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Details im Blick
von Mathias Remmele | 11. Oktober 2013
Das 1920-24 errichtete Verwaltungsgebäude der Höchst AG in Frankfurt am Main gilt als ein Hauptwerk des Architektur-Expressionismus. Foto © marixverlag
Der Architekt und Designer Peter Behrens (1868 –1940) gehörte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten und einflussreichsten Gestaltern Deutschlands. Von seinen zahlreichen Bauten, die sich stilistisch zwischen Jugendstil, Neo-Klassizismus, Expressionismus und Moderne bewegen, haben sich vergleichsweise viele erhalten. Einige zählen bis heute zu den Architekturikonen ihrer Zeit.

Nachdem in diesem Frühjahr bereits die Kunsthalle Erfurt Behrens Schaffen als Designer in einer breit angelegten Schau thematisiert hat (Stylepark berichtete), legt nun der Architekt, Architekturhistoriker und Fotograf Carsten Krohn das Buch „Peter Behrens Architektur“ vor. Es widmet sich dem baukünstlerischen Teil von Behrens Werk und nimmt für sich in Anspruch, erstmals das gesamte gebaute Œuvre des Altmeisters zu dokumentieren.

Der Band ist freilich keine architekturgeschichtliche Betrachtung im herkömmlichen Sinne, sondern im wesentlichen ein Bildband. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Seine Stärke, weil die Fotografien von Carsten Krohn auf unspektakuläre, aber ungemein präzise Weise wesentliche Qualitäten von Behrens Bauten zu erfassen vermögen. Seine Schwäche, weil es aufgrund der Bilder und der auf zwei, drei Sätze beschränkten Erläuterungstexten praktisch nie gelingt, sich ein einigermaßen umfassendes Bild von den Projekten zu machen.

Nach einer recht kurzen Einleitung, die Behrens Karriere nachzeichnet und seine Architektur charakterisiert, werden die Projekte in chronologischer Reihenfolge präsentiert. Dies ermögliche es, wie Krohn schreibt, „Strukturen im Entwerfen zu sehen, die sich kontinuierlich durch das Werk ziehen“. Daneben ließe sich durch die Betrachtung des Gesamtwerkes erkennen, „wie evolutionär es sich entwickelt und wie einheitlich und klar die Bauten proportioniert sind“. Krohn spricht von einem „System der Beziehungen und Verweise“ – ein spannender Gedanken, der leider an keiner Stelle konkretisiert wird. Der Betrachter muss sich dieses System quasi selbst aus den Bildern heraus destillieren – und der Rezensent gesteht, dass ihm das nicht wirklich gelungen ist.

Sämtliche Projekte werden mit ein bis zwei historischen Fotografien vorgestellt. Bei den noch existierenden Bauten schließt sich eine variable Anzahl von Bildern des heutigen Zustandes an – mal sind es Außenaufnahmen, mal werden Innenräume gezeigt, mal richtet sich der Fokus auf gestalterische Details. Dabei gelingt es Krohn immer wieder aufzuzeigen, wie konsequent und variantenreich Behrens bestimmte formale Motive durchdeklinierte – besonders anschaulich etwa am riesigen Komplex der Tabakfabrik in Linz (1929 -1935) oder am Hoechst-Verwaltungsgebäude in Frankfurt am Main (1920 -1924).

Auch die Sorgfalt bei den Detaillösungen, die Behrens noch seinen profansten Industriebauten angedeihen lies, hebt Krohn durch seine Aufnahmen wirkungsvoll hervor. Und wer sich je gefragt hat, wo der ehemalige Behrens-Mitarbeiter Mies van der Rohe seine Detailversessenheit und sein sicheres Gefühl für Proportionen her hatte, wird hier die Antwort finden.

Überhaupt regt das Buch dazu an, das Verhältnis von Behrens und van der Rohe neu zu überdenken. Krohn zeigt etwa, dass die legendäre Mies-Ecke bereits in zwei Behrens-Projekten auftaucht – bei den Bauten für die Frankfurter Gasgesellschaft (1910 -1912) und bei der Deutschen Botschaft in St. Petersburg (1911 - 1913) – also just zu der Zeit, in der Mies van der Rohe in Behrens Büro tätig war. Gemeinsam ist den beiden Meistern auch, wie sich an zahlreichen Beispielen zeigt, die nachhaltige Inspiration durch die Architektur von Friedrich Karl Schinkel und Frank Lloyd Wright.

Carsten Krohn ist für dieses Buch viel herumgereist. Und es dürfte ihn in vielen Fällen einiges an Vorbereitungs- und Überzeugungsarbeit gekostet haben, seine Aufnahmen machen zu können. Diesem Fleiß und dieser Zähigkeit gebührt Respekt.

Die von Krohn angestrebte Vollständigkeit bei der Dokumentation der Bauten hat einen erfreulichen Effekt: Neben den prominenten und architekturgeschichtlich bedeutenden Bauten wie etwa das Alexander- und Berolinahaus am Berliner Alexanderplatz und die AEG-Turbinenhalle in Berlin Moabit, zeigt der Band auch solche Arbeiten, die allenfalls Spezialisten und ausgesprochenen Kennern von Behrens Werk sein dürften. So etwa die Synagoge im slowakischen Žilina (1928 -1931), oder die Neugestaltung der Fassade des Kaufhauses „Stern“ in Zagreb (1927 - 1929), die von Behrens Auseinandersetzung mit der De-Stijl-Bewegung zeugt.

Die Fotografien von Krohn sind das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit dem jeweiligen Gebäude. Seine Sensibilität für die Details und die entscheidenden Perspektiven sind gar nicht genug zu loben. Großartig ist, um nur dieses Beispiel herauszugreifen, die Aufnahme der Seitenfassade der AEG-Turbinenhalle. Sie verdeutlicht schlagartig, wie sich Behrens selbst bei diesem Schlüsselbau der Industriearchitektur auf die Bauweise antiker Tempel bezieht.

Die Entscheidung, auch die verloren gegangenen Bauten von Behrens, von denen viele von vorneherein temporäre Ausstellungsbauten waren, in das Buch zu integrieren, kann hingegen nicht wirklich überzeugen. Wäre es nicht besser gewesen, den dafür verwendeten Platz für mehr Hintergrundinformationen über die noch existierenden Bauten zu nutzen? Auch Grundrisse und Schnitte, die grundsätzlich fehlen, wären in vielen Fällen für ein tieferes Verständnis der Projekte hilfreich. So aber muss sich der Leser entweder auf seine Vorbildung verlassen oder auf andere Quellen zurückgreifen.


Peter Behrens Architektur
Von Carsten Krohn
Weimarer Verlagsgesellschaft, 2013
Hardcover, 264 S., ca. 400 Abbildungen
58 Euro
www.marixverlag.de
Die mit Ziegelsteinen verblendete Betonkonstruktion öffnet sich im Inneren des Gebäudes zu einem Lichthof, dessen oberen Abschluss eine gläserne Lichtkuppel bildet. Alle Abb. aus dem Bildband „Peter Behrens Architektur”, marixverlag, Foto © Julian Zatloukal, Stylepark
Die Tabakfabrik in Linz entstand 1929-35 und ist der letzte große Industriebau den Behrens realisieren konnte. Ein horizontales Streifenmuster, das die Erscheinung der gesamten Tabakfabrik prägt, wird in der Glasfassade des Kraftwerkes variiert.
Die vieleckigen Ziegelsäulen, die die kristallin geformten Lichtkuppeln tragen, liess Behrens mit den Farben aus den Farbwerken Höchst bemalen.
Das Alexander- und das Berolinahaus am Alexanderplatz in Berlin entstanden 1929-32 im Zuge einer Neugestaltung der gesamten Platzanlage.
Die nüchternen Bürogebäude - heute die ältesten Bauwerke am Platz - sind stilistisch der klassischen Moderne zuzuordnen.
Die Detailierung der mit Muschelkalk-Stein verkleideten Fassade verweist auf Behrens alte Vorliebe für den Klassizismus.
Monumentale Pfeiler prägen die neo-klassizistische Fassade der 1910-13 erbauten AEG-Kleinmotorenfabrik in Berlin.
Architektur › 2013 › Oktober
Details im Blick
von Mathias Remmele | 11. Oktober 2013
Carsten Krohns fotografische Auseinandersetzung mit dem gebauten Werk von Peter Behrens liefert nicht nur eine vollständige Sammlung aller bestehenden Gebäude, sondern zeugt auch von seiner Detailversessenheit. Ein Bildband für Behrens-Bewunderer – allerdings mit Vorwissen.
Der Architekt und Designer Peter Behrens (1868 –1940) gehörte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten und einflussreichsten Gestaltern Deutschlands. Von seinen zahlreichen Bauten, die sich stilistisch zwischen Jugendstil, Neo-Klassizismus, Expressionismus und Moderne bewegen, haben sich vergleichsweise viele erhalten. Einige zählen bis heute zu den Architekturikonen ihrer Zeit.

Nachdem in diesem Frühjahr bereits die Kunsthalle Erfurt Behrens Schaffen als Designer in einer breit angelegten Schau thematisiert hat (Stylepark berichtete), legt nun der Architekt, Architekturhistoriker und Fotograf Carsten Krohn das Buch „Peter Behrens Architektur“ vor. Es widmet sich dem baukünstlerischen Teil von Behrens Werk und nimmt für sich in Anspruch, erstmals das gesamte gebaute Œuvre des Altmeisters zu dokumentieren.

Der Band ist freilich keine architekturgeschichtliche Betrachtung im herkömmlichen Sinne, sondern im wesentlichen ein Bildband. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Seine Stärke, weil die Fotografien von Carsten Krohn auf unspektakuläre, aber ungemein präzise Weise wesentliche Qualitäten von Behrens Bauten zu erfassen vermögen. Seine Schwäche, weil es aufgrund der Bilder und der auf zwei, drei Sätze beschränkten Erläuterungstexten praktisch nie gelingt, sich ein einigermaßen umfassendes Bild von den Projekten zu machen.

Nach einer recht kurzen Einleitung, die Behrens Karriere nachzeichnet und seine Architektur charakterisiert, werden die Projekte in chronologischer Reihenfolge präsentiert. Dies ermögliche es, wie Krohn schreibt, „Strukturen im Entwerfen zu sehen, die sich kontinuierlich durch das Werk ziehen“. Daneben ließe sich durch die Betrachtung des Gesamtwerkes erkennen, „wie evolutionär es sich entwickelt und wie einheitlich und klar die Bauten proportioniert sind“. Krohn spricht von einem „System der Beziehungen und Verweise“ – ein spannender Gedanken, der leider an keiner Stelle konkretisiert wird. Der Betrachter muss sich dieses System quasi selbst aus den Bildern heraus destillieren – und der Rezensent gesteht, dass ihm das nicht wirklich gelungen ist.

Sämtliche Projekte werden mit ein bis zwei historischen Fotografien vorgestellt. Bei den noch existierenden Bauten schließt sich eine variable Anzahl von Bildern des heutigen Zustandes an – mal sind es Außenaufnahmen, mal werden Innenräume gezeigt, mal richtet sich der Fokus auf gestalterische Details. Dabei gelingt es Krohn immer wieder aufzuzeigen, wie konsequent und variantenreich Behrens bestimmte formale Motive durchdeklinierte – besonders anschaulich etwa am riesigen Komplex der Tabakfabrik in Linz (1929 -1935) oder am Hoechst-Verwaltungsgebäude in Frankfurt am Main (1920 -1924).

Auch die Sorgfalt bei den Detaillösungen, die Behrens noch seinen profansten Industriebauten angedeihen lies, hebt Krohn durch seine Aufnahmen wirkungsvoll hervor. Und wer sich je gefragt hat, wo der ehemalige Behrens-Mitarbeiter Mies van der Rohe seine Detailversessenheit und sein sicheres Gefühl für Proportionen her hatte, wird hier die Antwort finden.

Überhaupt regt das Buch dazu an, das Verhältnis von Behrens und van der Rohe neu zu überdenken. Krohn zeigt etwa, dass die legendäre Mies-Ecke bereits in zwei Behrens-Projekten auftaucht – bei den Bauten für die Frankfurter Gasgesellschaft (1910 -1912) und bei der Deutschen Botschaft in St. Petersburg (1911 - 1913) – also just zu der Zeit, in der Mies van der Rohe in Behrens Büro tätig war. Gemeinsam ist den beiden Meistern auch, wie sich an zahlreichen Beispielen zeigt, die nachhaltige Inspiration durch die Architektur von Friedrich Karl Schinkel und Frank Lloyd Wright.

Carsten Krohn ist für dieses Buch viel herumgereist. Und es dürfte ihn in vielen Fällen einiges an Vorbereitungs- und Überzeugungsarbeit gekostet haben, seine Aufnahmen machen zu können. Diesem Fleiß und dieser Zähigkeit gebührt Respekt.

Die von Krohn angestrebte Vollständigkeit bei der Dokumentation der Bauten hat einen erfreulichen Effekt: Neben den prominenten und architekturgeschichtlich bedeutenden Bauten wie etwa das Alexander- und Berolinahaus am Berliner Alexanderplatz und die AEG-Turbinenhalle in Berlin Moabit, zeigt der Band auch solche Arbeiten, die allenfalls Spezialisten und ausgesprochenen Kennern von Behrens Werk sein dürften. So etwa die Synagoge im slowakischen Žilina (1928 -1931), oder die Neugestaltung der Fassade des Kaufhauses „Stern“ in Zagreb (1927 - 1929), die von Behrens Auseinandersetzung mit der De-Stijl-Bewegung zeugt.

Die Fotografien von Krohn sind das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit dem jeweiligen Gebäude. Seine Sensibilität für die Details und die entscheidenden Perspektiven sind gar nicht genug zu loben. Großartig ist, um nur dieses Beispiel herauszugreifen, die Aufnahme der Seitenfassade der AEG-Turbinenhalle. Sie verdeutlicht schlagartig, wie sich Behrens selbst bei diesem Schlüsselbau der Industriearchitektur auf die Bauweise antiker Tempel bezieht.

Die Entscheidung, auch die verloren gegangenen Bauten von Behrens, von denen viele von vorneherein temporäre Ausstellungsbauten waren, in das Buch zu integrieren, kann hingegen nicht wirklich überzeugen. Wäre es nicht besser gewesen, den dafür verwendeten Platz für mehr Hintergrundinformationen über die noch existierenden Bauten zu nutzen? Auch Grundrisse und Schnitte, die grundsätzlich fehlen, wären in vielen Fällen für ein tieferes Verständnis der Projekte hilfreich. So aber muss sich der Leser entweder auf seine Vorbildung verlassen oder auf andere Quellen zurückgreifen.


Peter Behrens Architektur
Von Carsten Krohn
Weimarer Verlagsgesellschaft, 2013
Hardcover, 264 S., ca. 400 Abbildungen
58 Euro
www.marixverlag.de