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Wissen, woher man kommt
29.03.2012
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In den fünfziger und sechziger Jahren erfuhr skandinavisches Design, allen voran Dänemark, Schweden und Finnland, auch international große Aufmerksamkeit. Arne Jacobsen, Carl Malmsten und Alvar Aalto prägten einen Stil, der sich durch Minimalismus, hochwertige Materialien und solide handwerkliche Fertigung auszeichnete. Und obwohl skandinavisches Design in den folgenden Jahrzehnten auf der internationalen Bühne vorübergehend in den Hintergrund trat, hat es bis heute seine Wertigkeit erhalten. Juliane Grützner befragte Studierende aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island nach der handwerklichen Solidität im skandinavischen Design und nach dem Einfluss traditioneller Gestaltungstugenden bei der Entwicklung neuer Entwürfe.

Juliane Grützner: Ist skandinavisches Design immer auch solides Handwerk?

Lina Johansson: Es scheint eine Eigenschaft skandinavischer Designer zu sein, ihre Entwürfe als Solitäre zu betrachten. Wahrscheinlich hoffen sie darauf, irgendwann einmal das eine große „Meisterwerk" zu schaffen. Außerdem besteht in skandinavischen Ländern die Tradition, die Wertigkeit sorgfältig gearbeiteter Produkte auch auf industriell gefertigte Artikel zu übertragen. Viele skandinavische Designer setzen sich intensiv mit Materialien und Technologien auseinander. Es ist ein guter Weg, Produktionsprozesse kennenzulernen und diese Erfahrungen in den Designprozess mit einfließen zu lassen.

Ellen Dynebrink: Ich denke nicht, dass skandinavisches Design immer solide sein muss, aber wir Skandinavier schätzen handwerklich gut gefertigte Produkte.

Ǻsmund Wivestad Engesland: Ich sehe in skandinavischem Design ein gutes Gespür für Materialien – die Art und Weise unterschiedliche Qualitäten in ihnen zu erkennen und sie zu nutzen. Die konsequente Umsetzung nur der Dinge, die absolut notwendig für einen Entwurf sind, ist uns hier im Norden sehr wichtig.

Wilhelmiina Kosonen: Ich finde skandinavisches Design konzeptionell sehr stark. Zweifelsohne besteht es aus hochwertigen Materialien. In Finnland ist die Frage nach Qualität im Design bisher immer mit ästhetischem Minimalismus beantwortet worden. Das scheint sich langsam zu ändern. Ich freue mich sehr über die Arbeiten junger finnischer Designer, die es verstehen, Qualität mit spielerischen Elementen zu verbinden.

Sanelma Hihnala: Solides Handwerk hat einen großen Anteil am skandinavischen Design. Für mich könnte es noch mehr in die handwerkliche Richtung gehen. In Zukunft könnte es klug sein, sich bei der Gestaltung noch mehr auf Qualität und lokales Handwerk zu konzentrieren als auf Quantität und Medienwirksamkeit.

Bjarke Frederiksen: Aus der Sicht eines Tischlers und Designers, der in Dänemark ausgebildet wurde und dort arbeitet, möchte ich skandinavisches Design nicht ausschließlich als solides Handwerk bezeichnen. Es ist viel mehr als das. Gutes Handwerk ist nichts typisch Dänisches oder Skandinavisches, es ist ein Markenzeichen, ein Label, das einige Designer und Hersteller immer noch gerne nutzen. Mir persönlich eröffnet das handwerkliche Können so viele Möglichkeiten, die ich sonst nicht hätte. Ich wundere mich manchmal über meine Kommilitonen, die sich einem Entwurf ausschließlich per Computer nähern.

Erika Ahola: Obwohl skandinavisches Design hochgradig industrialisiert ist, setzt es in vielen Produktionsschritten handwerkliches Wissen voraus, hauptsächlich wegen seines hohen Holzanteils. Ich denke nicht, dass das Handwerk an sich ein Maßstab für skandinavisches Design ist, es geht eher darum, das Erbe skandinavischer Handwerkskunst weiter zu pflegen.

Axel Kaaber: Skandinavisches Design kann alles Mögliche sein. Der Bezug zu den Klassikern ist nützlich, darf aber nicht einengend sein. Meine Empfehlung: Entwirf, was du fühlst, unabhängig davon, woher du kommst.

Wenn Sie an einem Entwurf arbeiten, schauen Sie auf Traditionen zurück oder nach vorne in die Zukunft, um etwas Neues zu erfinden?

Johansson: Wenn man etwas Neues gestalten möchte, muss man zuerst auf das Designerbe und seine Wurzeln zurückblicken. Man muss wissen, woher man kommt, um sich weiterentwickeln zu können. Mein Wissen über Traditionen im Textildesign nutze ich als Werkzeug im Gestaltungsprozess. Das führt dazu, dass ich etwa eine alte Technik mit einem neuen Material kombiniere oder eine neue Funktion für etwas finde, das es schon lange gibt.

Frederiksen: Ich finde es interessant, Erfinden und Gestalten in Zusammenhang zu bringen. Die Idee, einen Stuhl zu gestalten, ist eine sehr alte in der Designgeschichte, während die Idee, etwas Neues zu erfinden, vorübergehend das traditionelle Verständnis von Form und Funktion aufhebt. Das führt dazu, dass man den Stuhl plötzlich als Katalysator gesellschaftlicher Ideen sieht. Die Aufgabe des Designers ist es dann, diese Ideen in einen gestalterischen Kontext zu setzen, um sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Sonst bleiben sie frei, ähnlich wie in der Kunst.

Ich verstehe meine Art zu gestalten als einen kontinuierlichen Prozess, dabei achte ich stets auf meine Intuition, die ein Ergebnis all jener Dinge ist, die ich wahrnehme. Wie ich Dinge wahrnehme, wird von meiner Ausbildung als Tischler beeinflusst. Wenn ich bei einem Entwurf auf Traditionen zurückblicke, versuche ich auf jeden Fall ein neues Element in den Gestaltungsprozess zu integrieren, das sie vielleicht infrage stellt und verhindert, dass es nur ein Handwerksstück bleibt.

Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt der Nachhaltigkeit in der Gestaltung?

Kosonen: Der Zustand der Umwelt beeinflusst unsere Lebensbedingungen, daher müssen wir sie, bei allem, was wir tun, mit einbeziehen. Nachhaltigkeit ist eine große Herausforderung, aber wir Designer haben das große Glück, Gestaltungsprozess und Materialwahl so zu beeinflussen, dass am Ende die zweckmäßigste und umweltfreundlichste Lösung entsteht.

Dynebrink: Sehr wichtig. Dennoch fällt es mir sehr schwer, bereits im Entwurfsprozess darauf zu achten, welche Auswirkungen die Nachhaltigkeit auf die Herstellung, den Nutzen und das Nachleben eines Produktes haben kann.

Hihnala: Nachhaltigkeit ist bei mir immer im Hinterkopf, wenn ich entwerfe. Am liebsten entwerfe ich für einen bestimmten Ort und für einen bestimmten Zweck, dann kann ich die Lebenszyklen eines Produktes am besten einschätzen. Ich interessiere mich nicht für die Massenproduktion, sondern für langlebiges, umweltfreundliches Design, das aus hochwertigen lokalen Materialien gefertigt ist.

Ahola: Nachhaltigkeit ist ein bedeutender Bestandteil des Designprozesses. Die Wahl der richtigen Materialien, der Produktionsabläufe und der Verpackung hat Auswirkungen auf das Endprodukt. Das Hauptaugenmerk liegt nach wie vor darauf, ein gelungenes Produkt zu gestalten. Nur Produkte, die in der Zeit bestehen, sind auch ökologisch.

Kaaber: In meinem Bereich, der Architektur, ist Nachhaltigkeit immer ein wichtiger Aspekt. Ich bevorzuge Projekte, bei denen lokale Materialien verwendet werden und Nachhaltigkeit integrierter Bestandteil der Gestaltung ist.

Wenn Sie an einem Entwurf arbeiten, denken Sie erst über das Material oder die Funktion nach?

Kosonen: Ein starkes Konzept oder eine Geschichte steht häufig am Anfang meiner Projekte. Manchmal inspiriert mich ein bestimmtes Material zu einem Entwurf wie beim „BBKING Chair", bei dem ich Birkenrinde verwendet habe. Seine kulturelle Tradition in Finnland forderte mich dazu heraus, eine zeitgenössische Verwendung dafür im Möbeldesign zu finden.

Hihnala: Das geht Hand in Hand. Natürlich muss es einen guten Grund dafür geben, warum man sich für ein bestimmtes Material entscheidet. Und diesen Grund bestimmt die Funktion. Ich arbeite gerne mit Holz und setze es gerne so ein, dass es seinen natürlichen Charakter bewahrt. Und das ist es, was ein Produkt einzigartig macht.

Ahola: Material und Funktion von Möbeln gehören zusammen. Für mich bedeutet Möbel zu gestalten, stets die beste Kombination von Material und Funktion zu finden, etwas, das als Ganzes funktioniert. Materialien müssen sowohl strukturell als auch ästhetisch zu einem Möbelstück passen, damit es erfolgreich ist.

Hat Design eine soziale Funktion?

Frederiksen: Ich denke nicht, dass Design bewusst mit einer sozialen Funktion behaftet sein muss. Aber wenn ein Designer eine besonders kritische oder ideologisch motivierte Herangehensweise hat, kann er diese über seinen Entwurf vermitteln.

Welche Vorbilder im Design haben Sie?

Engesland: Ich bewundere die Arbeiten großer Designer und Architekten wie Walter Gropius, Alvar Aalto, Mies van der Rohe, Børge Morgensen, Erling Viksjø und Yngve Ekström, den Gründer von Svedese. Sie alle repräsentieren eine Herangehensweise, die ich inspirierend finde: Sie nähern sich einem Projekt mit geringen Mitteln. Dadurch ist es ihnen gelungen, unverwechselbare Werke zu schaffen.

Welchen Stellenwert hat Textildesign im Vergleich zu anderen Designdisziplinen?

Johansson: Im Textildesign gibt es viel ungenutztes Potenzial. Materialien und Techniken bieten unendliche Gestaltungsmöglichkeiten. Designer, die selbst nicht mit Textilien arbeiten, haben keine Vorstellung davon, was man mit ihnen alles machen kann. Wer nur innerhalb einer Disziplin arbeitet, schränkt sich selber ein. Nur wenn Designer unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten, können sie voneinander lernen. Ich hoffe, dass Textildesign immer bekannter wird und neue Bereiche erobert.

Was möchten Sie nach Ihrem Studium machen?

Kaaber: Nach meinem Studium möchte ich erst einmal ins Ausland gehen, um in anderen Bereichen akademisch und praktisch zu lernen. Später möchte ich dann nach Island zurückkehren und das Gelernte anwenden. Ich denke, eine Vielfalt Gestalter mit unterschiedlichen Erfahrungen an einem Ort zu haben, ist bereichernd für das Design.

Engesland: Nach meinem Abschluss möchte ich in einer kleinen Bürogemeinschaft arbeiten, die in unterschiedlichen Designdisziplinen tätig ist. Ich glaube, dass vielfältige Aufgaben, gute Projekte hervorbringen. Außerdem möchte ich so schnell wie möglich eine Plattform gründen, auf der Designer sich treffen, Ausstellungen organisieren und sich gegenseitig herausfordern können.

An der Befragung nahmen teil: Ellen Dynebrink, 25, und Lina Johansson, 26, von The Swedish School of Textiles, University of Borås; Ǻsmund Wivestad Engesland, 27, von der Kunsthøgskolen Oslo – Oslo National Academy of the Arts; Erika Ahola, 29, Sanelma Hihnala, 28 und Wilhelmiina Kosonen, 30, von der Aalto University, School of Art, Design and Architecture, Helsinki; Bjarke Frederiksen, 32, The Royal Danish Academy of fine Arts, School of Design, Kopenhagen sowie Axel Kaaber, 27, Iceland Academy of the Arts ‒ Fachbereich Architektur, Reykjavik.

www.hb.se
www.khio.no

www.aalto.fi

www.karch.dk

http://lhi.is

r Ingibjartsson)
Lounge chair „Bau“ (Foto © Mads Huseby, Studio Luxemburg, Oslo) und Lampe „lampe” von Åsmund Wivestad Engesland
„The Nordic Nomad Chair“ von Bjarke Frederiksen, Foto © BF
Teppich „Two blue make one red” von Ellen Dynebrink, Foto © Petra Wester Norgren
Tisch „O10” und Stuhl „Hue” von Erika Ahola, Foto © Chikako Harada
Metallgewebe „Odd Arthur” von Lina Johansson, Foto © LJ
Chaiselongue „Lankku” (Foto © Mikko Auerniitty) und Tisch „Puomi” (Foto © Chikako Harada) von Sanelma Hihnala
Stuhl „LBD” (oben) und Sessel „BBKING“ von Wilhelmiina Kosonen, Foto © WK
Projekt „Soundspace” von Axel Kaaber, Foto © AK

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