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Zuhause – was ist das?
von Uta Abendroth | 25.09.2014
Was macht aus einem Haus ein Zuhause? Anlässlich des London Design Festivals haben vier Designer auf dem Trafalgar Square eine Antwort darauf gegeben. Foto © Ed Reeve

Wie kann man aus einer simplen Struktur, einer Art überdimensionierter Kiste, einen Ort machen, der einem Menschen das Gefühl vermittelt, „hier gehöre ich hin“? Einfacher ausgedrückt, was macht aus einem Haus ein Zuhause? Mit der Frage sieht sich jeder bei der einen oder anderen Gelegenheit konfrontiert. Etwa, wenn man die erste eigene Wohnung einrichten darf. Oder wenn man jemanden das erste Mal zu Hause besucht. Da geht einem vorher schon durch den Kopf: „Was erwartet mich dort“? Virulent wird die Frage auch, wenn man mit jemandem zusammenzieht. Dann fragt man sich: Welchen Stil bevorzugt der Partner? Auf welches Möbel, Accessoire oder Erinnerungsstück will er keinesfalls verzichten? Und wie entsteht aus all den Vorlieben, Abneigungen und Erwartungen ein gemeinsames Zuhause, in dem sich möglichst beide Partner gleichermaßen wohl und heimisch fühlen?

Raum ist in der kleinsten Hütte

Anlässlich des London Design Festivals wurden auf Londons belebtestem Platz, dem Trafalgar Square, vier Häuser errichtet. Das Projekt „A Place Called Home“, entstanden in Kooperation mit der Plattform Airbnb, dem Online-Marktplatz zur Vermietung privater Unterkünfte, lud Besucher ein, sich mit dem Thema „Zuhause“ auseinanderzusetzen. Dafür hatten die Veranstalter vier identische Hütten aufgestellt, jede eine 4 mal 6 Meter-Konstruktion mit Satteldach, für deren Gestaltung die britischen Designer Jasper Morrison, Ilse Crawford, Raw Edges sowie Anna Murray und Grace Winteringham von Patternity eingeladen wurden. „Diese Installation zeigt vier sehr unterschiedliche Ideen zum Thema Zuhause, die anregen sollen darüber nachzudenken, wie wir mit Design leben“, sagte Ben Evans, Direktor des London Design Festivals, bei der Eröffnung.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich jeder dem Thema auf seine eigene Art und Weise nähert, die Erwartungen sehr unterschiedlich ausfallen. Und so ist auch die Bandbreite der Häuschen auf dem Trafalgar Square recht groß: Während die Installationen von Patternity eher einer philosophischen Betrachtung der Beziehung Welt-Mensch gleichkommt, erweist sich die Lösung von Raw Edges mit ihren mobilen Wänden als raffinierte Idee, die man umgehend bei sich zuhause umgesetzt sehen möchte.

Wenn das Bad sich klein macht

Yael Mer und Shay Alkalay haben sich auch bei ihren Möbelentwürfen für Arco oder Established & Sons immer wieder mit beweglichen Teilen unter Gesichtspunkten des Platzsparens auseinandergesetzt. Für ihr Trafalgar-Häuschen sind sie noch einen Schritt weiter gegangen: Bei ihrem Entwurf laufen die Innenwände auf Schienen, um die einzelnen Wohnbereiche nach Bedarf erweitern oder verkleinern zu können. Weshalb eigentlich muss, befindet man sich gerade im Schlafzimmer, zur selben Zeit das Badezimmer ein großer Raum sein? Eine geräumige Küche ist großartig, aber wenn man dort kocht, hält man sich nicht gerade im Bett auf. Wenn sich Schlafzimmer, Küche und Bad aber je nach Bedarf mal klein machen müssen oder ausdehnen dürfen, dann müssen sich auch die Möbel, Leuchten, Regale oder Spülen klein machen, übereinander zu stapeln sein oder von zwei Räumen aus genutzt werden können. „Alles ist sehr minimalistisch“, sagt Yael Mer, „aber alle Funktionen, die man an das Wohnen inklusive Schlafen, Kochen und Waschen stellt, sind auf diesen wenigen Quadratmetern vorhanden.“

Jasper Morrison hat ein Haus für einen Tauben-Liebhaber gestaltet: „Wer sonst würde in der Mitte des Trafalgar Square leben?“ Foto © Ed Reeve, London Design Festival

Jasper Morrison hat sich sehr vom Ort der Ausstellung inspirieren lassen und ein Haus für einen Tauben-Liebhaber gestaltet: „Wer sonst“, fragt er, „würde es sich aussuchen, in der Mitte des Trafalgar Square zu leben?“ Der für seinen Hang zur Reduktion bekannte Brite zeigt schlicht und nüchtern seine Möbelentwürfe vor einfachen Sperrholzwänden. Ein kleines Bett und ein Schreibtisch stehen dort, vor die vier großen Fenster ist ein Sessel gerückt, von dem aus sich dem Bewohner ein Blick auf den belebten Platz öffnet. Hm, und wenn man kein Tauben-Liebhaber ist? Dann bleibt der Wunsch, dass man aus diesem Zuhause immer eine schöne Aussicht genießen kann.

Zuhause im Kaleidoskop

Anna Murray und Grace Winteringham von Patternity haben ein riesiges Kaleidoskop in die Seite ihres Pavillons eingesetzt, in das man von innen und von außen hineinschauen kann. Es reicht, ein Rad zu drehen, um die optischen Effekte zu aktivieren. Dabei nimmt eine Kamera ein Foto auf, das automatisch in eine Online-Galerie hochgeladen wird. Die Patternity-Designerinnen interpretieren das Thema „Heimat“, betrachten die Erde als das Zuhause, das wir uns alle teilen, und wollen mit ihrem Entwurf demonstrieren, dass sich unsere Welt aus einfachen Formen zusammensetzt. Anna Murray erklärt: „Wir feiern mit unseren Haus die Grundbausteine Kreis, Linie, Dreieck und Quadrat, die das Leben ausmachen.“

Der blaue Pavillon von Studioilse stellt die Frage – „Home?“ – schon mit einer Leuchtreklame auf dem Dach; und auch auf dem Boden im Inneren leuchtet eine Frage auf: „Was bedeutet Zuhause für Sie?“ Videos, die auf zwei Innenwände projiziert werden, zeigen Alltagsrituale wie Tee-Kochen oder Zeitunglesen. Begleitet werden die bewegten Bildern von Geräuschen: Mal klappern Töpfe, mal werden Möbel bewegt. Zusätzlich wird ein Duft verströmt, denn, sagt Ilse Crawford, „jedes Haus hat seinen eigenen unverwechselbaren Geruch“. Und weiter: „Zuhause ist in deinem Kopf. Es sind Rituale, die dazu führen, dass wir uns sicher oder wohl fühlen.“

Dass unter Designgesichtspunkten interessanteste Haus ist sicher das von Raw Edges, regt es doch zum Nachdenken über flexibles Wohnen auf einer ganz neuen Ebene an. Ansonsten bewegt sich das Projekt auf dem Trafalgar Square eher in der Kategorie: ein schöner Treffpunkt während des London Design Festival – ohne lange Nachwirkungen. Aber schön, es gesehen zu haben. Denn auch sich selbst stellt man ja gelegentlich gerne einrichtungsphilosophische Fragen à la „und was bedeutet Zuhause für mich?“

www.londondesignfestival.com
www.airbnb.co.uk
www.raw-edges.com
www.jaspermorrison.com
www.patternity.org
www.studioilse.com

„Alle Funktionen des Wohnens sind auf diesen wenigen Quadratmetern vorhanden“, sagt Yael Mer vom Design-Duo Raw Edges über ihren Entwurf. Foto © Ed Reeve
Bei Raw Edges laufen die Innenwände auf Schienen, um die einzelnen Wohnbereiche nach Bedarf erweitern oder verkleinern zu können. Foto © Ed Reeve, London Design Festival
„Zuhause ist in deinem Kopf. Es sind Rituale, die dazu führen, dass wir uns sicher oder wohl fühlen“, erläutert Ilse Crawford ihren Entwurf. Foto © Ed Reeve, London Design Festival
Anna Murray und Grace Winteringham von Patternity haben ein riesiges Kaleidoskop in die Seite ihres Pavillons eingesetzt. Foto © Ed Reeve, London Design Festival
„A Place Called Home“ auf dem Trafalgar Square: ein schöner Treffpunkt während des London Design Festival – ohne lange Nachwirkungen. Foto © Ed Reeve

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