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Wir drucken uns eine Pizza!

von Leyla Basaran | 17.10.2014

Eine frische Pizza Margherita in zehn Minuten auf dem Teller, direkt aus dem 3D-Drucker? Das ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern bereits bittere Realität. Bald schon sparen wir uns den Gang zum Supermarkt und bestellen stattdessen mit Teig und Tomatensoße gefüllte Druckerkapseln im Internet. Aber nicht nur Pizza, auch Nudeln lassen sich mittlerweile mit Hilfe eines 3D-Druckers produzieren. Ob sie besser schmecken, gesünder sind und schöner aussehen? Schöner aussehen – und wirklich nur das – sollen dagegen Früchte, Gemüse oder andere Nahrungsmittel. Erreicht wird das mit Hilfe eines Laser-Cutters, der Gravuren aller Art auf deren Schale oder Oberfläche brennt. Schön oder einfach nur sinnlos? Wollen wir tatsächlich, dass unser Essen gedruckt wird und Lebensmittel mittels Laserstrahlen verziert werden? Oder ist es einfach nur der Reiz des Neuen, die Tatsache, dass es gemacht werden kann: Wir drucken uns eine Pizza! Warum? Weil wir es können!

DigFab, eine Revolution in allen Bereichen?

Es scheint, als revolutionierten digitale Fabrikationsmethoden nach und nach fast alle Bereiche unseres Lebens. In der Medizin ist das Drucken von Organen keine reine Zukunftsmusik mehr. In der Archäologie das Nachbilden von verloren geglaubten Originalen nichts Ungewöhnliches mehr und in der Industrie ist das Drucken von komplizierten Sonderbauteilen mittlerweile rentabel geworden. Die Folge ist: Im Windschatten beeindruckender, mittels digitaler Fabrikationen erzielter Resultate entstehen seltsame Dinge. Nach dem Motto: Was die machen, wollen wir auch!
So drucken wir die verschiedenste Dinge aus allen möglichen Materialien. Sogar aus Schmuck aus Gold. Ob der Goldschmied es besser gemacht hätte– wen interessiert’s? Überhaupt braucht man keinen Spezialisten mehr. Qualität, Handwerk, das war gestern. Wir machen es, weil wir es machen können.

Die Faszination, die all die neuen Herstellungsverfahren bei uns auslöst, und die schier unbegrenzten Anwendungsmöglichkeiten, die uns versprochen werden, haben uns blind gemacht gegenüber Abfallprodukten und sinnlosen Anwendungen. Mit einem Mal betrachten wir simple Gegenstände als handele es sich um Wunder der Technik. Und ästhetisch wenig ansprechende Alltagsgegenstände erscheinen uns plötzlich schön. Wir glauben, ein Kunststoff-Eierbecher mit fragwürdiger Formensprache, der vor dem Zeitalter digitaler Bastelei nie und nimmer den Weg in unsere Küche gefunden hätte, sei etwas Besonderes – nur weil das hässliche Teil aus einem 3D-Drucker stammt. Weil wir an den technischen Fortschritt glauben, sind wir stolz auf die einfallslosesten und banalsten Kaffeebecher-Halterungen, Handtuchhalter und Blumenvasen. Nicht etwa, weil wir sie uns selbst ausgedacht, mit eigenen Händen hergestellt oder lange darauf gespart haben, sondern weil wir uns den Datensatz aus dem Internet heruntergeladen und in den Heimdrucker für 2.000 Euro eingespeist haben oder in einen der vielen überall aufpoppenden 3D-Copyshops geeilt sind, um dort Daten in Dinge zu verwandeln. Dass wir eine weitere billige Kopie eines oftmals schlecht gestalteten Objektes mit fragwürdiger oder nahezu nicht vorhandener Funktion entstehen lassen, spielt dabei für uns keine Rolle. Wollen wir einfach nur Teil haben an einem angeblich weltverändernden Herstellungsverfahren? Oder glauben wir tatsächlich – it’s magic?

Ein Sammelsurium unnützer Dinge

Zu glauben, wir könnten an großen Veränderungen teilhaben, wird uns leicht gemacht. Der 3D-Druckerhersteller MakerBot hat sich mit Thingiverse zum Ziel gesetzt, dass jeder, ganz gleich, ob er über Fachwissen oder Erfahrung verfügt, Dinge zu Hause schnell und einfach drucken kann. So kann man auf der „Thingiverse Design Community“ 3D-druckbare Dinge entdecken, teilen oder herstellen. Ein Blick auf diese „open platform“ zeigt: Die Auswahl an überflüssigen und sinnlosen Gegenständen ist riesig. Sich zwischen einem Eierbecher mit Entenfüßen, einem unbequem aussehenden Bikini und einem lachenden Wildschweinkopf zu entscheiden, fällt schwer. Doch verlassen wir nun enttäuscht die Website? Keineswegs. Im Gegenteil: Schließlich haben wir zuhause einen Drucker stehen, der genutzt werden will. Und wenn wir schon nicht zu den Designstudenten gehören, die diese Maschinen sinnvoll nutzen, um damit ihre Modelle zu erstellen, dann wollen wir zumindest etwas Nettes für unser Wohnzimmer erschaffen.

Die Kunst der dreidimensionalen Fotografie

Selbst die Kunst macht vor den aktuellen Herstellungsverfahren nicht Halt. Die Künstlerin Karin Sander zum Beispiel hat gemeinsam mit verschiedenen Druckerherstellern Techniken entwickelt, die es erlauben, immer genauere 3D-Abbilder von Menschen herstellen zu können. Die detailgetreuen Kopien lebender Vorbilder im Maßstab 1:8 – sie nennt sie „dreidimensionale Fotografien“ – werden weltweit ausgestellt. Wo die Kunst das Selbstbild des Menschen reflektiert, sehen viele Hersteller die Möglichkeit, sich auf die Selbstverliebtheit der Menschen zu besinnen. Also kann sich jeder, was früher einfache Fotografien waren, als 3D-Variante von sich und seinen Liebsten frei Haus liefern lassen. Womit sich der Kreis schließt. Wir essen nicht nur digital produzierte oder veränderte Nahrungsmittel, wir werden selbst in eine billige 3D-Kopie unserer selbst verwandelt. In Nippes für die Vitrine.

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Schon längst lässt sich auch Gold 3D-drucken – etwa, um Schmuck herzustellen. Foto © EOS
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Rangiert ganz oben in der Sammlung unnützer Dinge: Eierbecher mit Füßen, gefunden in der „Thingiverse Design Community“. Foto © Thingiverse
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Weil wir es können: 3D-gedruckter Kopfschmuck von Materialise. <br/>Foto © Materialise