transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Das Geheimnis jenseits der entmilitarisierten Zone
von Sandra Hofmeister | 20. Oktober 2011
Denkmal zu Ehren der Parteigründung, Foto: Meuser/DOM publishers

Der Blick durchs Schlüsselloch hat manchmal etwas Unheimliches: Wenn Umrisse und Konturen verschwommen bleiben, können Gegenstände nur erahnt, nicht aber vollständig erfasst werden. Oft treibt die Fantasie dann ihre Spielchen mit den Bruchstücken der Wahrnehmung. Sie malt die Fragmente hinter dem Guckloch zu gespenstischen Schatten und bedrohlichen Geheimnissen aus. Je länger das Unbekannte nicht erforscht wird, desto monströser fällt sein Vexierbild aus.

Wer einmal am nördlichen Rand der südkoreanischen Hauptstadt Seoul war und den Blick über die entmilitarisierte Zone schweifen ließ, dem wird diese Erfahrung bekannt vorkommen. Denn Landschaften und Gebäude hinter der militärisch streng bewachten Grenze zur Demokratischen Volksrepublik Nordkorea geben nur eine verschwommene Ahnung dieser rundherum abgeriegelten, letzten Bastion des Kalten Krieges wieder. Der Alltag dieser Welt aber liegt in einem unbekannten Nirgendwo jenseits der inszenierten Bilder von Militärparaden, die ab und an als Propaganda des Imperiums von Kim Il-sung und seines Nachfolgers Kim Jong-il nach Außen dringen.

Mit seinem Pjöngjang-Führer hat Philipp Meuser den Alltag in der nordkoreanischen Hauptstadt zwar nicht ergründet. Trotzdem trägt sein Architekturbuch maßgeblich dazu bei, das unbekannte Land durch eine Beschreibung seiner Gebäude zu entdämonisieren und das Geheimnis des Unbekannten zumindest in Teilen zu lüften. Beim Besuch von Pjöngjang durfte sich der Berliner Architekt natürlich nicht frei bewegen. Mit einem vom Regime gestellten Begleiter, einem Übersetzer und einem Fahrer, der die kleine Reisegruppe an ausgewählte Orte brachte, glich das Unternehmen eher einem Staatsbesuch als einer Recherchereise eines Architekturkritikers. Ratlosigkeit und Unverständnis für den totalitären Staat haben den Autor während der gesamten Reise begleitet. Gleichwohl suggerieren die Beschreibungen und Dokumente, die er in dem Reiseführer zusammengetragen hat, ein Stück Normalität und führen sich damit selbst ad absurdum.

Standardisierter Massenwohnungsbau, monumentale öffentliche Gebäude und Propagandamosaike säumen die leeren Straßen der Millionenmetropole. Großplastiken und Denkmäler für den „Ewigen Präsidenten" unterbrechen den Rhythmus des urbanen Raumes und geben Orientierungsmuster vor. Meuser beschreibt das architektonische Kuriositätenkabinett Pjöngjangs als „das wahrscheinlich am besten erhaltene Open-Air-Museum sozialistischer Baukunst." Der utopische, ideologische Gehalt der nordkoreanischen Stadtplanung zeigt sich als Relikt aus der Ära materialistischer, soziologisch-gesellschaftlicher Experimente, die nicht nur im Westen sondern auch in Russland längst als gescheitert gelten. Breite Straßenzüge und weite Plätze entlang des Taedong-Flusses machen Pjöngjang zu einer Stadt der Moderne, in welcher der Größenwahnsinn vergangener Epochen noch heute lebendig ist. Gepflegte Wohnbauten verdecken die primitiven Hütten dahinter, nachts sind die Monumente in der ansonsten dunklen Stadt mit Lichtinszenierungen erhellt. Alle Gebäude in der nordkoreanischen Hauptstadt wurden staatlich errichtet. Der diktatorisch angeordnete Kollektivismus, die wirtschaftliche Notversorgung und die Ausrichtung auf staatliche Großereignisse mit den dazu erforderlichen Prachtbauten prägen den urbanen Raum, der exakt auf die Staatsideologie zugeschnitten ist und zu ihrem Vehikel wird. Überraschenderweise folgen dabei einzelne Gebäudeformen den internationalen Trends ihrer Entstehungszeit. Insbesondere die Wohntürme und Wohnschlangen gehen nicht auf koreanische Traditionen, sondern auf die Nachkriegsutopie sowjetischer Wohnmaschinen zurück. Ein gewaltiger Triumphbogen, der 1982 errichtet wurde und an die Befreiung von der japanischen Besatzung durch den Einmarsch der Roten Armee erinnern soll, ist in den Verkehrsfluss integriert. „Architektur als Instrument einer postkolonialen Rache, um sich bei der eigenen Bevölkerung als Held aufzuspielen", kommentiert Philipp Meuser das monströse Bauwerk, das Kim Il-sung zum 70. Geburtstag gewidmet wurde.

Superlative haben die Bauwerke in Pjöngjang viele zu bieten: Auf einer Flussinsel breitet sich das Stadion 1. Mai aus, unter dessen Aluminiumdach 150.000 Besucher Platz finden – das größte Stadion der Welt. Hier findet die jährliche Massengymnastik „Arirang" statt, bei der Hunderte von Kindern und Jugendlichen mit militärischer Disziplin präzise Körperertüchtigungen darbieten und schwere Tafeln, die in Abfolge auf den Tribünen geschwenkt werden, den Takt für über hundert verschiedene Bühnenbilder angeben. Gewaltige Baustellen wie die der Dreieckspyramide des Ryugyong-Hotels wurden mithilfe nordamerikanischer Finanzspritzen zur Ausrichtung der dreizehnten Weltfestspiele der Jugend errichtet. Nach vorläufiger Stilllegung wurde das 300 Meter hohe Betongebäude erst kürzlich mithilfe eines ägyptischen Telefon- und Baukonzerns fertig gestellt – nach mehr als zwanzig Jahren Bauzeit.

„Die Grundideen der sozialistischen Bildung. Hurra!" lautet die knallbunte Inschrift auf einem Betonsockel, der auf vier farbigen Feldern weiter verheißt: „Treue durch Loyalität, Geist der Treue, Sieg der besten Schulklasse, Tag der Sonne". Kim Il-sungs Geburtstag am 15. April wird in Nordkorea als „Tag der Sonne" mit öffentlichen Tanzveranstaltungen gefeiert. Werbeplakate gibt es hinter dem Eisernen Vorhang nicht. Dafür zeigen monumentale Denkmäler, Fotos und Mosaike Kim Il-sung in allen Lebenslagen. Die Abwesenheit von Menschen auf diesen Bildern wird durch symbolisch aufgeladene Blumen wettgemacht, welche die Anwesenheit der Macht zur Apotheose ihrer Herrscher stilisieren.

Philipp Meusers Architekturführer nähert sich mit klugen Aufsätzen verschiedener Autoren an das Land hinter dem Eisernen Vorhang an. Es deckt die Geschichte Pjöngjangs auf, analysiert die Agitation im Stadtraum und kommentiert Auszüge aus Kim Jong-il's Propagandaschrift „Über die Baukunst" von 1991. „Die künstlerische Gestaltung der Architektur wird zur ideologisch-geistigen Garantie für die Lobpreisung der Größe des Führers", heißt es da ganz selbstverständlich. Durch Fotos, welche die zweibändige Publikation als Ergänzung zu offiziellen Bildern aus verschiedenen Archiven zusammenträgt, wird nicht nur der Wahnsinn der Propaganda, sondern auch der der Realität erahnbar. Und dennoch: Das ganze Ausmaß dieser gespenstischen Welt hinter dem Schlüsselloch kann erst dann erfasst werden, wenn Nordkorea ein freies Land ist.

Architekturführer Pjöngjang
Herausgegeben von Philipp Meuser
Softcover im Schuber, zwei Bände, 368 Seiten, deutsch
Dom Publishers, Berlin, 2011
38,00 Euro
www.dom-publishers.com

Baustelle an der Thongil Straße, Foto: Meuser/DOM publishers
Blick auf den Taedong Fluss, Foto: Meuser/DOM publishers
Eissporthalle mit Platz für 6.000 Zuschauer, Foto: Meuser/DOM publishers
Triumphbogen zur Erinnerung an die japanische Besatzung von 1925 bis 1945, Foto: Meuser/DOM publishers
Propagandatafel mit ideologischen Parolen, Foto: Meuser/DOM publishers
Glückwünsche zum Geburtstag von Kim Il-sung an einer Hausfassade, Foto: Meuser/DOM publishers
Wartezimmer eines Friseursalons, Foto: Meuser/DOM publishers
Wohnblock im Zentrum, Foto: Meuser/DOM publishers
U-Bahn-Station Yongwang, Foto: Meuser/DOM publishers
Ärmliche Wohnsiedlung, Foto: Meuser/DOM publishers
Hotel Ryugyong in der Form einer Pyramide, Foto: Meuser/DOM publishers
Mosaik von Kim Jong-il auf dem Gelände des Verlags für Fremdsprachige Literatur, Foto: Meuser/DOM publishers
News & Stories › 2011 › Oktober
Das Geheimnis jenseits der entmilitarisierten Zone
von Sandra Hofmeister | 20. Oktober 2011
Der „Architekturführer Pjöngjang" von Philipp Meuser schlüsselt die Gestaltung der nordkoranischen Hauptstadt als systematisches Kuriositätenkabinett auf und erklärt gleichzeitig die Geschichte der Stadt.
Der Blick durchs Schlüsselloch hat manchmal etwas Unheimliches: Wenn Umrisse und Konturen verschwommen bleiben, können Gegenstände nur erahnt, nicht aber vollständig erfasst werden. Oft treibt die Fantasie dann ihre Spielchen mit den Bruchstücken der Wahrnehmung. Sie malt die Fragmente hinter dem Guckloch zu gespenstischen Schatten und bedrohlichen Geheimnissen aus. Je länger das Unbekannte nicht erforscht wird, desto monströser fällt sein Vexierbild aus.

Wer einmal am nördlichen Rand der südkoreanischen Hauptstadt Seoul war und den Blick über die entmilitarisierte Zone schweifen ließ, dem wird diese Erfahrung bekannt vorkommen. Denn Landschaften und Gebäude hinter der militärisch streng bewachten Grenze zur Demokratischen Volksrepublik Nordkorea geben nur eine verschwommene Ahnung dieser rundherum abgeriegelten, letzten Bastion des Kalten Krieges wieder. Der Alltag dieser Welt aber liegt in einem unbekannten Nirgendwo jenseits der inszenierten Bilder von Militärparaden, die ab und an als Propaganda des Imperiums von Kim Il-sung und seines Nachfolgers Kim Jong-il nach Außen dringen.

Mit seinem Pjöngjang-Führer hat Philipp Meuser den Alltag in der nordkoreanischen Hauptstadt zwar nicht ergründet. Trotzdem trägt sein Architekturbuch maßgeblich dazu bei, das unbekannte Land durch eine Beschreibung seiner Gebäude zu entdämonisieren und das Geheimnis des Unbekannten zumindest in Teilen zu lüften. Beim Besuch von Pjöngjang durfte sich der Berliner Architekt natürlich nicht frei bewegen. Mit einem vom Regime gestellten Begleiter, einem Übersetzer und einem Fahrer, der die kleine Reisegruppe an ausgewählte Orte brachte, glich das Unternehmen eher einem Staatsbesuch als einer Recherchereise eines Architekturkritikers. Ratlosigkeit und Unverständnis für den totalitären Staat haben den Autor während der gesamten Reise begleitet. Gleichwohl suggerieren die Beschreibungen und Dokumente, die er in dem Reiseführer zusammengetragen hat, ein Stück Normalität und führen sich damit selbst ad absurdum.

Standardisierter Massenwohnungsbau, monumentale öffentliche Gebäude und Propagandamosaike säumen die leeren Straßen der Millionenmetropole. Großplastiken und Denkmäler für den „Ewigen Präsidenten" unterbrechen den Rhythmus des urbanen Raumes und geben Orientierungsmuster vor. Meuser beschreibt das architektonische Kuriositätenkabinett Pjöngjangs als „das wahrscheinlich am besten erhaltene Open-Air-Museum sozialistischer Baukunst." Der utopische, ideologische Gehalt der nordkoreanischen Stadtplanung zeigt sich als Relikt aus der Ära materialistischer, soziologisch-gesellschaftlicher Experimente, die nicht nur im Westen sondern auch in Russland längst als gescheitert gelten. Breite Straßenzüge und weite Plätze entlang des Taedong-Flusses machen Pjöngjang zu einer Stadt der Moderne, in welcher der Größenwahnsinn vergangener Epochen noch heute lebendig ist. Gepflegte Wohnbauten verdecken die primitiven Hütten dahinter, nachts sind die Monumente in der ansonsten dunklen Stadt mit Lichtinszenierungen erhellt. Alle Gebäude in der nordkoreanischen Hauptstadt wurden staatlich errichtet. Der diktatorisch angeordnete Kollektivismus, die wirtschaftliche Notversorgung und die Ausrichtung auf staatliche Großereignisse mit den dazu erforderlichen Prachtbauten prägen den urbanen Raum, der exakt auf die Staatsideologie zugeschnitten ist und zu ihrem Vehikel wird. Überraschenderweise folgen dabei einzelne Gebäudeformen den internationalen Trends ihrer Entstehungszeit. Insbesondere die Wohntürme und Wohnschlangen gehen nicht auf koreanische Traditionen, sondern auf die Nachkriegsutopie sowjetischer Wohnmaschinen zurück. Ein gewaltiger Triumphbogen, der 1982 errichtet wurde und an die Befreiung von der japanischen Besatzung durch den Einmarsch der Roten Armee erinnern soll, ist in den Verkehrsfluss integriert. „Architektur als Instrument einer postkolonialen Rache, um sich bei der eigenen Bevölkerung als Held aufzuspielen", kommentiert Philipp Meuser das monströse Bauwerk, das Kim Il-sung zum 70. Geburtstag gewidmet wurde.

Superlative haben die Bauwerke in Pjöngjang viele zu bieten: Auf einer Flussinsel breitet sich das Stadion 1. Mai aus, unter dessen Aluminiumdach 150.000 Besucher Platz finden – das größte Stadion der Welt. Hier findet die jährliche Massengymnastik „Arirang" statt, bei der Hunderte von Kindern und Jugendlichen mit militärischer Disziplin präzise Körperertüchtigungen darbieten und schwere Tafeln, die in Abfolge auf den Tribünen geschwenkt werden, den Takt für über hundert verschiedene Bühnenbilder angeben. Gewaltige Baustellen wie die der Dreieckspyramide des Ryugyong-Hotels wurden mithilfe nordamerikanischer Finanzspritzen zur Ausrichtung der dreizehnten Weltfestspiele der Jugend errichtet. Nach vorläufiger Stilllegung wurde das 300 Meter hohe Betongebäude erst kürzlich mithilfe eines ägyptischen Telefon- und Baukonzerns fertig gestellt – nach mehr als zwanzig Jahren Bauzeit.

„Die Grundideen der sozialistischen Bildung. Hurra!" lautet die knallbunte Inschrift auf einem Betonsockel, der auf vier farbigen Feldern weiter verheißt: „Treue durch Loyalität, Geist der Treue, Sieg der besten Schulklasse, Tag der Sonne". Kim Il-sungs Geburtstag am 15. April wird in Nordkorea als „Tag der Sonne" mit öffentlichen Tanzveranstaltungen gefeiert. Werbeplakate gibt es hinter dem Eisernen Vorhang nicht. Dafür zeigen monumentale Denkmäler, Fotos und Mosaike Kim Il-sung in allen Lebenslagen. Die Abwesenheit von Menschen auf diesen Bildern wird durch symbolisch aufgeladene Blumen wettgemacht, welche die Anwesenheit der Macht zur Apotheose ihrer Herrscher stilisieren.

Philipp Meusers Architekturführer nähert sich mit klugen Aufsätzen verschiedener Autoren an das Land hinter dem Eisernen Vorhang an. Es deckt die Geschichte Pjöngjangs auf, analysiert die Agitation im Stadtraum und kommentiert Auszüge aus Kim Jong-il's Propagandaschrift „Über die Baukunst" von 1991. „Die künstlerische Gestaltung der Architektur wird zur ideologisch-geistigen Garantie für die Lobpreisung der Größe des Führers", heißt es da ganz selbstverständlich. Durch Fotos, welche die zweibändige Publikation als Ergänzung zu offiziellen Bildern aus verschiedenen Archiven zusammenträgt, wird nicht nur der Wahnsinn der Propaganda, sondern auch der der Realität erahnbar. Und dennoch: Das ganze Ausmaß dieser gespenstischen Welt hinter dem Schlüsselloch kann erst dann erfasst werden, wenn Nordkorea ein freies Land ist.

Architekturführer Pjöngjang
Herausgegeben von Philipp Meuser
Softcover im Schuber, zwei Bände, 368 Seiten, deutsch
Dom Publishers, Berlin, 2011
38,00 Euro
www.dom-publishers.com