hase im rosaroten Kostüm, sondern inszeniert sich auch selbst in unterschiedlichen Rollen, was gleichermaßen an Cindy Sherman wie an Anke Engelke erinnert. Der Hot Dog als Schaukelstuhl, dazu karikaturenhaft riesige Luftballon-Brüste, mit denen sich Klunders Alter Ego bisweilen ausstaffiert, da erkundigt sich von Borries, ob das gemeinsame Werk womöglich im Kontext von Pornografie stehe, was das Künstler-Designer-Paar Hayon-Klunder aber freundlich dementiert. Seine Möbelformen wirkten mitunter feminin, erklärt Hayon, der in Barcelona, Valencia und Treviso Büros unterhält. Nach über 300 Bildern, die beide im Schnelldurchlauf zeigten, muss offen bleiben, ob es sich dabei um Ironie, einen gemeinsamen Lebensstil, eine besonders glatte Luxuswelt oder einfach geniales Marketing handelt, das sich gestalterisch manifestiert.

Kämpfe um die Stadt

Und wieder ein Szenenwechsel: Der Künstler, Stadt-Interventionist und Theorie-Entertainer Christoph Schäfer – kurzfristig eingesprungen – führte eine Kurzversion seines Buches „Die Stadt ist unsere Fabrik" auf. Das Buch besteht aus einer Folge von Aquarellen, die Thesen des französischen Soziologen Henri Lefébvre in eine zeichnerisch-erzählerische Bild-Textfolge übertragen. Ein „pseudo-historisches Panorama" mit „Sprüngen durch Raum und Zeit", wie Schäfer selbst sagt. Wie entstanden Städte? Wie verwandelten sie sich? Wie manifestiert sich Machtausübung im Raum? Derzeit werden Großstädte wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt massiv umgeformt und strukturell verändert. Durch Verkauf und Mietpreissteigerungen gibt es in Zentrumsnähe kaum noch bezahlbaren Wohnraum, im Zuge großer Neu- und Umbauprojekte werden bislang öffentliche Flächen neu geordnet, der großzügig dimensionierte Grün- und Erholungsraum wird auf ein pflegeleichtes Minimum reduziert, Denkmalschutz, historische Stadtstrukturen gehen in neu geordneten Konsumzonen auf. „Recht auf Stadt" nennt sich frei nach Lefébvre der Zusammenschluss Hamburger Initiativen, die für eine andere Nutzung, einen anderen Gebrauch der Stadt kämpfen. Für Schäfer geht es um Wunschproduktion, bei der die Stadt eine Ressource, ein Spielfeld ist, das nur auf Gebrauch und Gestaltung durch ihre Bewohner wartet, fernab der täuschenden Bilder, mit denen Investoren für ihre Projekte werben.

Dorfpraxis und Designgeschichte

Eine weitere Designposition: Andreas Brandolini, Jahrgang 1951, wird von Jesko Fezer, Jahrgang 1970 befragt. Wie war das damals? Im Hintergrund läuft ein Film über das Berliner Projekt „KdO – Kaufhaus des Ostens" von 1985. Brandolini, Architekt und Designer einst in Berlin Protagonist des Neuen Deutschen Design, heute lebt er im Allgäu und in Frankreich, lehrt Design an der Hochschule der Künste in Saarbrücken. Fezer trägt sein Manifest „An die jungen Designer" vor, das im Katalog zum KDO-Projekt erschien.

Nicht in der Stadt, sondern mitten im lothringischen Dorf Raucourt hat Brandolini vor ein paar Jahren einen kleinen Platz neben dem Bürgermeisteramt umgebaut. Eigentlich sollte es ein Kunstprojekt mit staatlicher Förderung sein, doch der Entwurf war primär darauf angelegt, den Anwohnern nützlich zu sein, sprengte andererseits den Etat. Die Bowlingbahn in einem renovierten Seitengebäude, der Kiesplatz mit Sitzgelegenheit, ein Spielplatz mit Pergola: All das wirkt unspektakulär, kaum der Rede Wert, bedurfte aber des Engagements der Dorfbewohner, um realisiert zu werden. „Brandolini kritisiert nicht, sondern affirmiert, besser: er synthetisiert und schmiegt sich profanen Realitätserscheinungen an", schrieb einst die Designkritikerin Uta Brandes über ihn. Anlass war das große Public Design-Projekt „Busstop" 1994 in Hannover, für das Brandolini eines von neuen Wartehäuschen entwarf. Anders als die meisten der insgesamt neun am Projekt teilnehmenden Gestalter schuf er kein leuchtendes Stadtzeichen. Sein Wartehäuschen besteht aus einer langen Eichenbank, einem Stahlgestell, das eine große begrünte Wanne trägt. Auf dem Dach eines solchen Stadtmöbels, erklärt Brandolini trocken, lande im Laufe der Zeit aller möglicher Müll, der bleibe dank Begrünung nun unsichtbar. Auch hier war die Realisierung nur möglich, weil sich ortsansässige Händler und Geschäfte an der Finanzierung beteiligten. Auch seine Installation „Deutsches Wohnzimmer" ist noch einmal zu sehen, die 1987 für die Designabteilung der documenta 8 entstand, kürzlich wurde es beim Münchner Auktionshaus von Zetzschwitz versteigert. „Warum gestalten wir?", fragte Brandolini noch einmal und gab selbst die Antwort: „Weil wir eingreifen wollen." Design sei ein „sehr attraktiver Beruf, wenn man nicht die Welt retten will", stellte er fest.

Richtig und falsch

Bis zu diesem Zeitpunkt am späten Nachmittag standen bereits unverbunden und doch in den Köpfen des Publikums lose miteinander verwoben Orientierungen widersprüchlicher Art nebeneinander: Design mit und als Marketing, als Forschungsgemeinschaft oder Kampf um eine bessere Stadt, als ironischer Luxus oder kontextuelles Gestalten. Ein Höhepunkt der Tagung sollte noch folgen: Der Wiener Experimentalfilmer, Künstler und Kulturphilosoph Peter Kubelka (Jahrgang 1943), breitete langsam einige Gegenstände aus, die er der Reihe nach besprach. Wie und was Kubelka vortrug, hatte das Zeug zu einer eigenen Veranstaltung, einer Design- und Medientheorie als Kulturgeschichte. Jedes Medium decke nur einen Teil unserer Sinne ab, und kein neues Medium könne ein bestehendes vollständig ablösen. „Medien ergänzen sich", sagte Kubelka, der einst die Städelschule in Frankfurt leitete und dort eine Klasse für Film und Kochen einrichtete. Die Welt ist Klang: „Je nach dem was ich da in der Hand halte, bin ich ein anderes Viech", erklärte er. Das Ohr fungiere als Wächter. Verstreutes Hinschauen: Das Auge sei dazu da, „Konzepte zu überprüfen". Die Kinderrassel, das „Schepperl", dient als Erziehungsmaschine – gleich drei verschiedene Exemplare hatte er mitgebracht. „Was sich bewegt, macht ein Geräusch." Einstieg in eine Kulturgeschichte der Dinge, in Kaskaden assoziativen Denkens. Einen großen historischen Holzlöffel führt er vor, eine Kombination aus verlängertem Unterarm und einer holen Hand. Am Beispiel einer Alessi-Espresso-Maschine für den Herd, erläuterte er die „Diskrepanz zwischen dem Nützlichen und dem Zeichen", Kubelka spricht von der Essenszubereitung als „Speisen-Bau", einem beinahe architektonischen Gestaltungsvorgang. Der zuvor gehörte stadtsoziologische Begriff der „Aneignung" bekommt plötzlich eine neue Wendung: „Alles was ich esse, ist in meiner Macht", sagt Kubelka und: „Die Speisen werden vom Mund gelesen." Gegen das Kochen an der Kunsthochschule seien zunächst alle gewesen, berichtet er, einschließlich der Studenten. Doch Kochen lehre Verantwortung zu übernehmen, lehre zu dienen, ohne Sklave zu sein, doch „wer kreativ sein wollte, den habe ich weggeschickt." Was an Hochschulen oft in Vergessenheit gerät, lässt sich beim Kochen nicht verbergen „ein Resultat kann entweder richtig oder falsch sein."

Was die öffentliche Tagung „Warum gestalten?" bot, war großes Theater. Was daraus im Alltag von Lehre und Entwerfen werden kann, ob sich alte und neue Professoren in Hamburg anstecken lassen, oder ob sie sich in Kämpfen um richtiges oder falsches Design aufreiben, wird die nahe Zukunft zeigen.

www.design.hfbk-hamburg.de

homas Edelmann<br> 5 Jesko Fezer und Andreas Brandolini (v.l.n.r.), Foto © Thomas Edelmann<br> 6 Peter Kubelka, Foto © Thomas Edelmann<br> 7 Andrej Kupetz, Foto © Thomas Edelmann<br> 8 Folie von Andrej Kupetz, Foto © Thomas Edelmann