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This is tomorrow 2.0: Für den Audi Urban Future Award 2010 adaptierten und veränderten Alison Brooks Architects die Hamilton Collage. Bild © Audi Urban Future Initiative, Alison Brooks Architects
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Der Haus-O-Mat
Im Sommer 1956 eröffnete in Londons Whitechapel Art Gallery die Ausstellung „This Is Tomorrow“. Von Sigfried Giedions Buch „Die Herrschaft der Mechanisierung“ und den Experimenten Buckminster Fullers inspiriert, hatten Architekten, Künstler und Wissenschaftler in gemeinschaftlicher Arbeit die Ausstellung über Jahre vorbereitet und präsentierte dem vom Zweiten Weltkrieg gezeichnetem London eine erstaunlich zukunftsweisende Vision über den sich rapide kommerzialisierenden und technisierenden Alltag des „modernen Lebens“. In einer Mischung aus Technikeuphorie und Kulturskepsis mischte die Gruppe in ihren künstlerischen Environments Gesellschaftskritik mit Fortschrittsglauben, feierte Science Fiction und Popkultur. So steuerte der Künstler Richard Hamilton steuerte mit „Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?“ eine Collage zur Ausstellung bei, die nicht nur treffsicher die entstehende Konsum- und Mediengesellschaft antizipierte, sondern auch das Setting vorgab, in dem in Zukunft konsumiert werden sollte: Das Apartment. Die Collage, die auch als Poster für die Ausstellung fungierte, war aus Anzeigen für Staubsauger, Fernseher, Tonbandgeräten und Couchecken amerikanischer Magazine wie dem „Ladies Home Journal“ und dem „Tomorrow’s Man“ zusammengestellt.

Die in der Ausstellung zum Ausdruck gebrachte Haltung inspirierte die Gruppe Archigram in den 1960er Jahren zu einigen der visionärsten Stadtutopien unter technologischem Vorzeichen, die nicht nur das Apartment, sondern die Architektur des Hauses an sich völlig in Frage stellte: Die „Plug-In City“, die wie eine Steckplatine einer elektronischen Versuchsanordnung gestaltet war, oder die „Computer City“, in der sich das Leben lediglich zwischen technischen Infrastrukturen und Datenströmen abspielte, entwickeln gerade im gegenwärtigen Kontext unserer digitalisierten Lebenswelten und der von Überwachungskameras und Sensoren durchwirkten Stadt, der sogenannten „Smart City“, besonderen Aktualitätsbezug. Reyner Banham ging in seinem Essay „A Home is Not a House“ von 1965 sogar soweit, die Architektur des Hauses der Zukunft angesichts der technischen Anreicherung für gänzlich überflüssig zu erklären: „Wenn das eigene Haus eine solche komplexe Mischung aus Rohren, Abzügen, Schächten, Kabeln, Leuchten, Auslässen, Öfen, Waschbecken, Abfallentsorgungsgeräten, Hi-Fi-Hallgeräten, Antennen, Kanälen, Kühltruhen, Heizgeräten enthält, wenn es so viele Dienstleistungen bietet, dass die Hardware als Solitär ohne das Haus fest da stehen könnte – warum braucht man dann das Haus überhaupt? Wenn die Kosten für die Geräte fast die Hälfte aller Ausgaben ausmachen (bzw. mehr, was oft der Fall ist), wozu dann das Haus? Es dient höchstens noch als Hülle, um die mechanischen Intimbereiche vor den Augen der gaffenden Nachbarn zu schützen.“

Der Traum vom automatisierten Haus

Während in London die Besucher in die Whitechapel Art Gallery strömten, wurde auf der anderen Seite des Atlantiks die Zukunft des Hauses von einer kaum weniger interdisziplinären Konstellation von Akteuren ausgelotet, wenn auch unter denkbar anderen Vorzeichen: Der Kunststoffhersteller Monsanto, auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für sein modernes Material, hatte die Architekturfakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einer Grundlagenforschung zum Einsatz von Kunststoff in der zeitgenössischen Wohnung beauftragt und mit Walt Disney einen zukunftseuphorischen Unternehmer ausgemacht, der für seinen gerade eröffneten Themenpark Disneyland händeringend auf der Suche nach Konzepten für sein noch nicht so recht zukunftsweisendes „Tomorrowland“ war.
Das Monsanto House of the Future. Die schlichte Erkenntnis: In Zukunft ist alles aus Plastik und Hausarbeit besteht hauptsächlich aus Knöpfe drücken
und warten. Foto © Disney Corp.
Elektronisch, organisch und irgendwie albtraumhaft: Das Kissimmee Xanadu House ist ungefähr so befremdlich wie sein Name. Video © Roy Mason
Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen wurde 1957 vorgestellt: Das „ Monsanto House of the Future“ im kalifornischen Anaheim. Eine abgerundete Raumstation aus weißem Kunststoff, in der die Vorzüge des modernen Lebens in einem maximal technisierten Innenraum – ebenfalls komplett aus Kunststoff – demonstriert wurde. Im Werbevideo zum Haus träumt sich die amerikanische Durchschnittsfamilie in ein Leben, dessen Alltagstätigkeiten wie Kochen, Waschen, Putzen und Schlafen hauptsächlich per Knopfdruck gesteuert wird. Das „Monsanto House of the Future“ markiert damit den Startpunkt für die Evolution des „Showcase Smart Homes“, jener 1:1-Demonstrationsobjekte technologisch angereicherter Wohnwelten, die auf keiner Weltausstellung oder Technologiemesse fehlen dürfen. Dazu gehören Fords Zukunftshaus in „1999 AD“ (1967), das abgedrehte „Kissimmee Xanadu House“ (1985), Microsofts „Smart Home“ (1999) oder das „Living Tomorrow“-Haus der belgischen Erfinder Maurice und Frank Belien (2007) – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die saubere Welt der Möglichkeiten

Viele dieser Demonstrationen zukünftiger Wohnwelten liegen absolut richtig in ihrer Antizipation der gegenwärtigen Ausgestaltung unseres Alltags: Von der Speisenzubereitung in der Mikrowelle über Onlineshopping bis zum Homeoffice dank Videokonferenzsystemen und E-Mail ist schon alles in diesen Visionen der Smart Homes angelegt.
So 1990er! Das Microsoft Home konnte eigentlich schon alles, was der Markt heute anbietet. Video © Microsoft Corp.
Doch während die technologische Entwicklung ganz dem Konzept der Meme zu folgen scheint – was einmal als Möglichkeit gezeigt wurde, wird auch möglich gemacht – scheint die Bewohnerschaft dieser Zukunftswohnungen erstaunlich altmodisch. In allen Smart Homes ist das Haus Refugium, Solitär, selbstversorgend und allumfassend kompetent und dient der Kleinfamilie Vater-Mutter-Kind. Die Familie muss ihren Hausautomaten nicht mehr verlassen, denn das, was sie braucht ist schon da oder zumindest per Knopfdruck oder Bildschirm verfügbar. Der Kontakt mit Menschen in physischer Form beschränkt sich auf befreundete Paare, die zu besonderen Anlässen vielleicht mal für ein Dinner vorbeikommen. Arbeitskollegen, Lehrer und Verkäufer werden lediglich zugeschaltet, sonst herrscht „smart solitude“.

Doch unsere Städte verändern sich massiv und auch wie wir in ihnen leben: Diskussionen und Entwicklung alternativer Gemeinschaftskonzepte des Wohnens haben die Hippie-WGs schon lange verlassen, neue Grundrisse, neue Wohn- und Arbeitswelten und alternative Finanzierungsmodelle für ein zeitgemäßes Wohnen finden nahezu unter Ausschluss dessen statt, was an intelligenter Haustechnik in die immer gleiche Wohnform des Smart Homes eingebaut wird. Die Visionen des Smart Homes der Zukunft sind heute – jedenfalls was die Transformationen der Lebenswelt und ihrer Bewohner angeht – von gestern.

Verbiegungen und Verbeugungen vor den Hausmaschinen

Damit ist bisher keine Kritik geäußert, die die Entwicklung des Smart Homes nicht von Anfang an begleitet hätte: Genauso alt wie die Bemühungen um die Vereinfachung des häuslichen Alltags durch technische Innovationen, ist die kulturkritische Persiflage dieser Entwicklungen. Die Beispiele sind zahlreich und auf ihre jeweils eigene Weise thematisieren sie die Verbiegungen und Verbeugungen vor den technischen Geräten – die Hilflosigkeit angesichts einer Maschine, die einfach nicht das macht, was sie machen soll, die den Menschen zwingt sein natürliches Bewegungsrepertoire aufzugeben, die strukturierten Bahnen des Denkens zu verlassen.
Retrofuturism: Das "Living-Tomorrow"-Haus zitiert das optimistische Design der 1970er Jahre. Dazwischen: Überall Touchscreens.
Video © Maurice Belien & Frank Belien
Da wäre Charlie Chaplin, der in „Modern Times“ von 1936 als Versuchskaninchen zur Demonstration einer Essmaschine in eine Apparatur geschnallt wird, die – gelinde gesagt – noch ein Stückweit von der Marktreife entfernt ist und demonstriert uns in unnachahmlicher Art das Versagen der guten Intentionen. In Jaques Tatis „Mon Oncle“ aus dem Jahre 1958 unterwerfen sich die Bewohner – nicht minder komisch anzuschauen – bereits freiwillige den Umständen, die die Technik des modernen Zuhauses diktiert. Die ikonische Villa Arpel, vom Maler – nicht vom Architekten – Jacques Larange entworfen, ist ein aseptischer Hausautomat, der auf jedes Staubkorn ähnlich hysterisch und aktionistisch reagiert, wie seine Bewohnerin.

Die Liste ließe sich endlos fortführen und kaum jemand wird nicht selbst eine Geschichte zu erzählen haben, wie ihm die vermeintlich wohlmeinende Technik den Alltag eben nicht erleichtert, sondern erschwert hat. Die Autoren mussten so zum Beispiel Meetings und Telefongespräche in ihrem Büro, das sich in einem Richard Rogers-Gebäude befindet, fast stündlich unterbrechen, da vorüberziehende Wolken an sonnigen Tagen die gesamte Fassade dazu brachte, ihre Sonnenpaneele verwirrt kreischend ein- und auszudrehen.

Architektur vom Menschen her denken

Was in der popkulturellen Kritik des Hausautomaten besonders deutlich wird: Das Smart Home muss mit frischem Elan gedacht werden. Erst dort, wo der Mensch und wie er heute lebt, arbeitet, liebt und denkt zum Mittelpunkt der Innovationsforschung gemacht wird, kann auch die Innovation entstehen, die die Hülle, das Habitat vom Menschen herdenkt und nicht von den Möglichkeiten allein, die Technologien bieten.
Beim Zahnarzt? Nein, dieses aseptische Idyll ist die moderne Küche von Morgen. Video © Youtube: Jacques Tati, Mon Oncle
Die Villa Arpel im Film "Mon Oncle" von Jacques Tati aus dem Jahre 1958. Filmstill © Youtube: Jacques Tati, Mon Oncle
Beim Nachdenken über neue Wege für das Haus der Zukunft geht es nicht darum, Technik aus dem Haus zu verbannen, sondern es geht vielmehr darum, die Innenräume des Hauses von sichtbarer Technik zu befreien, die heute unter dem Stichwort „Zero UI“ – also „Null Bedienoberflächen“ – verhandelt wird. Ob wir in Zukunft wie Tom Cruise in „Minority Report“ mit Datenhandschuhen bekleidet ein Bewegungsballett vor raumgroßen Projektionsdisplays aufführen oder wie Robert Downey Jr. in „Iron Man“ in Hologrammen komplexer Baupläne unserer Arbeit nachgehen, das wird wohl auch in Zukunft nur für Spezialagenten oder Superhelden wichtig. Eine viel relevantere Zukunftsvision hat uns in den letzten Jahren Spike Jones mit seinem Film HER geliefert. Joaquin Phoenix verliebt sich in diesem Film, der in der näheren Zukunft spielt, in eine Computerstimme, die ihn als persönliche Assistentin überallhin begleitet und genauso lebenspraktische wie emotionale Schützenhilfe in der Bewältigung des Alltags leistet. Jones Setdesigner K.K. Barrett schuf für diesen Film eine Kulisse, die sich kaum von unserer Gegenwart unterscheidet. Aber eben nur fast: Das Apartment in dem der Hauptprotagonist wohnt, ist fast das Gegenteil von Hamiltons Collage: Nirgends findet man technische Einbauten, Steuerungselemente und andere Geräte. Ähnlich verhält es sich bei seinem Arbeitsplatz. Und auch die Stadt selbst, in der der Film spielt, ist überraschend frei von Technik. Barretts wichtigste Referenz für die Ausstattung des Films war angeblich ein Buch über futuristische Technologien – allerdings achtete er darauf, dass keine der in dem Buch beschriebenen Vorstellungen von der Zukunft in der Filmwelt auftauchten. Barrett erklärt: „Wir waren der Meinung, dass es in unserem Film nicht um die Technologie ging, und wenn, dann musste sie unsichtbar bleiben. Nicht unsichtbar wie eine Glasscheibe – denn die Technologie ist nicht verschwunden, sondern in den Alltag aufgegangen.“ – This Is Tomorrow.


Stefan Carsten, Zukunftsforscher und Stadtgeograf, kombiniert in seiner Arbeit die Themenfelder Zukunft, Stadt und Mobilität. Die Zukunft ist dabei Perspektive und Methode, um gegenwärtige Stadt-, Mobilitäts- und Lebenswelten zu hinterfragen und aufzudecken. Dies beinhaltet Strategien und Taktiken sowie Innovationen und Transformationen für zukunftsfähige Städte, Räume, Organisationen und Menschen. www.stefancarsten.net

Ludwig Engel arbeitet als Zukunftsforscher und Urbanist an Fragen der langfristigen Strategie, der Stadt der Zukunft und urbaner Utopien. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, Kommunikationswissenschaft und Kulturgeschichte in Berlin, Frankfurt/Oder und Shanghai. Von 2005-2011 war er Mitglied des Daimler AG Think-Tanks für Zukunftsfragen und strategische Langfristplanung. Nach verschiedenen Lehraufträgen in den Bereichen strategischer Vorausschau, Zukunftsforschung, Stadtplanung und urbane Zukünfte lehrt er zur Zeit an der Berliner Universität der Künste (Strategic Foresight und Zukunftsforschung) sowie an der TU Berlin (Architecture Design Innovation Program). www.ludwigengel.net
In Spike Jonze Film "Her" sieht man kaum noch technologische Gadgets, obwohl die Welt voll und ganz von Technik durchdrungen ist.
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News & Stories › 2016 › März
Der Haus-O-Mat
von Stefan Carsten und Ludwig Engel | 14. März 2016
Die Nachkriegsmoderne versprach, unseren Alltag per Knopfdruck zu erleichtern. Setzt die Digitalisierung die Entwicklung lediglich fort?
Im Sommer 1956 eröffnete in Londons Whitechapel Art Gallery die Ausstellung „This Is Tomorrow“. Von Sigfried Giedions Buch „Die Herrschaft der Mechanisierung“ und den Experimenten Buckminster Fullers inspiriert, hatten Architekten, Künstler und Wissenschaftler in gemeinschaftlicher Arbeit die Ausstellung über Jahre vorbereitet und präsentierte dem vom Zweiten Weltkrieg gezeichnetem London eine erstaunlich zukunftsweisende Vision über den sich rapide kommerzialisierenden und technisierenden Alltag des „modernen Lebens“. In einer Mischung aus Technikeuphorie und Kulturskepsis mischte die Gruppe in ihren künstlerischen Environments Gesellschaftskritik mit Fortschrittsglauben, feierte Science Fiction und Popkultur. So steuerte der Künstler Richard Hamilton steuerte mit „Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?“ eine Collage zur Ausstellung bei, die nicht nur treffsicher die entstehende Konsum- und Mediengesellschaft antizipierte, sondern auch das Setting vorgab, in dem in Zukunft konsumiert werden sollte: Das Apartment. Die Collage, die auch als Poster für die Ausstellung fungierte, war aus Anzeigen für Staubsauger, Fernseher, Tonbandgeräten und Couchecken amerikanischer Magazine wie dem „Ladies Home Journal“ und dem „Tomorrow’s Man“ zusammengestellt.

Die in der Ausstellung zum Ausdruck gebrachte Haltung inspirierte die Gruppe Archigram in den 1960er Jahren zu einigen der visionärsten Stadtutopien unter technologischem Vorzeichen, die nicht nur das Apartment, sondern die Architektur des Hauses an sich völlig in Frage stellte: Die „Plug-In City“, die wie eine Steckplatine einer elektronischen Versuchsanordnung gestaltet war, oder die „Computer City“, in der sich das Leben lediglich zwischen technischen Infrastrukturen und Datenströmen abspielte, entwickeln gerade im gegenwärtigen Kontext unserer digitalisierten Lebenswelten und der von Überwachungskameras und Sensoren durchwirkten Stadt, der sogenannten „Smart City“, besonderen Aktualitätsbezug. Reyner Banham ging in seinem Essay „A Home is Not a House“ von 1965 sogar soweit, die Architektur des Hauses der Zukunft angesichts der technischen Anreicherung für gänzlich überflüssig zu erklären: „Wenn das eigene Haus eine solche komplexe Mischung aus Rohren, Abzügen, Schächten, Kabeln, Leuchten, Auslässen, Öfen, Waschbecken, Abfallentsorgungsgeräten, Hi-Fi-Hallgeräten, Antennen, Kanälen, Kühltruhen, Heizgeräten enthält, wenn es so viele Dienstleistungen bietet, dass die Hardware als Solitär ohne das Haus fest da stehen könnte – warum braucht man dann das Haus überhaupt? Wenn die Kosten für die Geräte fast die Hälfte aller Ausgaben ausmachen (bzw. mehr, was oft der Fall ist), wozu dann das Haus? Es dient höchstens noch als Hülle, um die mechanischen Intimbereiche vor den Augen der gaffenden Nachbarn zu schützen.“

Der Traum vom automatisierten Haus

Während in London die Besucher in die Whitechapel Art Gallery strömten, wurde auf der anderen Seite des Atlantiks die Zukunft des Hauses von einer kaum weniger interdisziplinären Konstellation von Akteuren ausgelotet, wenn auch unter denkbar anderen Vorzeichen: Der Kunststoffhersteller Monsanto, auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für sein modernes Material, hatte die Architekturfakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einer Grundlagenforschung zum Einsatz von Kunststoff in der zeitgenössischen Wohnung beauftragt und mit Walt Disney einen zukunftseuphorischen Unternehmer ausgemacht, der für seinen gerade eröffneten Themenpark Disneyland händeringend auf der Suche nach Konzepten für sein noch nicht so recht zukunftsweisendes „Tomorrowland“ war.
Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen wurde 1957 vorgestellt: Das „ Monsanto House of the Future“ im kalifornischen Anaheim. Eine abgerundete Raumstation aus weißem Kunststoff, in der die Vorzüge des modernen Lebens in einem maximal technisierten Innenraum – ebenfalls komplett aus Kunststoff – demonstriert wurde. Im Werbevideo zum Haus träumt sich die amerikanische Durchschnittsfamilie in ein Leben, dessen Alltagstätigkeiten wie Kochen, Waschen, Putzen und Schlafen hauptsächlich per Knopfdruck gesteuert wird. Das „Monsanto House of the Future“ markiert damit den Startpunkt für die Evolution des „Showcase Smart Homes“, jener 1:1-Demonstrationsobjekte technologisch angereicherter Wohnwelten, die auf keiner Weltausstellung oder Technologiemesse fehlen dürfen. Dazu gehören Fords Zukunftshaus in „1999 AD“ (1967), das abgedrehte „Kissimmee Xanadu House“ (1985), Microsofts „Smart Home“ (1999) oder das „Living Tomorrow“-Haus der belgischen Erfinder Maurice und Frank Belien (2007) – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die saubere Welt der Möglichkeiten

Viele dieser Demonstrationen zukünftiger Wohnwelten liegen absolut richtig in ihrer Antizipation der gegenwärtigen Ausgestaltung unseres Alltags: Von der Speisenzubereitung in der Mikrowelle über Onlineshopping bis zum Homeoffice dank Videokonferenzsystemen und E-Mail ist schon alles in diesen Visionen der Smart Homes angelegt.
Doch während die technologische Entwicklung ganz dem Konzept der Meme zu folgen scheint – was einmal als Möglichkeit gezeigt wurde, wird auch möglich gemacht – scheint die Bewohnerschaft dieser Zukunftswohnungen erstaunlich altmodisch. In allen Smart Homes ist das Haus Refugium, Solitär, selbstversorgend und allumfassend kompetent und dient der Kleinfamilie Vater-Mutter-Kind. Die Familie muss ihren Hausautomaten nicht mehr verlassen, denn das, was sie braucht ist schon da oder zumindest per Knopfdruck oder Bildschirm verfügbar. Der Kontakt mit Menschen in physischer Form beschränkt sich auf befreundete Paare, die zu besonderen Anlässen vielleicht mal für ein Dinner vorbeikommen. Arbeitskollegen, Lehrer und Verkäufer werden lediglich zugeschaltet, sonst herrscht „smart solitude“.

Doch unsere Städte verändern sich massiv und auch wie wir in ihnen leben: Diskussionen und Entwicklung alternativer Gemeinschaftskonzepte des Wohnens haben die Hippie-WGs schon lange verlassen, neue Grundrisse, neue Wohn- und Arbeitswelten und alternative Finanzierungsmodelle für ein zeitgemäßes Wohnen finden nahezu unter Ausschluss dessen statt, was an intelligenter Haustechnik in die immer gleiche Wohnform des Smart Homes eingebaut wird. Die Visionen des Smart Homes der Zukunft sind heute – jedenfalls was die Transformationen der Lebenswelt und ihrer Bewohner angeht – von gestern.

Verbiegungen und Verbeugungen vor den Hausmaschinen

Damit ist bisher keine Kritik geäußert, die die Entwicklung des Smart Homes nicht von Anfang an begleitet hätte: Genauso alt wie die Bemühungen um die Vereinfachung des häuslichen Alltags durch technische Innovationen, ist die kulturkritische Persiflage dieser Entwicklungen. Die Beispiele sind zahlreich und auf ihre jeweils eigene Weise thematisieren sie die Verbiegungen und Verbeugungen vor den technischen Geräten – die Hilflosigkeit angesichts einer Maschine, die einfach nicht das macht, was sie machen soll, die den Menschen zwingt sein natürliches Bewegungsrepertoire aufzugeben, die strukturierten Bahnen des Denkens zu verlassen.
Da wäre Charlie Chaplin, der in „Modern Times“ von 1936 als Versuchskaninchen zur Demonstration einer Essmaschine in eine Apparatur geschnallt wird, die – gelinde gesagt – noch ein Stückweit von der Marktreife entfernt ist und demonstriert uns in unnachahmlicher Art das Versagen der guten Intentionen. In Jaques Tatis „Mon Oncle“ aus dem Jahre 1958 unterwerfen sich die Bewohner – nicht minder komisch anzuschauen – bereits freiwillige den Umständen, die die Technik des modernen Zuhauses diktiert. Die ikonische Villa Arpel, vom Maler – nicht vom Architekten – Jacques Larange entworfen, ist ein aseptischer Hausautomat, der auf jedes Staubkorn ähnlich hysterisch und aktionistisch reagiert, wie seine Bewohnerin.

Die Liste ließe sich endlos fortführen und kaum jemand wird nicht selbst eine Geschichte zu erzählen haben, wie ihm die vermeintlich wohlmeinende Technik den Alltag eben nicht erleichtert, sondern erschwert hat. Die Autoren mussten so zum Beispiel Meetings und Telefongespräche in ihrem Büro, das sich in einem Richard Rogers-Gebäude befindet, fast stündlich unterbrechen, da vorüberziehende Wolken an sonnigen Tagen die gesamte Fassade dazu brachte, ihre Sonnenpaneele verwirrt kreischend ein- und auszudrehen.

Architektur vom Menschen her denken

Was in der popkulturellen Kritik des Hausautomaten besonders deutlich wird: Das Smart Home muss mit frischem Elan gedacht werden. Erst dort, wo der Mensch und wie er heute lebt, arbeitet, liebt und denkt zum Mittelpunkt der Innovationsforschung gemacht wird, kann auch die Innovation entstehen, die die Hülle, das Habitat vom Menschen herdenkt und nicht von den Möglichkeiten allein, die Technologien bieten.
Beim Nachdenken über neue Wege für das Haus der Zukunft geht es nicht darum, Technik aus dem Haus zu verbannen, sondern es geht vielmehr darum, die Innenräume des Hauses von sichtbarer Technik zu befreien, die heute unter dem Stichwort „Zero UI“ – also „Null Bedienoberflächen“ – verhandelt wird. Ob wir in Zukunft wie Tom Cruise in „Minority Report“ mit Datenhandschuhen bekleidet ein Bewegungsballett vor raumgroßen Projektionsdisplays aufführen oder wie Robert Downey Jr. in „Iron Man“ in Hologrammen komplexer Baupläne unserer Arbeit nachgehen, das wird wohl auch in Zukunft nur für Spezialagenten oder Superhelden wichtig. Eine viel relevantere Zukunftsvision hat uns in den letzten Jahren Spike Jones mit seinem Film HER geliefert. Joaquin Phoenix verliebt sich in diesem Film, der in der näheren Zukunft spielt, in eine Computerstimme, die ihn als persönliche Assistentin überallhin begleitet und genauso lebenspraktische wie emotionale Schützenhilfe in der Bewältigung des Alltags leistet. Jones Setdesigner K.K. Barrett schuf für diesen Film eine Kulisse, die sich kaum von unserer Gegenwart unterscheidet. Aber eben nur fast: Das Apartment in dem der Hauptprotagonist wohnt, ist fast das Gegenteil von Hamiltons Collage: Nirgends findet man technische Einbauten, Steuerungselemente und andere Geräte. Ähnlich verhält es sich bei seinem Arbeitsplatz. Und auch die Stadt selbst, in der der Film spielt, ist überraschend frei von Technik. Barretts wichtigste Referenz für die Ausstattung des Films war angeblich ein Buch über futuristische Technologien – allerdings achtete er darauf, dass keine der in dem Buch beschriebenen Vorstellungen von der Zukunft in der Filmwelt auftauchten. Barrett erklärt: „Wir waren der Meinung, dass es in unserem Film nicht um die Technologie ging, und wenn, dann musste sie unsichtbar bleiben. Nicht unsichtbar wie eine Glasscheibe – denn die Technologie ist nicht verschwunden, sondern in den Alltag aufgegangen.“ – This Is Tomorrow.


Stefan Carsten, Zukunftsforscher und Stadtgeograf, kombiniert in seiner Arbeit die Themenfelder Zukunft, Stadt und Mobilität. Die Zukunft ist dabei Perspektive und Methode, um gegenwärtige Stadt-, Mobilitäts- und Lebenswelten zu hinterfragen und aufzudecken. Dies beinhaltet Strategien und Taktiken sowie Innovationen und Transformationen für zukunftsfähige Städte, Räume, Organisationen und Menschen. www.stefancarsten.net

Ludwig Engel arbeitet als Zukunftsforscher und Urbanist an Fragen der langfristigen Strategie, der Stadt der Zukunft und urbaner Utopien. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, Kommunikationswissenschaft und Kulturgeschichte in Berlin, Frankfurt/Oder und Shanghai. Von 2005-2011 war er Mitglied des Daimler AG Think-Tanks für Zukunftsfragen und strategische Langfristplanung. Nach verschiedenen Lehraufträgen in den Bereichen strategischer Vorausschau, Zukunftsforschung, Stadtplanung und urbane Zukünfte lehrt er zur Zeit an der Berliner Universität der Künste (Strategic Foresight und Zukunftsforschung) sowie an der TU Berlin (Architecture Design Innovation Program). www.ludwigengel.net
Der Haus-O-Mat

Die Nachkriegsmoderne versprach, unseren Alltag per Knopfdruck zu erleichtern. Setzt die Digitalisierung die Entwicklung lediglich fort?

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